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Full text of "Friedrich Wilhelm Ritschl; ein beitrag zur geschichte der philologie"

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9 



FRIEDRICH WILHELM RIT8CHL 



EIN BEITRAG 
ZUR GESCHICHTE DER PHILOLOGIE 



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VON 



OTTO RIBBECK 



ERSTER BAND 



MIT EINEM BILDNI88 BIT8CHLS 



^LEIPZIG 
ÜBUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNEB 

1879 



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APR 3 1882 






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FßAU SOPHIE EITSCHL 



IN DANKBARKEIT UND VEREHRUNG 



ZUGEEIGNET 



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Vorwort. 

Der biographische Versuch, dessen erster Theil hiermit 
an die Oeffentlichkeit tritt, ist die Einlösung eines Verspre- 
chens, welches mein unvergesslicher Meister und Freund mir 
bei Lebzeiten mehr als einmal in Scherz und Ernst abge- 
nommen und bei dem Ausdruck seines letzten Willens end- 
gültig in Erinnerung gebracht hat Dem Vertrauen der Hinter- 
bliebenen, welche mir eine fast überreiche Fülle hinterlassener 
Correspondenzen, Privatacten und Aufzeichnungen mannig- 
faltigster Art zur Verfügung stellten, den bereitwilligen Mit- 
theilungen gar mancher noch lebender Freunde und zahlreicher 
Schüler, den sorgfaltigen Auszügen aus Halle'schen und Bres- 
lauer Acten, mit welchen die Gefälligkeit meiner CoUegen 
Heinrich Keil und Martin Hertz mich versehen, der Ge- 
neigtheit endlich des hohen preussischen Cultusministeriums, 
dessen Archiv ich benutzen durfte, verdanke ich schon für 
diesen ersten Band ein Material, so umfangreich und aus- 
giebig, wie es in einer zweiten Hand sich kaum wieder ver- 
einigt finden dürfte. Eine vollständigere Uebersicht über 
meine Quellen sowie andere wünschenswerthe Zusammen- 
stellungen behalte ich mir für den Schluss des Werkes vor. 

Wer das Leben eines Gelehrten, zumal eines Philologen, 
zu erzählen unternimmt, hat selten von Thaten und Schick- 
salen zu berichten, welche in die äussere Geschichte des 
Vaterlandes entscheidend eingreifen oder durch dramatischen 
Verlauf persönlicher Verwickelungen ein in allgemeinerem 
Sinne historisches Interesse in Anspruch nehmen. Die Ge- 
schichte der Wissenschaft und ihrer Lehre spielt in der Stille 
des Studierzimmers und auf der engen Bühne des Katheders. 
Aber von diesen bescheidenen Herden ging manches Licht 
aus, welches weite Kreise erleuchtete und in den Herzen 



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VI 

empfänglicher Jünger eine Glut anfachte, die ihren still be- 
fruchtenden Segen über Generationen ergoss. Der Entwick- 
lung eines Heros der Forschung in der Nähe zuzusehen, seine 
Arbeiten vom ersten Keim in allmäliger Entfaltung bis zur 
reifen Frucht zu begleiten, die Mittel und Wege, durch welche 
geworden ist was uns mit Bewunderung erfüllt, zu verfolgen 
und die überwundenen Schwierigkeiten nachzuweisen, hat 
doch für diejenigen, welche solchem Licht nachgehen, Reiz 
und Nutzen. Und wenn der bahnbrechende Finder zugleich 
ein begeisternder Lehrer, in grossem Stil ein anregender 
Erwecker und Förderer ineinandergreifender Studien, wenn 
er ein eigenartiger Mensch war, dessen Natur in ihrer feinen 
Organisation zu verstehen auch den psychologischen Beob- 
achter anziehen mag, so bedarf es wohl kaum der Recht- 
fertigung, wenn der Versuch gemacht wird, die noch frische 
Erinnerung in einem Gesammtbilde festzuhalten. 

Die Verhältnisse eines solchen Bildes und die Ausführung 
des Einzelnen bestimmen sich nach dem besondren Zweck. 
In einer zusammenfassenden Darstellung der gesammt«n Wis- 
senschaft oder in noch weiterem historischen Rahmen wäre 
Beschränkung auf die grossen Züge, perspectivische Grup- 
pirung geboten. Die Monographie soll zunächst das brauch- 
bare Material in möglichst erschöpfender und zuverlässiger 
Vollständigkeit zusammenstellen. Meine Quellen so auszu- 
nutzen, dass diese Arbeit für abgeschlossen gelten darf, habe 
ich für meine Pflicht gehalten. 

Der Philolog, der eines nicht am wenigsten durch Akribie 
berühmten Philologen Gedächtniss auch in Einzelnheiten fest- 
zuhalten bemüht ist, wird sich seiner Sorgfalt nicht zu schämen 
brauchen. Ist mir doch, so lange ich ihnen nachspüre, als 
ob die erloschene Lebensflamme des abgeschiedenen mir 
immer noch leuchtete, als ob ich die geliebten Züge noch 
zum Reden zwänge, so lange mein Auge an ihnen hängt 
und mein Griffel sie wiederzugeben bemüht ist. Wenn uns 
kein Grammatiker des Alterthums zu gering ist, um das 
kleinste Körnlein des Wissens über ihn zu sammeln, wenn 
der sospitator Plauti selbst eine Freude daran fand mit dem 
Aufwand aller Mittel philologischer Methode den unschein- 



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vn 

baren Namen eines Veit Werler aus dem Dunkel hervorzu- 
ziehen, so wird es sicherlich in seinem Geiste geschehen, 
wenn wir unmittelbar an der Quelle schöpfend nicht sorglos 
über die Hand rinnen lassen, was auch nur Wenigen jetzt 
oder dereinst von einiger Bedeutung sein kann. 

Am besten würde dem Sinn des Mannes, der in der 
lebendig erziehenden Lehre bildsamer Geister und Gemüther 
mehr und mehr den Kern seines individuellen Berufs er- 
kannte, entsprochen, wenn diese Erinnerungsblätter unter 
der Jugend Freunde und empfangliche Leser fanden, wenn 
namentlich angehende Philologen, Studenten wie Docenten, 
von diesem leuchtenden Beispiel des Spruches, dass die 
Götter den Schweiss vor die Tugend gesetzt haben, für ihr 
eignes Streben Halt und Sporn empfingen. 

Dem Wunsch, schon diesem Bande ein Bild auch der 
äusseren Erscheinung Ritschis beizugeben, hat die Verlags- 
buchhandlung in dankenswerther Bereitwilligkeit entsprochen. 
Ist das Original, welchem der vorstehende Kupferstich nach- 
gebildet ist, auch einige Jahre nach Abschluss der hier be- 
schriebenen Lebensperiode, erst in Bonn entstanden, so 
giebt es doch Formen und Ausdruck des noch jugendlichen 
Antlitzes in sprechender und getreuer Weise wieder. Der 
zweite Band wird auch im Bilde den auf der Höhe des Lebens 
und des Ruhmes Stehenden darstellen. 

Leipzig, März 1879, 



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Berichtigungen. 



Seite 40 Zeile 17 von oben: Societät 

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Kindheit und Schule 

1806-1825. 



Eibbeck, F. W. Ritschl. 



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Thüringen scheint zur Pflege philologischer Studien 
wie zur Heimathsstätte philologisch angelegter Naturen eigen- 
thümlich berufen. Die heitere, anmuthige, bergige und doch 
offene Landschaft, bedeutend durch eine grosse Zahl von Sagen 
und geschichtlichen Erinnerungen regt Phantasie und Gemüth 
des Knaben an, begründet historischen und poetischen Sinn, 
die beiden unentbehrlichsten Voraussetzungen eines Philo- 
logen. Der Charakter des Stammes zeigt eine glückliche 
Vereinigung von nordischer Verstaudesschärfe mit südlicher 
Beweglichkeit des Blutes, protestantischen Ernst, solide 
Bürgerlichkeit, Innigkeit des Gemüthes, warmen Familien- 
sinn bei frischer Lebenslust und gesunder Derbheit des 
Humors. Mit unmittelbarer Empfänglichkeit geben sie sich 
den Eindrücken hin, und der kindliche Sinn für das Kleine, 
zumal für die kleinen Freuden des Daseins, erhält ein mun- 
teres Wellenspiel der Stimmung. Dabei hat eine alte, be- 
währte Tradition classischer, auf concentrirtes Selbststudium 
gegründeter Schulbildung, den heilsamsten Einfluss auf die 
stille Pflege innerlicher Geistes- und Gemüthsbildung geübt. 
Aus einer grossen Zahl verdienter und angesehener Förderer 
der Alterthumswissenschaft, deren das begabte Völkchen sich 
rühmen darf, strahlt das Dreigestim von F. A. Wolf, Lobeck 
und Ritschi am leuchtendsten hervor. 

ursprünglich aus Böhmen stammend, dann um des pro- 
testantischen Glaubens willen zur Auswanderung bestimmt, 
war das vormals kriegerische Adelsgeschlecht der Ritschi 
von Hartenbach im Anfange unseres Jahrhunderts schon 
seit Generationen in Thüringen ansässig. Der letzte, der den 
vollen Namen führte, der Pastor und Professor Georg 
Wilhelm^), Var seit 1772 über drei Jahrzehnte lang am 
Erfurter Gymnasium als Lehrer thätig gewesen. Aus seiner 



1) Geb. 21. März 1736, gest. im November 1804. 

1* 



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4 Geburt. 

ersten Ehe, die er mit der einzigen Tochter des Pastor Schaum- 
burg in Schallenberg geschlossen, waren acht Kinder hervor- 
gegangen, deren siebentes ein Sohn, Friedrich Ludwig^). 
Derselbe studirte auf den Universitäten Erfurt (1791/3) und 
Jena (1793/5) gleichfalls Theologie, trat 1798 als Collabo- 
rator an dem mit dem RathscoUegium verbundenen Schul- 
lehrerseminar in Erfurt seine amtliche Laufbahn an, v^urde 
1802 Frühprediger an der Predigerkirche zu Erfurt und Pro- 
fessor extraordinarius an dem Gymnasium daselbst, 1804 aber 
als Pfarrer nach Gross-Vargula an der oberen ünstrut im 
Weichbild von Erfurt, etwa ly^ Meile östlich von Langen- 
salza und Tennstädt, berufen. In dieser Stellung vermählte 
er sich den 25. Juli 1805 mit Ferdinande Louise, verw. 
Händeler, geb. Gramer. Sie war am 7. Mai 1778 in Schloss 
Wernigerode geboren als das dritte von sieben Kindern des 
Gräfl. Stolbergschen Kammerrathes Johann Friedrich Gramer^), 
dessen Vater Cantor auf einem Dorfe gewesen war, und der 
Henriette Lohse^), Tochter eines chirurgischen Arztes ; hatte 
sich 1800 mit dem Kaufmann Johann Wilhelm Händel er in 
Braunschweig verheirathet, der bereits 1801 an der Schwind- 
sucht starb, und sich entschlossen, nach dreijähriger Bekannt- 
schaft, während deren ein liebliches Freundschaftsidyll zu 
inniger Herzensvereinigung sich vertiefte, dem zweiten Gatten 
ihre Hand zu gewähren. Diese Ehe wurde mit drei Kindern 
gesegnet. Am Ostersonntage, den 6. April des Jahres 1806, 
während der Pfarrer von Gross-Vargula seine Nachmittags- 
predigt hielt, kam das erste zur Welt. Als er um zwei ühr 
heimkehrte und sich dem Pfarrhause näherte, begrüsste ihn 
schon draussen die Stimme des Erstgeborenen, an deren 
Stärke er erkannte, dass es ein Sohn sei.*) Das gesunde und 
kräftige Knäblein erhielt in der Taufe die Namen Friedrich 
Wilhelm. Ihm folgte am 12. September 1808 eine Schwe- 
ster Henriette, am 26. März 1811 ein Bruder Hermann. 

Unser Friedrich Wilhelm aber gedieh in der freien Land- 
luft, in dem prächtigen, 10 Acker weiten Pfarrgarten so 

1) Geb. 26. Juni 1773, gest. 21. März 1844. 2) Geb. 2. Juli 1749. 
3) Geb. 25. März 1748, gest. 9. Juli 1816. 4) Noch am 28. März 
1838 gedeukt der Vater mit Rührung dieses Eindrucks. 



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Erster Unterricht. 5 

gut, dass er bis ins fünfte Jahr nur „der dicke Pommer'' ge- 
nannt wurde. Als dann zu Ostern -1815 der Vater als 
Diaeonus an die Augustinerkirche zu Erfurt berufen war, 
beschäftigten die neuen Eindrücke des Stadtlebens den Be- 
obachtungsgeist des aufgeweckten Knaben. Den ersten Unter- 
richt empfing er vom Vater. Weit mehr jedoch, als die 
Unterweisung des gelehrten, aber zum Lehren nicht beson- 
ders befähigten Vaters zogen das lebhafte Kind die- poe- 
tisch gefärbten Erzählungen der beredten, sinnigen Mutter 
an. Der fast unüberwindlichen Abneigung des Sohnes gegen 
mechanisches Gedächtnisswerk gab jener durch eine etwas 
umständliche und zweifelhafte Methode nach, indem er durch 
praktische Einübung und unablässige Wiederholung den Lehr- 
stoff einzuprägen suchte. So wurden z. B. die Elemente des 
Lateinischen ohne Memoriren von Regeln oder Wörtern nur 
durch beständiges Befragen von Lexicon und Grammatik all- 
mälig bewältigt. 

Dennoch waren die Ergebnisse so befriedigend, dass der 
Knabe nach Absolvirung der Augustinerschule Ostern 1817 
zur Predigerschule aufstieg und schon im Frühling des fol- 
genden Jahres in die Tertia des alten Erfurter Gymnasiums 
aufgenommen werden konnte, wo er wiederum nach Jahres- 
frist zur Secunda aufrückte. Die gelehrten Studien Erfurts 
waren damals in elender Verfassung.^) Die Universität, jene 
alte Humanistenstätte, berühmt durch die Namen eines Luder, 
Conrad Mutianus, Eoban Hesse, war 1816 aufgehoben. Auch 
die ehrwürdige Schola Hierana, die noch von 1794 bi§ 1804 
linter dem Rectorat ihres dann nach Berlin an das graue 
Kloster berufenen Reformators Joh. Joachim Bellermann ge- 
blüht hatte, war durch den französischen Krieg herunter- 
gekommene die Lehrer alt und abgenutzt, ohne gelehrte Kennt- 
nisse, schlecht besoldet, daher verdrossen; unter den Schülern 
herrschte Zuchtlosigkeit und Faulheit. Friedrichs wirksam- 
ster Lehrmeister war jener edle Ehrgeiz, der schon den 
Knaben für den Wahlspruch aiev dpicreueiv xai uireipoxov 



1) Hierana. Beiträge zur Geschichte des Erfurtischen Gelehrten- 
schulwesens von Hermann Weissenborn. Programme des Erf. Gymn. 
1861. 1862. 1867. 1870. 



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6 Erfurter Gymnasium. 

f ILijLievai aXXujv begeisterte und eine Energie in ihm wachrief, 
wie sie in so frühem Alter selten ist. So verzichtete der 
Vierzehnjährige einmal hartnäckig, trotz aller Zureden der 
Seinigen, auf eine Reise mit der Mutter nach Wernigerode 
und Braunschweig zu Verwandten, nur um ein recht tüch- 
tiges Stück mit seinen Arbeiten vorwärts zu kommen^). Erst 
die gründliche Reorganisation, welcher in Folge der allge- 
meinen preussischen Gymnasialreform auch die Erfurter An- 
stalt im Jahre 1820 unterworfen wurde, brachte frischeres 
Leben in den Unterricht. Der bisherige Director Friedrich 
Müller sowie mehrere Lehrer wurden pensionirt und unter 
der Leitung von Friedrich Strass^), bisherigem Director in 
Nordhausen, ein zum grösseren Theil ganz neues Lehrer- 
coUegium eingesetzt. Als erster Professor desselben wurde 
Dr. Franz Spitzner^), ein angesehener Schüler G. Her- 
manns, nach Erfurt berufen, als Philolog gölehrt und scharf- 
sinnig, gründlicher Kenner Homers und des späteren griechi- 
schen Epos, von Charakter rechtschaffen und gewissenhaft. 
Selbst ein Zögling der Schulpforta verpflanzte er die Methode 
dieser altbewährten Stätte strenger classischer Bildung in 
die Erfurter Anstalt. Seinem trefflichen Unterricht verdankte 
Ritschi die Solidität seiner grammatischen Kenntnisse, die 
feste Grundlage in Prosodie und Metrik, und die erste An- 
regung, die classische Philologie als Lebensberuf zu erwählen. 
Neben Spitzner lehrten u. A. Karl Schmidt (geb. 1793), 
Christian Thierbach (geb. 1790), Immanuel Herrmann (geb. 
1796)^ Die Anstalt hob sich sofort bedeutend, so dass statt 
der auf drei Classen vertheilten Schülerzahl 61 des Schul- 
jahres 1819/20 das folgende bereits in sechs Classen 226 
Zöglinge aufwies. 

Von der Erfurter Knabenzeit ist übrigens wenig^zu melden. 
Das häudicbe Leben^ erst in der sogenannten Caplanei, dann, 
nachdem der Tater zu Ostern 1818 von der Gemeine zum 
Pastor gewählt worden war, in der Pfarrwohnung der Augu- 
siinergasse, verlief in glücklicher Einfachheit und gut bürger- 



1) Brief an d, Mutter 3. Febr. 31. 2) Geb. 1766. 3) Geb. 

31. Oct. 1787, gest. % Juli 1841. 



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Charakter der Eltern. 7 

lichem GeDügen. Die eigentliche Seele des Pfarrhauses war 
die Mutter, eine Natur von seltener Gesundheit und Har- 
monie des Geistes. Mit sicherem Ueberblick und schaffens- 
freudigem Geschick in Haus und Garten waltend, bei sehr 
bescheidenen Mitteln eine anspruchslose, aber desto lebens- 
vollere Geselligkeit pflegend, hielt sie nicht nur die mannig- 
fach verstrickten und weitläufigen Fäden der Familienange- 
legenheiten in Nähe und Ferne in festen Händen, sondern 
bewies auch in öffentlichen Geschäften wie durch ihre her- 
vorragende Betheiligung am Erfurter Frauenverein, der noch 
heute in dankbarer Erinnerung an die durchgreifende und 
glückliche Lenkerin ihren Namen trägt, ein Verwaltungs- 
und Organisationstalent und eine Energie, dass ihr das 
allgemeine Vertrauen Hoher wie Niederer zufiel. „Das ist 
eine Frau, die könnte eine ganze Stadt regieren" hat ein 
scharfer und im Lobe sparsamer Beurtheiler von Menschen 
von ihr gesagt. Sie war eine Frau von echtem Schrot und 
Korn, fest beruhend in kindlichem Gottvertrauen, von ein- 
fach klaren, rechtschaffenen Grundsätzen, einem hellen, liebe- 
vollen Gemüth und einem urwüchsigen Realismus, der bei 
aller Empfänglichkeit für Ideale (sie war eine Verehrerin 
Jean Pauls) doch nie den festen Boden unter den Füssen 
vergass. Daneben der Vater, ganz anders geartet, gegen 
die bedeutendere Persönlichkeit der Gattin wohl etwas zu- 
rücktretend, beschaulich, nicht zur Initiative geneigt und eben 
durch die heitere Ruhe seines Wesens das Gleichgewicht im 
häuslichen Leben herstellend. Er besass eine schöne allge- 
meine Bildung und feines Verständniss für Litteratur wie 
für Menschen. In seiner ansehnlich und vielseitig ausge- 
statteten Bibliothek nahmen ausser der Theologie und den 
Classikern des Alterthums die der Gegenwart, auch fran- 
zösische Autoren wie Rousseau u. a. ihren Platz ein. Seine 
wissenschaftliche Richtung mehr durch die stetige Theil- 
nahme, womit er alle neueren Erscheinungen nicht nur auf 
dem Gebiete der Theologie verfolgte, als durch eigene an- 
strengende Thätigkeit bekundend, bewährte er sich im Amt 
durch echt geistliche Haltung ohne anspruchj^ volle Feierlich- 
keit, durch Besonnenheit, eine gewisse Pastoralklugheit und 



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8 Charakter der Eltern. 

einen sicheren Tact für das Schickliche. In Geschäften nicht 
eben gewandt, Hess er es doch an immer gleichmässiger Ge- 
wissenhaftigkeit und Sorgfalt nirgends fehlen. Seinen Pre- 
digten wie seinen Vorträgen am Seminar in Katechetik und 
Bibelkunde fehlte die erregende Kraft, doch trat er dem 
Herzen der einzelnen Gemeindeglieder durch seinen kind- 
lichen Sinn, durch herzliches Wohlwollen und lautere Fröm- 
migkeit nahe, während die Bescheidenheit, Heiterkeit und 
sinnige Feinheit seines Wesens ihm die Zuneigung und das 
Vertrauen Aller gewann, die in amtlichem oder geselligem 
Verkehr mit ihm standen. Das Pfeifchen im Munde sah er 
dem Schalten seiner unermüdlichen Hausfrau eben so un- 
bekümmert und befriedigt zu wie dem übrigen Lauf der Welt: 
während sie den Gästen gegenüber die honneurs des Hauses 
machte, liebte er noch in höherem Alter sich in den Kreis 
juQger hübscher Mädchen zu mischen und in harmloser Schalk- 
haftigkeit mit ihnen zu scherzen. Alle Sorgen und Besor- 
gungen, namentlich auch alle Geldangelegenheiten der um- 
sichtigen Gattin überlassend, an ihre treue sorgsame Hand, 
die ihm täglich das weisse Halstuch knüpfen musste, wie 
an die der Vorsehung in unerschütterlichem Vertrauen ge- 
wöhnt, Hess er sich von den Schatten und Härten des Lebens 
wenig anfechten.^) 

Alles in Allem war die energische Natur der Mutter in 
dem feurigen Knaben weit voller ausgeprägt, wie auch die 
Gesichtsbildung des Sohnes, in der mächtigen gebogenen Nase, 
den feinen, aber ziemlich weit geschlitzten Lippen des aus- 
drucksvollen Mundes mehr an die Mutter erinnert haben mag. 
Am meisten soll er dem mütterlichen Grossvater Gramer ge- 
glichen haben. Während er von der beschaulichen Theologen- 
natur des Vaters herzlich wenig in sich spürte, so dass er 
sich bei mancher Nachmittagspredigt des letzteren heimlich 



1) „Wenn ich Dir nur," schreibt auch der Sohn (6. Mai 1829) ein- 
mal an die Mutter zai ihrem Geburtstage, „etwas von meinem leichten 
Blute schenken könnte, was ich wohl vom Vater geerbt haben muss, 
dass Du Dir nicht immer so viel Kummer und Sorgen machst . . . Da 
lob' ich mir den Vater, der ist immer so frisch und munter wie ein 
Eicheckerchen und lässt sich kein graues Härchen wachsen." 



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- Wittenberg. 9 

in die Amores des Ovid vertiefte und dabei die Ränder seines 
Exemplars mit philologischen Bemerkungen füllte, sah er in 
der Mutter die eigentliche Vertraute aller seiner Empfin- 
dungen, die stete Beratherin seiner Wünsche und Pläne, die 
Helferin aus aller Noth. 

Zu Ostern 1821 stieg Fritz nach Prima auf. Als nun 
aber im Frühling 1824 Spitzner den Ruf als Director des 
erweiterten Gymnasiums seiner Heimathstadt Wittenberg^) 
annahm, setzte der anhängliche Schüler bei seinen Eltern 
die Erlaubniss durch, ihm dorthin zu folgen, wohl haupt- 
sächlich in der Absicht, am neuen Orte mit erneutem Ernst 
zu arbeiten: denn die Zucht am Erfurter Gymnasium war* 
noch immer keine musterhafte und das Leben der Herren 
Primaner ziemlich übermüthig. Freilich hat R. diesen Schritt 
später in biographischen Aufzeichnungen als einen höchst 
verkehrten, „aus hyperidealem Selbstmisstrauen" hervor- 
gegangenen bezeichnet; denn seinen Kenntnissen nach wäre 
er bereits in Erfurt zum Besuch der Universität reif gewesen. 
Das Wittenberger Lyceum hatte als Fortsetzung der Bürger- 
schule bis zum März 1817 nur zwei Gymnasialclassen unter 
einem Rector und Conrector mit einer Frequenz von zuletzt 
26 Schülern besessen. Als dann eine dritte Classe nebst 
Subrector und Collaborator hinzugefügt war, hatte sich die 
Schülerzahl zu Ostern 1818 bereits auf einige 60 gehoben. 
Spitzner, der schon 1811 als Conrector unter dem Rectorat 
seines academischen Lehrers Lobeck eingetreten, und 1814 
dessen Nachfolger geworden war, machte nach dem Abgange 
des Rectors Friedemann nach Braun schweig die Errichtung 
einer Quarta und einer neuen Lehrstelle zur Bedingung. Als 
Conrector fand er den seit Michaelis 1820 an der Anstalt 
wirkenden, treflflichen Gregor Wilhelm Nitzsch^) vor, 
gleichfalls einen Zuhörer Lobecks. Während Spitzner als 
Ordinarius der Prima den griechischen Unterricht ertheilte. 



1) Franz Spitzner, Geschichte des Gymnasiums und der Schiil- 
anstalten zu Wittenberg. Leipzig 1830. Fortsetzung von Bernhardt: 
das Gymn. zu Wittenberg in d. Jahren 1828—1868. 2) Geb. 22. Nov. 
1790, von 1827 — 1852 Professor in Kiel, gest. 22. Juli 1861 als Pro- 
fessor der Philologie in Leipzig. 



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10 Privatstudium. 

lehrte Nitzsch Geschichte und Latein. Zu der grammatischen 
Akribie Spitzners trat ergänzend die Tiefe und der milde 
Idealismus von Nitzsch, dessen Wissen doch auch auf der 
festen Basis der Porten ser Schule beruhte. Von Beiden wurde 
die Fertigkeit im Lateinschreiben und Sprechen sorgfältig ge- 
pflegt. Mehr aber als durch allen positiven Unterricht wurde 
der wissenschaftliche Sinn der Schüler geweckt durch die be- 
geisterte Liebe der Lehrer zum Alterthum und durch die nicht 
allein an den sächsischen Fürstenschulen hergebrachte Pflege 
des Privatstudiums, wozu durch die noch engen Grenzen des 
Lehrplans reichliche Müsse vergönnt war. Nach altbewährter 
üebung jener Anstalten trat eine durch wohlabgestufte Auf- 
sicht geregelte Privatlectüre der classischen Autoren schon 
in der Quarta ein. Während in gemeinsamen Arbeitsstunden 
die Jüngeren unter Anleitung der Primaner zunächst arbeiten 
lernten, hatten die Aelteren in monatlich oder vierteljährlich 
einzureichenden Heften sich über die Früchte ihres Privat- 
fleisses auszuweisen. Grade dieser Freiheit selbständiger Ver- 
senkung in die Litteratur des Alterthums verdankten so Viele 
ihre dauernde Vertrautheit mit derselben, und die Sicherheit 
des Verständnisses, welche auch im späteren Berufsleben nicht 
in dem Maasse verloren ging wie leider heutzutage. 

Schon aus der Erfurter Schulzeit der Jahre 1821 bis 
1823 stammt ein Band solcher Privatarbeiten des jungen 
Fritz: Inhaltsauszüge in deutscher Sprache aus der Odyssee, 
aus Coluthus' Raub der Helena, aus Plutarchs Philopömen, 
in lateinischer aus Sallustius' Catilina, aus Ovids Amores 
und Heroides; später folgen lateinische Commentare in ge- 
lehrt philologischer Haltung zu Hesiods Werken und Tagen, 
zu Lucians Götter gesprächen, zu Ciceronischen Reden, zu 
Virgils Eklogen, zu Nemesianus; genaue Sammlungen zur 
Metrik und Prosodie des Hesiod, des Theognis, letztere ver- 
sehen mit Spitzners laconischer Unterschrift: probo, wozu der 
Verfasser gleichsam als Superrevisor bestätigend hinzugefügt 
hat: Probatum et jyrobandum est! Schon der Wittenberger 
Primaner schrieb einen runden und reinen lateinischen Stil, 
an dem die meisten unserer Doctoranden und noch manche 
in Jahren Gereiftere sich ein Muster nehmen könnten. 



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Verse. 11 

Noch standen auch die für Aneignung und Durchdringung 
der poetischen Form so heilsamen üebungen im Anfertigen 
lateinischer und griechischer Verse in verdienten Ehren. Schon 
in Erfurt zum Schulactus des Jahres 1822 hatte R. in grie- 
chischen Distichen Abschiedsworte der Antigone vorgetragen ^) ; 
den neuen Wittenberger Rector begrüsste der treue Zögling 
am 10. Mai 1824 mit einem lateinischen Gedichte; und noch 
manches andere Mal ist er als poetischer Wortführer im 
Namen seiner Kameraden aufgetreten. Besondem Effect aber 
machte eine Schilderung der Schlacht bei Breitenfeld in 
griechischen Hexametern , am Reformationsfeste des Jahres 
1824 in grosser Versammlung vorgetragen, eine geschickte 
Rhapsodie in homerischem Stil*), welche uWac AucTpiaKUJV 
Ktti FötGoüc x«^KOxiTUJvac mit ihren Heroen, TiXXuoc öjiißpi- 
juoepYÖc und jieToiOujLioc ''AöoXqpoc, unter den Augen des Olym- 
piers in grimmem Ares zusammenführte. 

Die damalige Lehrverfassung begünstigte noch die Durch- 
führung des heilsamen Grundsatzes, zu dem sich R. schon 
in jungen Jahren bekannte: lieber aliquantum in paucis als 
in multis cdiquid. Er concentrirte seinen Fleiss auf die alten 
Sprachen und Geschichte, während er sich von der Mathe- 
msilik trotz mehrfacher Anläufe nicht angezogen fühlte, wie 
ihm denn zeitlebens das Rechnen schlecht von der Hand ging*). 

Sein gründliches und umfassendes Wissen ebenso als 
sein charaktervolles Auftreten gab ihm das höchste Ansehen 
unter den Wittenberger ScKülern, welches durch seine Stellung 
als Famulus des Rectors und inspector morum auch äusserlich 
zur Geltung kam. Auch im geselligen Verkehr war er der- 
jenige, der am besten Alles anzufassen und mit belebender 
Frische in Gang zu bringen wusste: an den dramatischen 
Aufführungen, welche öfters veranstaltet wurden, betheiligte 

1) Manuscript: TC[i ßdu xatp€iv \tf€i 'Avtitövii (ZocpOKX. 'Avtit- ct. 
833 sq.) ir€iro(iiKa iv '€p<popb(<ji 1822. 2) üeberschrift: 'A6öX<pou toO 
r&zQwv ßaciX^iuc Kai TiXXOou toO AöcxpiaKOüv cxpaxiiYoO i^ ^v Eöpiir^bui 
jLidxii. Unterscliriffc: '€v A€UKOp^(ji. Elpi^viKÖc MdHijucc PixqcX 6 Troi/|cac. 
Fehlerhaft abgedruckt in der krit. Bibl. f. Schul- und Unterrichtswesen 
VII (1825). S. 820—825. Auch später hielt R. dieses Gedicht der Aufnahme 
in seine opuscula würdig. 3) An die Mutter 3. Mai 1836 : „Das Rechnen, 
weisst Du, ist schon auf der Schule meine Sache nicht gewesen/* 



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12 Schulfreunde. Pension. 

er sich eifrig. Schon von Erfurt her war er befreundet 
mit Moritz Axt^), Johann Heinrich Deinhardt^), Konstantin 
Schmalfuss^), einem entfernten Vetter von mütterlicher Seite. 
Dazu kamen Wilh. Büchner*), Albert Giese^), Joh. v. Gruber^), 
Larsow^), C. Niese»), Fr. Otto^), Gotthold Schoene^«), Moritz 
Seyffert"), Robert Unger^^) u. A. Mit Niese und Schmalfuss 
theilte er auch den Aufenthalt im Spitznerschen Hause als 
Pensionär. Hier brachte ihm, wie er rühmte, manche Stunde 
persönlicher Unterhaltung mit dem gelehrten Philologen mehr 
Belehrung und Anregung als eine ganze Woche Unterricht. 

Freilich entgingen in der engen Gemeinschaft dem etwas 
zum Sarkasmus neigenden Beobachter auch die Schwächen 
seiner Pflegeeltern nicht. Manchesmal zog der Herr Rector 
im Disputiren über Gegenstände allgemeiner Bildung den 
Kürzern gegen seine Alumnen. Eines Tages begann Ritschi 
das ihm obliegende Tischgebet mit der Anrede : „kugelrunder 
Vater!" anspielend auf Spitzners Vorstellung, dass Gott eine 
runde Gestalt haben müsse, weil das Runde die vollkom- 
menste Form sei. Ein ärgerliches: „ne, Ritschi, e bischen 
Religion muss der Mensch doch haben," wies den Uebermü- 
thigen zurecht. 

Trotz manch-er Reibungen, welche theils Spitzners Lau^n, 
theils die Sonderbarkeiten der Frau Directorin, theils die 
Licenzen der jungen Herren Pensionäre mit sich brachten, 
wurde doch die gleichmässige Liebe und Rechtschaffenheit, 
welche der gelehrte Mann seinen Schülern zuwandte, von 



1) Geb. 7. August 1801, gest. 20. Juli 1863 als Director in Creuz- 
nach. 2) Geb. 16. Juli 1805, gestoi^ben als Director in Bromberg 
16. Aug. 1867. Vgl. Eckstein in der Allgem. deutschen Biographie V 
p. 30—33. 3) 1824—1826 Gymnasiallehrer in Lüneburg, starb 1871 
als Schulrath in Hannover. 4) Geb. 1807, studirte seit 1827 in Halle, 
lehrte in Halle, Schulpforta, Halberstadt, Schwerin, wo er seit 1866 als 
Director wirkte, seit 1875 emeritirt. 5) 1803—1834, gest. in Rostock. 

6) Geb. 1807, gest. 1875 als Conrector am Gymnasium in Stral- 
sund. 7) Starb 1870 als Prof. am Gymn. z. gr. Kloster in Berlin. 

8) Gegenwärtig Pfarrer im Magdeburgischen. 9) Gest. 1866 als 
Prof. in Giessen. 10) 1806—1857, zuletzt Director in Stendal. 

11) 1809—1871. Zuletzt Prof. des Joachimsth. Gymn. in Berlin. 

12) Geb. 1813, seit 1869 Prof. am Stadtgymn. in Halle. 



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Briefwechsel mit der Mutter. 13 

Herzen anerkannt, mehr noch, wie es zu geschehen pflegt, in 
späteren Jahren. Manchmal zog wohl auch eine trübe Wolke 
des Heimwehs und des üeberdrusses am Schulleben durch das 
Gemüth des überreifen Primaners. Von solcher Stimmung 
zeugt der Stossseufzer: 

T7dvTU)v, öcca t€ yoXay Im irveici t€ koI ^pirei, 
oöö^v dKi6vÖT€pov Kai öiZupu(jT€pov dvöpöc, 
öc t' ^v AcuKop^Tic Ö€iviu diKdxr]TO XuK€iip. 

Zum Trost wurde die Verbindung mit dem Elternhaus 
und der Heimath aufs innigste gepflegt durch ausführlichen 
und regelmässigen Briefverkehr, am wärmsten und eingehend- 
sten mit der Mutter. Der Briefwechsel zwischen ihr und 
dem Sohn, der bis zum Tode der ersteren in 18 jähriger un- 
unterbrochener Folge in gleichmässiger Innigkeit sich fort- 
spinnt, ist das rührendste Denkmal kindlicher und mütter- 
licher Gesinnung. 

Als stetige Schrift- und Geschäftsführerin sorgt die Mutter 
vor Allem dafür, dass der ferne Sohn in festem Zusammen- 
hange mit allen kleinen und grossen Begebenheiten in Familie 
und Heimath bleibe. Ihre klare Handschrift wie ihr fliessen- 
der, anschaulicher, gemüthlicher und doch gar nicht senti- 
mentaler Stil spiegelt die kerngesunde, praktische, liebens- 
würdige Natur der Schreiberin wieder. Die Bedürfnisse des 
Sohnes klar überschauend, die Möglichkeiten ihrer Befriedi- 
gung nach Maassgabe der knappen Mittel, die sie in Händen 
hat, klug und vorsichtig berechnend, kennt sie jeden Strumpf 
des Abwesenden nach der Nummer, und während die stolze, 
aber verhaltene Hoffnung auf die Zukunft des vielversprechen- 
den Jünglings nur zwischen den Zeilen herausblickt, kargt 
sie weder mit praktischen Anweisungen bis ins Einzelnste 
(wie z. B. über die Anfertigung und Adressirung eines Post- 
packets) noch mit eindringlichen Ermahnungen zu allem Guten, 
namentlich auch zur Sparsamkeit. 

Wie viel grössere Mühe machte aber damals einer sorg- 
samen Mutter die Ausrüstung und Unterhaltung eines aus- 
wärtigen Sohnes als heutzutage ! Wie wurde sie z. B. erschwert 
durch die peinlichen Post- und Acciseverhältnisse ! Dem hab- 
süchtigen Fiscus durch schlaue Kunstgrifl'e eine Nase zu 



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14 Briefwechsel mit der Mutter. 

drehen galt in jener Zeit für unbedenklich, ja für selbstver- 
ständlich. Zu Weihnachten 1824 soll Fritz mit einem lange 
gewünschten sogen. „Matin" (wie die Mutter schreibt), einem 
Mantel mit schönem Pelzkragen, beschenkt werden. Damit 
nun das werthvolle Stück bei der Accise nicht noch gar zu 
viel kosten oder am Ende confiscirt werden möge, weil es 
neu ist, lässt ihn die vorsichtige Mama zunächst drei Wochen 
in der Wohnstube hängen. „Der Doctor", so berichtet sie 
weiter, „hat ihn mehrere male bei uns angehabt und sich 
recht damit herumgerekelt; ich habe mit einem nassen 
Schwamm überall das Futter bestrichen und gerieben, und 
hoffe nun, man wird ihn für alt gelten lassen ... ich war 
erst willens Dir einen aparten Brief zu schreiben, und darin 
zu erwähnen, ich schicke Dir hier den Matin, welchen sich, 
wie Du wüsstest, der Vater vorigen Winter hätte machen 
lassen und ihm zu schwer und zu warm gewesen wäre ... 
Du möchtest ihn in Acht nehmen und schonen etc. etc. Im 
Falle nun an der Addresse „als getragen" gezweifelt würde, 
solltest Du diese Stelle vorweisen," u. s. w. ^). 

Von der mittheilsamen Mutter hat der Sohn die leichte 
Hand des ausgiebigen Correspondenten und die Neigung zu 
lebendigem Briefverkehr geerbt, die er bis an sein Lebens- 
ende gepflegt hat. Freilich forderte er Gegenseitigkeit. Er 
beklagt sich (9. Febr. 1825) über die Schweigsamkeit der 
Schwester; „lieber Gott, einen Brief kann man doch schrei- 
ben, wenn man auch noch so viel zu thun hat. Und was 
hat denn die grade so viel zu thun? Da soll sie mich doch 
zum Exempel nehmen; ich habe doch noch ein bischen mehr 
zu thun, als sie, besonders in dieser Angst- und Nothzeit des 
bevorstehenden Examens, und habe 14 Correspondenzen zu 
besorgen, und schreibe allemal so einen halben Briefbogen 
wenigstens enge voll." Wisse er doch immer Neuigkeiten „aus 
dem obscuren wurmstichigen Wittenberg^', „und sie sollte in 
dem grossen Erfurt nichts neues erfahren, und ist noch da- 

1) Da nach dem neuesten Postreglement der Passagier nur zehn 
Pfund Freigepäck hatte, wird der Abiturient angewiesen, für feeine 
Heimreise zu Ostern 1826 doppelte Beinkleider, Röcke etc. auf den 
Leib zu ziehen. 



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BriefwechseL Stil. 1 5 

zu ein Mädchen; die ja immer jede Stadtneuigkeit wissen, 
beinahe ehe sie sich noch zugetragen hat?" Freilich weiss 
ein drolliger Brief an den jüngeren Bruder vom 25. Juni „aus 
diesem Jammerthale" Nichts von dem „trübseligen Schul- 
fuchsleben" zu erzählen. Noch bitterer beschwert er sich 
im nächsten Brief über den Berliner Onkel. „Ein königlich 
preussischer Consistorialrath sollte doch so viel Lebensart 
haben, einen Neujahrswunsch (noch dazu in lateinischen Ver- 
sen und von seinem Neffen, der doch auch kein Kind mehr 
ist, gemacht) wenigstens mit ein Paar Zeilen zu beantworten". 
Schon die Handschrift des Schülers zeigt jene Sauberkeit, 
Klarheit imd gefällige Abrundung, wie sie nur der jetzt ausser 
üebung gekommene Gänsekiel, dazu aber eine feste Hand 
und ein heller Kopf zu leisten vermag. Und dieselben 
Tugenden war schon der Jüngling J^estrebt seinem münd- 
lichen und schriftlichen Ausdruck, dem deutschen wie dem 
lateinischen zu geben. In der That sind behaglicher Fluss, 
der nur noch engerer Eindämmung bedarf, Anschaulichkeit 
und begriflfliche Schärfe bereits seinem jugendlichen Stil eigen: 
gegen pedantische Manier und vomehmthuende Aflfectation 
hatte er von jeher eine ebenso gesunde Abneigung als gegen 
philosophisches und rhetorisches Phrasengedrechsel. Die 
Aengstlichkeit seines Directors Spitzner, der mit der Abfas- 
sung eines lateinischen Abiturientenzeugnisses ganze Tage 
zubrachte, weil er jeden Ausdruck darauf prüfte, ob er auch 
von Cicero gebraucht sei, wollte ihm nicht in den Sinn. 

Von dem inneren Dichten und Trachten des strebsamen 
Primaners legt ein Dpppelblatt vom 17. August 1824 Zeug- 
niss ab^ überschrieben: 'Ideale, hoffentlich keine Irrthümer'. 
Es führt in einer Art systematischer Ordnung 15 anzulegende 
Hefte auf, welche einen Schatz von Allem, was für die 
menschliche, gesellige, schöngeistige, künstlerische, wissen- 
schaftliche Bildung des Schreibers wünschens- imd bemer- 
kenswerth sei, enthalten sollen, imd bis auf Sorte, Menge 
und Preis des Papiers bestimmt sind. Ausser der Anlage 
eines Tagebuches mit Betrachtungen, Beobachtungen, Schil- 
derungen interessanter Charaktere sollen psychologische Be- 
merkungen, Sentenzen und Sprüchwörter aus den Classikern 



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IG Ideale. Beruf. 

des Alterthums und der neuern Zeit, „Data über menschliche 
Schwächen und politische Gebrechen zu einer Travestie auf 
die Welt", Kraftausdrücke und Galanterien, Anekdoten und 
Witze gesammelt werden. Ferner eigene Gedichte, und zwar 
griechische, lateinische und deutsche, auch Charaden. Ein 
deutsches Reimlexicon, lateinische Pentameterausgänge. Ad- 
versarien aus Homer und *andern Epikern, aus Sophokles, ein 
index Hesiodius, „sehr weitläufig'^, phraseologische und metri- 
sche Sammlungen aus lateinischen Dichtern. Ein besondres 
Heft soll handeln „über mechanische Kritik . . . über üble Ge- 
wohnheiten im .Bücherschreiben" etc.; dazu eigne Conjecturen, 
Interpretationen , interessante philologische Urtheile. Den 
lyrischen Schluss machen Lieder für Guitarre, Tänze und 
andre Musicalien. Auch ein idealer Lebens- und Studien- 
plan für das erste Unüjersitätsjahr ist bereits entworfen, auf 
dem unter vielen schönen Dingen, welche zeigen, dass der 
junge Student nihil humani von sich fern halten wollte, auch 
philologische und philosophische Gollegien, „Disticha in Brie- 
fen an Schöne" und ein „lateinisches Disputatorium, selbst- 
errichtet^^, in Aussicht genommen werden. 

Doch war die Wahl seines künftigen Lebensberufes noch 
nicht definitiv getroffen. Die alte ursprüngliche Neigung zur 
Philologie wurde vorübergehend durch den Gedanken, Advo- 
cat zu werden, zurückgedrängt. Dem Streben in das prak- 
tische Leben einzugreifen, Welt und Menschen kennen zu 
lernen, schien die juristische Laufbahn günstiger zu sein. 
Der Mutter sagte der Gedanke zu, den Sohn, wenn er sich 
einmal in Erfurt als Sachwalter niedergelassen habe, dauernd 
in ihrer Nähe zu behalten, doch gab sie ihm auch zu be- 
denken^), dass er dabei „in die Klauen des Teufels laufen" 
könne. Ganz unsympathisch war die Jurisprudenz dem Vater^); 
und so kam Friedrich schon mit Beginn des neuen Jahres 
1825 auf seinen alten Vorsatz zurück: er beschloss in Leipzig 
mit dem Studium der Philologie zu beginnen, daneben aus 
Rücksicht auf den Wunsch der Eltern auch etwas Theologie 
zu treiben. Mit einem Wechsel von 200 Thaleru hofft er 



1) 24. November 1824. 2) 16. Oct. 24. 



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Abgang vom Gymnasiam. 17 

auszukommen, obwohl es schwer sei sowohl wegen der un- 
vermeidlichen Bedürfnisse, als auch wegen der „unzählbaren 
Menge von Nebenausgaben, die sich gar nicht klassificiren 
lassen". Zur Verbesserung seiner Einnahmen denkt er bei 
dem Buchhändler Teubner „lateinische imd griechische Cor- 
recturen zu übernehmen, die in Leipzig sehr gut bezahlt 
werden". 

Der Ausfall des Abiturientenexamens, welches er in Ge- 
meinschaft mit Freund Schoene zu Ostern 1825 bestand, war, 
wie zu erwarten, höchst rühmlich: beide erhielten nach ein- 
müthigem Beschluss der Prüfungscommission das Zeugniss 
unbedingter Reife (no 1: imprimis digmis), welches in den 
letzten drei Jahren keinem von der Anstalt Entlassenen er- 
theilt worden war.^) Mit besonderm Lobe werden die be- 
flügelten Fortschritte des Zöglings in den alten Sprachen her- 
vorgehoben, seine Vertrautheit mit den griechischen Dichtem, 
seine Gewandtheit in der Anfertigung griechischer Verse, 
welche an homerische Fülle erinnern, die Eleganz und Rein- 
heit seines lateinischen Stiles, dem nur noch grössere Strenge 
und Knappheit zu wünschen sei. Mit den besten Hoffnungen 
auf seine wissenschaftliche Zukunft schliesst das sorgfältig 
stilisirte Document. Im Gasthof zur goldenen Weintraube, 
da dem Gymnasium eine Aula fehlte, wurde am 24. März 
die Entlassung der beiden Abiturienten vollzogen. Ritschi, 
kaum von einem, heftigen Schnupfenfieber und Husten noth- 
dürftig hergestellt, feierte in eleganten lateinischen Distichen 
die Uranfänge der griechischen Poesie und Musik*), von den 
Klappern der Korybanten an, welche Zeus das Kind be- 
hüteten, bis zu Demodocus und Phemius, am Schluss die 
tristia fata beklagend, welche ihn zwingen, der theuren Schule, 
seinen Lehrern, den treuen Priestern der Minerva, und den 
Genossen Lebewohl zu sagen. Schoene sprach über Phocion 
als Muster eines klugen und redlichen Staatsmannes. Den 
Abschiedsgruss an die Scheidenden, gereimte Strophen in 
Matthissonschem Stil, weich und wehmüthig, trug Schmalfuss 



1) Spitzner a. 0. 209. 215. Das Schulprogramm von 1826. S. 29. 

2) Initia mnsices et poeseos apud Graecos. 

Bibbeck, F. W. Ritschi. - 2 



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18 Abgang von Wittenberg. 

vor.^) Am Morgen des 26. März reiste der junge Musensohn, 
mit reichen Gaben der Natur und einer ungewöhnlich soliden 
Schulbildung ausgerüstet, von kecker Lebenslust und kühnen 
Idealen erfüllt, über Leipzig, wo er sogleich die Wohnung 
seines Erfurter Freundes C. Schmidt übernahm, zu deü Sei- 
nigen in die Heimath. 



2) Gedruckt: „Ihren theuren Freunden Friedrich Gotthold Schöne 
au8 Gadegast und Friedrich Wilhelm Ritschi aus Thüringen bei ihrem 
rühmlichen Abgange zur Academie dargebracht von den vier Gymna- 
sialclassen des Wittenberger Lyceums durch Constantin Schmalfuss. 
Wittenberg, den 24. März 1825." 



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Universitätsjahre 



1825-1829. 



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1. Leipzig. 

Der erste Brief aus Leipzig gleich nach der Ankunft 
bestand aus heitern Versen im Stil der Jobsiade, die unter 
den Basen und Muhmen in der Heimath freudiges Aufsehen 
erregten. Immatriculirt wurde der angehende Student am 
28. März 1825 als Jwnestis bonarum artium et UUerarum studiis 
operam daturus. 

Gerade zu jener Zeit stand G. Hermann (geb. 1772) 
auf der Höhe des Lebens und seines Ruhmes. Die bahn- 
brechenden Werke, welche die Disciplinen der Metrik und 
der griechischen Grammatik neu aufgebaut haben, glänzende 
kritische Arbeiten wie die Orphica (1805), der Trinummus 
(1800) und viele andere lagen längst hinter ihm. Der Kampf 
der Schulen war entbrannt: hier Hermann als das Haupt der 
formal-kritischen Richtung, welche vor Allem auf die Festig- 
keit der Fundamente, besonders auf gründliche Eenntniss der 
Sprache und Metrik drang und daher in sorgfältiger Ergrün- 
dung und Erklärung der Quellen den eigentlichen Mittelpunkt 
philologischer Thätigkeit setzte, den sogenannten Sachphilo- 
logen dilettantische Behandlung derselben vorwarf; — dort die 
von Heyne angebahnten, dann in F. A. Wolfs Schule gereiften 
grossartigen Versuche einer historisch-antiquarischen Wieder- 
herstellung des Alterthums, am imponirendsten vertreten durch 
Boeckh, neben dessen monumentalen Werken die divina- 
torischen Combinationen eines Welcker wie in sinnvollen 
Visionen die Herrlichkeit griechischer Poesie g;Us unschein- 
baren Trümmern wieder aufzurichten strebten, während Creu- 
zer's synkretistische Mythenforschung sich in ein Chaos will- 
kührlicher Spielereien verirrte. Von dieser Seite sah man 
wiederum auf Hermann vornehm herab als auf einen Form- 
und Notengelehrten, dem die Anschauung vom Leben der Alten 
fehle, weil er keine „tieferen Fragen'^ an die Quellen zu stellen 



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22 Hermann und Boeckh. 

wisse. Auf allen Gebieten, wo ihm die Strenge philologischer 
Kritik und Exegese gefährdet erschien, trat Hermann kampf- 
lustig in die Schranken: gegen die Behandlung der griechi- 
schen Inschriften im neu unternommenen Corpus iüscriptio- 
num, gegen die Boeckhsche Pindar ausgäbe (1811 — 22), gegen 
Welckers Trilogie (1824), später gegen 0. Müllers Eumeniden 
(1834) u. s. w. Er war der Wetzstein, welcher der neuen 
Schule das Gewissen schärfte, der eifersüchtige, in der That 
nicht selten einseitige Wächter der grammatisch -logischen 
Methode. 

Die Kriegserklärung freilich war von Boeckh ausge- 
gangen, der in den Vorerinnerungen zu seiner „Staatshaus- 
haltung der Athener" (1817) die „vornehmen Grammatisten" 
des gegenwärtigen Zeitalters beschuldigt hatte, durch selbst- 
genügsame Beschränkung auf „Buchstaben- und Sylbenkritik" 
die Philologie „dem Leben und dem jetzigen Standpunkte 
der Gelehrsamkeit immer mehr zu entfremden". Der Hand- 
schuh wurde von Hermann aufgenommen. Besonders schneidig 
und bitter, ohne der Grösse der Leistung gerecht zu werden, 
war seine Recension^) des ersten Heftes von dem Berliner 
Corpus der griechischen Inschriften, auf welche nicht nur 
Boeckh selbst sofort antwortete^), sondern auch seinen Ge- 
treuen, E. Meier, in wortreicher „Analyse" erwidern liess: die 
gesammten Acten des Streites fasste dann Hermann 1826 in 
seinem Büchlein „Ueber Herrn Professor Boeckhs Behandlung 
der griechischen Inschriften" zusammen, worauf endlich Boeckh 
in der siegreichen Schrift über die Logisten und Euthynen 
(1827) von dem Gegner, der sich manche Blosse gegeben, 
würdig Abschied nahm.*) Auch Welcker vertheidigte im 
„Nachtrage" (1826) seine Schrift über die Trilogie. 

Dem letzten Heros der englisch -holländischen Philologie 
erschien die. neuere Alterthumsforschung nach seinem eignen 
Ausdruck wie ein angeschwollener, aus seinen Ufern treten- 
der, reissender Strom, der alles mit sich fortführe und 
durcheinanderwerfe, und wenn er auch manches verborgen 



1) Leipziger Litt.-Zeit 1825 October. 2) Kleine Sehr. VII 255 ff. 
3) Kleine Sehr. VII 262 ff. 



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Leipziger Lehrer. 23 

Gewesene aufwühle und ans Licht bringe oder hier und da 
etwas Brauchbares anschwemme, doch die ganze Gegend un- 
bewohnbar mache. Heute wird Niemand leugnen wollen, 
dass dieser Strom vielmehr die Gefilde unsrer Wissenschaft 
segensreich befruchtet hat, und dass jene Versuche ihn ein- 
zudämmen und zu corrigiren soweit zwar nicht unberechtigt, 
aber ganz verfehlt waren, wo sie darauf ausgingen, der 
Forschung ihr bestes Recht genialer Anschauung und aus dieser 
heraus ergänzender Combination zu verkümmern, als ob nicht 
auch die Textkritik, wie sie grade Hermann übt«, durch nach- 
dichtende Divination ihre höchsten Triumphe feierte.^) 

In Leipzig also war in den zwanziger Jahren die Hoch- 
burg der kritischen Schule, und Gottfried Hermann ihr leuch- 
tendes Haupt. Der klare, energische Vortrag des ritterlichen 
Mannes, der Latein wie seine Muttersprache, ja noch besser 
r redete, nie, so weit Grammatik und Logik reichte, ein schwan- 
kendes ürtheil abgab, der alles Erforschbare mit gleicher 
Sicherheit zu beherrschen schien, der Hybris des subjectiven 
Phantasirens aber das Gorgonenhaupt seiner ars nesciendi 
entgegenhielt, übte eine unbedingte Autorität über seine 
Schüler aus. 

Der junge Fuchs, der durch die allgemeine Stimme, den 
Rath seines Rectors, sowie durch das Beispiel und die be- 
geisterten Schilderungen seiner älteren Freunde C. Schmidt, 
Axt, Glasewald zur Wahl Leipzigs bestimmt war, brachte 
eine Empfehlung von Spitzner an Hermann mit, welche in- 
dessen keine weiteren Folgen hatte. An andern bedeuten- 
deren Lehrern der Philologie fehlte es seit dem Tode Spohns, 
der noch nicht ersetzt war, in Leipzig gänzlich. R., immer 
noch zwischen Jurisprudenz und Philologie schwankend, hörte 
während des Sommers bei Hermann Anleitung zur Kritik 
und Erklärung des ersten Buchs von Thucydides, bei C. Beier, 
einem wenig hervorragenden Schüler von Hermann, Cicero's 
erstes Buch de officiis, Logik und Metaphysik imd Geschichte 
der Philosophie bei Krug, Einleitung in die Mythologie bei 

1) Ausführlich, mit der Anschaulichkeit des Selbsterlehten erzählte 
Bitschl den Streit der Schulen in den Vorlesungen über Encyclopädie 
(seit 1885). 



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24 Barschenperiode. SocietAs graeca. 

Clodius. Erst im Herbst entschloss er sich definitiv bei der 
Philologie zu bleiben^), doch beschränkte er sich im Winter- 
semester auf die Portsetzung des Beierschen CoUegs und die 
Hermannschen Vorlesungen über Metrik und Aeschylus' Sieben 
gegen Theben. Indessen hatte es beim Anhören der CoUegien 
wesentlich sein Bewenden. Zu ernsthaftem Studium liess 
ihn das flotte Corpsleben der Lusatia, dem er sich mit der 
vollen Ausgelassenheit überschäumenden Jugendmuthes eine 
Zeit lang hingab ^ nicht kommen. Doch trat bereits im Lauf 
des zweiten Semesters Sättigung an diesen Preuden ein. Er 
beschloss die Universität zu wechseln, vorher aber einer 
philologischen Ehrenpflicht zu genügen und sich die Auf- 
nahme in Hermann's ^societas Graeca' zu verdienen. Da er 
Mangel an Büchern litt, begab er sich eines Tages zu seinem 
fleissigen Commilitonen Foertsch. Als das kleine, schmäch- 
tige Männlein den langen forschen Corpsburschen in "vollem^ 
Wichs, mit klirrenden Sporen und der Reitpeitsche bei sich 
eintreten sah, soll es gewaltig erschrocken sein. Der Arme 
dachte an eine unverdiente Herausforderung oder noch Schlim- 
meres, verschanzte sich hinter Tisch und Stuhl und wagte 
sich erst in die Nähe des unheimlichen Besuchers, als der- 
selbe mit der unverfänglichen Bitte um ein Exemplar des 
Euripides herausrückte und Erkundigungen über die Hermann- 
sche Societät einzuholen begann. Auch bei der Disputation 
erschien d«r üebermüthige, so erzählt man, in demselben 
Aufzuge, und unterstützte die Kraft seiner Argumente kecklich 
mit Aufwerfen der Cereviskappe. Sein Opponent war Johannes 
Classen, dann gab es noch einen Gang mit dem Meister 
selbst. Der Erfolg war gut, die Aufuahme des neuen Mit- 
gliedes fand Statt, aber auch dabei hatte es sein Bewenden. Das 
Semester ging zu Ende, und Hermann war nicht angenehm 
überrascht, als sich der eben Recipirte sofort wieder abmel- 
dete. Noch vor dem Schluss der Vorlesungen entwich derselbe 



1) Dies meldet er Spitzner am 30. Nov., worauf dieser in seiner 
Antwort vom 11. December seine Freude ausdrückt. Scherzweise, im 
Kreise der Seinigen, konnte R. auch in späteren Jahren noch Reue über 
diese seine Wahl aussprechen, freilich nicht aus inneren Motiven. 



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Memoriale. 25- 

aus dem Kreise seiner Gommilitonen zunächst nach Erfurt, 
wo er sich hinsetzte und eifrigst arbeitete. 

Die Wendung zu ernsteren Interessen bezeichnet bereits 
ein Heft, Memoriale überschrieben, die einzige Quelle, 
welche, abgesehen von wenigen flüchtigen Briefen, einigen 
Einblick in das innere Leben des Jünglings für jene Zeit 
eröfl&iet. Er hat es in der Absicht, sich Alles zur klaren 
Erkenntniss zu bringen, was ihm am Tage durch den Eopf 
gehe, am 22. Februar 1826 angelegt und, freilich nicht ohne 
Pausen, bis in das Jahr 1828 fortgeführt. 

Die zerstreuten,' nicht genau datirten, aber grösstentheils 
wohl in der hallischen Periode entstandenen Aufzeichnungen 
sind für die Liebhabereien des Jünglings, seine Leetüre, die 
Probleme, welche ihn beschäftigten, seine Denk- und Em- 
pfindungsweise sehr charakteristisch. Epikritische Bandglossen 
begleiten die Aphorismen. Er verzeichnet z. B. ausser aller- 
hand Studenten witzen , Anekdoten, populären Redensarten, 
polemischen Wendungen, Sentenzen, mannigfachsten Bücher- 
titeln die Bildnisse berühmter Philologen, die er zu besitzen 
wünscht, macht vielerlei ästhetische Betrachtungen, nie phrasen- 
haft oder verwaschen, stets den Kern der Frage scharf tref- 
fend, auch musikalische: Versuche das Charakteristische an 
Gluck, Weber zu präcisiren; was zur Gomposition von Liedern 
gehöre; dass ihm erst durch die Verbindung mit Musik das 
wahre, lebendige Verständniss einer Dichtung recht aufgehe. 
Begeistert schreibt er über Lichtenberg, dessen Definition 
des wahren Schriftstellers, zu sagen, was die Meisten 
fühlen oder denken, ohne es zu wissen, ihm ganz aus der 
Seele genommen ist. Nach der herrlichen Gabe der Bered- 
samkeit hat er eine tiefe Sehnsucht. „Ich habe schon vor 
vielen Jahren das Bedürftiiss derselben dunkel gefühlt, wenn 
ich entweder in Gesellschaft oder im Gespräch und Dispu- 
tiren mit Freunden das Herz und den Kopf so voll von 
Empfindungen und Gedanken hatte, und diese nicht in die 
passendsten und bestimmtesten Worte gekleidet ins Leben 
treten lassen und in bestimmten Umrissen versinnlichen 
konnte. Schriftlich geht das weit leichter, weil man Zeit 
zum Wählen hat" u. s. w. (3. März 1826). Er gedenkt 



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26 Memoriale. Abgang. 

eines früheren Gespräches mit Freund Niese, in dem es 
ihm nicht so gelungen sei, wie er gewünscht hätte, diesen 
zu überzeugen, dass den Dichter nicht allein die in ihm 
lebende Welt von Ideen und Gefühlen, sondern als ganz 
nothwendige und untrennbare Bedingung die Herrschaft über 
die Sprache, die Darstellungsgabe mache (3 — 6. März 1826). 
Entrüstet ist er über die Aeusserung eines kaufmännischen 
Vetters, der Ausgaben eines Studenten für Klopstocks, Schil- 
lers Schriften als unnöthige Spielereien bezeichnet hat. „Dass 
ich nichts antwortete, versteht sich; ich thue das in einem 

solchen Falle nie von der Zeit einer solchen Aeusserung 

an ist mir aber so ein Mensch auf immer zuwider.*' Ebenso 
wenig könne er es über sich gewinnen, einem Andern die 
Gründe solches Missfallens auseinander zu setzen. Er macht 
psychologische Betrachtungen über die Engherzigkeit der- 
jenigen Freundschaft, die keine Geheimnisse zwischen sich 
dulden will, „Etwas Geheimes zu haben verlangt unsere 
Individualität, eben so* in der Freundschaft als in der Liebe. 
Und wer soll Welt und Menschen kennen lernen, der seine. 
Gedanken alle auf der Zunge hat? Wie wenig angebracht 
ist diese Maxime bei Fassimg von Plänen, bevor die Absicht 
erreicht ist? Drum mag ich auch im Leben keinen Stuben- 
burschen wieder haben.'' üeber Leute, die eine „freund- 
schaftliche Bekanntschaft sogleich für eine vertraute Freund- 
schaft halten und wenn man einmal etwas verweigert, was 
wohl Herzensfreunde einander schuldig, und zu geben und 
zu verlangen verpflichtet sind, über Treulosigkeit und Ver- 
rath an der Freundschaft ein Geschrei erheben, ob man 
ihnen gleich nie gesagt hat, dass man ihr Freund sei" 
(27. Dec. 1826). Hermanns Einfluss spürt man in der Pole- 
mik gegen die „sogenannten Sachphilologen", welche 
leugnen, dass die Sprache als treuer Spiegel den eigen- 
thümlichen Geist eines Volkes wiedergebe, gegen jene „flachen 
Halbwisser", welche meinen, „um das Bild eines Volkes aus der 
Sprache sich abzuklaviren, dazu keine genaue, grammatische 
Sprachkenntniss nöthig zu haben". „Sie verstehen dann eben 
so viel von der Spracheigenthümlichkeit als der grosse Haufe 
der Concertbesucher von der Musik" u. s. w. 



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HaUe. 27 

Eine gründliche Veränderung der geistigen Atmosphäre 
und ernste Arbeit that dem jungen Manne sicher Noth. Die 
Eltern dachten an Berlin, und der dortige angesehene und welt- 
erfahrene Onkel, damals Consistorialrath (später Bischof von 
Pommern), empfahl diese Wahl dringend; aber nach eignem 
Entschluss zog Fritz das bescheidne Halle vor, mit dem 
festen Vorsatz, das in Leipzig Versäumte dort mit aller An- 
strengung nachzuholen. 

2. Halle. 

Am 27. April 1826 wurde der Ankömmling in Halle als 
^philologiae studiosus' immatriculirt, aber auch in das Ver- 
zeichniss der Theologen eingetragen. Von Anfang an gefiel 
es ihm hier besser als in Leipzig. Von seinen Corpsver- 
bindungen machte er sich entschieden los, ohne deshalb stu- 
dentischer Fidelität zu entsagen. Er hielt sich zu den Lands- 
mannschaften und bewegte sich in einem engem Freundes- 
kreise, zu dem auch einige Erfurter gehörten, wie Schmalfuss 
und Wilhelm Werther. Letzterer war Theolog, „zwar in 
litteris kein Genie, aber ein sehr braver, biederer und fester 
Kerl", der bereits im siebenten Semester stand, und sich 
einer schönen Gartenwohnung vor der Stadt an der Saale 
erfreute. Dahin wanderte nun R. während der heissen Sommer- 
wochen allabendlich, um statt der „rauchigen, von Torf duf- 
tenden*^ Atmosphäre der Stadt frische Luft zu schöpfen, ent- 
weder in der Gartenlaube, die von den Saal wellen bespült 
war, „bei Bierkaltschale, Eierkuchen und andern zugleich 
wohlschmeckenden und wohlfeilen Genössen'^ mit dem Freunde 
mondbeglänzte Zaubemächte zu feiern, oder in der Gondel 
nach der Rabeninsel zu rudern, wo ein „lauschiges Plätzchen 
unter den dunklen Zweigen bemooster Buchen" das Paar auf- 
nahm. „Mein Gefährte", so schildert ein sehr gut gelaunter Brief 

der Mutter, „wirft dann die Angel aus und ich locke 

die Fische durch den Silberklang meiner Laute; oft taucht 
dann die unsterbliche Saalnymphe, das triefende Haupt mit 
Schilfgras gekrönt aus dem ruhigen Strom auf und lauscht 
den irdischen Tönen; oder die beweglichen Silphen des 
düstem Waldgrundes hinter uns weben und schweben in 



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28 Perienfreuden. 

lustigem Reigentanze nach meinen Harmonien, bis das Ge- 
krächze neidischer Raben mich aus solchen Traumidealen in 
die prosaische Wirklichkeit zurückführt. Früh morgens wird 
dann zwischen vier und fünf Uhr aufgestanden und die er- 
frischende Morgenluft genossen, während der Geist durch 
Göthische Poesie erfrischt wird." Am besten freilich werde 
die Gegend durch Matthisson und dieser wiederum durch 
jene commentirt: ihn und Salis möge der häusliche Bücher- 
schrank für die Sommerszeit hergeben. Von diesem herrlichen 
Sommer -Nachtquartier, dessen dreimonatlichen Besitz der 
junge Verschwender mit zwei Thalem im Ganzen bezahlt 
(„kann man Gottes Natur überhaupt mit Geld bezahlen und 
nach seinem Massstabe messen?"), hoflft er auch für seine 
Gesundheit' den höchsten Vortheil zu ziehen, „schon der Be- 
wegung wegen während des Hinaus- und Herausgehens"; 
denn ohne ein solches festes Ziel geht er überhaupt selten 
und ungern spazieren. 

Die Ferien wurden noch meistentheils in der Heimath 
zugebracht, wo dann die Zeit zwischen Durchmusterung der 
väterlichen Bücherschätze, eifriger Pflege guter Hausmusik, 
und heiterem, geselligem Verkehr getheilt war. Grossen 
Eindruck machte dem empföngliche.n Naturfreund eine Harz- 
reise mit Freund Schmalfuss vom 27. September bis 3. Oc- 
tober 1826. Sie verdiene eine Stelle in den Annalen seines 
Lebens, schreibt er in sein Gedenkbuch, doch hat uns Klio 
von denkwürdigen Erlebnissen Nichts überliefert. Zu Ostern 
1828 besuchte er den Onkel in Berlin auf drei Wochen. 
Ein vier Bogen langer Brief an die Mutter berichtet in epi- 
scher Vollständigkeit über die Eindrücke und Erlebnisse in 
der Hauptstadt. Neben der scharfen, von geübter Beobach- 
tung zeugenden, aber nirgends boshaftön Charakteristik der 
Personen ist besonders die Gründlichkeit und Anschaulich- 
keit hervorzuheben, mit der sich der Verfasser bemüht, 
von dem Gesehenen den klarsten BegriflF, das treffendste Bild 
zu geben. Besonders die Beschreibung des Zeughauses und 
seiner inneren Einrichtung, des Charlottenburger Mausoleums 
bekundet, wie empfänglich und wie jungfräulich sein ästhe- 
tischer Sinn war. Das italiänische Panorama lässt eine „tiefe 



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Charakterzage. 29 

Sehnsucht" in ihm zurück. Ein von ihm yerfasstes lateini- 
sches Gaudeamus auf Berlin^ welches in einer Gesellschaff) 
auf Veranstaltung des Oheims vierstimmig gesungen wurde, 
gieht der Begeisterung des jungen Gastes einen ansprechen- 
den Ausdruck. 

Was er aher schrieb, wollte er auch für die Dauer und 
für aufmerksame Leser geschrieben haben. So ermahnt er die 
Mutter, seine Briefe und Verse, deren er „eine ganz artige 
Menge" gelegentlich geliefert habe, gut aufzuheben, „denn 
in späteren Jahren wird es vielleicht angenehm sein, sie ein- 
mal wieder zu lesen". Er hält auf gründliche Beantwortung. 
Als die Mutter auf seinen vier Bogen langen Berliner Brief 
nur flüchtig dankt, will er^) das nur für ein Quid pro Quo 
gelten lassen und beansprucht eine ausführliche Erwiderung, 
woraus er auch im Detail sehen könne, dass sein Brief an- 
genehm gewesen sei und interessirt habe, ob seine Kritiken 
und Charakteristiken richtig befunden worden, auch vielleicht 
über dies und jenes ein anderes ürtheil zu hören bekomme. 
Er will auch erfahren was Gutes oder Nichtgutes über ihn 
in Berlin nach seiner Abreise gesprochen ist: man könne 
ihm Selbstkenntniss und Gemüthsruhe genug zutrauen, um 
weder eitel noch ärgerlich zu werden. „Schriftlich nimmt sich 
gar manches anders aus als mündlich, aber doch nur für 
Fremde — — denn warum sollte ich Dir z. B, nicht sagen, 
dass ich während meiner dreitägigen Anwesenheit in Witten- 
berg Freunde und Feinde durch mein Wesen so für mich ein- 
genommen habe, dass man nach meiner Abreise sich in Lobes- 
erhebungen über meine Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit, 
Feinheit und Anständigkeit erschöpft hat — ? wie denn das die 
Worte eines kürzlich empfangenen Briefes sind. Denke Dir dazu 
den Ton, die Mienen und Geberden, mit denen ich das münd- 
lich Dir erzählen würde, und Du wirst — zwar dennoch ein 
bischen darüber lachen, weil es einmal nicht gewöhnlich ist 
so naiv von sich selbst zu sprechen, aber doch wissen wie 
Du es ?u nehmen hast, und nicht im Entferntesten daran 
denken, die Anwendung eines allbekannten Sprüchwortes zu 



1) 5. Mai 1828. 



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30 StilUeben. 

machen." Hierauf die Mutter am 18. Mai: „wenn Du doch 
so gern das ürtheil anderer über Dich hörst und glaubst 
Dich frei von Eigendünkel und Selbstliebe und wie das Zeug 
alles heisst, so will ich Dir ein beinahe verjährtes Urtheil 
von Tante Riekchen (in Wernigerode, von der Harzreise her) 
mittheilen: «höre mal, Dein Fritz ist ein ganz herrlicher 
Junge geworden, der uns allen, allen gefallen hat. Mein 
Mann sagt nur, er wäre gar zu still und gar nicht wie 
ein Student sein müsste — aber das macht gewiss, dass 
er gegen meinen Mann mit einem Vorurtheil von Furcht her- 
kam — Deinem Mann wird er immer mehr ähnlich, Gott 
erhalte ihn nur, ihr erlebt gewiss Freude an ihm»." 

In kindlich drolliger Weise versteht er der Mutter Alles 
was sein Herz begehrt und bedarf abzuschmeicheln, die Erföl- 
lung seiner Wünsche ihr auch objectiv so plausibel zu machen, 
dass sie gleichsam aus einer Art von üeberzeugung sie freund- 
lich erhören muss. Wie behaglich ergeht er sich z. B. in 
der Ausmalung der Geschenke, die er sich zu Weihnachten 
1827 erbittet, dem ersten Fest, das er, um ungestört zu 
arbeiten, in der Fremde zu erleben beschlossen hat. Vor 
Allem verwirft er die prosaische Ablösung in Geld: „das 
gibt man aus wie andres und hat dabei gar keine Erinne- 
rung an den Geber". Dagegen schildert er mit Raffinement 
die Annehmlichkeit eines „selbstgebackenen Schittchens", und 
weiss die einleuchtendsten Vorschläge zu machen, mit wel- 
cherlei schönen Dingen der leere Raum in der Kiste etwa 
noch auszufüllen sein möchte. Vom Vater erbittet er sich 
Göthe's Gedichte, aber auf Velinpapier, nur ja nicht in Taschen- 
format, was er durchaus nicht leiden könne. Dem entspre- 
chend erhielt er denn auch ausser dem Gewünschten einen 
Virgil in folio. 

Sehr ausgeprägt ist sein Sinn für idyllische Häuslich- 
keit. Ein elastisches Sopha, lang genug um mit ausge- 
streckten Gliedern Meditationen und Zukunftsträumen nach- 
zuhängen, auch einem Freunde Raum gewährend, um bei 
Kaffee und Zwieback mit ihm zu disputiren, wusste er sehr 
zu schätzen. An einer hübschen Zimmereinrichtung, an zier- 
lichen Erzeugnissen kunstvoller Handarbeit, worin seine 



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Blumenpflege. Gesundheit. 31 

Matter Meisterin war, hatte er seine Freude wie an Allem, 
was sich wohlgefällig und correct in der Form darstellte. 
Anfangs wohnte er (Brüderstrasse 207) Wand an Wand mit 
dem Theologen Moritz Posselt ^) von der Insel Föhr, einem 
Erfurter Schulfreund ; dann theilte er sein Zimmer mit Wilh. 
Büchner, dem alten Wittenherger Kameraden. Als aber 
seine gelehrten Studien anfingen einen bedeutenden Auf- 
schwung anzunehmen, bezog er im Sommer 1828 ein be- 
sonderes L^is in der Rathhausgasse 247, dessen Verschö- 
nerung durch Anlegung eines sorgsam gepflegten Blumen- 
flors er sich sehr angelegen sein liess. Mit wahrem Behagen 
schildert er der Mutter*) als der kundigen Gärtnerin seine 
kleine Anlage, indem er sie sogar durch eine Zeichnung ver- 
anschaulicht: auf dem äussern Fensterbrett „die hängenden 
Gärten der Semiramis^^, im Zimmer neben dem Arbeitssitz 
auf dem Fenstertritt das blühende Rosenstöckchen, unter dem 
Fenster Weinranken, in die Höhe gebunden; von draussen 
auf eigenhändig bearbeitetem Boden eine kleine Pflanzung 
von Kürbis, Winden, Wicken in mannigfachen Farben. „Du 
siehst," schliesst er, „dass ich von Deiner Gartenader auch 
etwas geerbt habe." Er unterlässt nicht, von dem Gedeihen 
des Blumenflors weitere Nachrichten zu geben, wie er auch 
von der Mutter ausführliche Berichte über den Stand des 
Erfurter Gartens empfängt. 

Ernste Sorge um des Sohnes Gesundheit spricht bereits 
aus den elterlichen Briefen. Aus dem ursprünglich so kräf- 
tigen Kinde war ein lang und hager aufgeschossener Knabe 
und Jüngling geworden. Grosse Reizbarkeit der Nerven zeigte 
sich schon in jfrühen Jahren; höchst erkältungsfahig litt er 



1) Er hatte schon in Jena und Kiel studiert, ging 1827 als Haus- 
lehrer beim russischen Gesandten Baron Nicolay nach Kopenhagen und 
Petersburg, habilitirte sich (1833) in Dorpat, kam später nach Peters- 
burg als Bibliothekar. In seinen Personalacten bewahrte R. einen „ur- 
kundlichen Vertrag", geschlossen am 25. November 1827 zwischen ihm 
und Posselt, wonach R., wenn er bis zu seinem 36sten Geburtstage 
unverehelicht geblieben sein werde, binnen Jahresfrist von da an eine 
Kiste guten Weines portofrei erhalten, anderenfalls aber eine solche 
ebenso an P. übersenden soll. 2) 6. Mai 1828. 



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32 Gesundheit. Temperament. 

an beständigem Stockschnupfen, so dass schon dem Witten- 
berger Schüler die Tabacksdose unentbehrlich war. Auch 
im ersten Leipziger Semester ging es ihm so wenig nach 
Wunsch, dass er Reisen zu Verwandten nach Braunschweig, 
Berlin aufschob bis zu einer Zeit, wo sein Körper solchen 
„Gefahren" mehr gewachsen sein werde. „Gesundheitspflege" 
stand auf seinem Denkzettel. Die Kreis- Ersatz -Commission 
erklärte ihn (16. Jan. 1827) „wegen angeborener unheilbarer 
Kurzsichtigkeit und sehr flachen schmalen Bruetbaues und 
dadurch bedingter Kurzathmigkeit für immer zum Feld- und 
Garnisonsdienst als ganz unbrauchbar." Mehrfach erkrankte 
er in Halle. Schon 1828 traten die hartnäckigen Verdauungs- 
beschwerden auf, die ihn zeitlebens geplagt haben; einmal 
auch vorübergehende Lähmimg an den Füssen mit folgendem 
starken Schweiss. Doch beruhigt er die Mutier.^) Sie soll 
sich nicht immer so um ihn ängstigen. „Denn mir sagts ein 
inneres Gefühl, das gewiss nicht trügt, dass ich vor der Hand 
noch nicht sterben kann, sondern dass mir noch manche 
Leiden und Freuden — doch diese immer überwiegend — 
bevorstehen und dass wir noch längere Zeit unsere gegen- 
seitige Freude an einander haben werden." 

Sein glückliches Temperament, ein Erbstück des Vaters, 
gab ihm trotz Allem eine Elasticität, dass jene Beschwerden 
ihn verhältnissmässig wenig in der Freudigkeit und Frische 
des Lebens jstörten. Er hatte von Jugend auf die Gabe 
und pflegte sie mit Bewusstsein, über die Sorgen und Nöthe 
der Gegenwart hinweg sich mit munterer Phantasie in eine 
bessere Zukunft zu versetzen. So flössen ihm auch bei Auf- 
stellung seines Budgets in Gedanken und Hoffnungen reich- 
liche Einnahmequellen zu, deren einzelne Posten er mit dem 
Geschick eines Finanzmannes zu gruppiren und zu componiren 
wusste, so dass er wenigstens in Berechnung der Zukunft 
sich meist eines hübschen Wohlstandes erfreute, wenn auch 
die "Wirklichkeit bisweilen nicht alle diese Blüthenträume 
reifen Hess. So berechnete er gleich beim Einzug in Halle, 
dass ihm die Erträge des philologischen und pädagogischen 



1) 28. December 1828. 



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Die Universität Halle. 33 

Seminars nebst Wittenberger und Erfurter Stipendien die 
gewünschte Ausdehnung seiner Studien ins vierte Jahr sicher 
ermöglichen würden. 

Die Universität Halle war in den zwanziger Jahren eine 
vor vielen blühende zu nennen: 1200 Studenten zählte sie*). 
Es herrschte ein frisches, vertrauliches Studentenleben: den 
Landsmannschaften waren die Burschenschaften beigeordnet; 
noch galt allgemeiner Duzcomment. Die grösste Zahl der 
Studierenden bestand aus Theologen, welche durch einen 
Kreis bedeutender Lehrer angezogen wurden. Neben dem 
geistvollen Orientalisten Gesenius, dem Bibelexegeten Knapp, 
dem rationalistischen Dogmatiker Wegscheider, dem gelehrten 
Kirchenhistoriker Thilo, dem. schon bejahrten, aber hoch- 
angesehenen Kanzler Niemeyer, dessen Vorlesungen über 
Moral besonders stark besucht wurden, begann die fromme 
Gefühlstheologie Tholuck's ihren Einfluss zu üben. Die 
Philosophie, vertreten durch die Kantianer Gerhard und 
Gruber, nahm eine selbständige Stellung noch nicht ein: die 
philosophische Facultät bestand fast ausschliesslich aus Philo- 
logen. Senior unter den philologischen Lehrern war der gute 
alte Christian Gottfried Schütz, ein hochbetagter Greis 
von 78 Jahren, der fast kindisch nur noch unfreiwillig zur 
Erheiterung seiner Zuhörer diente^). Sehr geachtet, aber 
kränklich war Joh. August Jacobs^), ehemaliger Portenser 
Mitschüler von Naeke und Carl Imm. Nitzsch; mit dem 
Kanzler Niemeyer zusammen leitete er das pädagogische 
Seminar. Böckh's Richtung vertrat dessen Schüler Eduard 
Meier*), der einst mit Wernicke und Ed. Gerhard im Bunde 
die frühzeitig abgestorbenen „philologischen Blätter*^ gegen 

1) Ecktermayer : d. Univ. Halle, in A. Buge's Hallischen Jahrbüchern 
1888 No. 1. 39. 84—87. Abnahme der Frequenz, ziemlich gleichmässig 
in allen Facultäten, erst seit 1830. 2) Geb. 1747, gest. 1832. Ritschi 
besass eine Federzeichnung des alten Herrn der mit Bogen und Köcher 
ausgestattet ist; dazu die Unterschrift: „der Schütz der immer zielt, 
aber nimmer trifft." 3) 1788—1829. Eckstein: Brevis de Jo. Aug. 
Jacobsio philologo Hai. enarratio. 1840. 4) 1796—1865. Nekrolog 
von Eckstein, Halle'sches Waisenhaus 1856. 

Kibbeck, F. W. Eitschl. 3 



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34 Reisig. 

das, was ihnen Kleinigkeitskrämerei hiess, gegründet, sich 
durch seine Studien über das attische Recht, besonders durch 
die in Gemeinschaft mit Schömann unternommene Lösung der 
Berliner Preisaufgabe über den attischen Process (1824) einen 
dauerhafteren Ruf erworben hatte. Schon 1819 in Halle 
habilitirt, dann nach Greif swald versetzt, war er nach Seidlers 
Rücktritt im Jahr 1824 als Ordinarius nach Halle zurück- 
berufen, um die bis dahin ungepflegten realen Disciplinen 
der Alterthumswissenschaft zu lehren. 

Weit über Alle jedoch ragte Carl Reisig, der geniale 
Schüler G. Hermanns. Zu Weissensee in Thüringen am 
17. November 1792 als Sohn eines Arztes geboren, auf 
der Klosterschule von Rossleben, der altbewährten Stätte 
gelehrter Schuldisciplin, seit 1805 gebildet, hatte er zunächst 
in Leipzig seit 1809 durch G.* Hermanns befestigende Lehre, 
in dessen berühmter societas Graeca die Richtung nach der 
grammatisch-kritischen Seite der Philologie erhalten. Seine 
schon damals auf Aristophanes concentrirten Studien hatte 
er in Göttingen fortgesetzt. Mit' äusseren Mitteln glücklich 
ausgestattet, schon früh im Besitz einer auserlesenen Biblio- 
thek, stand er über den Sorgen des gewöhnlichen Lebens. 
In den Jahren 1813 — 15 hatte ihn sein glühender Franzosen- 
hass ^) als Freiwilligen in den freilich unblutigen Waffendienst 
des sächsischen Corps gedrängt. Beim Wachtfeuer explicirte 
der gelehrte Feldwebel, der sich rühmte, sein militärisches 
Wissen von Xenophon gelernt zu haben, mit gewaltiger 
Stimme den Kameraden die Komödien seines attischen Lieb- 
lingsdichters, die er (in einem aufgelösten Exemplar der von 
ihm zuerst in ihrem vorzüglichen kritischen Werth erkann- 
ten zweiten Juntina) beständig in der Tasche trug. 

Heimgekehrt hatte der 24jährige junge Mann als erste 
Frucht der diesem Dichter gewidmeten Studien die Coniectanea 
in Äristophanem (1816) veröfiFentlicht, ausgezeichnet durch 
seltene Feinheit in metrischen Beobachtungen, besonders über 
iambische Trimeter und anapästische Tetrameter, sowie in 
Erforschung des individuellen Sprachgebrauchs, durch Selb- 



1) Coni. in Aristoph. praef. p. I. 163. 



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Reisig. 35 

ständigkeit des ürtheils, glückliche ErfinduDgs- und Combina- 
tionsgabe, ein leuchtendes Muster eindringlicher und schöpf- 
erischer Textkritik, womit für die Behandlung des Aristo- 
phanes ganz neue Grundlagen und Wege geschaffen waren. 

Zuerst (1816) in Jena habilitirt hatte er durch seine 
Vorlesungen wie durch seinen persönlichen Verkehr die aka- 
demische Jugend erobert. Selbst um 5 Uhr des Morgens 
hörte man ihn mit Lust über griechische oder lateinische 
Grammatik vortragen. In Reitstiefeln und Sporen, ledernen 
Beinkleidern und grünem Jagdrock stieg er wie sein Lehrer 
G. Hermann vom Pferd auf das Katheder und von da wieder 
zu Ross^). ,,Er ambulirte mit der Jugend, ass mit ihr an 
der wenig einladenden Wirthstafel zur Sonne, und disputirte 
lateinisch und griechisch zu jeder Tageszeit, über jegliches 
Begebniss, wie über jeden Satz seiner Wissenschaft; und 
wenn ihm in später Nacht ein Vivat erschallte, konnte man 
mit Sicherheit auf ein erwiderndes Witzwort rechnen." 
Glaubte er während seiner Lucubrationen etwas entdeckt zu 
haben, so öffnete er wohl das Fenster und verkündete, wie 
er scherzend selbst erzählte, den Nachbarn durch Trompeten- 
stoss das grosse Ereigniss. 

Schon nach Jahresfrist zum ausserordentlichen Professor 
ernannt, freilich ohne Gehalt, durch Goethe's Gunst aus- 
gezeichnet und von F. A. Wolf als ebenbürtig anerkannt, hatte 
er bald die Augen der preussischen Regierung auf sich ge- 
zogen, die ihn 1820 nach Halle berief, zunächst als extra- 
ordinarius, bis sich Seidler, der Kenner der griechischen 
Dramatiker, 1824 zurückzog und dem jungen CoUegen damit 
einen Platz unter den Ordinarien öflftiete. 

In Halle nun entfaltete sich die originelle, grossartige 
Kraft des im blühendsteü Mannesalter von 32 Jahren stehen- 
den Lehrers zu vollem Glänze. Seine Schüler und Zeitgenossen 
können sich nicht genug thun in Schilderung dieser von 
Lebensmuth strotzenden Persönlichkeit. Eine „Römergestalt" 
mit athletischer Brust, gedrungen, ein wenig zur Beleibtheit 



1) In einer selbstverfassten Ballade berichtet er von sicli: „H^i'^ 
Reisig lieisst der Bittersmanu, der wie kein andrer reiten kann." 

3* 



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36 Eeisig. 

neigend, aber behende, in lebhaft gravitätischer Bewegung 
tapfer die Erde stampfend. Das Haupt mit den blauen, 
geistreichen, aber langsam sich öffnenden Äugen hoch auf- 
gerichtet, das derbe fleischige Antlitz mit den überaus be- 
weglichen, wild genialen, an Bentley erinnernden Zügen um- 
wallt von dickem dunkelblondem Haar. Das Ganze ein Bild 
kräftiger Gesundheit, derber gerader behaglicher Einfachheit, 
energischer Bestimmtheit^). Allem Gemachten und Klein- 
lichen, allem Schein auch im Leben und in der Geselligkeit 
feind, selbst dem Zwang einer geordneten Häuslichkeit ab- 
hold, führte er in genialer Willkür ein ziemlich ungebun- 
denes Junggesellenleben. Zwar nahm er in Halle den Stu- 
denten gegenüber mehr als in Jena eine gewisse Zurückhaltung 
an, doch machte er auch hier mit auserwählten Lieblings- 
schülem meilen weite Spaziergänge, die bei der Präsenz seines 
Wissens die reichste Belehrung eintrugen. Als Gesellschafter 
aber im Kreise von Freundet wie Ludwig Pernice, Agathon 
Niemeyer, Heinrich Leo bei griechischem Wein, dem wohl 
auch, um das antike Symposion zu vollenden. Kränze bei- 
gesellt wurden, sprudelte er von heiterster, liebenswürdigster 
Laune. Etwas heftig zwar und selbstgewiss, war er doch 
eben so schnell zu versöhnen und von seinem Unrecht zu 
überzeugen, als er bei Widerspruch aufbrausen konnte. 

Er interpretirte Aeschylus' Prometheus^), Aristophanes' 
Wolken, Horazische Satiren, TibuU, Demosthenes, Cicero, las 
über Encyclopädie, lateinische und griechische Grammatik, 
namentlich auch Accentlehre, griechische und römische Alter- 
thümer. Ohne Heft, meist nur einen Zettel mit Citaten bei 
sich führend, erregte er staunende Bewunderung durch die, 
wie es den Zuhörern erschien, unfehlbare Herrschaft über 
das gelehrte Material, die untrügliche Sicherheit des sprach- 
lichen Verständnisses. Durch eine schöpferische Kunst leben- 



1) Eine flüchtige Federzeichnung des etwas satyrhaften Kopfes 
besass R. 2) Ritschi hat Reisigs eigenhändiges Originalheft (d. h. 
eine Anzahl Blätter, enthaltend Einleitung, Commentar und deutsche 
Uebersetzung), sowie den von Reisigs Hand durchcorrigirten Text der 
Schütz'schen Ausgabe (mit zahlreichen Marginalien) aufbewahrt. Der 
übrige Nachlass ging in die Hände von Pernice über. 



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Reisig. 37 

diger genetischer Entwickelung zwang er die Zuhörer, den- 
selben Denkprocess, den er ihnen offenbarte, in reger geistiger 
Betheiligung mitzumachen. Sein Vortrag, ebenso weit ent- 
fernt von effeethasehender Leichtigkeit als von pedantischer 
Schwerfälligkeit, hatte eine jugendliche Frische und Heiter- 
keit, doch nicht ohne eine gemessene, bisweilen feierliche 
Würde. Seine eigene Begeisterung riss die Hörer hin. Begabt 
mit einer mächtigen, sehr modulationsfähigen Stimme, ganz 
aufgehend in seinem Gegenstand, schien er. Alles um sich 
her vergessend, beim Vortrage der griechischen Texte oder 
seiner sorgsam ausgefeilten Uebersetzung^) „selbst ein ge- 
fesselter Prometheus oder ein satyrhafter Strepsiades." 

Seine Kritik, die nichts unentschieden Hess, wenn es 
auch nicht immer ohne Gewalt abging, beruhte auf scharfer 
grammatischer und logischer Analyse: den Feinheiten sorg- 
föltig nachspürend, ältere, gute Bücher mit Vorliebe, übrigens 
wenig citirend, erging er sich gelegentlich in heiterer, auch 
durch kräftigere Scherze bisweilen gewürzter Polemik, aber 
ohne jene tendenziöse Gehässigkeit, welche den Lernenden 
so leicht das Gift cliquenhaften Hochmuths und ketzerrichter- 
licher Schmähsucht einimpft*). 

Der eigentliche Mittel- und Glanzpunkt seiner Lehr- 
thätigkeit aber war die von ihm gegründete societas. Da 
er auch als Ordinarius keinen Antheil am Seminar hatte, 
dessen Mitdirection neben dem alten Schütz verkehrter Weise 
Meier übertragen war, richtete er, um dieser Zurücksetzung 
die Spitze zu bieten, ein Privatissimum ein, bestimmt zu 
lateinischen Disputationen über Probleme der Textkritik und 
zur Uebung in lateinischen Versen. Man erwarb sich die 
Aufnahme als ordentliches Mitglied durch^ Einlieferung einer 
lateinisch geschriebenen philologischen Abhandlung, wofür 
kritische Behandlung einzelner Stellen aus griechischen oder 
lateinischen Klassikern, womöglich selbständige Conjecturen 
mit kunstgerechter Begründung, als das Geeignetste galten. 

1) Abschriften davon cursirten unter den Studenten: man copirte 
eifrig was man habhaft werden konnte. 2) Weniger Begeisterte fan- 
den doch in seiner Art etwas Barockes. Man tadelte die vielen wohl- 
feilen Witze, die reichliche Polemik, die Rechthaberei. 



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38 Reisig. 

Fortlaufende Interpretationsübungen an einem bestimmten 
Schriftsteller fanden nicht Statt, sondern nach freier Wahl 
der einzelnen Mitglieder auf Grund der ohne alle Beeinflussung 
von Seiten des Meisters jedesmal angefertigten Arbeit wurde 
bald dieser bald jener Autor Gegenstand der Discussion. 
Reisig, der eine seltene Meisterschaft im Lateinsprechen 
besass — seine echt antike, aber doch individuell gefärbte 
kömige Rede, die sich in ruhiger, langsam, ja feierlich schrei- 
tender Haltung bewegte, klang wie geschrieben und wurde 
als unübertreffliches Muster eifrig nachgebildet — wusste mit 
seinem nie versagenden Gedächtniss, seinem wie aus unmittel- 
barer Anschauung gewonnenen Takt für die Eigenthümlich- 
keiten der Stilarten, der Ueberlegenheit seines durchdringen- 
den Scharfsinnes, der Strenge und Klarheit seines Urtheils 
die Verhandlungen in einer Weise zu leiten und fruchtbar 
zu machen, dass sich auch die stummen, aber eifrig nach- 
schreibenden Zuhörer auf das Bedeutendste gefördert fühlten. 
So schaarte sich in dem kleinen Zimmer der Reisig'schen 
societas die Blüthe der philologischen Jugend von Halle. 
Trotz des nicht unbedeutenden Honorars (10 Thaler für die 
ordentlichen, 4 für die ausserordentlichen Mitglieder) war 
der Zutritt lange zuvor erstrebte Ehrensache; selbst der 
schlechteste Zuhörerplatz des beengten Raumes wurde mit 
Freuden angenommen. 

In der That bewährte der seltene Mann durch eignes Bei- 
spiel seinen Lieblingsspruch aus dem Faust: „wenn ihrs nicht 
fühlt, ihr werdets nicht erjagen; wenn es nicht aus der Seele 
dringt und mit urkräftigem Behagen die. Herzen aller Hörer 
zwingt." Er setzte seinen Stolz darein, vorzüglich als Lehrer 
zu wirken, die Jugend anzuregen imd zu selbständigen Studien 
zu begeistern, klagte sich wohl scherzhaft des Dintenhasses 
an, und weil er von schriftstellerischen Producten die höchste 
Vollendung in Form und Inhalt verlangte, hasste er die 
handwerksmässige Büchermacherei, hinterliess auch ein aus- 
drückliches Verbot, welches freilich nicht befolgt ist, nach 
seinem Tode etwas aus seinen Papieren herauszugeben^). 

1) Vor seiner Reise nach Italien übergab er dieselben seiner Mutter; 
nach seinem Tode kamen sie nach dem Wülen des Verstorbenen in 



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Reisig. 39 

Obwohl Schüler G. HermanDS und nach Ritschis Urtheil 
vielleicht der genialste aller Hermannianer im besten Sinne 
des Wortes, war er doch der ganzen Anlage seiner gross- 
artigen Natur nach keineswegs auf die sogenannte formale 
Philologie beschränkt. Er hat nie ein blosser „Wortphilologe" 
sein wollen, sondern wie er in seiner Bearbeitung des Oedipus 
auf Kolonos (1820 — 23) eine harmonische Durchdringung des 
poetischen Kunstwerkes nach allen Seiten erstrebte, hat er 
auch namentlich in seinen encyclopädischen Vorlesungen auf 
den nothwendigen Einklang des sprachlichen und sachlichen 
Wissens hingewiesen, wohl aber die des soliden grammati- 
schen Fundamentes entbehrende Oberflächlichkeit streng ge- 
missbilligt. Nachdem er bereits griechische und römische 
Alterthümer ^) in den Kreis seiner Vorlesungen gezogen, ging 
er damit um, ausser der Litteraturgeschichte noch Mythologie 
und Archäologie demselben einzufügen: die eifrig begonnenen 
Vorarbeiten sollten durch die in Italien zu gewinnenden An- 
schauungen gekrönt werden. 

Wie musste diese gewaltige Natur, die dämonisch be- 
zauberte und zugleich befreite, auf einen so gut vorgebildeten, 
so begabten, m so hohem Grade anregungsfähigen jungen 
Mann wirken wie unsem Ritschi! Die erste Begegnung 
freilich war etwas bedenklicher Natur. In burschenhaftem 
Uebermuth, um. ein keckes Wort, das er beim Commers hin- 
geworfen, zu lösen, hatte sich Ritschi einmal während seiner 
Leipziger Zeit vermessen, nach Halle hinüberzufahren und 
dort für einen Commilitonen vor Reisig ein Examen abzu- 
legen. Eine Frage, die keiner der übrigen Examinanden 
hatte beantworten können, war ihm mit den Worten: quid 
tu diciSf domine S,? vorgelegt worden: er aber hatte durch 
seine Antwort: hoc tu ipse optitne iam exposuisti in com- 
mentario ad Aeschyli Prometheum da und da, Reisig so im- 
ponirt, dass dieser ihn ansah und ohne Weiteres als reif 
entliess. Als er nun seinem ehemaligen Examinator als 



die Verwahrung seines Freundes Pemice, der mit unerschütterlicher 
Festigkeit, soviel an ihm lag, jede Beihülfe zu einer Publication ver- 
weigerte. 1) Ein vollständiges Heft über griechische Alterthümer, 
von Ritschi nachgeschrieben, fand sich noch in dessen Nachlass. 



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40 Reisig. 

Ankömmling entgegentrat, hielt jener, auf dem Sopha oder 
dem Fussboden, wie er pflegte, zwischen einem Haufen Bücher 
liegend, die Hand vor die Aug^n und sprach zu ihm: „Herr 
Ritschi, ich muss Sie irgendwo schon einmal gesehen haben." 
Darauf dieser in scheinbarer Unbefangenheit: „Ich wüsste 
wirklich nicht, Herr Professor, wo ich schon einmal diese 
Ehre gehabt haben sollte;" zog sich aber dann eiligst zurück^). 
Vom Anfang seines Hallenser Studiums an hat er zu den 
eifrigsten, sehr bald dann zu den hervorragendsten Schülern 
Reisigs gehört. Der noch erhaltene Testirbogen erweist, dass 
er von Philologen überhaupt nur Jacobs und Reisig, bei ihm 
aber während der fünf Semester, die er zu den Füssen des 
Meisters sitzen durfte. Alles gehört hat: lateinische Sprach- 
wissenschaft und Demosthenes' Midiana, Aeschylus' Prometheus, 
griechische Grammatik, griechische Alterthümer, Horazische 
Satiren und Aristophanes' Wolken, daneben regelmässige Be- 
theiligung an den exercitationes philologicae in der Socität. 
Und während die übrigen Professoren in hergebrachten Aus- 
drücken fleissigen, sehr fleissigen, rühmlichen, ausgezeich- 
neten Fleiss bezeugen, heben sich mit gleichsam monumen- 
talen Zügen Reisigs Lobprädicate hervor: studmm acerri- 
nrnm; st, admirdbile; st, singulare; st. summum, progressus 
eximios testor; eandem denuo laiidem atque adeo maiorem 
tribuo. In seiner Weise harmloser Wortwitz^ pflegfce er von 
dem eifrigen Schüler, dem alten Lausitzer zu sagen, in 
Leipzig sei er lau gewesen, in Halle ein Sitzer geworden. 
In einem der Hallenser Adversarienhefte finden sich Prospecte 
der Zeiteintheilung und der zu absolvirenden Pensa. Diesem 
Programme nach stand Ritschi Morgens um 5 Uhr auf und 
ging vor 11 — 12 nicht zu Bett: 8 Stunden täglich sind für 
das Privatstudium angesetzt, der Sonntagmorgen ist für alle 
Briefe, Seminar- und Privatissimumarbeiten, der Sonntag- 
abend für neuere Sprachen und — Geographie reservirt. Der 
ehemalige flotte Bursche hatte ein untrügliches Arcanum ent- 
deckt, um die anhänglichen Corpsbrüder, die ihn anfangs 
noch in Halle heimsuchten, los zu werden. Wenn Einer kam 



1) Nach mündlicher Erzählung R.'s, ergänzt durch Bericht von Niese. 



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Streit mit Dindorf. 41 

und wollte sich bei ihm festsetzen, so sagte Ritschi in ver- 
gnüglichster Gutmüthigkeit: „Höre, da habe ich Dir gestern 
eine Conjectur gemacht, die muss ich Dir mittheilen." Das 
wirkte wie ein Insectenpulver, und in kurzer Zeit Hess sich 
keiner mehr sehen. 

Im Sommersemester 1827 nahm er in der societas bereits 
unbestritten den ersten Rang ein. Aeltere Theilnehmer neben 
ihm waren damals Gotthold Schoene, der Fiscal Reisigs, Ad. 
Stahr, Moritz Seyffert, Rudolf Hanow, Karl Ditfurt, Adolf 
Ziemann, Hahn, wozu als neu hinzugetretene Fr. Haase und 
der eben von der Schule entlassene Gustav Kiessling kamen« 
Letzterer hatte sofort gegen eine inhalt- und umfangreiche 
Abhandlung Ritschl's über Aeschylusscholien während drei 
aufeinanderfolgender Sitzungen zu opponiren, wobei sich der 
noch schülerhaft Schüchterne ebenso des liebenswürdigsten, 
schonendsten Entgegenkommens von Seiten des älteren Com- 
militonen als des ermuthigenden Zurufs qnicl miissitas? aus 
Reisigs Munde zu erfreuen hatte. 

In dieses Jahr fällt auch jener erste litterarische Aus- 
ritt, welcher den Namen des angehenden Philologen in wei- 
tere Kreise der gelehrten Welt trug, ein offener Brief, be- 
titelt: „Replik an Herrn Wilhelm Dindorf zu Leipzig gegen un- 
befugte Bekanntmachung eines Privatschreibens von Friedrich 
Ritschel und anmassliche Einführung desselben in das Pu- 
blikum", unterschrieben: „Halle im Juni 1827. Friedrich 
RitscheP)." Dindorf hatte „in der praefatio ad Aristoph. Pac. 
p. VI der zweiten Juntina für den Frieden und die Wespen* 
einen vorzüglichen kritischen Werth beigelegt, ohne sich auf 
Reisig's Coniectanea p. XVI sq., wo man diese Bemerkung 
zuerst und ausgeführt gelesen hatte, zu beziehen" ; hatte auch 
in der annotatio critica zur Teubner'schen Ausgabe des 
Aristophanes vol. I p. 345 sein Urtheil über die Wespen 
wiederholt mit den Worten: ^ Juntina sectinda, cuius sumtnam 
in hdc fahula cmdoritatem esse alibi a tne ostenstim esV 
Hierauf hatte Ritschi ihn brieflich zur Nachweisung dieses 
^alibi* aufgefordert, mit dem Zusätze „widrigenfalls man sich 



1) Im Öten Stück der Nenen krit. Bibl. von Seebode 1827. 



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42 Dindorfianum. Verkehr mit Reisig. 

genöthigt sehen würde, in einer Litteraturzeitung über diese 
Sache einiges Licht auszugiessen." Dindorf hatte geantwortet 
durch den öffentlichen Abdruck dieses Schreibens^), welches er 
mit einem vornehm spöttischen Prolog und Epilog begleitete, 
ohne jedoch die gestellte verfängliche Frage zu beantworten. 
Reisig war empört über diese vornehm bequeme Manier, ein 
Geständniss durch erkünstelte Spasshaftigkeit zu umgehen, 
und Hess seinen schlagfertigen Jünger, der gerade die Oster- 
ferien in Erfurt zubrachte, durch einen befreundeten Com- 
militonen^) ersuchen, den Gegner dafür „ohne Schonung zu 
züchtigen und in den Staub zu treten", und zwar in Form 
eines offenen Briefes an Dindorf, dessen Gedankengang bis 
auf das Stilmuster in jenem Briefe genau vorgeschrieben wird. 
Diese Art der Anweisung verschnupfte Ritschi doch einiger- 
massen^), auch hatte er das richtige Gefühl, dass es ihm, dem 
Anfänger, eigentlich nicht zukomme, in der geforderten Weise 
gegen einen namhaften Gelehrten aufzutreten. Dennoch kam 
er dem Auftrage nach besten Kräften nach, aber ohne sich 
schülerhaft an jene Instruction zu binden : nur die ausdrück- 
lich darin hervorgehobenen materiellen Punkte nahm er auf, 
die Form ist ganz sein eigen ^), namentlich hat er mit gutem 
Geschmack die ziemlich schalen Scherze, die ihm an die 
Hand gegeben waren , verschmäht. Trotzdem wurde die 
Replik von ruhiger denkenden und reiferen Freunden nicht 
eben gebilligt. In Berlin (wo Dindorf als prof. extr. und 
Gustos an der Bibliothek angestellt war) fand man den Ton 
pretentiös und über die Grenzen des decorum ein wenig hin- 
ausgehend. Spitzner (26. Nov. 27) gab ihm in der Sache Recht, 
bedauerte aber, dass der junge Mann sich auf diese Weise 
in die litterarische Welt hatte einführen müssen. Schon im 
nächsten Jahre stand der Verfasser selbst nicht an, sein 
Product als einen „naseweisen Wisch*' zu bezeichnen^).] 

Das Verhältniss aber zwischen Ritschi und Reisig wurde 
enger und enger. Sie gingen zusammen spazieren, assen bis- 

1) IntelligeDzblatt des AUgem. Repertor. Nr. 6. 2) Klinkmüller 
an Ritschi 6. April 1827. 3) Klinkmnller an R. 23. April 27. 

4) Nur die orthographische Marotte: inng, ienes u.s.w. scheint er dem 
Meister nachzuschreiben. 5) An Niese 29. Nov. 28. 



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Collegien. 43 

weilen gemeinschaftlich zu Mittag. Als Ritschi im März 1828 
anderthalb Wochen krank zu Bett lag, erfreute ihn der Be- 
such des geliebten Lehrers. Als sich derselbe dann im Herbst 
desselben Jahres zu der verhängnissvollen Reise nach Italien 
rüstete, von der er nicht wieder heimkehren sollte, war sein 
junger Freund fast immer um ihn, ordnete seine Bücher und 
erhielt zum Abschied folgendes noch im Original vorhandene 
Zeugniss: 

„Herr Friedrich Wilhelm Ritschi, aus Gross-Vargula in 
Thüringen, welcher lange Zeit mein sehr fleissiger Zuhörer 
gewesen und mir durch viele seiner eigenen Arbeiten und 
durch mündliche Unterhaltungen und Disputationen nahe be- 
kannt geworden, ist ein in ieder Hinsicht ausgezeichneter 
Mann, und wird, wenn er fortfährt seine Talente zu ent- 
wickeln, ein vorzüglicher Gelehrter werden. Diess bezeuge 
ich hier nach meiner üeberzeugung. 

Halle d. 4. October 1828. 

Karl Reisig 
Prof. Philos. Ordinär." 

Uebrigens hörte Ritschi in Halle, wie gesagt, nur wenig 
Collegia. Gegen Meier verhielten sich die strengeren Reisigi- 
aner spröde. Bei aller Gelehrsamkeit war derselbe doch sei- 
ner ganzen, enger angelegten Natur nach dem Einfluss seines 
weit genialeren CoUegen nicht gewachsen, und das üeberge- 
wicbt seiner äusseren Stellung als Seminardirecfcor Hess dieses 
Missverhältniss nur noch mehr hervortreten. Ohne erheb- 
liche Wirkung blieben auch die Vorlesungen bei Jacobs über 
Cicero de officiis, Sophocles' Ajax, philologische Encyclo- 
pädie, philosophische Grammatik, Didaktik mit praktischen 
Uebungen. Bei Voigtel, damals dem einzigen Historiker in 
Halle, hat R. alte und deutsche Geschichte, bei Gruber Ge- 
schichte der deutschen Poesie und Aesthetik, bei Gerlach 
einiges Philosophische gehört. Auch zu den Füssen der Theo- 
logen Niemeyer, Tholuck, Wegscheider, Thilo sass er, da. er 
aus finanziellen Gründen sich, wie bemerkt, auch in der theo- 
logischen Facultät hatte inscribiren lassen; ja er ging im 
Sommer 1826 sogar mit dem Gedanken um, zur Uebung eine 



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44 Hiatorische Gesellschaft. 

Predigt zu halten, wovon ihm indessen der Vater abrieth^). 
Um des Stipendiums willen erwarb er sich auch die Auf- 
nahme in das pädagogische Seminar von ^Niemeyer und 
Jacobs durch eine vom 31. August 1826 datirte, in einem 
unter heutigen Studenten unerhört vollendeten Latein ge- 
schriebene vita, welche sehr ofiFene Angaben über die Mängel 
seines bisherigen Bildungsganges macht. Er betheiligte sich 
an der von Voigtel geleiteten historischen Gesellschaft^) 
in Gemeinschaft mit den Philologen Schöne, Stahr, Hanow, 
Kiessling, SeyflFert, Büchner, Friedrich Roeder^), Eckstein, 
C. F. Ranke, zu denen noch einige Theologen wie Tuch, Bind- 
seil, Larsow kamen. Man disputirte einmal wöchentlich in 
lateinischer Sprache über brennende Streitfragen hauptsäch- 
lich der alten Geschichte, wie sie durch die Forschungen Nie- 
buhrs, Böckhs, 0. Müllers, Dahlmanns u. A. eben aufgeworfen 
waren. Die Zahl der Theilnehmer war auf 12 beschränkt. 
Je Einer hatte in jeder Sitzung zwei Thesen gegen einen 
Opponenten zu vertheidigen. Diese Gesellschaft bot eine sehr 
erwünschte Gelegenheit zur üebung im Lateinsprechen, und 
die Früchte kamen in den sehr belebten und würdigen Dis- 
putationen, welche bei Promotionen und Habilitationen in 
der Aula abgehalten wurden, zu erfreulichster Geltung. Auch 
durch leichten Zugang zu den Schätzen der Bibliothek, deren 
Vorsteher Voigtel war, sowie durch manchen heitern Scherz, 
wie ihn die mehr familiäre Freiheit jener Unterhaltungen 
und die Persönlichkeit des Leiters (auch unfreiwillig) mit 
sich brachte, belohnte sich die Theilnahme. 

Um die durch Reisigs Abwesenheit entstandene Lücke 
einigermassen auszufüllen, liessen sich seine Zuhörer, darunter 
auch Ritschi, in drei täglichen Stunden von einem dafür be- 
zahlten Commilitonen ein älteres Heft des Lehrers über 
römische Alterthümer dictiren („vorreiten" lautete der Kunst- 
ausdruck). Zur Abhaltung der gewohnten philologischen 

1) 30. Juli 26 : Er werde wohl eine moralische Abhandlung, aber 
keine christliche Predigt zu machen im Stande sein. 2) Vgl. Viro 
amplissimo Traug. Gotthilf Voigtel . . . quinquaginta annos in docendi 
munere publ. feliciter exactos gratulatur F. A. Eckstein. 1837. Auch Rosen- 
kranz in s. Memoiren 357 f. 3) X808— 1870, zuletzt Director in Coeslin. 



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Disputationen. 45 

üebungen aber trat eine Anzahl von Mitgliedern der socie- 
tas und des Seminars zusammen, ihrer zwölf: Ritschi, 
Schöne, Hanow, Parreidt^), Seyflfert, Büchner, Jordan^), Roeder, 
Mützell, Eckstein, Kiessling, Giese. Mit Entwerfung eines 
Statuts wurde Kiessling beauftragt; die Seele des Ganzen 
durch Wissen, Scharfsinn, Schlagfertigkeit, Meisterschaft im 
Lateinsprechen und Productivität war Ritschi, in dessen Woh- 
nung die Genossen auch zusammenkamen. Es ging ein 
frischer, zukunftsfreudiger Zug durch diesen Kreis : man ent- 
warf wissenschaftliche Pläne wie den, eine Serie von Classiker- 
ausgaben einstmals gemeinsam herauszugeben, und vertheilte 
bereits die einzelnen Autoren. Auch unter den übrigen Com- 
militonen nahm R. als 'futurus Reisigius' eine hervorragende 
Stellung ein; die Briefe auswärtiger Freunde versteigen sich 
bisweilen zu Hynmen über diesen 'Archetypus', in dem Ge- 
lehrsamkeit und Liebenswürdigkeit des Gemüths, Bescheiden- 
heit und Anspruchslosigkeit mit Schärfe des ürtheils sich in 
seltener Weise vereinige. 

Er galt als ein Stern ersten Ranges, dem eine glänzende 
Zukunft in Aussicht gestellt wurde. Besonders wuchs sein 
Ansehen durch sein sieghaftes, ja vernichtendes Auftreten bei 
einigen der öffentlichen Disputationen, welche damals in 
Halle noch in hoher Schätzung standen^). In dem grossen 
Saal des Wagegebäudes kam es unter lebhafter Betheiligung 
der Corona nicht selten zu ernsthaften Kämpfen. So bei 
der Doctorpromotion von Heinrich Eduard Poss im Jahre 
1828. Derselbe, so erzählt G. Kiessling, war damals Senior 
des philol. Seminars und ein so exclusiver Verehrer Meiers, 
dass er an Reisigs Privatissimum nicht Theil genommen 
hatte. Seine sehr tüchtige Promotionsachrift 'de Gorgia 
Leontino* hatte er nur wenigen Mitgliedern des Seminars, den 
übrigen, namentlich auch Ritschi, nicht mitgetheilt, dem die- 
selbe auf einem andern Wege aber doch zukam. Dies war 
wohl der nächste Anlass dazu, dass R. gleichsam im Namen 
der so auffällig Vernachlässigten ihm extra carceres scharf 

1) 1828 Lehrer am Kloster u. 1. Fr. in Magdeburg. 2) 1808—1868, 
zuletzt Director in Soest, 3) Vgl. Achim v. Arnim's Halle, ein Stu- 
dentenspiel in drei Aufzügen I 4 f. 



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46 Disputationen. 

opponirte. Es war dies gewissermassen auch ein Act der 
Nemesis. Foss war früher ebenso gegen Wex, einen Schüler 
Reisigs, bei dessen Disputation über Plato's Menou aufge- 
treten und allerdings nicht ohne Erfolg, da Wex dessen 
mathematische Einwürfe nicht zu widerlegen vermocht hatte. 
Als Wex denselben anscheinend nicht hatte folgen können, 
reichte ihm Foss einen Bleistift auf das Katheder, damit sich 
der Gegner die geometrischen Figuren zeichnen könne. Jetzt 
traf ihn die Ritschrsche Dialektik mit unbarmherzigen Schlä- 
gen. Eins seiner Dicta ging damals in Halle von Munde 
zu Munde. F. hatte zu ihm gesagt: tua sententia perversa 
est, worauf R. urstracks erwiderte: sane quidem, sed mea sen- 
tentia perversa est per te, tua autem per se. Die ganz« Stadt, 
Studenten, Professoren, Gesellschaftszirkel, namentlich auch 
die Damenwelt soll sich bei der Besprechung dieses Ereig- 
nisses in zwei Lager gespalten haben, von denen die eine, 
aber schwächere Partei den inhumanen Gegner verurtheilte, 
die andre, zu der die meisten Professoren und fast alle Stu- 
denten gehörten, ihm Beifall spendeten. Uebrigens haben 
die beiden Widersacher im späteren Leben Frieden mit ein- 
ander geschlossen. 

Ein anderes Mal, um die Weihnachtszeit desselben Jahres 
1828, wurde derselbe Vorkämpfer der Habilitation eines 
Doctor philosophiae, Namens G., verhängnissvoll, der, wie es 
hiess, als Apostel der Hegeischen Philosophie vom Mini- 
sterium begünstigt in schnitzerhaftem Latein 'de cognitione 
pulchri' (über die Platonische Aesthetik) geschrieben hatte. 
„Ein unwissender Mensch*', so berichtet Ritschi noch in fri- 
schem Eifer an seine Mutter, „der der einfältigste seiner 
Klasse auf der Schule gewesen ist, und einen Schriftwisch 
hat drucken lassen, worin lauter erschrecklich alberne Sachen 
stehen ... In der philosophischen Facultät waren schon vor- 
her heftige Debatten gewesen, ob man ihn nur zum Dispu- 
tiren lassen wolle, oder nicht. Von ein paar Professoren . . . 
war mir auf indirektem Wege der Wunsch zugekommen, dass 
ihm von mir opponirt werden möchte. Obgleich ich grade 
unwohl war, machte ich mich doch auf, und ging auf das 
Universitätsgebäude. Die ordentlichen Opponenten waren 



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Privatstudien. 47 

zugestutzte Freunde, und dennoch war des disputirenden 
Doctors Unbehülflichkeit so gross, dass es ein Jammer war, 
zuzuhören, und dass die Blossen, die er sich gab, den zischen- 
den Hohn der Studenten erregten. Nachdem ich meine Be- 
kannten vergeblich stimulirt hatte, ihn anzugreifen, entschloss 
ich mich, der Würde der Wissenschaft das Opfer zu bringen 
und das Organ der allgemeinen Indignation zu werden. Ich 
nahm natürlich die Sache sehr leicht, behandelte ihn ganz 
bagatellmässig und brachte ihn in zehn Minuten dazu, drei- 
mal öffentlich einzugestehen, dass er gegen meine Behaup- 
tung, seine Abhandlung sei dieses Ortes völlig unwürdig nach 
Sprache und Inhalt, nichts einzuwenden habe. Diessmal sind 
alle Stimmen, die mir zu Ohren gekommen sind, von Stu- 
denten und Professoren, beifällig gewesen." Die Facultät 
suspendirte in Folge dessen die Habilitation, berichtete an 
das Ministerium, und der Doctor wurde abgewiesen. 

Im Sommer 1828 begann der in mächtigen Schritten 
vorwärtseilende, nunmehr 22jährige Jüngling geschlossenere 
Arbeitspläne zu fassen. Hätte ihm nur das Glück 100 — 200 
Thaler in den Schooss geworfen, um Bücher anzuschaffen: 
„die hülfen mir jetzt mehr, als wenn ick in zehn Jahren 
für 1000 Thaler kaufen könnte!" und wirklich wusste die 
gütige Mutter wieder 100 Thaler für diesen Zweck flüssig 
zu machen. Den Gedanken einer unreiferen Zeit, „das ganze 
griechische Theaterwesen in seinem Zusammenhang und 
Organismus" zum Gegenstand einer Doctordissertation zu 
machen, erkannte er für seine dermaligen Verhältnisse und 
für den gedachten Zweck als eben so „kühn und riesenhaft, 
als er für künftige Zeiten aufgespart zweckmässig und viel- 
verheissend" scheine*). Vor Allem waren die Bruchstücke der 
verlorenen Tragödien zu sammeln und zu bearbeiten, eine 
Vorarbeit, deren Ausführung Ritschi früh ins Auge gefasst 
hat. Aus der Masse bedeutender Aufgaben dieses Gebietes 
wählt er „als ausführbar, weil in sich abgeschlossen" eine 
der interessantesten und schwierigsten: de Ägathonis vita, 
arte et fragmentis, eine Arbeit, die dem Verf. „den Doctor- 



1) An Niese 9. Aug. 



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48 Privatstudien. 

titel und vielleicht noch etwas mehr verschaffen soll." Schon 
hat er allerhand dazu gesammelt^), ist aber wegen anderer 
Arbeiten zu anhaltendem Studium der Aufgabe noch nicht 
gekommen. Aber im October steckt er bereits tief darin, ist 
in verwickelte Untersuchungen gerathen. Auf der Univer- 
sitätsbibliothek hat er sich „so zu sagen eingemiethet." Er 
hat es durch geschickte Mittel dahin gebracht, nicht nur in 
den eigentlichen Büchersaal hineinzugehen, „was bloss Pro- 
fessoren erlaubt ist," sondern auch täglich (ausser den Stun- 
den von 10 — 12) von 12 — 2 oben zu bleiben, „was niemandem 
erlaubt ist." „Das ist dann eine Lust, wenn ich mit dem 
Secretair allein bin und nun nach Herzenswunsch in den 
50000 Bänden herumwühle. Denn so bringe ich in einer 
halben Stunde mehr vor mich als andere in zwei." Auch 
geniesst er die Vergünstigung, während ein Student eigentlich 
nur zwei Bücher auf einmal nach Hause nehmen darf, deren 
gegen 100 auf seiner Stube zu haben. Der Weg von der 
Bibliothek bis zu seiner entfernten Wohnung, den Arm voll 
Folianten und Quartanten, war dann „eine wahre gymna- 
stische Uebung." Freilich verdankte er so ungewöhnliche 
Vergünstigungen nicht sowohl der Nachsicht des ängstlichen 
Oberbibliothekars (Voigtel), obwohl auch der ihm mit väter- 
lichem Wohlwollen zugethan war, als der Verständigung mit 
dem Secretair und dem Bibliotheksdiener. Denn „die unter- 
geordneten Personen helfen in solchen Dingen immer am 
meisten." Bei dem Bibliotheksdiener nämlich Hess er seine 
Bücher binden; für den Secretär Thieme besorgte er die 
Revision aller philologischen Recensionen der Halle'schen 
Allgem. Litt. Zeitung, wofür er am Jahresschluss von allen 
revidirten Nummern einen Abzug erhielt. Auch in den 
Weihnachtsferien ging das sofort. Die ausführlichen und häu- 
figen Correspondenzen mit Freund Niese kamen unter diesen 
Umständen freilich ins Stocken. „Sonst war mein Arbeiten", 
so schreibt er ihm, „viel einzelner, abgerissener; jetzt ist es 
viel systematischer, zusammenhängender und so zu sagen 

1) Auch die Freunde nah und fern müssen suchen helfen, selbst 
Spitzner (31. Dec. 28), doch war ihr Jagen meist vergeblich. 



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^nkunftsgedaDken. 49 

(lacte nur!) grossartiger, so dass ich mich weniger leicht 
herausreissen kann, zumal wenn ich, wie das oft der Fall ist, 
grade für einen bestimmten Zweck aus öffentlichen und 
Privatbibliotheken einen Haufen Bücher" zusammengeborgt 
habe, die ich zu bestimmtem Termin wieder abliefern 
muss; oder wenn ich grade einer wissenschaftlichen Ent- 
deckung auf der Spur oder einem erwünschten Resultate nahe 
bin, was man dann so wenig gern aus den Augen lässt als 
der Jäger sein aufgejagtes Wild. Und wenn ich nun wirk- 
lich ans Schreiben komme, so habe ich den Kopf gewöhn- 
lich so voll von Gedanken und — zumal bei der jetzigen 
Gestaltung mancher Verhältnisse — von Sorgen, dass es mir 
schwer wird ... so recht con amore zu schreiben.^' 

Zugleich erwog und betrieb er eifrig die praktischen 
Schritte zur Gründung einer erwünschten Zukunft. Der 
Entschluss, sich der akademischen Laufbahn zu widmen, 
durch Reisigs ermuthigende Zustimmung noch verstärkt, 
stand ihm fest. Sein Ideal war sich in Berlin zu habilitiren, 
wohin ihn der Reiz der grossen, vielseitig bewegten und an- 
regenden Stadt, für die er schwärmte, und ein weiter Kreis 
lieber Freunde und Verwandten lockte, vor Allem das Haus 
der Schwester, deren Vermählung mit dem Hofrath von 
LancizoUe bevorstand. „Ach, Du glaubst gar nicht," bekennt 
er sehr überschwänglich Niesen am 21. November 1828, 
„wie mich der Gedanke an Berlin allemal in Wallung setzt, 
hundert imd tausend Gedanken durchkreuzen sich da gleich, 
alle Nerven, Muskeln und Sehnen zucken in mir, und ich 
möchte gleich die ganze Gegenwart mit Füssen zertreten 
und über die abscheuliche IQuft mit Flügeln des W^indes hin- 
ausfliegen". Um eine bescheidne Grundlage seiner Subsi- 
stenz für den Anfang zu gewinnen hatte er, auf das Zeug- 
niss von Reisig und einen entsprechenden Empfehlungsbrief 
von Meier gestützt, von Böckh selbst, dessen Augenmerk 
schon durch die Aflfaire mit Dindorf auf R. gerichtet war, 
unter der Hand dazu aufgemuntert, in einem durch Niese 
als diplomatischen Geschäftsträger übermittelten Brief sich 
für Ostern 1829 um eine Stelle an dem von Böckh geleiteten 
pädagogischen Seminar beworben. Doch war die Antwort des- 

Ribbeck, F. W. Ritschi. 4 



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50 ZukunftsgedaDken. 

selben hierauf nicht grade ermuthigend ausgefallen: er habe 
zwar immer an Ritschi gedacht, zu Ostern aber könne schwer- 
lich etwas daraus werden: um eine Nummer habe er ihn in 
der Liste der Anwärter höher gestellt, die zweite oder dritte 
Stelle, die erledigt werde, solle er haben. Nach vielfältigen, 
fast taglichen üettferlegungen mit den Freunden Hanow, 
Schöne und seinem Stubenburschen Büchner war er zwar 
zu dem vorläufigen Resultat gekommen, sich für alle Fälle 
zum Examen bereit zu halten, dann aber freilich auf den 
Druck der Dissertation zu verzichten, deren Ausarbeitung da- 
mals, am 21. December 1828, noch nicht einmal begonnen 
war. Auch an eine Adjunctenstelle am Joachimsthal unter 
Meineke dachte er vorübergehend, ohne deshalb den Plan 
der Habilitation aufzugeben. Doch wurde es ihm mehr 
und mehr zweifelhaft, ob es überhaupt gerathen sei, die 
letztere in Berlin zu vollziehen; ob nicht Halle, wozu auch 
Reisig gerathen, zweckmässiger sei. Für Letzteres spra- 
chen manche Vortheile: die unschätzbare Freiheit in Be- 
nutzimg der Bibliothek, das gesicherte Renomme bei Stu- 
denten und Professoren, während „in dem grossen Ocean auf- 
zutauchen und sich bemerkbar zu machen^^ trotz des besten 
Muthes schwer erschien; endlich der relative Mangel an 
tüchtigen Docenten der Philologie in Halle. Auch auf eine 
Stelle am Pädagogium eröffnete sich eine unbestimmte Aus- 
sicht, die ihn freilich auch nicht besonders lockte. Auf 
alle Fälle will er spätestens zu Ostern 1831 anfangen, Col- 
legien zu lesen. Ganz andere Phantasien aber regte das Ge- 
rücht, dass der einflussreiche Stettiner Onkel, der Bischof, 
nach Petersburg berufen sei, um den dortigen evangeli- 
schen Gottesdienst zu reformiren, in dem jungen Brause- 
kopf auf. Er träumt von einer Professur an der dortigen 
Universität: „welch herrlicher Wirkungskreis müsste das sein, 
das grosse Licht in Russland mit anstecken helfen zu können^^; 
er schwelgt in der Aussicht, „als ob sich ihm ein Land 
Canaan wie dem Moses vom Berge aus offen thäte." 

In diese Zukunftsgedanken fiel wie ein Donnerschlag zu 
Anfang des Jahres 1829 die Nachricht erst von der gefähr- 
lichen Erkrankung, kurz darauf von dem Tode des geliebten 



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Reisigs Tod. 51 

und verehrten Meisters Reisig in Venedig. Nachdem er 
wenige Wochen mit voller Energie den Schätzen der Marcus- 
bibliothek, namentlich der Handschrift des Athenaeus, den er 
neu bearbeiten wollte, hatte widmen dürfen, hatte ihn schon 
zu Ende November ein schleichendes Fieber erfasst, welches 
nach scheinbarer Besserung zu Neujahr in ein tödtliches 
Lungenleiden ausbrach, dem der kräftige Mann bereits am 
17. Januar erl^. Der Eindruck auf die verwaiste Schaar 
der Jünger war ein betäubender: „es war, als ob der Leit- 
stern unseres Lebens geschwunden und plötzlich rings um 
uns finstere Nacht geworden wäre", sagt Seyffert in sei- 
nen Aufzeichnungen.^) G. Hermann hielt dem so früh ver- 
blichenen grossen Schüler vom Katheder herab mit bewegter 
Stimme eine lateinische Leichenrede.^) Ritschi aber schrieb 
am 3. Februar unmittelbar nach Empfang der Trauerkunde 
an seine Mutter: „Es ist . . . ein entsetzlicher Gedanke, der 
Gedanke der Vernichtung, der unwiderruflichen Vernichtung, 
wenn auch nur der irdischen. Der Mensch ist ein kurzsich- 
tiges Geschöpf: aber eben darum kann man es ihm auch 
nicht sehr verübeln, wenn er zu Zeiten etwas unbegreiflich 
findet, und z. B. in diesem Falle fragen möchte, warum nun 
grade dieser Mann in der Blüthe seines Lebens dahinsterben 
musste? Denn man würde nicht fertig werden, wollte man 
alle die unzähligen Gründe erörtern, warum der Tod dieses 
Mannes ein so grosser, unersetzlicher Verlust ist ; nur für die 
Wissenschaft, für die Universität! um gar nichts von seinen 
Schülern zu sagen. Dazu gestehe ich, dass einen sehr grossen 
Theil meiner Wehmuth der Gedanke bewirkt, dass er für 
seinen Ruhm viel zu früh gestorben ist. Der Nachruhm ist 
für den Menschen im Allgemeinen keineswegs ein nothwen- 
diges Erfordemiss zur Erfüllung seiner Bestimmung, der 
grösste Theil denkt gar nicht daran; aber derjenige Theil, 
dem der Nachruhm Bedürfoiss ist, muss sein Leben für ver- 
loren achten, wenn er dahin stirbt, ohne seines Namens Ge- 
dächtniss für alle Zeiten gestiftet zu haben. Das aber ist 
der Fall mit Reisig, dessen unvergessliches Verdienst ausser 



1) Bei Kiessling S. 10. 2) Sintenis an R. 



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52 Entscheidung für Halle. 

Halle noch gar nicht in seinem Umfange anerkannt ist. Jene 
Ansicht, ich weiss es wohl, hat ehen nicht viel Christliches, 
aber sie ist doch weder gottlos noch unmoralisch, und ich 
kann mich, wenigstens für jetzt, nicht davon trennen."^) 

Man spürt ein Rauschen der jungen Adlerschwingen in 
dieser antik empfundenen Sehnsucht nach dem Ruhm, die den 
Jüngling mit mächtigem Zuge in die zu früh verlassene, 
segensreiche Bahn des imvergesslichen Meisters hineinruft. 
Indem er am 22. Februar der Mutter und den übrigen An- 
gehörigen für ihre Theilnahme an dem schmerzlichen Ver- 
lust dankt, hat er sich doch schon genug ermannt, um seine 
Pläne fester als je ins Auge zu fassen. „War auch das erste 
Gefühl^', so schreibt er, „bei mir und andern das einer trost- 
losen Verwaistheit, so kömmt doch, wenn der erste Schmerz 
niedergekämpft ist, bald ein erhebendes Gefühl der Selb- 
ständigkeit, die ja von der eisernen Nothwendigkeit nun ge- 
boten wird, in das anfangs ganz niedergedrückte Gemüth, 
und der begeisternde Wunsch, seiner würdig zu werden und 
in seinem Geiste zu wirken." Und dazu findet er nunmehr 
„in der ganzen Welt kein passenderes Terrain, keine günstigeren 
Verhältnisse als in Halle." — — „Glaube mir, Halle bietet 
jetzt gegen Berlin so unwidersprechlich überwiegende Vor- 
theile dar, dass ich, wollte ich dies verkennen, nicht um 
ein Haar anders handeln würde, als jener Hund bei Aesop, der 
mit einem Stück Fleisch im Maule über eine Brücke laufend, 
diess ins Wasser fallen lässt und nach dem Schatten schnappt." 
Sein Plan werde von den Professoren begünstigt, von meh- 



1) Auch die Zeit hat R.*8 Liebe und Bewunderung für den Lehrer 
nicht vermindert. Ohne seine wissenschaftliche Ueberzeugung ihm 
gefangen zu geben hat er gern und oft die Gelegenheit ergriffen, sein 
treues Andenken an den 'praeceptor olim dilectissimus, nunc desidera- 
tissimus' (schedae criticae 20 = opusc. 1714. vgl. p. 726: 'sed quoniam 
in Reisigii versor memoria immortali'), den „unvergesslichen" (1841 = 
opusc. I 299), den ^praeceptor incomparabilis' (opusc. I 378) zu be- 
zeugen. Hat er doch auch den zweiten Band seines Plautus ihm ge- 
widmet: D. M. I ET PERPETUA MEMORIAE | CAROLl REISIGI THÜRINGI | PRAE- 
CEPT0RI8 DUM VIXIT DULCISSIMI | POST FLEBlLEM MORTEM DESIDERATISSIMI | 
SACRUM ESSE YOLUIT | SALUBERRIMAE DISCIPLIMAE ALUMNUS | PIENTISSIMUS | 
FRIDERICUS RITSCHELIUS. 



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Entscheidaug far Halle. 53 

reren Seiten sei ihm dringend zugeredet worden, man wisse, 
dass er Reisigs einziger Schüler sei, dem dieser selbst die 
akademische Laufbahn angerathen habe. Auch Spitzner ^) 
redete lebhaft zu, kühn in die Lücke zu treten und sich 
frischweg zu habilitiren. Besonders entgegenkommend aber 
erwies sich gegen alle Erwartung Meier, mit dem Reisig aus 
oben angedeuteten Gründen in einem misslichen Verhältniss 
gestanden, zu dem Ritschi schon deshalb bisher wenigstens 
in keine nähere Beziehung getreten war, obwohl er ihm die 
Zuweisung von Privatstunden verdankte, deren Ertrag ihm 
ein viertes Studienjahr möglich gemacht hatte. Eines Abends 
nun liess Meier den jungen Ritschi zu sich bestellen, setzte 
ihm den Vorschlag der Habilitation auseinander und forderte 
ihn auf nach einigen Tagen Bedenkzeit Antwort zu geben. Nach 
gepflogener Berathung mit den Freunden erklärt sich R., so- 
viel auf seine Einwilligung ankomme, vollkommen für den 
Plan entschieden. Nächsten Michaelis will er als Docent 
auftreten: die Collegia, die, zumal bei der geringen Con- 
currenz, sicheren Zulauf versprechen, sind bereits gewählt. 
Auch die Hauptschwierigkeit, die finanzielle, die in Berlin 
geringer sein würde wegen der grösseren Mannigfaltigkeit 
der Erwerbsmittel, hofft er zu überwinden durch die ihm von 
Meier eröfl&iete Aussicht auf ministerielle Gratificationen, 
durch Mitarbeit an der Hallischen Litteraturzeitung, wozu ihn 
wiederum Meier aufgefordert hat, durch anderweitige Recen- 
sionen, durch CoUegienhonorar, durch Betheiligung am Wie- 
derabdruck guter, längst vergriffener Bücher, wie das be- 
sonders in Leipzig massenhaft geschehe. So rechnet er mit 
gewohnter Geschicklichkeit drei- bis vierhundert Thaler jähr- 
licher Einkünfte zusammen. Die Kehrseite, welchen Kampf 
ihm die Resignation auf das geliebte Berlin gekostet hat, zeigt 
ein Brief an Niese vom 9. desselben Monats, welcher den 
bereits gefassten Entschluss, „an der am meisten vernach- 
lässigten und gewissermassen verachteten Universität Preus- 
sens, ohne Hegelstudium, ohne Kunststudium etc.", „mit einem 

1) An R. 6. Februar 1829. Schon erwartete man, freilich ohne 
besondere Befriedigung, die Berufung Bernhardy's. Sp. hielt Lobeck 
für den einzigen ebenbürtigen Nachfolger Reisigs. 



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54 Vorbereitung zur Promotion. 

grossen üeberdruss an Halle selbst, seiner ganzen äusseren 
und inneren Erscheinung", „mit der schönsten Aussicht zu 
verhungern" zwei Jahre lang bei Wasser und Brod einer 
Versorgung entgegen zu harren, als einen ziemlieh heroischen 
darstellt. 

Es galt nun unentwegt dem vorgesteckten Ziele ent- 
gegenzusteuern, die Masse des gesammelten Stoffs zusammen- 
zufassen, die zahlreichen Parerga, welche sich während der 
Untersuchung aufgedrängt hatten, zu beschneiden und an die 
Ausarbeitung der Promotions- und Habilitationsschrift zu 
gehen. Noch am 9. Februar war keine Zeile davon nieder- 
geschrieben, aber doch Ende April als Termin des Doctor- 
examens ins Auge gefasst. Am 23. März waren die Vor- 
arbeiten wirklich fertig, und wie von jeher bis zuletzt Ritschi 
geliebt hat, feste Zukunftsprogramme für seine Pläne zu ent- 
werfen, wurde nun der April zur Ausarbeitung der Disser- 
tation, der Mai zur Präparation für das mündliche Examen, 
Ende Mai zur Promotion bestimmt. Der Juni sollte daheim 
in Erfurt verbracht, der übrige Sommer auf Ausarbeitung 
der Habilitationsschrift und der CoUegien verwendet werden, 
am Ende des Sommersemesters sollte die Disputation pro 
venia docendi stattfinden. 

Ganz so programmmässig verlief nun freilich die Sache 
nicht. Abgesehen von den Störungen, welche der Tag brachte, 
erschwerte ihm auch das angeborne „Streben nach Gründ- 
lichkeit und AUseitigkeit^ welches er im Unmuth bitter ver- 
wünschte,*) die gebotene Concentration auf das nächste Ziel. 
Im Mai opponirte er als Senior des Seminars seinem Freund 
Schöne bei der Promotion. Erst im Lauf des Juni riss ein 
Blick in den Kalender den in behaglichem Studien- und Lebens- 
genuss Dahindämmernden aus seiner Ruhe, und nun ging es 
an ein Arbeiten „im eigentlichsten Sinne Tag und Nacht", 
so dass am 26. Juni eine Abhandlung von anderthalbhundert 
Folioseiten der Facultät eingereicht werden konnte. Im 
Vorgefühl der neuen Würde schrieb er am folgenden Tage 
der Mutter: „ — — Dafür kriegst Du nun auch einen 



1) An Niese 7. Mai 1829. 



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Promodon. 55 

neugebackenen Herrn Doctor ins Haus; und wie hübsch 
wird sich das ausnehmen, wenn Du künftig Deinen Brief 
adressirst: An den Herrn Doctor Fr. Ritschi in Halle; und 
wenn Hanne mich in Erfurt ruft: Herr Doctor, Sie mochten 
zu Tische kommen! und wenn ich zum OnkeP^ (in Erfurt) 
„sage: Guten Morgen, Herr College!?? Hahahaha! Na, wenn 
ich nach Erfurt komme, will ich auch meine Lache wieder 
einmal hören lassen, dass die Augustinergasse schüttert. Ich 
habe Dich auch recht gelobt in meiner Lebensbeschreibung, 
die die ganze philosophische Facultät in Halle zu lesen kriegt, 
und den Vater auch, und gerühmt, wie ihr mich so schön 
erzogen habt, und wie mich der Vater hat decliniren und 
conjugiren lassen u. s. w." Am 4. Juli bestand er (stimma 
mm laude) im Hause des Decans Gruber das mündliche 
Examen in Aesthetik, alter Geschichte, Chronologie, Geschichte 
der Geographie, griechischen Alterthümern , philosophischer 
Grammatik und Horazens Briefen. , „Geistesgegenwart und 
Räsonnement^', behauptet er, hätten ihm dabei mehr geholfen 
als positive Kenntnisse, Von Allem, was er zum Examen 
gelernt hatte, kam wie gewöhnlich Nichts daran. 

Da nun aber der Druck der eingereichten Abhandlung 
{de Jgathonis vita etc.) die Disputation und demzufolge die 
Promotion sehr verzögert haben würde, die Aufstellung 
nackter Thesen dem strengeren akademischen Brauche wider- 
sprach, so entschloss sich der Candidat auf den Rath der 
ihm sehr wohlwollenden Facultät in aller Eile einige Bogen 
vermischten Inhaltes, wie er es gerade zur Hand hatte, 
drucken zu lassen. „Abends^^, so berichtet er an Freund 
Niese, „kam ich um 8 Uhr aus dem Examen, und um 9 Uhr 
fing ich an zu arbeiten, drei Tage und drei Nächte durch, 
während welcher Zeit ich nur neun Stunden schlief: in der 
Druckerei zerrten sie mir das Manuscript blätterweis aus den 
Fingern, zuletzt mussten drei Setzer zugleich angestellt wer- 
den und arbeiteten für mein Geld zwei Nächte durch: so 
wurde das Ding Nachts verfasst, gesetzt, gedruckt, gebunden: 
ein wahres Werk der Nacht. Gebe Gott, dass einige lumina 
wenigstens es erhellen. Den Freitag machte ich 23 Visiten 
. . • Abgehetzt wie ein gejagtes Wild ruhte ich ein paar 



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56 Promotionsschrift. 

Stunden aus, und blieb wieder die ganze Nacht ausser zwei 
Stunden auf, um mich auf die Thesen zu präpariren, fuhr 
Sonnabends früh 10 Uhr zur Disputation, und wurde um 
halb 3 Uhr zum Doctor creirt. Darauf fiel ich in einen 
Todtenschlaf, bis ich Abends 8 Uhr zu meinem Doctor- 
schmause ging, den Pernice mir zu Ehren gab/^ Die Dis- 
putation fand am 11. Juli Morgens 10 Uhr statt. Es oppo- 
nirten Dr. Anton Rein und die Seminarmitglieder Rudolph 
Hanow und Gustav Kiessling. 

Die schedae criticae gewähren in ihrer improvisirten 
Auswahl eines bunten Inhaltes einen unmittelbaren Einblick 
in das Studierzimmer des Verfassers, in die mannigfachen 
Fächer seines Arbeitstisches. Die Hermannschen Aeschylus- 
vorlesungen wirken nach in den Coujecturen zu den Sieben 
vor Theben: eine derselben (ctetujv statt des Glossems 
eipT^v V. 1000), in welcher der junge Kritiker unwissent- 
lich mit Dobree zusammentraf, ist durch unzweideutiges 
Zeugniss der Mediceischen Handschrift bestätigt worden. 
Als eine Frucht des historischen Seminars bei Voigtel darf 
man die Abschnitte über Pausanias ansprechen, neben Bei- 
trägen zur Textemendation überwiegend Untersuchungen zur 
Geschichte der Lacedämonier, besonders zur Chronologie 
der Messenischen Kriege. Durch Reisig angeregt war die 
UntersuchuDg über die Prosodie von alterius,^) welche der 
Verf. in verschiedenen Stadien seines Lebens weiter verfolgt 
und zuletzt abschliessend und erschöpfend zu einem Resultat 
geführt hat, welches jene Reisigsche These freilich als ein- 
seitig und auf unzureichendem Fundament ruhend erwies. 
Es folgen in geschickten Uebergängen mit einander verknüpft 
Conjecturen und Beobachtungen zu den Anakreonteen, zu 
den Tragikern, zu Hesiod, worunter denn freilich manches 
Künstliche, auch Jugendliche, Mngeniosius quam verius', ent- 
schuldigt mit dem von Cicero entlehnten naiven Lieblingsspruch 



1) Jetzt opuscula ll p. 662 — 667. Ein begeisterter Reisigianer, 
Wensch, berichtet am 13. December 1827 an R., wie der von ihm an- 
gefachte Streit, ob man nach Reisigs Vorschrift alterius oder alterius 
sprechen solle, das Wittenberger LehrercoUegium in die ergötzlichste 
Atifregung versetzt habe. 



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Schedae criticae. Habilitation. 57 

quod si nihil sit, lusisse putemur^ sich findet, während Andres 
wie die Verbesserung zum Sophokleischen Aiax (ttoti statt 
TTOT^ 195) oder zu den Sieben (Tuxnc statt fuvf) 208) den 
Nagel auf den Kopf trifft. 

Die angehängten Thesen wie über die Geschichtschreiber 
des Namens Marsyas/) über die beiden Philosophen Ariston,^) 
sind zum grösseren Theil in späteren Abhandlungen ausge- 
führt worden, einige sind den Studien über Agathon ent- 
nommen; an die Disputation mit Foss erinnert die siebente 
These über die Chronologie des Platonischen Gorgias. 

Die Darstellung ist noch jugendlich breit, aber der latei- 
nische Stil in seiner charakteristischen Prägung, wenn auch 
nicht vollständig entwickelt, doch sicher angelegt; Schärfe 
der sprachlichen Beobachtung, Erfindsamkeit und Gesundheit 
des Urtheils, Sorgfalt und Umsicht der Beweisführung bei 
umfassender Berücksichtigung der Litteratur, wesentliche 
Eigenschaften auch der vollendeten Ritschlschen Methode, 
sind bereits in bedeutendem Grade ausgebildet. Der Stoff ist 
aus dem Vollen geschöpft und doch der unnütze Ballast ver- 
mieden. Mit liebenswürdiger Pietät bei voller Freiheit des 
Urtheils wird des verewigten Meisters Reisig wiederholt ge- 
dacht und an seine Schriften angeknüpft. 

4. Habilitation. 

Nach kurzem Besuch in der Heimath, von wo der junge 
Doctor schon am 24. Juli wieder zurückkehrte, erfolgte am 
15. August die Habilitation. Die Habilitationsschrift, welche 
schon mit dem Promotionsgesuch circulirt hatte und jetzt im 
Druck war, wurde nicht von Neuem vorgelegt. Vom Col- 
loquium wurde er durch einstimmigen Beschluss der Facultät 
dispensirt. Gruber ging voran mit der Bemerkung: „von 
einem CoUoquium kann bei Herrn Dr. R. wohl keine Rede 
sein"; und die Uebrigen stimmten ihm zu. Bei der Dispu- 
tation fungirte der getreue Hanow als Respondent. 

Die kurze lateinische Rede,^) welche die Disputation 

1) Ausgeführt im Breslaner Sommerproömium 1836 = opusc. I 
449 ff. 2) Ausgeführt 1841 im Rhein. Mus. I 193 ff. = opusc. 1561 ff. 
3) Der Anfang ist verloren. 



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58 Habilitation. 

eröffnete, setzte auseinander, wie nothwendig als Ersatz der 
verloreneu Litteraturmassen Sammlung und kritische Bearbei- 
tung der Fragmente sei, wies beispielsweise auf den Mangel 
einer solchen Arbeit für die Hesiodischen Gedichte hin, deutete 
an, wie verschieden je nach dem Stoflf die Grade der Wahr- 
scheinlichkeit bei Wiederherstellungsversuchen des Zusam- 
menhanges seien, und warf einen Seitenblick auf die vor- 
nehmen Verächter der Fragmentkritik. ^) 

Hierauf zum Respondenten gewendet, die Wahl desselben 
durch seine Geschicklichkeit (besonders orationis facultas 
prorms singularis), durch Freundschaft und Uebereinstim- 
mung der Ansichten motivirend, erklärte er, warum er es 
vorgezogen habe, sich nach alter Sitte einen Respondenten 
zu nehmen', statt wie er anfangs gewollt imd wie es jetzt für 
feiner gelte, ohne sociuß die Disputation allein zu führen. 
Er sei belehrt worden, dass jene Einrichtung der Vorfahren 
ihren guten Grund habe: denn die Fähigkeit eine wissen- 
schaftliche Schrift öffentlich zu vertheidigen, sei bei der Doctor- 
disputation zu bewähren; wer sich als Docent habilitire, habe 
zu beweisen, dass er im Stande sei Disputationen zu leiten. 

Die Disputation erhielt durch die Gegenwart des Pro- 
rectors Blume, des Decans und einer Anzahl befreundeter 
Professoren, wie des Juristen Pernice und des Mediciners 
Friedländer eine besondere Weihe. Activ betheiligte sich 
auch Prof. Meier an derselben. Am 17. August bereits sandte 
der junge Privatdocent die Ankündigung seiner Wintervor- 
lesungen an den Decan ein; an demselben Tage legte die- 
ser der Facultät den sehr empfehlenden Bericht an das 
Ministerium vor, und am 29. erfolgte die Genehmigung der 
Habilitation durch Ministerialrescript. 

Die der Facultät vorgelegte Habilitationsschrift de 
vita Agathonis war nur ein Bruchstück eines nach 



1) In hoc igitv/r liUerarum ülarum splendore felidssimo sticcessu 
ah ingeniosissimis hominibus tractatarwn , quü non demiretwr esse 
quosdam, qui genus illud omne fastidiant et despieatui haheant? Vidi- 
mus enim vociferantes, et certi nihil esse dictitantes in eo gener e, omnia 
vero ingeniosi ItMus nomine digniora quam subtilis et fructuosae in- 
vestigationis. 



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Agathonica. 5y) 

grossem Plan angelegten, zum Theil bereits vollendeten 
Buches de Agaihonis vita, arte et tragoediarum reliquiis. Auch 
von jener wurden für die akademische Publication nur die 
Abschnitte (cap. V— VII) gedruckt, welche die Lebenszeit 
des Dichters untersuchen. 

In der Vorrede wird gegenüber den Verächtern eingehen- 
der chronologischer Untersuchungen die Methode und Auf- 
gabe der historischen Philologie betont, und die stib- 
tüis temporum investigatio mit Scaliger als ItAX historiae 
bezeichnet. Der geschickt verschlungene Faden der Unter- 
suchung geht von den Angaben des Praxiphanes über 
die Zeitgenossen des Thucydides aus, dringt dann auf An- 
lass der Notiz bei Aelian, dass. Agathon 40 Jahre alt 
war, als er sich am Hofe des Königs Archelaos aufhielt, um 
die Regierungszeit desselben zu ermitteln, tief in die höchst 
verwickelte Frage über die makedonische Königsliste ein; 
ermittelt, wann Euripides zu Archelaos ging, was wiederum 
nicht entschieden werden kann ohne die eingehendste Unter- 
suchung über das Todesjahr dieses Dichters, dessen Bestim- 
mung durchaus abhängt von der Entscheidung über das 
Todesjahr des Sophokles. Auf solchen Umwegen wird erst 
annähernd das Geburtsjahr des Agathon gefunden; genauer 
präcisirt wird es durch die Ermittelung der im Platonischen 
Protagoras für den Dialog fingirten Zeit, in der Agathon als 
veov ?Ti |i€ipdKiov aufgeführt wird. Um ferner die Lebens- 
dauer desselben zu bestimmen, wird zuvörderst untersucht, 
wann er eigentlich nach Makedonien gegangen, und da er 
zur Aufführungszeit der Thesmophoriazusen noch in Athen 
war, in welches Jahr diese zu setzen sei. Die Lösung dieses 
auch an sich sehr verschlungenen Knotens wird aus einem 
der nicht zum Druck gelangten Capitel entlehnt. Sicher ist, 
dass Agathon bei Aufführung der Frösche nicht mehr in 
Athen war, aber wenn es dort heisst: diroixeTai ... de |ia- 
KOipujv €uu)xiav: ist dies von den Inseln der Seligen oder von 
der Tafelrunde an der makedonischen Königstafel zu ver- 
stehen? Die Richtigkeit der letzteren Erklärung wird be- 
wiesen durch die Chronologie des Platonischen Gastmahls, 
aus welchem hervorgeht, dass, als ApoUodorus dem Glaukon 



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60 Agathonica. 

davon erzählte (vor dem Tode des Sokrates), Agathon noch 
lebte und bereits seit vielen Jahren sich im Auslande auf- 
hielt. Die äusserst gewandte, in den meisten Punkten über- 
zeugende Beweisführung zeigt die volle Herrschaft des Ver- 
fassers über die Periode der Litteratur, welcher diese Special- 
studien zugewendet waren. Das leuchtende Beispiel, welches 
Bentley für kritische Behandlung des litterarhistorischen 
Stoffes gegeben, hatte bis dahin noch nicht gar viel leistungs- 
fähige Nachfolger gefunden. Hier war Einer, der mit Er- 
folg in seinen Spuren und über diese hinaus fortzuschreiten 
befähigt war. 

Die angehängten smteniiae controversae sind wieder zum 
grösseren Theil ausgewählte Ergebnisse der cömmentationes 
Ägathonicae (Dinarchs Rede für Agathon, Aufführungszeit der 
Euripideischen Andromeda, erstes Auftreten Agathons), theils 
ergänzen sie die in den sehedae criticae über die Prosodie von 
aZ^r/«(5 vorgetragene Ansicht durch Verbesserungsvorschläge 
zu Plautus und den Satiren des Ennius. 



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Lehrth'ätigkeit in Halle 

1829-1833. 



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1. Erste Erfolge. 

Schöne, genussreiche Wochen in Erfurt, unter Verwandten 
und Freunden verlebt, belohnten den jungen Gelehrten für die 
unerhörten Anstrengungen des Sommers. Den Beschluss 
machte am 28. August die Hochzeit der geliebten Schwester 
Henriette mit dem Hofrath von LancizoUej der Bruder be- 
gleitete das junge Ehepaar noch eine Strecke bis Halber- 
stadt Von da kehrte er nach Halle zurück, wo er am 
22. September eintraf. Das langentbehrte Familienleben hatte 
ihn weich gestimmt, so dass er wehmüthig sich von den Ge- 
liebten verabschiedete, und als er sich nun „wieder in das 
weite und öde Meer" seiner Einsamkeit zurückgestossen 
sah, ergriflf es ihn mehr als je, und er konnte seiner 
Thränen stundenlang nicht Herr werden. Aber bald übte 
das „abhärtende Klima" von Halle seine „specifische Kraft" 
aus, „die Hechte des Gefühls und Gemüths zu ersticken"; 
und die Umgebungen der gewohnten Arbeitsstube riefen ihn 
zu seiner unterbrochenen Thätigkeit zurück. Er fand mehrere 
ausserordentlich anerkennende Dankschreiben für Dissertation 
und Habilitationsschrift vor, das eine vom Ministerium, ein 
andres yoi^ Süvem, ein besonders warmes, schliessend mit 
dem Wunsche, dass er sich in dem von ihm „gewählten, 
höchst scjiwierigen Berufe eines glücklichen Erfolges erfreuen 
möge", von Johannes Schulze. Schon durch Ministerialrescript 
vom 25. Mai^) war dem Vater auf besondere Empfehlung 
der Facultät/ die durch persönliche Verwendung Einzelner wie 
Voigtel's u. A. noch wirksam verstärkt war, eine Beihülfe 
von löO Thlrn. in der Absicht bewilligt worden, dass er 
seinen Sohn „zu der von ihm zu ergreifenden Laufbahn eines 
akademischen Docenten unterstützen" möge, xmd wenn der- 



1) Unterz. v. Eamptz, adressirt an den Herrn Prediger Ritschi 
in Vargulal 



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64 Auswärtige Ürtheile. 

selbe fortfahre sich auszuzeichnen, für das nächste Jahr eine 
ähnliche Unterstützung in Aussicht gestellt worden. Aus- 
wärtige angesehene Gelehrte drückten ihren Beifall über die 
ausgezeichneten Erstlinge aus. So bot Göttling in Jena 
dem würdigen Schüler Reisigs freundschaftlich die Hand; ^) 
Meineke in Berlin schrieb: „die Untersuchung über Agathon 
kann ich nicht anders als meisterhaft nennen*' (6. October 
1829); K. W. Krüger berichtete (2. Januar 1830), dass er 
in den Anmerkungen zum Clinton fast genau dieselbe Ge- 
burtszeit des Agathon angenommen und das Zusammen- 
treffen noch im Index angemerkt habe. Wilhelm Dindorf,^) 
die ehemalige Fehde mit würdigem Schweigen ignorirend, 
gestand, „seit längerer Zeit in keiner Schrift dieser Art 
auf so wenigen Seiten so zahlreiche Beweise von Scharf- 
sinn, richtigem Urtheil und wohlangewendeter Gelehrsamkeit 
vereinigt gefunden zu haben/' Reichliches Lob spendete 
Böckh den schedae criticae.^) Etwas kritischer, aber auch 
inhaltsreicher ist Lachmanns Schreiben.*) „Sie werden in 
einiger Zeit wahrscheinlich nicht mehr so viel Oonjecturen 
machen," schreibt er, „aber auch die jugendlichere Fülle ist 
angenehm." 

Unter den erfreulichsten Hoffiiungen durfte also der 
junge Docent seinem ersten Semester entgegensehen. Schon 
14 Tage vor Beginn der Vorlesungen hatten sich für sein 
publicum über die Oden des Horaz 68 Zuhörer angemeldet. 
Am Tage vor der wirklichen Eröffnung (am 1. ^November) 
versammelte er einen kleinen Kreis seiner nächsten Freunde 
im Auditorium, trug ihnen vom Katheder herab den Anfang 
seiner Einleitung vor, und forderte dann seine Zuhörer auf, 
ihre kritischen Bemerkungen zu machen. Die Generalprobe 
verlief, wie einer d.er Zeugen versichert, äusserst heiter und 
befriedigend. 

Die Eröffnung der Vorlesungen war ein akademisches 



1) 3. November 1829. 2) 25. Octbr. 3) Schreiben vom 22. 
Octbr. 1829: „Mein Xdßoio, was Sie anführen [p. 25= opusc. I 719], 
hat mir Spass gemacht; ich habe kein Wort mehr davon gewusst, 
denn ich habe ein klein wenig von Didymos' XT]C)Lioa3vr) an mir." 
4) Ohne Datum. 



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HoraÄvorlesung. 65 

Ereigniss. Alles wollte den durch die Disputationen allge- 
mein bekannt gewordenen, streitbaren und schlagfertigen 
Kämpen auf dem Katheder sehen und hören. ^) Zu der öffent- 
lichen zweistündigen Vorlesung über Horaz fanden sich so- 
gleich an 300 Hörer ein, darunter 160, zuletzt 199 einge- 
schriebene, so dass man in das grösste Auditorium über- 
siedeln musste. Dasselbe war trotzdem so voll, dass schon 
eine halbe Stunde vor dem Anfang keiner mehr herein- 
kam: unter Pfeifen, Trommeln, Singen sprang man zu den 
Fenstern herein über Tische, Bänke, Katheder, bis der blut- 
junge, bartlose Docent eintrat. Dann einmaliges vielzüngiges 
Zischen zum Zeichen der Ruhe und lautlose Spannung bis zu 
Ende der Stunde, nur unterbrochen durch den Jubel über 
einen gelegentlichen Witz, wie wenn z. B. der fortlaufenden 
Commentare gedacht wurde, „welche fortlaufen, wo sie stehen 
bleiben sollten." In der ersten Stunde war die Rede von 
Horazens sittlichem Charakter, in der zweiten von seinem 
poetischen, in der dritten von den Bearbeitungen des Dich- 
ters. Der frischen, durchschlagenden Vortragsweise dienten 
die über denselben Gegenstand handelnden trivialen Vor- 
lesungen eines alten, von Wittenberg übernommenen Pro- 
fessors Rabe zur Folie. Als freilich die spinöse Chronologie 
der Oden zur Sprache kam, verminderte sich, wie es zu gehen 
pflegt, die Begeisterung der jungen Herren. 

Interpretirt wurden die sieben ersten Oden des zweiten 
Buches der Reihe nach mit allseitiger Berücksichtigung des 
Sprachgebrauchs, des poetischen Stils, der Realien und Per- 
sonalien, des Gedankenganges. Hier und da methodische 
Winke (z. B. über die verkehrte Geschichtsklitterung der- 
jenigen Erklärer, welche überall bei H. verborgene persön- 
liche Anspielungen wittern, oder über das Recht und die 
Pflicht, bei einem so gefeilten Dichter wie H. jeden Aus- 
druck auf die Goldwage zu legen); ferner culturhistorische 
Erörterungen wie über die Verschiedenheiten antiker und 
moderner Sitte in erotischen Dingen, auch behagliche prak- 

1) An die Mutter im Sommer 1829: „ich bin durch die Disputa- 
tion in Halle bekannt wie ein bunter Pudel, vielleicht auch wie noch 
was besseres." 

Ribbeck, F. W. Ritschi. 5 



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66 Metrik. 

tische Nutzanwendungen, wie denn z. B. (zu II. 3) sehr sym- 
pathisch das dolce far niente gepriesen wurde, „welches 
Einem in gewissen Stimmungen so wohlthut, besonders nach 
angestrengter Arbeit, in den Ferien, nach der Schilderung 
des Dichters namentlich in den Sommerferien, wo man hin- 
gestreckt liegt auf weichem Rasen . . . und höchstens eine 
leichte Leetüre zur Hand hat wie den Horaz, wobei das beste 
von Allem nicht zu vergessen, ein Glas Falernerwein und zwar 
alten/' Die Kritik war überwiegend conservativ. Von den 
radicalen Angriffen, welche R. in viel späterer Periode auf ge- 
wisse Theile der ersten Ode des zweiten Buches gerichtet hat, 
noch keine Spur: selbst Bentley's Bedenken gegen wudire werden 
zurückgewiesen. Nur die letzte Strophe der fünften Ode wird 
als ein „müssiges Anhängsel" bezeichnet, „so dass vielleicht 
sogar die Vermuthung gewagt werden darf, sie sei gar nicht 
von H., sondern ein Zusatz von fremder Hand," denn von 
der Thatsache Horazischer Interpolationen haben ihn Butt- 
manns und Näke's Erinnerungen überzeugt. Eine metrische 
Uebersetzung (sehr treu, aber nicht sehr glatt) fasste jedes- 
mal das Resultat der Einzelerklärung zusammen. Zum Schluss 
wünschte R. seinen Zuhörern „eine heitere praktische An- 
wendung der Horazischen Lebensphilosophie." 

Massiger, aber in Betracht des weniger populären Stoffes 
doch sehr befriedigend war der Besuch der dreistündigen 
Privatvorlesung über Metrik (39 Zuhörer). In der Ein- 
leitung gab R., durch Böckh's bahnbrechende Untersuchun- 
gen angeregt, was Hermann vernachlässigt hatte, einen histo- 
rischen Ueberblick über die allmälige Entwickelung der metri- 
schen Kunst in der antiken Poesie, ferner über die wissen- 
schaftliche Behandlung derselben, die metrisch - musikalische 
Litteratur des Alterthums, die Theorieen der Alten und der 
Neueren. Principielle Fragen über die Natur des Rhythmus, 
Caesur und andere Grundbegriffe hatten schon den Studenten 
in dem Maasse beschäftigt, dass er mit seinem Freunde 
Schmalfuss, der in Berlin Mathematik und Physik studierte, 
darüber correspondirte.') Er nahm in diesen Dingen schon 

1) Schmalfuss an R. 18. Febr. 1829. Im Memoriale 28. Aprill828: 
„An Niese u. A. zu schreiben über Rhythmus, Caesur." 



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Metrik. 67 

damals einen durchaus selbständigen Standpunkt ein. Die- 
selben Grundanschauungen, welche er im ersten Semester 
vortrug, hat er auch in der Folge wesentlich festgehalten. 
Bei aller Verehrung für Hermanns grossartige Empirie, 
welcher für die wissenschaftliche Kenntniss der Metrik ge- 
leistet habe, was Archilochus für ihre künstlerische Ausbil- 
dung, verwarf er entschieden die wunderlich auf Kantischen 
Kategorien aufgebaute philosophische Theorie desselben, z. B. 
die Erklärung von Arsis und Thesis aus dem Gesetz der 
Causalität. Sehr lebendig und geschickt wurde die Darstel- 
lung der wissenschaftlichen Kämpfe, welche H. theils mit 
Porson, theils mit Böckh zu bestehen hatte, mit einer un- 
parteiisch abwägenden Kritik der verschiedenen Ansichten 
verwoben. Besonders eingehend wurde die Apelsche Theorie 
der Taktgleichheit widerlegt und der unhistorischen Ver- 
mengung des sprachlichen und des musikalischen Rhythmus 
entgegengetreten. Den poetischen Rhythmus bezeichnete er 
als das Erzeugniss einer ethischen Kraft, die ihren Grund 
habe in der Bewegung des Gemüthes; als das Grundgesetz 
desselben „Einheit in der Mannigfaltigkeit": er suchte es nach 
den verschiedensten Richtungen hin durchzuführen. Die Po- 
sition der den Rhythmus erzeugenden Kraft sei die Arsis, 
ihre Negation die Thesis. Aus demselben Princip, aber in 
umgekehrter Richtung, erklärte er die Caesur als den Ein- 
schnitt im Verse, wodurch der Einheit desselben die Mannig- 
faltigkeit verliehen werde. 

üeber den allgemeinen Theil kam die Vorlesung dieses 
erstemal nicht hinaus. Was den R.'schen Darlegungen metri- 
scher Erscheinungen zu aller Zeit und schon in diesem ersten 
Entwurf einen so besonderen Reiz verlieh, war, dass er 
unabhängig von philosophischen Abstractionen, wohl bekannt 
mit den Sätzen der alten Theoretiker, ohne sich den ein- 
seitigen, oft mechanischen Lehren derselben in blindem Aber- 
glauben gefangen zu geben oder durch künstliche Hypothesen 
aus den Schnitzeln zertrümmerter Systeme problematische 
Gebäude zu construiren, in freier künstlerischer Anschauung 
die in der Poesie des Alterthums offenbarte Kunst nach- 
empfand und ihre Gesetze aus dem schöpferischen In- 



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68 StimmüDg. 

nern des rhythmischen Gefühls gleichsam herauszulocken 
wusste. 

Gleich in den ersten Stimden sprach er ganz frei in 
Reisigs Weise, fand aber denn doch die geistige Anstrengung, 
welche es koste, so im Drange des Augenblicks Stoff und 
Form zugleich zu beherrschen, gewaltiger als er sich vor- 
gestellt hatte, als „eine das ganze Innere aufregende und 
gleichsam umwühlende Thätigkeit," in seinem Falle um so 
mehr, als er durch einen längeren Besuch seines Freundes 
Niese verhindert, die Vorlesungen begonnen hatte, ohne nur 
für eine einzige Stunde vorgearbeitet zu haben. Nun musste 
die tägliche Vorbereitung ganz frisch von früh Morgens 4 Uhr 
an bis zur CoUegstunde Nachmittags um 5 Uhr beschafft 
werden, so dass er am Abend schachmatt und aufgelöst 
der Ohnmacht nahe war. Zu spät erkannte er, dass er mit 
zwei CoUegien und einem Privatissimum eine Aufgabe über- 
nommen hatte, die für einen Anfänger fast erdrückend 
sein musste. Am wenigsten Arbeit kostete ihm das nach 
Reisigs Beispiel eingerichtete Privatissimum: lateinische 
Schreib- und Disputirübungen (dreimal wöchentlich) in ge- 
schlossenem Kreis von zwölf Theilnehmem. Hier galt es 
seiner viel bewährten Schlagfertigkeit freien Lauf zu lassen, 
und das sicher Erworbene im Augenblick mit Geistesgegen- 
wart und Lebendigkeit geltend zu machen. Aber die unab- 
lässige Hetze, das Aufregende und doch Unbefriedigende 
einer in unaufhaltsamem Zuge fortlaufenden Arbeit, deren 
einzelne Pensa mit dem Glockenschlage abgeschlossen sein 
mussten, Hessen ihn zu einer Freude über den Erfolg 
nicht kommen, vielmehr bemächtigte sich seiner in Folge 
nervöser Ueberreizung ein Gefühl der Wehmuth, der Un- 
sicherheit, und Verlassenheit, ein bis dabin trotz seiner frühen 
Entfernung vom ElternhauSfe nie gekanntes Heimweh, dass 
er stundenlang den Thränen nicht wehren konnte und nur 
die Weihnachtszeit heransehnte, die ihn wieder nach Erfurt 
zurückführen sollte. 

Zu einiger Erleichterung setzte er nach glücklichem 
Verlauf der ersten drei Wochen einmal „wegen Heiserkeit'^ 
aus, und auf dem Sopha bei Katfee und Zwieback ausge- 



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Pernice. 69 

streckt, von der Leetüre häuslicher Briefe erquickt, nahm 
er den Kalender zur Hand und notirte sich „mit lebhaftester 
Vergegenwärtigung" die leuchtenden Tage der Zukunft: 
„16. December Schluss der Metrik und des Privatissimum, 
17. Decbr. Schluss des Horatius; 23. Decbr. Abreise von 
Halle nach Erfurt/' und so fort bis in den Sommer hinein, 
wo der Horizont sich wieder verfinsterte. 



2. Geselliges Leben. 

Erholung von der anstrengenden Tagesarbeit suchte er 
Abends in reger Geselligkeit, in die er sich wie in ein 
erfrischendes Bad wiederum mit der ganzen Lebhaftigkeit 
seines Wesens stürzte.^) In den Hallischen Professorenhäusern 
war er ein gern gesehener Gast: besonders in den Familien 
Niemeyer und Pernice ging er als intimer Hausfreund aus 
und ein. Die Frau Kanzlerin Niemeyer, eine vortreffliche 
alte Dame von jugendlicher Munterkeit und feinem Takt, 
legte die letzte Hand an seine gesellschaftliche Bildung. Der 
grüne Flauschrock, in dem er bisher nachlässig genug ein- 
hergegangen war, wurde abgedankt und der Toilette mehr 
Sorgfalt zugewendet. Besonders vor älteren Damen fand der 
interessante junge Mann wegen der Devotion und Bescheiden- 
heit, d^ren er sich gegen sie befliss, hohe Gnade: er machte 
ihnen den Eindruck des „Mädchenhaften", während ihm doch 
der Schalk aus den Augen sah. In dem Hause des Juristen 
Pernice, des Schwiegersohnes von Niemeyer, war er schon 
bei Reisigs Lebzeiten durch dessen Vermittelung eingeführt 
worden: der gemeinsame Schmerz um den Verlorenen knüpfte 
das Band zwischen ihnen noch enger. Eine feine aristokra- 
tische Natur, weder gross noch tief angelegt, nicht ohne eine 
Ader französischer Frivolität, aber von vielseitigem Interesse, 
höchst umsichtig und taktvoll in Geschäften, unerschütter- 
lich treu in der Freundschaft, dienstwillig und theilnehmend 
im rein menschlichen Verkehr, ein heiterer Lebemann und 
anmuthiger Gesellschafter, nahm sich Pernice der verwaisten 



1) An Niese 5. Decbr. 1829. 



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70 Geselligkeit. 

Jünger seines geliebten Freundes Reisig wohlwollend an/) be- 
sonders aber zog er Ritschl in seinen geselligen häuslichen 
Kreis, dessen Reiz noch durch eine liebenswürdige junge 
Schwester erhöht wurde. Es bildete sich eine Freundschaft, 
die trotz der entgegengesetzten politisch -religiösen Richtung 
beider für ihr ganzes Leben vorgehalten hat und in ununter- 
brochenem Briefwechsel bis zum Tode des Aelteren gepflegt 
ist. Auch als Pemice, der Vertrauensmann der pietistisch- 
reactionären Regierung und der Kreuzzeitungspartei, das Amt 
eines Halle'schen Universitätscurators zu schwerem Aerger- 
niss des Liberalismus, bisweilen mit Härte führte, hielt 
Ritschl, dessen unbefangener Blick manche giftige Verleum- 
dung, welche dem Verhassten angehängt wurde, durch- 
schaute, doch an dem bewährten Genossen fest, ohne ihm 
die Differenz seiner Ueberzeugungen irgend zu verhehlen, 
oder von der andren Seite mit Bekehrungsversuchen be- 
helligt zu werden. 

Der Winter 1829/30 verging sehr gesellig, wie über- 
haupt die Hallenser Jahre 1829 — 33 von R. selbst als der 
„sociale Silberblick^^ seines Lebens . bezeichnet sind. Es gab 
Kindtaufe bei Pernice, Museumsbälle, Eisschlittenfahrten auf 
der Saale. Im Gasthof zur Stadt Zürich fand sich täglich 
eine geschlossene Mittagsgesellschaft zusammen, bus jüngeren 
Docenten, Assessoren und Referendarien bestehend. Sie hatte 
sich eine republikanische Verfassung als „Stadt Zürich" mit 
zwei Bürgermeistern an der Spitze des Rathes gegeben; der 
joviale Ton an dieser Tafelrunde und die lustigen Schwanke, 
welche von ihr ausgingen, gewährten Ritschl, der ihr seit 
dem 1. Februar 1830 angehörte, eine Erheiterung, deren er 
in manchen Anwandlungen von Abgespanntheit und Nieder- 
geschlagenheit sehr bedurfte.^) Im folgenden Winter wurde 
er in den Museumsvorstand gewählt, hatte die Bälle zu leiten 
und nahm besonders während seiner einmonatlichen Würde 
als Museumsdirector im Februar 1831 Gelegenheit, sein von 
der Mutter geerbtes Administrationstalent zu bewähren. Was 

1) So feierte er Schöne's Promotion durch einen Doctorschmauss, 
wozu auch die Opponenten Rein, Büchner und Ritschl geladen waren. 
7. Mai 1829: Brief an Niese. 2) An d. Mutter 20. Febr. 1830. 



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Freunde. 71 

er oft geäussert, dass er eigentlich zum praktischen Ge- 
schäftsmann geboren sei, bestätigte sich ihm bei dem Ge- 
lingen seiner eifrigen Bemühungen vollkommen.^) 

Zu den Hallenser Genossen jener Zeit gehörte ausser 
den schon Genannten Heinrich Leo, gleichfalls ein ehe- 
maliger Freund Reisigs und einer der übermüthigsten, bis 
er sich mit den Romantikem verbündete, um durch Pietismus 
und sogenannte historische Schule Staat und Kirche ' zu 
regieren: eine geniale Kernnatur, bis zu cjmischer Rücksichts- 
losigkeit subjectiver Gemüthsmensch auch in seiner Wissen- 
schaft. Dazu gesellte sich Rosenberger, der junge Director 
der Sternwarte, der unserem Ritschi bis zu dessen Abgang 
sehr nahe stand, der Mathematiker Scherk (später in Kiel), 
Rosenkranz, „der ohne den Hegelianer stark zu betonen, 
das Interesse für Poesie, Litteratur, Mythologie durch grosse 
Belesenheit, treifende Gedanken, liebenswürdige Form mächtig 
zu wecken wusste."^) Auch Meier, der in wohlwollendster 
Weise den jungen hofiftmngsvoUen Gollegen zu fordern suchte,^) 
nahm unter dem Ehrennamen „der alte Meier" an der heitren 
Freitagsgesellschaft Theil, welcher die eben Genannten und 
andere jüngere Docenten sowie R. selbst angehörten, liess 
sich auch gelegentlich durch mehr oder weniger sanften 
Zwang bestimmen, die Quellen seines wohlversehenen Kellers 
zu öffnen. Zu nennen sind ferner die Juristen Blume (der 
bald nach Lübeck ging) und Heffter, der Philologe Förtsch, 
Lehrer am Pädagogium und zugleich Docent an der Univer- 
sität (er las über griechische Redner und Cicero's philoso- 
phische Schriften); nicht minder Adolf Stahr und Theodor 
Bergk, die beide als Lehrer am Waisenhause sich in sehr 
gedrückter Lage befanden. Ein vortrefflicher Geselle war 
Arnold Rüge,"*) der nach überstandener sechsjähriger Ge- 
fangenschaft (1824 — 1830), zu der er als Jenenser Demagog 
verurtheilt worden war, Ostern 1831 nach Halle kam, wo er 



1) An die Mutter 3. Febr. 1831. An Niese 11. Febr. 2) Echter- 
meyer a. 0. Vergl. Rosenkranz: Von Magdeburg nach Königsberg 
S. 410. 3) Vgl. Ritachl opusc. I 430: Eduardo Meiero. [viro hono 
inprimis, praeceptori fautorique benevolentissimo.] 4) Aus früherer 
Zeit. III 335 fF. 



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72 Rage. 

zunächst am Pädagogium und am Gymnasium des Waisen- 
hauses Unterricht übernahm, bald aber sich an der Univer- 
sität für Philologie habilitirte, und mit einem Collegium über 
platonische Aesthetik begann. Auf dem Bauche liegend, 
zwischen sich den Weinkrug, ergötzten sich die beiden 
Freunde gemeinschaftlich an Plato's Phädrus. Besonderer 
Güte verdanken wir folgende Aufzeichnung. 

„Es war im Jahre 1831 nach der Juli-Revolution, als 
„ich in Halle a/S. durch Hermann Niemeyer mit ßitschl 
„bekannt wurde. Die Ereignisse animirten zwar auch diese 
„Kreise, aber es war kein so lebhaftes Zeitinteresse unter 
„den Professoren herrschend, wie in Jena, woher ich kam. 
„Die verschiedenartigsten Ansichten, wie die von Leo, Pernice 
„und Gerlach, der damals in Halle am Stadtgericht wirkte, 
„und die Ansichten von Niemeyer, von mir selbst u. s. w. 
„begegneten sich in geselligen Kreisen und riefen keinen 
„Zusammenstoss hervor. Selbst die jüngere Professoren- 
„gesellschaft war politisch farblos, nur der Pietismus that 
„sich auf und suchte sich zu constituiren. 

„Als ich mich bei der Universität habilitirt hatte, trat 
„ich in ein sehr intimes Verhältniss mit ßitschl, der als Privat- 
„docent viel Glück machte und schon eine Carriere hinter 
„sich hatte, als ich die meinige zu eröffnen suchte. Unser 
„vertrauter Verkehr wurde noch durch die Wohnung be- 
„fördert, da mir Ritschi dazu verholfen hatte, mich bei der 
„Kanzlerin Niemeyer, einige Häuser von ihm, einzumiethen. 
„Ritschi hatte etwas Vornehmes und viel Sinn für feine Ge- 
„selligkeit. Er sagte zu mir: ^Nun musst Du der Kanzlerin, 
„•Deiner Wirthin , einen eleganten Besuch machen, und ebenso 
„Pernice, -Deinem Hausgenossen.' Beides führte ich natürlich 
„gewissenhaft aus, und namentlich die Bekanntschaft der 
„Frau. Kanzlerin wurde für mich erfolgreich; sie führte zu 
„meiner Verheirathung, mid ich will hier nur erzählen, wie 
„Ritschi mich wieder dirigirte, als es mit diesem Verhältnisse 
„Ernst wurde. Ich besuchte ihn des Morgens,^) und ver- 
„traute ihm ^ an, dass ich eben im Begriff stünde, mich zu 
„verloben.'^) Er wusste schon, mit wem. ^Aber in diesem 

1) Ende Mai 1832. 2) Mit Louise Düffer. 



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Kuge. 73 

„Aufzuge', Hess er mich an, ich war ihm lange nicht elegant 
„genug gekleidet. *0,' sagte ich, *sie ist den Aufzug schon 
„gewohnt/ *Und nicht einmal Gla9ehandschuh hast Du an; 
„so kannst Du doch unmöglich dort ankommen ! ' Er zog eine 
„Schublade hervor, die zu meinem Erstaunen ganz voller 
„Handschuhe war, und hiess mich ein Paar aussuchen, da- 
„mit ich doch regelrecht gekleidet wäre. Er nahm an der 
„Begebenheit den allerlebhaftesten Antheil und Hess mich 
„versprechen, sobald als ich könnte, ihm den Erfolg mitzu- 
„theilen. Wir waren später häufig zusammen, bei Ausflügen 
„in der Umgegend und in Gesellschaften, vorzüglich bei der 
„Frau Eanzlerin. 

„In der Gesellschaft der jungen Professoren hatte Leo 
„allgemeine Brüderschaft eingeführt, dadurch war ich auch 
„mit Ritschi auf den Duz-Comment gekommen. Doch bin 
„ich der Sache nicht ganz gewiss, es ist auch möglich, 
„dass unsre Brüderschaft einen andern Anfang genommen 
„hat. Ich hatte den „Oedipus in Kolonos" in gutes Deutsch 
„und moderne Form übersetzt und in Jena drucken lassen. 
„Davon verehrte ich Ritschi ein Exemplar. Als er es ge- 
„lesen hatte, sagte er zu mir: ^Es ist mir eigen mit Deiner 
„Uebersetzung gegangen; sie liest sich leicht und ich habe sie 
,;frei auf mich wirken lassen, wie irgend eine andere original- 
„deutsche Leetüre. Da finde ich denn nun, dass uns diese 
„Alten mit ihrer Rhetorik und Plastik gegen die Neueren 
„viel zu wünschen übrig lassen; wenn man das Griechische 
„liest, so wird man philologisch von der Sache abgezogen 
„und nimmt Alles ohne Kritik hin. Du hast mir nun das 
„Vergnügen gemacht, dass ich einmal von dem Formellen 
,,abstrahirt habe und unmittelbar in die Sache hineingerissen 
„worden bin. Schade, dass Du nicht den ganzen Sophokles 
„auf diese Weise uns angeeignet hast.' 

„Ueber die Hegersche Dialektik und ihr Verhältniss zur 
„Platonischen, mit der ich mich genau beschäftigt hatte, 
„forderte er zu einer Zeit Auskunft von mir, als ich mit 
„Hegel noch nicht bekannt genug war, um sie ihm geben 
„zu können; aber ich gestehe, dass dieser Umstand mir ein 
„Antrieb wurde, mich sofort zu unterrichten; besonders als 



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74 Rüge. 

„ich ein Collegium über Aesthetik zu lesen hatte, und dabei 
„von dem Begriff der Erscheinung und ihrer Dialektik aus- 
„zugehen hatte. 

„Der Umgang mit Ritschi war überhaupt ausser seiner 
„geselligen Annehmlichkeit ein vielfach anregender, und ich 
„hatte es sehr zu bedauern, als er mir durch einen Ruf nach 
„Breslau entrissen vrurde^). 

„Theodor Echtermeyer, der bei mir an seine Stelle trat, 
„war eine ganz andere Natur. Die Hegeische Philosophie 
„löschte bei mir das philologische Interesse aus, und es trat 
„durch die Hallischen Jahrbücher eine Arbeit ein, die mich 
„für den Augenblick, seltsamer Weise, von Ritschi entfernte. 
„Dieser hatte sich unterdessen verheirathet und kam, etwa 
„im Jahre 1839, zum Besuch nach Halle. Auf der Strasse, 
„nicht weit von unserer früheren Wohnung auf dem grossen 
„Berlin, begegnete ich ihm und ging in einiger Entfernung 
„an ihm vorbei, ohne ihn zu erkennen. Er rief mir zu: 
„Kennst Du mich nicht mehr, oder willst Du mich nicht 
„mehr kennen? Als ich den wohlbekannten Discant seiner 
„Stimme hörte, eilte ich auf ihn zu und lud ihn ein, doch 
,Ja zu mir zu kommen, und auf seine Frage antwortete ich: 
„Wie sollt' ich Dich nicht kennen wollen? Oder bin ich etwa 
„Excellenz geworden, in welchem Zustande man wohl seine 
„alten Freunde vergisst? 

„Ritschi kam von Pernice und hatte von meiner staats- 
„gefährlichen Richtung gehört; er war offenbar gegen dies 
„reformatorische Wesen eingenommen und liess mich merken, 
„dass bei mir der alte Demagoge wieder zum Vorschein käme. 
„Ich sagte, da drehte sich die Sache wohl herum, und wenn 
„er Pernice zu viel glaubte, so könnte es wohl kommen, 
„dass er seinerseits mich nicht mehr kennen wollte. Wir 



1) Buge reiste zunächst mit der jungen Frau nach Italien, von wo 
er eine vertrauliche Correspondenz mit R. unterhielt. Als er von dort 
heimkehrte, hatte R. bereits Halle mit Breslau vertauscht. Der letzte 
Brief Ruge's vom 3. April 1838 enthält Klagen, dass R. noch nichts 
für die Jahrbücher gethan, überhaupt nicht geschrieben habe. Er 
hatte sich vergeblich bitten lassen eine Charakteristik der gegenwär- 
tigen Philologie zu schreiben (15. Octbr. 1837). 



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Freunde. 75 

„versprachen uns, bei einer Flasche Wein die Sache näher 
„^i besprechen, und ich habe es immer sehr bedauert, dass 
„er dieser Einladung nicht folgte, sondern nur seine Karte 
„in meinem Hause abgab, seine Person mir aber entzog. 
„Später, als meine ^Erinnerungen aus früher Zeit' erschienen, 
„sandte er mir seine Photographie, erinnerte an unser Zu- 
„sammenleben in Halle und bat um meine Photographie mit 
„dem Ausdrück: dämm petimusqiie vici8sim. 

„Ich habe mich ungemein gefr^t, nach so langer Zeit 
„die lieben befreundeten Züge wieder vor mir zu sehen und 
„eine so freundschaftliche Zuschrift mit der Erinnerung an die 
„Hallische Zeit von ihm zu erhalten.'* 

Mit Spannung und stolzer Genugthuung verfolgten die 
alten Studienfreunde, die unterdessen grossentheils in den 
Hafen eines Schulamtes eingelaufen waren, die Erfolge des 
ehemaligen Kameraden. „Dem Hemsterhuis ist sein Ruhn- 
ken gefolgt,'' schreibt ein Reisigianer;^) Sintenis bekennt 
(1. Aug, 1829), nachdem er die schedae criticae gelesen, 
24 Stunden an nichts andres gedacht zu haben, nicht ohne 
Beschämung seine eignen Jugendversuche mit dieser von 
R. selbst so genannten „Jugendsünde" vergleichend. Am 
Schluss des Sommersemesters 1830 besuchte er in Beglei- 
tung von M. Haupt den jungen Docenten in Halle und hospitirte 
mit lebhafter Erbauung in. einer Vorlesung desselben.^) Zum 
ersten und einzigen Mal sahen sich im Jahre 1832 Ritschi 
und Lehrs, der Halle auf der Durchreise berührte; aber diese 
einzige Zusammenkunft hat genügt, um die wissenschaftliche 
Gemeinschaft durch ein persönliches Band dauernder Herzens- 
sympathie fest für das Leben zu knüpfen.^) 



1) Carl Werner in Zerbst, 1. Januar 1830. 2) An. R. 4. Sept. 
1830. 3) Am 2. Januar 1863 schreibt Lehrs an R. in Erwiderung 
eines gegen Jahresschluss empfangenen ,,lieb]ichen Briefes'*, dem ein 
Porträt R.'8 beigefügt war: „Sie gedenken der Hallischen Begeg- 
nung. Auch mir schwebt von jenem Tage und Abend Alles auf das 
Deutlichste vor und ich wüsste noch Alles zu sagen was damals ge- 
sprochen wurde, ich sehe Sie auf Ihrem Zimmer in Ihrem Schlaf- 
rock, mit letzten verdriesslichen Korrekturen des Thomas Magister, — 
und Freund Rosenbergerl Man nennt das ein Saeculum. Mit Recht! 
mit Recht!" . 



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76 Freuudschaftsbedürfniss. 

Aus allen Briefen der alten Genossen klingt ein starker 
Ton von inniger Zuneigung und Respect, ja Bewunderung 
nicht nur des Wissens und Talentes, sondern weit mehr noch 
der charaktervollen Energie, Straffheit und Sicherheit im 
Fortschreiten, das feste Vertrauen auf eine glänzende wissen- 
schaftliche Zukunft des Freundes. Auch in der Trennung, 
im Drang der Arbeit, blieb er der treue, eingehende Be- 
rather; der hinreissenden Gewalt seines Einflusses, wenn er 
sie in Bewegung setzte,' war schwer zu widerstehen. ^Dae- 
mönie' redet ihn einmal Niese an, und Hanow spricht von 
elektrischer Wirkung seiner Nähe. Mit manchen seiner 
Jugendfreunde, namentlich mit Kiessling, Schmalfuss und 
Niese, hat R. einen regen brieflichen Verkehr unterhalten, 
bis der Tod ihm ein Ende machte. Zu dem letztgenann- 
ten, einer philosophisch-religiösen Natur, mag sich Ritschi 
zum Theil durch den Gegensatz ihrer intellectuellen Anlage 
bei sehr sympathischen Gemüthseigenschaften hingezogen ge- 
fühlt haben. Weder zum Glauben noch zur Speculation war 
er angelegt: philosophandum est, sed paucis war sein Wahl- 
spruch. Nicht aus metaphysischem Bedürfniss, sondern um 
in den Waflfen der Dialektik Meister zu werden, ging er bei 
der Philosophie in die Schule. Die beiderseitige Gabe in die 
Geistesart und Interessen des Andern einzugehen bahnte der 
aufrichtigsten und anregendsten Mittheilung zwischen den 
Freunden den Weg. In Berlin, wo Niese seit 1828 Theo- 
logie studierte, war dieser, so oft Ritschi als Gast des Onkels, 
dann des Schwagers dort verweilte, sein unzertrennlicher Be- 
gleiter; nach Erfurt wurde er für die Ferien ins Elternhaus 
geladen. Wie oft hat Ritschi Reisen mit ihm geplant oder ihn 
in das einsame Studierstübchen zu vertraulicher Besprechung 
herbeigewünscht! Sein ebenso theilnehmendes als mittheil- 
sames Gemüth bedurfte der oflfenen und vollen Aussprache 
mit sympathisch gestimmten Personen, mündlich oder, wenn 
dies nicht sein konnte, schriftlich. Hier entfaltete sich der 
Reichthum seiner vielseitigen, ungemein lebhaft pulsirenden 
Natur: die Innigkeit und Zartheit seines bis zu einem An- 
fluge fast weiblicher Sentimentalität weichen und leicht er- 
regten Herzens neben der stählernen Härte seiner Willens- 



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Gesundheit. 77 

kraft; die schäumende Lebenslust und gesunde Heiterkeit 
neben der Besonnenheit, Genauigkeit und praktischen Um- 
sicht, welche sich in Kleinem wie in Grossem, in der spie- 
lenden Ueberlegung exact ineinander greifender Reisepläne oder 
in der delicaten, bisweilen ans Künstliche streifenden Behand- 
lung geschäftlicher Angelegenheiten bewährte; Anflüge alki- 
biadeischen Leichtsinns neben hellster Bewusstheit über die 
Ziele seines Lebens und die zur Erreichung derselben zu 
ergreifenden Mittel; Anwandlungen bitterer Selbstunzufrieden- 
heit und des Verzweifeins an der Erfüllung allzuhoher Ideale 
neben naivem, gelegentlich auch einmal übermüthigem Selbst- 
bewusstseiu, — dieses ganze wechselvolle Wellenspiel einer 
reichen Individualität kam den Freunden gegenüber zur Geltung 

Ein Bild der äusseren Erscheinung aus jenen Sturm- 
und Drangjahren ist leider nicht erhalten. Zwar hat er im 
Mai 1831 durch einen herumziehenden Künstler, einen Herrn 
Grünler aus dem Voigtlande, in 24 Stunden nach zwei flüch- 
tigen Sitzungen ein Porträt von sich malen lassen,*) doch 
ist dasselbe verloren. Bei äusserer Aehnlichkeit der Züge 
im Grossen und Ganzen hat es aber auch nach der gewiss 
zutreflfenden Kritik der Mutter den geistigen Ausdruck des 
höchst belebten Gesichtes, besonders des ungemein ausdrucks- 
vollen Mundes imd das Blitzen der braunen Augen nicht 
wiedergegeben: es ist, schreibt sie, als wenn Du geschlafen 
hättest beim Sitzen.^) 

Mit seinem Körper hatte er nach wie vor viel zu schaf- 
fen. Im December 1829 ergab eine ärztliche Untersuchung 
in Halle die Existenz eines gewaltigen Nasenpolypen, der zu 
Ostern von dem berühmten Dieffenbach in Berlin glücklich 
operirt wurde, aber doch nicht vertilgt werden konnte, so 
dass schon vor Jahresfrist der Patient sich einer höchst 
schmerzhaften Wiederholung der Procedur erst in Halle 
zu Pfingsten mit ungenügendem Erfolge, dann noch im 
October in Berlin innerhalb einer Woche zweimal unter- 
werfen musste,^) die, weil er unterdessen durch Ueberarbei- 

1) An Niese 25. Mai, an die Mntter 15. Juni 1831. 2) 21. Juni 
1831. 3) An die Mutter 14. Oct. 1830. An Niese 26. Juni, 10. No- 
vember 1830. 



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78 Zerstreuungen. 

tung irervöser geworden war, nicht ohne beängstigende Er- 
scheinungen (Lachkrampf) abging. Auch im Januar 1832 
musste er sich zwei Tage hintereinander unter das Messer 
begeben. Durch regelmässiges stundenlanges Spazierengehen 
suchte er der immer wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden 
Herr zu werden: im Frühling 1829 vor dem Examen pflegte 
er von Mittags 12y2 bis Abends 8 Uhr zusammen mit einem 
Freunde peripatetisch in .freier Luft zu repetiren, was ihm 
auch vortrefflich bekam. Doch empfing er schon früh eine 
ernste Mahnung, dass die masslose Anspannung, welche er 
durch Perioden ununterbrochener Arbeitshast seinen Nerven zu- 
muthete, seiner Constitution verhängnissvoll zu werden drohte. 
Es war eines Morgens im November 1832, als er plötzlich 
beim Arbeiten von einem heftigen rheumatischen Anfall er- 
griffen wurde, aus dem das Stadtgerächt einen Schlagfluss 
machte, während der Betroffene selbst eher zu der Diagnose 
eines marasmus senilis geneigt war.^) 

Noch längere Zeit blieb ein Nachgefübl davon zu- 
rück.^) Dergleichen Beschwerden und Störungen dämpften 
jedoch die Stimmung und Energie der ausserordentlich 
elastisch angelegten Natur höchstens vorübergehend. Selbst 
im Drang der Arbeiten half ihm zu wohlthätiger Abspan- 
nung eine gewisse Kunst sich gehen zu lassen und „nichts- 
thuend zu beschäftigen", eine natürliche Anlage, die er 
zu immer grösserer Virtuosität auszubilden bekennt.^) Da 
wurden Lessing und Goethe, am liebsten der Faust zur 
Hand genommen, den er als das Allerhöchste von alter 
und neuer Poesie verehi-te/) eine Liebe, welcher er bis 
in die letzten Lebenstage, ja -Stunden treu geblieben ist. 
Auch der Briefwechsel mit Schiller gehörte zu seinen kano- 
nischen Büchern. Er war ein eifriger und glücklicher Kar- 
tenspieler, ein flotter Tänzer. Erst als Student (im Win- 
ter 1829/30) war er dazu gekommen Unterricht in dieser 
Kunst zu nehmen, da der ernsthafte Spitzner Nichts davon 
hatte wissen wollen. Desto fleissiger holte er es später 



1) An Niese 22. Decbr. 2) An d. Mutter 22. Decbr. 3) An 

Niese, Donnerstag vorWeihn. 1830. 4) .An d. Mutter 15. April 1831. 



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Musik. 79 

nach; und wie er Alles, was er einmal trielj, zu einer ge- 
wissen Meisterschaft zu bringen suchte, so soll er manchen 
Abend nach der philologischen Societät damit zugebracht 
haben, mit seinem Synchoreuten Kiessling sogenannte Reigen- 
tänze, die er besonders liebte, auf das exacteste einzuüben. 
Vorzugsweise aber war es unter den Künsten die Mu- 
sik, welche seinem leicht auf- und ab wogenden Gemüth wohl 
that. Schon als Knabe hatte er Viola und Scmntags in seines 
Vaters Kirche die Orgel gespielt; im Elternhause am Ciavier 
war fleissig Hausmusik getrieben, besonders aber mehrstim- 
miger Gesang gepflegt worden. Als Privatdocent ergriff ihn 
mitten in der Sturmfluth seiner Arbeiten (wie den Sokrates im 
Gefängniss) ein leidenschaftlicher Drang Musik zu treiben. Eine 
musikalische Adoptiv-Tante, die Justizräthin Amalie Krause in 
Berlin, mit der er bei Gelegenheit eines Weihnachtsaufenthaltes 
1829 dauernde Freundschaft schloss, weihte ihn in die classische 
Musiklitteratur ein. Zunächst legte er sich eifrigst aufs Accom- 
pagniren. Im Sommer 1832 nahm er bei der ersten Sängerin 
Halle's, Fräulein Scholinus, Gesangunterricht,^) und brachte 
es,'obschon ohne klangvolle Stimme, zu einem correcten, 
seelenvollen, musikalisch ansprechenden Vortrag, so dass er 
in Duetts und Quartetts den Tenor übernehmen konnte.^) 
Im Winter 1832/3 nahm ihn diese neue Leidenschaft eine 
Zeit lang fast gefangen, in dem Grade, dass er ,jede nur 
einigermassen zu erübrigende Stunde" auf sie verwendete: 
es gelang ihm, seine Lehrerin^) zu gewinnen, dass sie wöchent- 
lich einmal mit ihm Duetts sang; dafür accompagnirte er 
ihr beim Einstudieren einer neuen grossen Oper (Cherubini's 
Lodoiska), was ihm, die eigentlichen Proben ungerechnet, 
einige Wochen 3 — 4 Stunden täglicher Uebungen am Ciavier 
kostete.^) Auch dass er ganze Tage damit zugebracht habe, 
Lieder zu componiren, gestand er dem Freunde unter dem 
Siegel der Verschwiegenheit.^) 



1) An die Mutter 26. Juni 1832. 2) An d. Mutter 9. Septr. 32. 
3) An d. Mutter 1. Jan. 1833 : „Zu Deiner Beruhigung füge ich hinzu, 
dass sie Braut ist und Ostern Hochzeit hat, was Schade ist.*' 4) An 
die Mutter 13. Febr. 183^. An Niese 27. Febr. 5) An Niese 

22. Decbr. "32. 



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80 ßeisen. 

An erfrischenden Reisen fehlte es nicht. Zu Weih- 
nachten 1829 stellte sich der junge Privatdocent der neu- 
vermählten Schwester und dem Schwager in Berlin vor, und 
knüpfte bei dieser Gelegenheit, wie schon erwähnt, mit der 
geist- und gemüthvoUen Justizräthin Krause ein Freund- 
schaffcsband, welches durch fleissige Correspondenz gepflegt 
wurde. Ihre zärtlichen Briefe zeigen ein feines Verständniss 
der weichen, menschlichen Seiten in der Natur ihres „Neflfen''. 
Einen Theil des September 1830 verbrachte R. im väter- 
lichen Hause zu Erfurt, und begleitete von da das Lanci- 
zoUe'sche Ehepaar auf der Rückreise nach Berlin. Unter- 
wegs wurde in Wittenberg Rast gemacht, um den alten 
Lehrern und Freunden (Subrector Wensch, Subconrector 
Deinhardt) einen Besuch abzustatten. Mittags ass man bei 
Spitzners, und die Frau Directorin war von dem ehrfurchts- 
vollen Handkuss des ehemaligen Zöglings so enchantirt, dass 
sie eine Flasche Wein auftischte.^) In Berlin erlebte er die 
Reflexbewegungen der Pariser Jülitage: „die Menschheit," 
wie ein Postillon sich ausdrückte, „in unerhörter Vielheit" 
auf den Strassen versammelt, bedeutende Truppenmassen auf 
den Plätzen, vor den Palästen und im Schlosshof Patrouillen; 
Hurrahgeschrei der blöden Menge auf die leutselige Frage 
eines Prinzen, was sie eigentlich wolle; ein Schusterjunge, 
der sich das Vergnügen machte, durch die Strassen laufend 
in Einem fort zu schreien: „wir brauchen keenen König, wir 
brauchen keenen König!" und endlich von der Polizei ge- 
fasst sich zu erklären: „lasst mich doch erst aussingen: wir 
hebben ja schon eenen!" 

3. Akademische Wirksamkeit und Arbeiten. 

Doch es ist Zeit wieder zu ernsteren Beschäftigungen 
zurückzukehren. Nachdem R.'s bisherige Zimmernachbarn, 
die Freunde Hanow und Kiessling, beide als promovirte 
Doctoren, der eine nach Züllichau, der andre nach Zeitz 
abgegangen waren, hatte er sich nach einem von Studenten- 
lärm unbehelligten Asyl gesehnt, und dieses that sich ihm 



1) An die Mutter 19. Septbr. 1830. 



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Stadierzimmer. 81 

auf, als Leo sich verheirathete und sein Logis verliess. Der 
Orientalist, Dr. Rödiger, Hess sich bewegen, die frei ge- 
wordene Etage mit Ritschi zu theilen. So gab derselbe 
seine erste Docentenwohnung in der grossen Ulrichstrasse 
auf und bezog zu Michaelis 1830 die neue schöne Woh- 
nung auf dem sogenannten grossen Berlin im Hause des 
Buchdruckereibesitzers Grunert, in der er sich höchst be- 
haglich fühlte. Mit Hülfe einer Anleihe bei seiner selten 
versagenden Finanzquelle, der mütterlichen Gasse, schaffte 
er sich ein eignes Ameublement an, auf das er nicht wenig 
stolz war. In einem besonders reservirten Sanctuarium, dessen 
Wände Büchergestelle decorirten, waren zwei lange Arbeits- 
tische aufgeschlagen, aus einfachem weissem Holz vom Zim- 
mermann gearbeitet, um die Haufen der Bibliotheksbücher 
und der mannigfachen gelehrten Scripturen in wohlberech- 
neter Vertheilung aufzunehmen. In dem schmalen Gang 
zwischen beiden sass der junge Gelehrte, so dass er, um sich 
ohne Zeitverlust von einer seiner verschiedenen philologischen 
Arbeiten zur andren zu wenden, nur den Stuhl umzudrehen 
brauchte. Im eigentlichen Wohnzimmer wurden nur Briefe 
geschrieben. Besuche empfangen, gelesen. Im Nebenhause 
wohnte Freund Pemice, auf demselben Platze lag das 
Auditorium. 

Ganz so glänzend wie der Anfang war der Fortgang der 
akademischen Lehrthätigkeit freilich nicht, doch hielt sie 
völlig gleichen Schritt mit derjenigen der beiden philologi- 
schen Hauptprofessoren, Meiers und des neuberufenen Bern- 
hardy, während alle übrigen FachcoUegen (der ordin. Rabe, 
der extraord. Wilhelm Lange, die Privatdocenten Förtsch 
• und Stäger) nur Publica oder höchstens schwach besuchte 
Privata zu Stande brachten. Ritschi las privatim im Som- 
mer 1830 Geschichte der griechischen Poesie, im folgenden 
Winter Aeschylus' Sieben gegen Theben, beidemal vor 39, 
im Sommer 1831 Grammatik der lateinischen Sprache vor 33, 
im nächsten Winter zum zweiten Mal griechische und römi- 
sche Metrik vor 28 Zuhörern. Publice erklärte er im Som- 
mer 1830 den Miles gloriosus des Plautus vor 114 Zuhörern, 
im Winter setzte er einstündig die Geschichte der griechi- 

Ribbeck, F. W. Kitichl. 6 



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82 Fortgang der Vorlesungen. 

sehen Poesie vor 34 Zuhörern gratis fort. In den nächsten 
Semestern setzte er wegen schriftstellerischer Arbeiten die 
Publica aus, im letzten (Sommer 32) las er nur den Miles 
gloriosuS; wieder publice vor 23 Zuhörern.^) Die lateinischen 
Schreib- und Disputirübungen wiederholte er nur einmal, im 
Sommer 1830, gab sie aber dann auf, weil die sechs wöchent- 
lichen Stunden des neuorganisirten Seminars die Zeit der 
Studierenden allzusehr in Anspruch nahmen und die eignen 
Arbeiten ihm immer mehr über den Kopf wuchsen.^) 

Der Rückgang in der Zuhörerfrequenz erklärt sich durch 
die bedeutende Verminderung der allgemeinen Studentenzahl, 
welche z. B. im Sommersemester 1831 ein paar Hundert be- 
trug. Ausserdem hatten die Herren Studiosi es übel genom- 
men, dass Ritschi nebst der ganzen jüngeren Docentenpartei 
zur Quästur getreten war, die Theologen zumal, dass er kein 
Publicum mehr las, was man ihm in Betracht seiner bedräng- 
ten Geld- und Zeitverhältnisse gerechterweise wahrlich nicht übel 
nehmen konnte. Doch musste er zur Busse erleben, dass er sein 
Colleg über lateinische Grammatik mit 5 statt mit 50 Zu- 
hörern, auf die er gerechnet hatte, begann. Da man diese Vor- 
lesung noch obendrein im Voraus dadurch zu discreditiren ge- 
sucht hatte, dass man sagte: „Wozu sollen wir das hören? da 
kriegen wir ja doch nur Reisiges Heft!", so war es noch ein 
ganz artiger Triumph, dass während der Einleitung, die einen 
Grundbau der Grammatik überhaupt, Geschichte des gram- 
matischen Studiums bei Römern und Neueren, und Geschichte 
der lateinischen Sprache gab, mit grossem Nachdruck auch 
die Bedeutung des Sanscrit für Erforschung der alten Spra- 
chen hervorhob, täglich noch einige h§rangezettelt kamen, 
bis sich die Zahl der Eingeschriebenen auf einige 30 belief.^) 

Ueber sein Erwarten viel machten ihm die Vorlesungen über 



1) Im Winter 1832/3 scheint er gar nicht gelesen zu haben. In 
den Acten findet sich nur eingetragen: „ist inmittels nach Breslau ab- 
gegangen." 2) An Niese 25. Mai 31. 3) Dübner in Gotha, der 
ein R.'sches Heft über lateinische Grammatik gelesen hat, beneidet 
(26. Oct. 1831) die Zuhörer und bekennt, dass ihm erst durch diese 
' Leetüre die Nothwendigkeit des Sanscritstudiums für den Philologen 
aufgegangen sei 



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Gesch. der griech. Poesie. 83 

Geschichte der griechischen Poesie zu schaffen. Von 
Fr. Schlegel waren höchst fruchtbare Ideen über einen wahr- 
haft historischen Entwicklungsgang der griechischen Poesie 
aufgestellt, aber nicht durchgeführt worden. Für die von 
Böckh in Vorlesungen weiter verfolgte Betrachtung der 
Stp.mmeseigenthümlichkeiten hatte sein Schüler Otfried Müller 
ein glänzendes Beispiel in den „Dorern" gegeben. Welckers 
dichterische Divination spürte ausserordentlich anregend den 
Anföngen der hellenischen Poesie in ihren einzelnen Gat- 
tungen nach. An Einzelbeiträgen zu kritischer Durchforschung 
des überlieferten Materials fehlte es nicht, aber durchaus an 
einer der neueren Richtung sich anschliessenden, alle ein- 
zelnen Resultate zusammenfassenden wissenschaftlichen Dar- 
stellung des Ganzen. Um so unentbehrlicher waren in solchem 
Sinn gehaltene Vorträge, wie sie R. seinen Zuhörern in sel- 
tener Klarheit imd Selbständigkeit der Forschung bot. Er 
handelte^) in der Einleitung über den Unterschied antiker 
und moderner Poesie, alter und neuer Litteraturgeschichte, über 
die litterarhistorischen Arbeiten der Griechen selbst (wobei die 
unumgängliche Auseinandersetzung mit der Poetik des Aristo- 
teles gegenüber den unbedingt gläubigen Philologen einer- und 
dem geringschätzigen Urtheil A. W. Schlegels andrerseits viel 
Arbeit kostete,^) über den Gang der Poesie bei den Hellenen 
mit Berücksichtigung der verschiedenen Volksstämme, der 
politischen Formen, der historischen Entwicklungen, über den 
Zusammenhang der griechischen Poesie mit der Musik, die 
Hauptmomente des Wesens und der Geschichte derselben. 
Ueher die erste vorhomerische Periode suchte er neues Licht 
zu verbreiten durch Sonderung der einzelnen mythischen 
Namen nach verschiedenen Religionskreisen. Auch die reiche 
Orphische und Musäische Litteratur späterer Zeiten wurde 
hier behandelt. Die gründliche Erörterung der grossen kriti- 
schen Fragen, welche sich an die Namen Homer und Hesiod 
knüpfen, füllte den Rest des Sommersemesters vollkommen 
aus. • Der atomistischen Ansicht F. A. Wolfs gegenüber hielt 
R. an der ursprünglichen Einheit der beiden grossen Home- 



1) An Niese 12. Juli 30. 2) An Niese 10. Novbr. 80. 

6* 



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84 Gesch. der griech. Poesie. 

rischen Gedichte fest, deren Geschichte von den ersten Kei- 
men der Heldensage bis zu den gelehrten Arbeiten der 
alexandrinischen Kritiker mit ausserordentlich hellem und 
freiem BlicJk verfolgt und in schönem Zusammenhange vor 
Augen gestellt wurde. 

Im folgenden Winter 1830/1 setzte die Fortsetzung 
bei den kyklischen Dichtern ein, um nach sehr vollständiger 
Behandlung des alexandrinischen IJpos und aller seiner Spiel- 
arten auf die Lyrik überzugehn. Hier besonders kamen 
die bahnbrechenden Gedanken der genannten Forscher zur 
Geltung. In grosser Vollständigkeit, bis ins Einzelne hinein 
wurde ein sorgfaltig gruppirtes, anschauliches und lehrreiches 
Bild entrollt. Nur Pindar, für den sich unser Freund nie recht 
hat begeistern können, blieb einer künftigen (aber nicht ge- 
haltenen) Specialvorlesung vorbehalten. 

Zugleich wurde der Erklärung des Aeschylus im Privatum 
eine Geschichte der Tragödie voraufgeschickt. Im nächsten 
Semester gedachte er in ähnlicher Weise zu Aristophanes 
eine litterarhistorische Einleitung zu geben und publice die 
alexandrinische Poesie zu lesen, um* so den ganzen Kreis 
der griechischen Poesie einmal zu umschreiben. Doch führte 
er diesen Vorsatz nicht aus: das für den Sommer 1831 an- 
gekündigte Publicum über Geschichte der griechischen Ko- 
mödie gab er auf, um Zeit für seine litterarischen Arbeiten 
zu gewinnen. Mit Freuden gewahrte er, je tiefer er in das 
^Bergwerk' hineinstieg, wie eins vom andren Licht empfing, 
wie er selbst des grossen Stoffes Herr wurde und zu durch- 
greifenden Anschauungen und Totalbildern gelangte. Wenn 
er denselben Cyclus zum zweiten Male zurückgelegt haben 
würde, wollte er an die Ausarbeitung einer umfassenden 
Geschichte der griechischen Poesie für den Druck gehen, 
ein Traumbild, wie es angehende Docenten in der mächtig 
andringenden Fluth neuer Anschauungen und Gesichts- 
punkte sich leicht vorspiegeln.^) Demnächst, wenn er Zeit ge- 



1) Beschränkter freilich lautet der Zukunftstitel: „Geschichte der 
griechischen Poesie. Grundriss zum Gebrauch bei Vorlesungen, ent- 
worfen von F. R." 



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Aufgabe der class. Philologie. 85 

wanne, gedachte er über das noch wenig gekannte parodische 
Epos eine Abhandlung für das Rheinische Museum zu schreiben.^) 
Freilich gelangte er bei weiteren Studien zu deutlichster Er- 
kenntniss, dass er, wenn er jene Vorlesungen mit Freuden 
wieder halten solle, er alles umarbeiten, und fast soviel Zeit 
darauf verwenden müsse als bei der ersten Entwerfung.*) 

Als zweites „Lebenswerk schwebte ihm die Metrik vor. 
Er wiederholte die Vorlesungen über diese Disciplin im Win- 
ter 1831/2, aber nach bedeutend erweitertem Zuschnitt. Er 
schickte eine ganz frische Einleitung voraus, in welcher er 
zum ersten Mal seine allmälig gereiften Gedanken über die 
Aufgabe der classischen Philologie und die hierdurch 
bestimmte Stellung ihrer einzelnen Disciplinen im System 
der gesammten Wissenschaft entwickelte. Die Reproduc- 
tion des Lebens des classischen Alterthums durch 
Anschauung und Erkenntniss aller seiner Aeusse- 
rungen sei das Ziel, die Philologie also ein Theil der Ge- 
schichte im allgemeinsten und höchsten Sinne des Wortes. 
Ihre Berechtigung zu selbständigem Leben beruhe darauf, 
dass das classische Alterthum eine der Hauptstufen der all- 
gemeinen Entwicklungsgeschichte der Menschheit bezeichne. 
Nun seien als besondere Richtungen des geistigen Gesammt- 
lebens zu unterscheiden das politische, religiöse, künst- 
lerische und wissenschaftliche, die alle unter sich in 
Wechselwirkung stehen und^ durch allmälige Uebergänge sich 
aneinander schliessen. In der Mitte zwischen Litteratur und 
Kunst stehe die Poesie, der letzteren angehörig dadurch, dass 
ihr das Schöne an sich Zweck sei, der ersteren dadurch, dass 
sie durch das gemeinschaftliche Medium der Sprache zur Er- 
scheinung komme. Während nun durch den Inhalt des wissen- 
schaftlichen und poetischen Lebens die Litterat Urgeschichte 
gegeben sei, werde durch die Form, in welcher jener Inhalt 
zur Erscheinung kommt, die Sprachwissenschaft hervor- 
gerufen. Zur Metrik aber gelange man auf folgendem 

1) An Niese Donnerstag vor Weihnacht 1830. Die erhaltenen 
Vorarbeiten zu dieser Abhandlung sind nicht umfangreich. In den 
Vorlesungen ist das parodische Epos als Anhang zum nachhomerischen 
behandelt. 2) An Niese 22. Decbr. 32. 



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86 Metrilr. Aeschylus. 

Wege. Wie die beiden äussersten Endpunkte der Litte- 
ratur gebildet werden durch Philosophie und Poesie, so 
stehe auf dem Gebiete der Kunst der Poesie als der 
geistigsten diejenige der bildenden Künste gegenüber, deren 
Erscheinungsmittel am materiellsten sei, die Architektur, 
am verwandtesten aber sei ihr die Musik, denn die Poesie selbst 
bedürfe, um sich als Kunst geltend zu machen, eines musikali- 
schen Elementes: „eine innere Sehnsucht" nach dem angrenzen- 
den Gebiete der Musik beseele sie. Die Darstellung aber 
dieses musikalischen Elementes in der sprachlichen 
Form der Poesie, sofern es bewussterweise von ihr ange- 
wendet werde, sei die Aufgabe der Metrik. Die wissen- 
schaftliche Behandlung derselben wie jeder Disciplin müsse 
eine doppelte sein: eine genetische* und eine systematische. 
Das Werden sowohl als der Zustand des Gewordenseins sei 
zu betrachten. So seien auch die sogenannten griechischen 
und römischen Antiquitäten (vielmehr: Darstellung des poli- 
tischen und religiösen Lebens), ohne den historischen Gesichts- 
punkt nichts als ein Sammelsurium von allerhand nützlichen 
Aggregaten. 

Grossartig angelegt waren bereits im ersten Wurf 
("1830) die Vorlesungen über Aeschylus und Geschichte 
der Tragödie. Nicht nur ein zusammenhängendes anschau- 
liches Bild von diesem Hauptgebiet der griechischen Dich- 
tung und eine encyclopädisch zusammenfassende Uebersicht 
der Resultate der neueren Forschung wollte er geben, sondern 
den Gang der Untersuchung bei den einzelnen Fragen und 
ein Beispiel philologischer Methode vorlegen. Indem die aus 
Büchern zu entnehmenden Thatsachen vorausgesetzt oder kurz 
berührt wurden, erfuhren alle controversen oder nicht direct 
überlieferten Punkte von Bedeutung, namentlich die chrono- 
logischen Daten, eingehende Erörterung. Der ungemein reiche 
und fruchtbare Stoflf wurde nach allen Richtungen hin aus- 
gebeutet. 

Hier wie in allen übrigen Vorlesungsheften jener frühesten 
Zeit (und die eigenhändigen Originale sind erhalten) ist die 
Anlage eigenthümlich, die Darstellung aus dem Vollen ge- 
griffen, ohne pedantisches Streben nach handbuchmässiger. 



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WisseDBchaftlicher StaDdpunkt. 87 

schnurgrader Herzählung der Dinge ^ ein unmittelbar packen- 
der, anschaulicher Lehrvortrag, in Velchem strenge Special- 
forschung mit frischen litterarhistorischen üebersichten, auch 
philosophischen Entwicklungen in geschickter Verbindung und 
natürlichen üebergängen abwechseli Die Geschichte der 
bisherigen wissenschaftlichen Arbeit verläuft nicht in trockner 
Aufzählung von Namen und Büchertiteln, sondern der stufen- 
weise Fortschritt und die inneren Ursachen desselben werden 
nachgewiesen, mit scharfer Charakteristik des Einzelnen. 

Von persönlicher Einwirkung auf die Studierenden hören 
wir aus der Hallenser Periode fast Nichts. Da R. das Pri- 
vatissimum, um Zeit zu ersparen, schon im zweiten Semester 
aufgab, so mag dieselbe noch keine sehr bedeutende gewesen 
sein.^) Zudem wollte es das Unglück, dass gerade einige der 
talentvollsten Zuhörer, die sich von Anfang an ihm ange- 
schlossen hatten und zu ausgezeichneten Erwartungen be- 
rechtigten, nacheinander eines frühen Todes starben: Bullmann 
an den Pocken, J. Th. Meyer, ein Westphale, an der Lungen- 
schwindsucht, Brauer war verschollen.^) Meyer, der ihm bei 
dem Druck des Thomas behülflich gewesen ist, erwähnt er 
lobend am Schluss der Prolegomena. In der früheren Aus- 
gabe vom Jahre 1831 fügt er noch hinzu, dass er ihm die 
Bearbeitung des Moschopulos, welche er selbst ursprünglich 
beabsichtigte, abgetreten habe.^) 

Schon als Student war R. einer engherzig schulmeister- 
lichen Auffassung der Philologie als einer rein formalen 
Technik, wie sie den Ultra's der Leipziger Schule eigen 
war, ebenso abgeneigt als jener flachen, arbeitsscheuen Uni- 
versalität, die nirgends eigentlich zu Hause ist. In gesunder 
und stolz bescheidner Selbstbeschränkung zog er es aber vor, 
auf einem Gebiete schaffend sich zum Meister auszubilden, 
statt auf vielen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Für 



1) Von namhafteren Zuhörern finden sich in den Listen ausser den 
Freunden Hanow, Kiessling, Eckstein, Büchner, Seyffert, 
welche im ersten Semester noch zu R.'s Füssen sassen, nur wenige wie 
Feldhügel, Friebel, Stahr, Bobert ünger, Weissenborn. 
2) An d. Matter 1. Jan. 33. 3) cui quidem^ quoniam ad alia ipse 
studia vocoTy etiam susceptam MoschopuU edendi provindam cessi. 



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88 Griechische Grammatiker. 

seine akademische Wirksamkeit hat er von Anfang an eine 
Breite der Basis und eine Weite des Horizontes gewonnen, 
wie sie für freie Entfaltung des wissenschaftlichen Geistes 
in den Zuhörern erforderlich ist. Aber während er schon 
durch seine Freunde verschiedenster Richtungen angeregt die 
mannigfachsten Interessen, theologische, philosophische, juri- 
stische, historische theilte, concentrirte er nicht ohne Ueberwin- 
dung, aber auch nicht ohne gelegentliche Abschweifung seine 
ernsteren Studien auf bestimmte Ziele des einmal gewählten 
Arbeitsgebietes, stossweise bald diese bald jene Richtung feurig 
verfolgend, in der Hitze der Forschung, die ihm bei jedem 
Schritt neue Lücken und Bedürfnisse der Wissenschaft offen- 
barte, manchen litterarischen Einzelplan improvisirend, den 
er im Wechsel der Stimmung wieder aufgab.^) 

Sehr ernstlich und ausdauernd trug er sich in jenen und 
den folgenden Jahren mit dem Gedanken einer Geschichte 
der griechischen Grammatiker, die sich ihm allmälig 
zur „Lebensaufgabe" gestaltete. Durch seinen Agathon und 
die übrigen Studien über griechische Littemtur unablässig 
auf die grammatischen und lexicalischen Schriften als Fund- 
gruben zahlloser Bruchstücke und Niederlagen gelehrter Bei- 
träge zum Verständniss und zur Beurtheilung erhaltener 
Werke geführt, musste er die wichtigsten Grundlagen für 
eine fruchtbare Ausbeutung derselben vermissen: erstens zu- 
verlässige Texte, zweitens eine kritisch gesicherte üebersicht 
über die Zusammenhänge der uns überlieferten grossentheils 
sehr späten Compilationen mit den älteren, weit reicheren 
Schätzen originaler Forschung. Durch Hemsterhuis und seine 
Schule waren die ersten Anfänge zur Lösung dieser Auf- 

1) In welcher Weise R. in Halle die Richtung seines Lehrers Reisig 
fortgesetzt und weiter entwickelt habe, deutet der in den Halleschen 
Jahrbüchern von A. Rüge 1838 Nr. 84 — 87 abgedruckte Artikel „über 
die Univerwtät Halle" von Echtermeyer an. Reisig habe vortreffliche 
Schulmäniier gebogen durch das Princip, in die sprachliche Macht, 
nicht in das Wiesen von Notizen das Wesen der Philologie zu setzen ; 
Ritycbl aber hLibe die Universalität des Reisigschen Principes dadurch 
bewährt, dais er mit Leichtigkeit auf das (durch ßöckh, Niebuhr, Otfr. 
Hüllar betonte) historische Princip oder vielmehr auf seine Ergebnisse 
einzugehen wusete. 



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Thomas Mag. Cholera. 89 

gaben angebahnt worden; in Deutschland war zuerst Lobeck 
auf diesem Wege voraufgegangen, hatte aber zunächst wenig 
Nachfolger gefunden. R. hatte schon in seiner Studentenzeit 
kritische Bearbeitungen des Harpocration, PoUux, Stephanus 
[ von Byzanz geplant und in Gemeinschaft mit Eiessling an- 

^ gefangen die nöthigen Grundlagen dazu vorzubereiten.^) Ein- 

mal, ehe Bemhardy an das Werk ging, trug ihm Schwetschke, 
der Buchhändler, die Herausgabe des Suidas an. R. war 
Feuer und Flamme für das Unternehmen und bereit alles 
Andre ihm zu Gunsten vor der Hand aufzugeben.*) Eine 
festere Gestalt gewannen zunächst die Vorarbeiten zu einem 
bescheidneren Werke, der Ausgabe des Thomas Magister, 
welche er dazu ausersah, sich mit ihr die Professur zu ver- 
dienen.^) Daneben sollte der Agathon beendigt und das Er- 
scheinen beider Bücher zu Ostern 1831 mit allen Kräften 
betrieben werden. 

Wirklich wurde den Winter 1830/1 über in einzelnen 
Nebenstunden (neben der Aeschylusvorlesung) der Thomas 
I beträchtlich gefördert. Aber im Frühling gab es gehäufte 

Besuche alter StudieDgenossen, die dem von Arbeitspflich- 
ten Bedrängten manchen Stossseufzer kosteten. Gegen Ende 
des Sommersemesters kamen auch die Eltern auf der Durch- 
reise nach Berlin,*) wohin ihnen der Sohn in der zweiten 
Septemberhälfte folgte. Leider störte der Ausbruch der 
Cholera die Gemüthlichkeit der Familienvereinigung: schon 
vorher, da man ihr Eintreffen sicher erwartete, räumten 
die Eltern da-s Feld, ein Vetter (Justizrath WoUank) fiel 
dem asiatischen Feinde zum Opfer. Die schwer von der 
Krankheit heimgesuchte Stadt zu verlassen, die Elbe zu 
passiren und Einlass in Halle zu gewinnen war bei der 
Peinlichkeit der polizeilichen Sperrmassregeln eine Aufgabe, 
zu deren Lösung ein ungewöhnliches Mass von Geistesgegen- 
wart, Klugheit und Glück erforderlich war: sie gelang aber 
dem Heimreisenden vollständig und in heiterster Seelenruhe. 



1) Kiessling an R. 16. Juli 1832. 2) Herbstbrief an Niese, ohne 
Datum (1829?) 3) An die Mutter 2. August 1830. 4) Ueber sein 
Zusammentreffen mit denselben auf der Schnellpost berichtet Zelter an 
Göthe vom 3. August 1831 (Briefwechsel VI 245). 



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90 Wissenschaftliche Heise. 

Als die Seuche einige Monate später auch in Halle ausbrach^ 
beunruhigte ihn dies wenig, wie denn auch den Studenten, 
denen wenigstens, die in Halle blieben, der Humor nicht 
ausging trotz der Flucht von Gesenius, welche durch einen 
launigen Anschlag am schwarzen Brett, eine Parodie von 
Schillers Hektor und Andromache , gefeiert wurde : Tholuck aber 
predigte über den Text „wer da glaubt, der fleucht nicht." ^) 
Mehr als Alles beschäftigte unsern Freund schon da- 
mals ein Plan, der aus den Arbeiten der letzten Jahre 
hervorgewachsen zugleich den wirksamsten Sporn zur Voll- 
endung des Thomas in sich tryg — der Plan einer grossen 
wissenschaftlichen Reise,^) die in den Osterferien oder 
im Sommer 1833 zum Theil mit dem zu erwerbenden 
Bücherhonorar unternommen werden sollte. Seit dem Herbst 

1831 war, wie er der Mutter schreibt, „all sein Tichten 
und Trachten" auf die Ausführung jenes Gedankens gerichtet, 
der ihn Tags nicht verliess und Nachts im Traume begleitete. 
Italien war das Ziel seiner Wünsche, aber da sich desto 
leichter Gewährung hoffen lasse, je bescheidner man wünsche, 
so verzichtete er von vornherein auf Rom und wollte sich, 
geleitet erstens durch die Rücksicht auf namhafte Biblio- 
theken und litterarische Centralpunkte, zweitens durch die An- 
sicht, dass man in einem weise beschränkten Kreise soviel 
als nur immer möglich mitnehmen müsse, auf Süddeutsch- 
land und Oberitalien beschränken. Ueber Erfurt, Rudolstadt, 
Bamberg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg, Landshut, Mün- 
chen, Innspruck wollte er nach Venedig, Padua, Verona, 
Brescia, Mailand, Turin, dann zurück über den Genfersee, 
Bern, Basel, Freiburg, Strassburg, Carlsruhe, Heidelberg, 
Mainz, Coblenz, Bonn, Cöln, Cassel. Zur Vorbereitung und 
zur Anknüpfung litterarischer Verbindungen gedachte er zu 
Ostern Leipzig, Jena, Weimar, Gotha zu besuchen, Michaelis 

1832 einige Wochen nach Braunschweig zu gehen, um die 
Wolfenbüttler Bibliothek zu benutzen. Zugleich war eine 
Begeisterung für Archäologie in ihm erwacht, welche ihn 
zu dem Vorsatz führte, auch sie in den Kreis seiner Vor- 

1) An die Mutter 24. Jan. 1832. 2) An die Mutter 5. Nov. 1831; 
18. Mai, 15. Juni 1832. An Niese 6. Noybr. 1831, 28. Juni 1832. 



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Archäologie. 91 

lesungen zu ziehen*) und damit eine fühlbare Lücke in Halle 
auszufüllen, -wodurch er um so sicherer auf eine baldige Pro- 
fessur hoffen dürfte. Zur Vorbereitung begab er sich zu 
Weihnachten 1831 abermals nach Berlin, um in streng ge- 
regelter Tagesordnung auf der Bibliothek hauptsächlich in 
Handschriften zu arbeiten, die Antiken im Museum und die 
Gypsabgüsse in den eiskalten Sälen der Akademie zu stu- 
dieren. In den Morgenstunden von 6 Uhr an disputirte er 
bei der Kaffeelampe mit Freund Niese und Schwager Lan- 
cizolle über philosophische und theologische Themata, und 
arbeitete während des Familiengesprächs die von der Biblio- 
thek Tags zuvor mitgebrachten Bücher durch. In den späteren 
Nachmittagsstunden machte er Besuche und verbrachte den 
Abend in Gesellschaft, z. B. bei dem Oberbibliothekar Wilken, 
bei dessen Schwiegersohn Finder. Sehr zufrieden mit den Er- 
gebnissen dieser wohl ausgenutzten, inhaltsvollen Zeit kehrte 
er nach Neujahr zu seinen Vorlesungen zurück.^) - 

Aber die Vorarbeiten zum Thomas zogen sich doch 
über Erwarten hin: das Herbeischaffen von Handschriften, 
CoUationen, Büchern von Wolfenbüttel, Weimar, Wien, Ber- 
lin, Dresden erforderte lange Zeit, und darüber verrauchte 
ein Theil der Lust an dem immerhin nicht gerade anmuthi- 
gen Stoff. Da nun dem mächtig Vorwärtsdrängenden auch 
der Geschmack an der Ausführung des Agathon, dessen An- 
lage ihm nunmehr „sehr jugendlich und stockphilologisch" 
erschien, mehr und mehr verging,^) er aber das lebhafte Be- 
dürfniss empfand, von seinen Studien in der historischen 
Richtung, zu der er sich in steigendem Grade und der- 
massen gedrängt fühlte, dass er sogar an Vorträge über 
griechische und römische Geschichte dachte,^) Proben ab- 
zulegen, so nahm er sich vor, im Winter 1831/2 während 
der Vorlesungen über Metrik einen besonderen Theil derselben, 
„die metrische Kunst der Griechen in ihrer historischen Ent- 



1) Hierüber schrieb er am 8. Febr. 1832 an Schöne , der unter 
Reisigs Schülern durch archäologische Studien eine Ausnahme ge- 
macht hatte. 2) An d, Mutter 29. Decbr. 31. 3) An Niese 25. 
Mai 1831. An die Mutter 3. Febr. 31: „Das alte angefangene Werk 
ist mir zum Ekel geworden." 4) An Niese 25. Mai 31. 



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92 Brotarbeiten. 

Wicklung" zum Druck auszuarbeiten/) und schrieb für die^ 
Hallesclie Litteraturzeitung in wenigen Tagen „leider sehr be- 
drängt und etwas flüchtig mitunter" eine mit seinem Namen 
unterzeichnete Recension von SchölFs griechischer Litteratur- 
geschichte. 

4. Noth und ErlSsnng. 

Bei aller Frische und Lebenslust dieser ersten Docen- 
tenjahre gab es doch auch manche sorgenvolle, unmuthige 
Stimmung. Zwar besass R., wie gesagt, eine sehr ausgebildete 
Kunst in einer besseren Zukunft zu leben und sich die Freuden 
derselben mit programmmässiger Anschaulichkeit zu verge- 
genwärtigen, doch verfinsterten ihm, besonders zu gewissen 
Terminen wie Neujahr, bisweilen die kleinen Nöthe und 
Verlegenheiten des Lebens, wie Schneegestöber ihn um- 
wirbelnd, den Himmel gar zu sehr. Der pecuniäre Er- 
trag der CoUegien war über die Maassen elend; das Ministe- 
rium, sowohl der Minister von Ältenstein selbst als seine 
Räthe, Nicolovius und Johannes Schulze, waren dem Vielver- 
sprechenden wohlgeneigt, ermunterten ihn auch durch aner- 
kennende Worte, ab und zu durch Unterstützungen, die immer 
noch an den Vater angewiesen wurden: der übrige Lebens- 
bedarf aber, soweit ihn nicht Zuschüsse aus mütterlicher 
Casse deckten, musste durch den Ertrag gehäufter schriftstel- 
lerischer Arbeiten beschafft werden. Zu diesem Zweck über- 
nahm er im Herbst 1830 die Besorgung eines neuen Ab- 
druckes der Aeschyluscommentare von Stanley und Abresch,^) 
und im Lauf des Winters eine Schulausgabe der Anabasis 
für das Halle'sche Waisenhaus, welche ihn noch im Früh- 
jahr 1832 in Anspruch nahm.^) Freilich wurde hierdurch 
die Vollendung des Thomas unliebsam verzögert. Daher ein 
unruhiges Auf- und Abwogen wechselnder Stimmungen: Ver- 
zweiflung an allem Erfolg, glühende Sehnsucht nach des 
Lebens Bächen, begeisterte Hingabe an die Pflicht und den 



1) An Niese 25. Mai; 28. Juni 32: Anfang Novembers solle der 
Druck beginnin. 2) An die Mutter 2. August 1830. Anfang De- 

cembers waren bereits zehn Bogen des apparatus criticus gedruckt: 
an Niese 5. Decbr. 30. 3) An Niese März 1832. 



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Aussichten. 93 

Dienst der Wissenschaft, weitfliegende Arbeitspläne, Ueber- 
druss an dem prosaischen Halle und seiner Geselligkeit, 
still resignirt« Zurückgezogenheit im Studierzimmer. 

Er dachte an einen Ruf nach Wilna, dann nach Dorpat, 
wo Valentin Francke, ein Schüler Heinrichs, im Alter von 
39 Jahren gestorben war.^) Der hochmögende bischöfliche 
Onkel redete zum Glück ab, ohne doch, wenn der NeflFe 
durchaus darauf bestehe, seine wirksame Verwendung in 
Petersburg und Riga zu versagen.^) Die Mutter protestirte 
energisch gegen eine solche Versorgung, zu der sie nie 
ihre Einwilligung geben werde.') Zwar hatte sich R. schon 
im September 1830 in Berlin eines öfehr freundlichen Em- 
pfanges von Joh. Schulze zu erfreuen, der ihm erklärte, 
dass er ihn gern nach Greifswald gebracht haben würde, 
wenn nicht die älteren Anrechte des Professor Walch 
hätten befriedigt werden müssen;*) doch erst zu Weih- 
nacht des nächsten Jahres bei abermaligem Besuch er- 
hielt er bestimmtere Zusicherungen.^) Um die Beförderung 
zum Professor zu beschleunigen, liess er als ersten Theil 
(particula prior) seines Thomas die Prolegomena in zu- 
sammengedrängter und von der Redaction in der später 
erschienenen Ausgabe vielfach abweichender Form schon 
im Jahre 1831 erscheinen.^) Um so schlimmer war die 
Enttäuschung auch der Halleschen Freunde, als am 3. Fe- 
bruar 1832 der sehr wohlwollende Regierungsbevollmäch- 
tigte Delbrück im Auftrage des Ministers dem ungedul- 
digen Docenten eröflftien musste, dass, wegen Beschränkt- 
heit des Besoldungsfonds und da auch kein dringendes Be- 
dürfniss obwalte, die Zahl der Professoren für das Fach 
der classischen Philologie auf der Halleschen Universität zu 

1) An Niese 10. Novbr. , an d. Mutter 22. Decbr. 1830. 2) Der 
Onkel an Fritz 11. Decbr. 1830. Noch 1833 im Septbr. bietet Pos- 
selt seine Vermittelung an, nach Morgensterns Emeritirung die Augen 
der Professoren auf R. zu lenken. 3) An den Sohn 27. Decbr. 30. 
4) An die Mutter 29. Septbr. 30. 5) An die Mutter 29. Decbr., 

Schreiben von Nicolovius 28. Decbr. 1831. 6) 34 Seiten statt 146. 
Am Schluss das Datum: Scr. Halis Saxonum, m. Decembr. a. 
CIOIOCCCXXXI. 



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94 Ausserordentliche Professur. 

vermehren, es angemessen gefunden werde, den Beschluss 
über Beförderung R/s noch auszusetzen. Zur Ermunterung 
gereichte ihm ein Osterbesuch 1832 in Leipzig bei G. Her- 
mann und Dindorf. Bei Beiden fand er die beste Auf- 
nahme.^) Letzterer trug ihm jenes kecke Flugblatt nicht 
nach, sondern interessirte sich lebhaft für seinen Plan, die 
griechischen Grammatiker zu bearbeiten, sowie für die italiä- 
nische Reise, die er in jeder Weise durch Empfehlungen und 
Rathschläge zu fördern versprach.^) Endlich, fast wider Er- 
warten, kam dennoch im April dieses Jahres die Ernennung 
zum Professor extraordinarius in der philosophischen Facultät 
zu Halle.^) Freilich gehörte zu den „in dieser Qualität ihm 
zustehenden Prärogativen und Gerechtsamen" zunächst noch 
kein Gehalt,*) es wurde sogar ausdrücklich bemerkt, dass 
ihm „eine nahe Hoffnung auf eine fixe Besoldung nicht 
gemacht werden könne", doch habe das Ministerium ihm 
„ein öffentliches Anerkenntniss seiner bisherigen beifallswer- 
then Leistungen geben wollen";^) und Nicolovius beglück- 
wünschte den neuen Professor herzlich: „grosse Schwie- 
rigkeiten haben Sie überstanden, mit heitrem Muth wer- 
den Sie die noch vorliegenden besiegen, und eine leichtere, 
glückliche Zukunft wird Sie erwarten. Diese Zuversicht ent- 
springt aus einem wohlbegründeten Vertrauen zu Ihrem 
Können und Vollbringen."^) 

Diese Zuversicht suchte der neue Professor vor Allem 
zu rechtfertigen durch Aufbieten aller Kräfte, um das letzte 
und schwerste Stück des Thomas, die Prolegomena, zu erledi- 
gen und das Buch zum Abschluss zu bringen. Vom Juli an 
arbeiteten zwei Setzer auf einmal, welche alle fünf Tage 
Manuscript für einen neuen Druckbogen verlangten; in die- 
ser Zeit mussten Untersuchungen, deren Resultat manchmal 
nur eine halbe Seite füllte, inmitten aller übrigen Geschäfte 
zum Abschluss gebracht werden."') So konnte endlich am 



1) An Niese 14. Mai. 2) An die Mutter 10. Mai. 3) Bestal- 
lung vom 24. März 1832. 4) Doch hatte er die Genugthuung 10 Thlr. 
12 ly^ Sgr. an Geheime-Kanzlei- und Stempelgebühren zu entrichten 

5) Schreiben des Regierungsbevollmächtigten Delbrück vom 2. April .32. 

6) Schreiben vom 10. April 1832. 7) An die Mutter 30. Juli 32. 



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Thomas Magister. 95 

29. August das letzte Manuscript zu der langen Vorrede 
in die Druckerei wandern, so dass nur noch ein paar 
Bogen Register zu machen waren. ^) Im September war 
der Druck, der Ende Juli des vorhergehenden Jahres be- 
gonnen hatte ,^) glücklich beendigt. Das Buch, die erste 
reife Frucht mühevollen Fleisses und scharfblickender For- 
schung, wurde dem Lehrer Franz Spitzner und dem hülf- 
reichen, theilnehmenden Freunde Ludwig Pernice gewidmet. 

Nach den Anstrengungen des Sommers that körperliche 
Erholung und geistige Zerstreuung dringend noth. Nach 
einem kürzeren Dresdener Ausfluge ging es wieder nach dem 
geliebten Erfurt. Auch das Lancizolle'sche Ehepaar, aus dem 
Salzkammergut kommend, fand sich dort ein. Mit ihnen ge- 
meinschaftlich reiste R. über Torgau, wo Freund Niese, nun- 
mehriger Diaconus, in seiner jungen Häuslichkeit mit einem 
Besuch bedacht wurde, nach Berlin, und machte von dort 
auch zu dem bischöflichen Onkel in Stettin einen Abstecher, 
wo das ihm noch unbekannte grossartige Handelstreiben, der 
Hafen und die Schiffe, sein lebhaftestes Interesse erregten.^) 

So erwünscht die Beförderung zum extraordinarius war, 
so liess sich doch von dem blossen Titel eben nicht leben, 
auch nicht von wohlwollenden Versicherungen, wie sie Nico- 
lovius*) formulirte, „dass gern werde gewährt werden, was 
Mittel und Verhältnisse irgend gestatten." Der Ablauf des 
Gnadenjahres für die Wittwe von Schütz musste erst abgewartet 
werden, ehe Geld flüssig wurde; selbst mit den immer aufs Neue 
wieder zu erbittenden Unterstützungen an den Vater stockte es. 
Inzwischen riefen die finanziellen Bedrängnisse des jungen Pro- 
fessors bisweilen tragikomische Situationen hervor. Zu Neu- 
jahr 1833 scheinen sie ihre Höhe erreicht zu haben. Weder 
war er in der Lage, die übliche Gratulation der beiden üniver- 
sitätspedelle zu honoriren, noch besass er die nöthigen Fonds 
(8 Groschen), um dje Lichte für sein CoUegium durch den 
Einheizer kaufen zu lassen ; ja als er einen Schlossergesellen 



1) An die Mutter 29. Aug. 32. 2) An Nißse 23. Juli J831. 
3) An die Mutter 2. Novbr. 1832. 4) Im Dankbrief für den 

Thomas Mag. vom 21. Qctbr. 1832. 



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96 Sorgen. 

holen Hess, um ein Schloss aufzubrechen, hatte er keinen 
Silbergroschen für ihn und musste deshalb einen Schlüssel 
bei ihm bestellen, den er gar nicht brauchte, nur damit der 
Bursche später wiederkommen musste.*) 

In einigen schlaflosen Stunden der Neujahrsnacht über- 
dachte er in bangen Sorgen seine Hülfsquellen und Aus- 
sichten für die Zukunft. Das Ergebniss seiner üeberlegungen 
war, dass er sofort am 1. Januar zwei Briefe schrieb und 
eine „Conferenz" hielt. Der eine dieser Briefe ging nach 
Paris an einen dortigen Bekannten und enthielt eine indirecte 
Bewerbung um Anstellung bei der Leitung des neuen thesaurus 
linguae Graecae. Der zweite ging an den Regierungsbevoll- 
mächtigten, Herrn von Both, in Rostock und bezweckte 
eine Berufung an die dortige üniversitäi Bereits im August 
1832 war R. auf Fritzsche's Antrag neben C. F. Hermann 
und dem zum Gymnasialdirector designirten Bachmann für 
eine zweite philologische Professur in Rostock vorgeschla- 
gen;^) freilich war die Besetzung dieser Stelle vorläufig ver- 
tagt worden, doch hatte Fr. (3. Decbr.) gute Aussichten für 
die Zukunft eröffnet, welche durch die Möglichkeit einer Be- 
rufung desselben nach Leipzig an Becks Stelle näher zu treten 
schienen. Schlügen endlich auch diese fehP) und würde bis 
Ostern immer noch kein Gehalt für ihn flüssig, so will er 
(und darüber hat er mit Niemeyer conferirt) die wahrschein- 
lich vacant werdende Stelle eines ersten Oberlehrers am 
Waisenhaus, die 550 Thlr. fixen Gehalt brachte, annehmen 
und neben seinen drei täglichen Schulstunden Collegienlesen 
und philologische Schriftstellerei so lange verbinden, bis ein 
annehmbarer Ruf an eine auswärtige Professur komme. Sollten 
aber alle Stränge reissen, so schwebt ihm nach Verlauf 
einiger Jahre das Rectorat am Gymnasium als annehmlicher 
Trost vor, immer unter der Voraussetzung, dass der gegen- 
wärtige Rector zur rechten Zeit, weder zu früh noch zu spät 
sterbe. Das Schwerste dabei würde ihm" das Aufgeben der 

1) An die Mutter 14. Jan. 33. 2) Fritzsche an. R. 31. Aug. 32. 
3) In der That benachrichtigte ihn bereits ein Schreiben des Herrn v. Both 
vom 24. Decbr. 32, dass Fritzsche in Rostock bleibe, keine neue Be- 
setzung stattfinde und für den Augenblick nichts weiter zu thun sei. 



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Ruf nach ßreslau. 97 

italiänisclien Reise sein, wenigstens in der beabsichtigten 
Ausdehnung, denn zu einem 6 — 8 wöchentlichen Aufenthalt 
in Mailand, um dort Materialien für lange Jahre zu sammeln, 
hofift er es trotzdem zu bringen.^) 

Auch dadurch noch wurde das Ausharren in der ge- 
gebenen Situation erschwert, dass die Universität Halle seit 
einiger Zeit, besonders seit der Cholera, einigermassen ins 
Sinken gekommen, und eine Anzahl hervorragender Persön- 
lichkeiten theils gestorben, theils fortberufen waren. So brannte 
ihm nachgrade der Boden von Halle unter den Füssen: die 
gewohnten Geleise seines dortigen Lebens erschienen ihm 
ausgetreten, er sehnte sich nach einer kräftigen äusseren An- 
regung, die ihm auch durch den Zwang neuer Pflichten einen 
frischen Anstoss gäbe. Da eröflFnete sich durch den Tod 
Passow's in Breslau eine Aussicht. Der Verstorbene hatte 
neben griechischer Sprache und Litteratur „die gesammten 
classischen Alterthümer und insbesondere auch die reale Kunst- 
archäologie" in Rühmlicher Weise vertreten. Darauf war nach 
dem Curatorialschreiben des G. R. Neumann vom 15. März 
bei der Wiederbesetzung Rücksicht zu nehmen. Die Bres- 
lauer philosophische Facultät hatte darauf am 23. März 
auf Wachlers Antrag Göttling, Doederlein und Sillig als 
Nachfolger vorgeschlagen, und der Curator noch am selbi- 
gen Tage diese Vorschläge an das Ministerium befordert, 
indem er z. B. den Dr. Julius Sillig in Dresden folgender- 
massen empfahl: er „zeichnet sich durch archäologische Er- 
fahrungen aus, er hat sich weniger durch seine Ausgabe des 
CatuU als durch die Bearbeitung der Catalecta Virgiliana 
und Plinii bist. nat. sowie durch einen Catalogus artificum 
vortheilhaft genug bekannt gemacht". In Berlin aber be- 
mühte sich Zumpt um diese Stelle, und kurze Zeit lang 
schwankte trotz des Wohlwollens gegen R. das Zünglein in 
der Wagschaale des Ministeriums zwischen Beiden, da dasselbe 
auch gegen jenen gewisse Verpflichtungen fühlte. Am 19. April 
jedoch konnte R. den Eltern bereits die freudige Nachricht 
schreiben, dass er zum Professor extraordinarius und Mitdirector 

1) An die Mutter 14. Januar 1833. An Niese 22. Decbr. 1832. 
Lipsia vuU expectari schrieb er damals. 

Eibbeck, F. W. Ritgchl. 7 



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98 Apparatus criticus. 

des philologischen Seminars an der Universität Breslau berufen 
sei mit einem Gehalt von 500 Thlr. und diese Stelle bereits 
im Mai aotreten solle.^) Tantae mölis erat, dass ein genialer 
Lehrer und Forscher sich einen bescheidenen Arbeitsplatz im 
Königreich Preussen eroberte. 

5. Uebersicht der wissenschaftliclien Leistungen. 

Während der Glückliche sich zum Aufbruch rüstet, von 
den Freunden Abschied nimmt, deren Gefühle zwischen 
Freude und Trennungsschmerz getheilt sind, wollen wir sein 
philologisches Gepäck revidiren und die Summe seiner wissen- 
schaftlichen Leistungen bis zu dieser ersten Stufe näher ins 
Auge fassen. 

Von den beiden Erstlingen, den schedae criticae und der 
Untersuchung über Agathons Lebenszeit ist schon die Rede 
gewesen. Es waren vielverheissende Proben und Anfänge 
mannigfacher, eindringender Studien, Als Opfer, der saeva 
paupertas dargebracht, sind der apparatus criticus in 
Aeschyli tragoedias und die Ausgabe der Xenophontischen 
Anabasis zu bezeichnen. DerZweck jenes Unternehmens war 
ein buchhändlerischer. Die kostspielige Butlersche Ausgabe 
sollte entbehrlich, der in ihr enthaltene Apparat brauchbarer 
gemacht werden, letzteres zunächst durch Abdruck der selten 
gewordenen animadversiones von Abresch und Herausgabe der 
Reisig'schen Emendationen zum Prometheus nach seinen zum 
letzten Male im Winter 1826/7 gehaltenen akademischen 
Vorträgen. Die Anlage der Butler'schen Ausgabe ist ver- 
lassen, indem statt der zerstückelten Anmerkungen zu jedem 
einzelnen Drama der Stanley'sche Commentar sowie die ani- 
madversiones von Abresch in ihrem ursprünglichen Zusam- 
menhange abgedruckt sind. Ferner sind die Gitate genau 
verificirt, die Addenda an den betreffenden Stellen eingefügt, 
die einzelnen indices verschmolzen. Reisig's Bemerkungen 

1) Anzeige des Min. an das Breslauer Curatorium 12. April 1833. 
Nach den ganz divergirenden Vorschlägen der Facultät und des Curators 
erhält die Wendung des Min.-Rescripts : „Der Min. eröffnet Ew. Hochw. 
auf den Bericht vom 26. v. M., dass er beschlossen hat" u. s. w. einen 
fast ironischen Anstrich. Auch werden 150 Thlr. Reisekosten bewilligt 



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Anabasis. 99 

sind nach Ritschrs eignen Aufzeichnungen von diesem aus- 
gewählt und ins Lateinische übertragen.^) Ein dritter (nicht 
erschienener) Band sollte eine Auswahl des Interpretations- 
Yorrathes bringen^ nach der Reihenfolge des Textes zusammen- 
gestellt*) 

Die Ausgabe der Anabasis bietet ein eigenthümliches 
Interesse als das einzige Schulbuch, welches R. veröflfentlicht 
hat Die Verwendung von Varianten in bestimmter Aus- 
wahl zu dem Zweck nicht etwa Kritik in Tertia zu üben, 
sondern zur Einprägung der Grammatik und Scharf ung des 
Sprachgefühls wirksame Anregung zu geben, ist ein sinn- 
reiches didaktisches Mittel, welches indessen wenig Beachtung 
und Nachahmung gefunden zu haben scheint. Den Gelehrten 
ist die anonyme Ausgabe so unbekannt geblieben, dass R. 
24 Jahre später zwei wichtige Emendationen, welche dort in 
den Text aufgenommen und in den Anmerkungen auf S. 5 
und 33 kurz gerechtfertigt waren, in ausführlicher Darlegung 
als „ein recht eigentliches apertum opertum'' den Lesern des 
Rheinischen Museums nochmals vortragen konnte.^) 

An Aufforderungen zu journalistischer Schriftstellerei 
hat es schon dem angehenden Docenten nicht gefehlt. Be- 
reits im November 1829 erhielt er von Eichstädt eine Ein- 
ladung, die Nachfolge Reisigs auch in der Jenaischen Litte- 
raturzeitung zu übernehmen. Das Erste was er lieferte 
war die mit A. B. C. unterzeichnete, vernichtende Kritik der 
elenden Stäger'schen üebersetzung von Aeschylus' Sieben.*) 
Er nimmt an, dass der Verfasser (Privatdocent in Halle!) 
^eigentlicher Philolog' nicht sei, und weist aufs gründ- 
lichste dessen Unfähigkeit nach, aeschyleische Verse, Sprache, 
Gedanken in entsprechendem Deutsch wiederzugeben. Der 
Stümper, der u. a. . toTc tckoOci den „Kindern" und Xaße 
„er nahm" übersetzt hatte, sandte eine matte Antikritik 

1) Wieder abgedruckt in opusc. I 378 ff. 2) Selbstanzeige (ohne 
Unterschrift) des Apparatus criticus in der Hallischen Allgem. Litt.- 
Zeitung 1832, December, Nr. 221, S. 481—483. Vgl. Schulzeitg. 1833 
Nr. 37 f. 3) Zwei Rechnnngsfehler % Xenophons Anabasis: Bhein. 
Museum XIII (1868) S. 136 ff. = opusc. I 437 ff. 4) Jenaische Allgem. 
Liti-Zeitung 1830, Februar S. 193 f. Am 16. Nov. 1S29 bescheinigt 
Eichstädt den Empfang. 



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100 Recensionen. 

ein. Die desto kräftigere ^^Abfertigung des Antikritikus durch 
den Kecensenten^' (im Manuscript erhalten) wurde unter- 
drückt, nachdem die Antikritik zurückgezogen war.*) 

Von grosserer Bedeutung ist die ausfuhrliche Recension 
der griechischen Litteraturgeschichte von Scholl und 
ihrer deutschen Uebersetzung von Schwarze und Pinder.*) Nach 
einem Rückblick auf die firüheren Leistungen, deren lichtvolle 
Gruppirung zeigt, auf welchen Grundlagen die neuere For- 
schung weiterzubauen hat^ bezeichnet Ref. die neuerfasste Idee, 
die Litteratur zumal der hellenischen Welt als Produkt und 
Abdruck der geistigen NationalkrafI; und ihres durch das ge- 
sammte Culturleben bedingten Entwicklungsprocesses zu be- 
trachten, und die hieraus ec^achsende Aufgabe, den wesent- 
lichen Zusammenhang jenes genetischen Stufenganges zur 
lebendigen Anschauung zu bringen, als das Ergebniss unsrer 
eignen classischen Litteraturepoche und der durch sie be- 
fruchteten Alterthumswissenschaft, wie sie F. A. Wolf ver- 
trat. Als partielle Bestrebungen in dieser Richtung werden 
die bezüglichen Arbeiten von Friedrich Schlegel und Creuzer 
ausgezeichnet. Gleichzeitig aber neben jener organischen Ge- 
schichtsbetrachtung seien noch zwei bedeutende Elemente be- 
fruchtend hinzugetreten: einerseits die auf historischem Boden 
stehende, zugleich unbefangen und tief eindringende Kunst- 
kritik, vertreten durch A. W. Schlegel, der durch die 
Winckelmann'sche Periode mächtig angeregt war, andrerseits 
Steigerung der .frühesten chronologisch-biographischen Rich- 
tung zu einer combinatorisch ergänzenden Kritik des voll- 
ständig überschauten Materials der Ueberlieferung, wie sie 
geübt sei in den „monographischen Specialforschungen der 
neueren historisch -philologischen Schule*^, deren Präparate 
freilich noch einer gemeinsamen Auferstehung und Sammlung 
zu ganzen vom lebendigen Odem des Geistes beseelten Kör- 
pern entgegensehen. Mit^nichten aber durch die Idee der 
Litteraturgeschichte bedingt und deshalb (als eine immerhin 

1) Uebersendung der Ai||ikritik durch Eichstädt an R. 17. Mai 
mit der Bitte um baldige Abfertigung, Zurücksendung der R.'schen Replik 
aus obigem Grunde am 4. December. 2) Hallische Allgem. Litt.- 

Zeit. 1831, Juli, Nr. 121—124. 



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SchölFs Griech. Litt. Gesch. 101 

zweckmässige Zugabe) räumlich abzusondern sei die Zusam- 
menfassung und Beurtheilung der früheren Untersuchungen, 
das gesammte bibliographische Material. Dass diesem Ideal 
das Schöll'sche Werk in keiner Weise entspricht, wird hier- 
nach ohne Weiteres klar: „es vereinigt die doppelte Qualität 
eines brauchbarer zugestutzten Harles für Editionenjäger und 
Bibliomanen, und eines Handbüchleins für Damenbibliothe- 
ken." (S. 327.) Gegenüber der naiven Selbstbescheidung des 
Verfassers, kein Gelehrter sein zu wollen, wird Einführung 
der Resultate wissenschaftlicher Forschung gefordert: „wenn 
diese nicht Gemeingut der Gegenwart werden könnten, was 
wäre dann Philologie mit ihren oft so zerstückelten Bestre- 
bungen, als eine halblebendige Leiche, Tod und Verwesung 
in gich selber tragend, mit der sich das Leben nimmer in Aus- 
söhnung zu bringen im Stande wäre!" (S. 330.) Mit schnei- 
denden Sarcasmen wird der laxe Dilettantismus des Verf. 
und seine schülerhafte Ignoranz gegeisselt. Derselbe sei so 
wenig orientirt in den von ihm betretenen Regionen, dass 
er rechts und links anstossend herumtappe wie in einer 
dunklen Kammer, in die einer aus der hellen Mittagssonne 
gesperrt werde. (S. 331.) Er „kann die griechischen Autoren 
gar nicht gelesen, kann deswegen nur ein traumartiges Bild 
vom hellenischen Alterthume haben, und muss somit über 
die Dinge, weil er über sie mitsprechen muss, wie der Blinde 
von der Farbe reden." Unter ,yQuellen" versteht er Werke 
der Neueren, wie Fabricius u. s. w. Die „Hypothesen" der 
jetzigen Philologen erscheinen ihm gegenüber den „verschol- 
lenen Systemen gewisser ausser Curs gekommener Veteranen" 
wie neue gegen alte, leichte gegen schwere Ducaten. (S. 334.) 
Die Weise des Verf , einen Haufen unverarbeiteter und un- 
gesichteter Notizen zusammenzutragen, giebt eben so wenig 
ein Bild als „eine Palette mit einem Dutzend aufgetragener 
Farbenhäufchen". (S. 335.) Verspottet wird auch die wun- 
derbare Eintheilung und Charakteristik der ältesten Littera- 
turgeschichte, wonach die erste Periode als die, wo es noch 
keine, und die zweite als die bezeichnet werde, wo es noch 
keine wahre Litteratur (nämlich keine Prosa) gab, mit dem 
Jahre der Solonischen Gesetzgebung aber die sogenannte 



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102 Schöirs griech. Litteraturgeschichte. 

rein poetische Periode „wie eine Kassenregistratur oder eine 
Litteraturzeitung^^ abgeschlossen werde. Da aber grade die 
Behandlung der ältesten Zeit ein Prüfstein litterarhistorischer 
Forschung ist, so werden einige Gesichtspunkte, um jenes 
Chaos zu lichten, angedeutet: Homer selbst sei Quelle für 
Kenntniss der vorhomerischen Epik, die Geschichte der Lyrik 
müsse der des Epos vorangehen; die Noth wendigkeit, vor 
Allem über die musischen Verhältnisse klare Begriffe zu ge- 
• winnen; der charakteristische Gegensatz „zwischen besänf- 
tigend erhebender Kitharodik und enthusiastisch erregender 
Aulodik^^, der sich gleichmässig in Stamm- und Culturver- 
hältnissen ausspreche. (S. 338.) Ref. ist überzeugt, dass die 
sämmtlichen Säuger jener ürperiode in wohlgeordnete Grup- 
pen zerfallen nach gewissen Religions- oder Cultuskrei^ßn, 
zu denen sie in einer eng verknüpfenden Beziehung stehen. 
Nur hingedeutet wird auf „die Annahme eines musischen 
Cultuskreises, die Unterordnung der betreffenden Namen unter 
mehrfach abgestufte orgiastische und mystische Culte".(S. 338.) 
In dem Abschnitt über das homerische Epos findet Ref. eine 
Menge der bedeutendsten Fragen gar nicht oder kaum mit 
einem Wort berührt: „Welches ist eigentlich die in den hom. 
Gedichten geschilderte Zeit? Sind Ilias und Odyssee Erzeug- 
nisse einer und derselben Periode, oder lassen sich wesent- 
liche Momente für eine beträchtliche Altersverschiedenheit 
geltend machen? Welches ist das Verhältniss der home- 
rischen Gesänge zu hellenischer Mythologie, und welches ihr 
Einfluss auf eine organisirende Gestaltung derselben? Welches 
ihrEinfluss auf griechische Erziehung und Bildung überhaupt? 
ihre Würdigung und differente Schätzung bei Philosophen? bei 
Historikern und Geographen? (Andeutungen über das per- 
sönliche Verhältniss des Dichters zu den geschilderten Loca- 
litäten) und Andres der Art.^' (S. 341.) Der Hauptmangel in 
der Darstellung der sogen. Kykliker wird in der gänzlichen 
Verkennung des weitgreifenden Gegensatzes zwischen der 
homerischen und der hesiodischen Sängerschule gefunden. 
(S. 344.) Die wissenschaftliche Behandlung der hellenischen 
Lyrik müsse von den verschiedenen Entwicklungsperioden 
bei den vier hellenischen Stämmen ausgehen: so sei z. B. 



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AristopHanes. 103 

die Elegie nebst der jambischen Poesie nichts Andres als die 
Form, in welcher die Lyrik bei den loniem erschien. (S. 345.) 
Mag der Ton hier und da etwas stark pointirt, der Stil etwas 
hochtrabend erscheinen, so dass die Freunde an Bernhardy's 
Manier erinnert wurden:^) man fühlt, wie der Ref. ganz 
durchdrungen ist von dem Hauch der neuen historischen 
Richtung seiner Wissenschaft. 

Unter den anonymen Recensionen dieser Zeit ragt her- 
vor die sehr eingehende Besprechung der Aristophanes- 
ausgabe von Thiersch und der beigefügten commentatio de 
Aristophanis vita von F. Ranke.*) Sie enthalt u. A. geist- 
volle Bemerkungen über die Rollen des Aristophanes und des 
Agathon im Platonischen Symposion, über den Hauptzweck 
dieses Dialoges, über Plato's Antipathie gegen den Komiker 
(gegen die Auffassung der Ekklesiazusen als Parodie auf die 
Platonische Lehre und Schule wird Einspruch erhoben). Die 
Lebenszeit des Aristophanes wird abweichend bestimmt 
(Ol. 83 bis bald nach 98, 1), und eine Reihe interessanter 
Einzelfragen (Kallistratus und Philonides, Babylonier, Wol- 
ken u. s. w.), meist in milder Form, aber stets mit treffen- 
dem ürtheil kurz berührt. 

Diesen ephemeren Beiträgen reihen sich einige Artikel 
zui Geschichte der griechischen Poesie für die Ersch-Gru- 
bersche Encyclopädie an. Die älteste Periode berührt ein 
kurzer Abriss über die litterarische Thätigkeit des Onoma- 
kritus,^) welche erst später durch die Entdeckung des Plau- 



1) Schöne an R. 12. Octbr. 1831. 2) Hallische Allgem. Litt.-Ztg. 
1832 Nr. 212— 214 Nov. S. 409— -431. Dass dieRecension vonR. sei, er- 
rieth Ranke. Derselbe schreibt an R. 16. Dec. 1832, dass er dem Verf., das 
Lob zu Anfang ansgenommen, in jedem Worte beistimme. „Das ist eine 
Benrtheilang , wie ich sie wünschte. Doch wer wird der Verfasser 
sein? Es ist gewiss derselbe, d!er Protschers Rntilins Lupus beurtheilt 
hat; cjenn er stimmt mit ihm in Worten äberein. Ich denke, es ist 
wohl Freund Ritschi selbst" u. s. w. Die Richtigkeit dieser Conjectur 
wird man durch Vergleichung beider Recensionen bestätigt finden, 
üeber die Rec. des Frotscher'schen Rutilius Lupus (Nr. 159 August 
S. 629 — 632) s. die Beilagen. 3) In Ersch und Grubers Allgem 

Encydopadie 1833 = opusc. I 238 flf. 



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104 Ode. Olympus. 

tinischen Scbolions in helleres Licht gesetzt und demgemä^s 
auch eingehender behandelt worden ist. 

Ausgeführtere Beiträge zur Geschichte der griechi- 
schen Lyrik sind in den Artikeln ,,Ode (Volkslied) der 
Griechen"^) und „Olympus der Aulet"*) niedergelegt. 
Jener gab eine kritische Untersuchung über den Sprachge- 
brauch des Wortes üjbrj im Alterthum, welche lehrte, wie 
willkürlich die moderne Anwendung desselben, und wie un- 
zulänglich überhaupt für „genetische Darstellung der grie- 
chischen Lyrik als eines gegliederten Organismus" die gang- 
baren Klassificationen seien, weil nur bestimmt, „die aus dem 
grossen Schiflfbruche der Zeiten geretteten Reste" unterzu- 
bringen, „nicht aber die zahllosen verlorenen Schöpfungen, 
die unter ganz andren Gesichtspunkten zu betrachten sind. 
Es ergiebt sich, dass ibbri ein Gedicht bedeute, sofern es ge- 
sungen werde, jli^Xoc ein Gedicht, sofern es vollständige Ton- 
setzung erhalten habe, dass eben deshalb insbesondre die 
Volkslieder der Griechen als bloss gesungene ibbai hiessen, 
was dann zu einer Aufzählung und Charakteristik der uns 
bekannten Beispiele dieser Gattung führt. Mit der Per- 
spective auf eine zusammenhängende Darstellung der grie- 
chischen Lyrik und kurzer Andeutung einiger wesentlicher 
Gesichtspunkte (Auletik und Kitharodik; die Gegensätze grie- 
chischer Stammeseigenthümlichkeit; chorische und monodische 
Lyrik) schliesst der gehaltvolle Aufsatz. 

Einer dieser Punkte, das Verhältniss der Auletik und 
Kitharodik, bildet den Kern der Abhandlung über Olym- 
pus den Auleten, dessen Bedeutung für die Entwicklung der 
griechischen Poesie (nicht bloss der Musik) hier zuerst auf Grund 
der Hauptqiielle (Plutarch de musica) klar auseinandergesetzt 
wird. Durch jenen Namen wird dargestellt die Versöhnung 
des alten Gegensatzes, die Vermittelung zwischen der echt- 
hellenischen Kitharmusik, welche dem dorischen Stamme, dem 
ApoUocultus und dem Apollinischen Sagenkreise eigenthüm- 
lich den Charakter „strenger Einfachheit und hoher Ruhe" 



1) In Ersch und Grubers AUgem. Encyclopädie 1830 = opusc. 
I 245 ff. 2) Ebenda 1832 = opusc. I 258 ff. 



I 

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Thomas Magister. 105 

trägt, und der asiatischen Auletik^ die Aufnahme dieses bis 
dahin den Hellenen unbekannten Elementes aller orgiastischen 
Culte, welches ^^mit unsteter Leidenschaftlichkeit das Gemüth 
bald zu wildem^ glühendem Enthusiasmus aufregt^ bald zu 
weichlicher Erschlaffung herabstimmt." Diese nun in Ver- 
bindung mit der phrygischen Tonart auf den Nomos durch 
Olympus übertragen musste deli Charakter dieser ältesten^ 
echt dorischen Dichtungsart von Grund aus verändern. Die 
schrittweise Einführung aber der Eunstmittel, welche die 
phrygische Musik bot, in die griechische Poesie, hergeleitet 
von den kleinasiatischen Colonien, wird an die Namen Kal- 
linus, Archilochus, Terpander und Thaletas geknüpft, und in 
Zusammenhang hiermit die von dem letztgenannten bewirkte 
Aufnahme des kretischen Rhythmus für die beiden von ihm 
ausgebildeten Gesangesformen des Päan und des Hyporchem 
gleichfalls durch den Einfluss der kleinasiatischen Lyrik 
erklärt. 

Zu diesen leichteren Producten, Funken und Splittern 
aus der gelehrten Werkstatt, kommt endlich das eigentliche 
Haupt- und Central werk dieser Periode^ die erste in sich ab- 
geschlossene Arbeit, welche des Verfassers Herrschaft über 
ein weiteres Gebiet seiner Wissenschaft bewies, der Tho' 
mas Magister. Durch Studien über den Atticismus und 
die Atticisten auf die beiden Byzantiner Thomas Magister 
und Manuel Moschopulos gefuhrt, hatte R. beide sehr 
verwahrlost gefunden, besonders die cuXXof^ 6vo|LidTU)v 'Atti- 
KUJV des ersteren. Der unscheinbare Grammatiker des XIV. 
Jahrhunderts n. Chr., einst am Hof des Andronicus Palaeo- 
logus L wohlbestallter magister officiorum, später Mönch 
unter dem frommen Namen Theodulos, hatt^ von jeher das 
Unglück gehabt, „als eine Art Sündenbock betrachtet und 
behandelt zu werden, an dem immer diejenigen ihre Lust 
am meisten ausliessen, die am wenigsten dazu berufen waren, 
weil sie von der Sache nichts verstanden."^) Erst durch die 
Hemsterhuisische Schule tftid vornemlich durch die von 



1) Worte R.'s in der Selbstanzeige: Hallische Allgem. Litt.-Zeit. 
1833 Jani Nr. 111 S. 273 ff. 



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106 Thomas Magister. 

Pierson zuerst in seiner trefflichen Praefatio zum Moeris auf- 
gestellten Gesichtspunkte über Entstehung, Wesen und Tendenz 
der gesammten Atticistenthätigkeit war eine umsichtigere 
Würdigung vorbereitet und durch die soliden Massen der 
Lobeck'schen Gelehrsamkeit (in der Bearbeitung des Phry- 
nichus 1820) ein unverrückbares Fundament für den gewon- 
nenen Standpunkt gesichert worden. Von diesem Muster 
angeregt hatte R. die von Lobeck (Phryn. p. 482) vorgezeich- 
nete Aufgabe einer Ges-chichte der griechischen Gram- 
matik mit Eifer erfasst und als unverächtlichen Baustein 
für ein so weitläufiges Gebäude auch jene späte Compilation, 
welcher durch die vielen Citate ein besonderer Werth ver- 
liehen wird, nutzbar zu machen beschlossen.^) Die Unter- 
suchung nun, welcher Grad von Zuverlässigkeit der gang- 
baren Ausgabe, der Leidener v. J. 1757, eigentlich zukomme 
(„die von ihrem Vater, J. St. Bernard, kummervoll genug 
gezeugt, an Oudendorp einen Stiefvater fand, für den sie 
Gott zu danken hatte, so unähnlich sie auch natürlich den 
echten Oudendorpschen Kindern blieb'*), diese Untersuchung 
ergab, dass der Text des Thomas wie alle Vulgattexte, „aus- 
gegangen von einer an sich schlechten Princeps durch Lieder- 
lichkeit und Willkür der Editoren zu einer bis zum Un- 
kenntlichen und nicht selten Sinnlosen «entstellten Gestalt 
auf uns gekommen sei.'* Keine einzige Handschrift war bis- 
her genau verglichen: R. hatte sich in den Besitz eines zu- 
verlässigen Apparates gesetzt und nach den besten Quellen 
(vor allen dem Leidensis I, demnächst den von ihm selbst 
verglichenen, freilich jungen Wolfenbüttler und Baseler Hand- 
schriften) den Text festgestellt, besonders auch von Interpo- 
lationen gesäubert, und auf die ursprüngliche Anordnung, 
von der die Verbesserung des Einzelnen sowie das Ver- 
ständniss so oft abhängt, wieder zurückgeführt. 



1) proleg. p. IX: „nee procul esse illud tempus urhitror, qito pla- 
nissime, quem usum etiam tenuiora aMis grammaticae monumenta 
ad historiam illius disciplinae pen'noscendam eiusque nexum 
tllustrandum habeant, ab otnnibus intelligixtur, cuius quidem historiae 
enarratio, pernecessarium nosfris litteris opus, hodie iam non tantum 
debere, sed etiam posse exspectari videtur. 



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Thomas Magister. 107 

Weit über diese beschränkte Aufgabe hinaus reichen aber 
die äusserst fruchtbaren Untersuchungen, welche in den 
umfangreichen Prolegomenen niedergelegt sind. Schon 
die Frage über die Anordnung der dKXotn führt im drit- 
ten Capitel auf eine üeberschau sämmtlicher Lexica des 
griechischen Alterthums und Feststellimg einer vierfachen 
Form derselben. Im fünften aber eröffnet die Untersuchung 
der Quellen des Thomas einen weiten Hintergrund der 
älteren Grammatikerlitteratur. Von den beiden Stammvätern 
aller jüngeren Doctrin, Dionysius Thrax und Herodianus, 
wird der letztere, der Begründer der Etymologie, von dem 
Alle, welche die Formen einzelner Wörter behandelten, also 
auch alle Lexicographen abhingen, als der Hauptgewährs- 
mann insbesondere der Atticisten dargestellt, weil er die 
ÖÖKi|Lia von den f||LiapTr||aeva scharf zu unterscheiden pflegte, also 
den attischen Dialekt und attische Schriftsteller vor allen 
berücksichtigt haben muss. Um nun aber die von Thomas 
direct benutzten Quellen zu ermitteln, musste man die auch 
von ihm befolgte, ^ei den Alten so beliebte Sitte kennen, 
gern mit älteren, aber nur aus zweiter, dritter Hand bekann- 
ten Namen zu prunken, die eigentliche unmittelbare Vor- 
lage aber nur da zu nennen, wo sie ihr widersprechen. So 
erwies sich die dKXoYn des Atticisten Phrynichus, die Ziel- 
scheibe der Polemik für Thomas, zugleich als die am fleis- 
sigsten ausgenutzte Quelle. Ferner: je jünger ein Compi- 
lator, desto weniger hat er gelesen. Wie die Zahl der 
Handschriften, so zieht sich auch der Umfang der Leetüre 
immer mehr zusammen. Es wird unumstösslich bewiesen, 
dass Moschopulos älter als Thomas war, im XHI. Jahr- 
hundert schrieb, also vielmehr von diesem ausgebeutet wor- 
den ist, dass mithin zwischen beiden grade das umgekehrte 
Verhältniss stattfand als man bisher annahm. Beider Lexica 
aber gemeinsam abgeschrieben, ausgezogen, auseinander er- 
gänzt und so mit einander vertauscht wurden. Die Frage 
nach den Quellen des Moschopulos, namentlich seiner Bei- 
spiele, führt wieder auf andere wichtige Probleme wie die 
Entstehung und ursprüngliche Anlage des Etymologicum 
Magnum. "Vom höchsten Werthfürdiegesammte Erforschung 



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108 Thomas Magister. 

der alten Grammatikerlitteratur sind die methodischen Be- 
obachtungen über das Arbeitsverfahren des Thomas, wie er 
der ßeihe nach, mit Phrynichus beginnend, dann zu Phile- 
mon, Moeris, Ammonius u. s. w. übergehend, seine Vorgänger, 
soviel ihm eben zur Hand waren, ausschrieb, hier und da in 
veränderter Form, mit Correcturen und Zuthaten von Beispie- 
len; ganz besonders aber die scharfen Observationen über 
den Sprachgebrauch des Byzantiners wie der übrigen Gram- 
matiker und Lexicographen. 

Die Anerkennung des bedeutenden Buches war allge- 
mein. Pariser Briefe meldeten, dass die dortigen Gelehrten 
die Prolegomena ein wahres chef d'oeuvre genannt hätten.^) 
G. Hermann spendete schon für die erst erschienene Abtheilung 
glänzendes Lob^) und verhiess nach Beendigung des Ganzen 
eine Anzeige;^) Dindorf begrüsste in dem Verfasser einen 
Wiedererwecker der so vernachlässigten Studien über grie- 
chische Grammatiker;*) Schönemann in Wolfenbüttel stellte 
das Buch dem Lobeck'schen Phrynichus zur Seite; Freund 
Sintenis bewunderte die Herrschaft über den Stoff, die geist- 
reiche und geschmackvolle Behandlung, welche auch den 
Fernstehenden anziehe, die spielende Leichtigkeit, mit der die 
Resultate mühseliger Forschung vorgetragen und ein schein- 
bar steriler Boden befruchtet werde. Ferdinand Ranke in 
Quedlinburg verstieg sich zu emphatischen Liebeserklärungen^) 
und rüstete sich zu einer Recension, auch Göttling versprach 
eine solche.^) 

Kritische Geschichte der griechischen Poesie 
(einschliesslich der Metrik) und der griechischen Gram- 
matiker bildeten somit während der Hallischen Periode das 
Centrum der schriftstellerischen Arbeiten Ritschis: als Latinist 
war er öffentlich noch nicht bedeutend hervorgetreten. 

1) An die Mutter 1. Jan. 33. 2) 28. Jan. 1832. 3) 26. Sep- 
tember 1832. 4) 23. März und 25. Sept. 32. 5) 25. März, 16. Dec. 
1832, 8. Juni 1833. 6) 27. Octbr. 1832. Wirklich erschienen ist *em 
streng objeetiv gehaltenes, aber sehr vollständiges und vorzüglich 
orientirendes Referat in der Hallischen AUgem. Litt. Zeit, vom Juni 
1838 Nr. 111 S. 273 — 280 unter der (ohne des Verf. Wissen hinzuge- 
fügten) Chiffre Kg^ von Ritschi selbst; und eine Recension in Zim- 
mermanns Allgem. Schulztg. Sept. 1834 (von Kiessling?). 



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Breslau, erste Periode 

1833-1836. 



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1. Anfänge. Stadt nnd Gesellschaft. 

Die Trennung von dem altgewohnten Halle, dem warmen 
Freundeskreise, wurde dem Scheidenden nicht leicht. War 
es doch der mütterliche Boden, auf dem seine Kraft er- 
wachsen war, seine Entwicklung zum Mann und rühmlich 
anerkannten Gelehrten sich vollzogen hatte, wo seine Per- 
sönlichkeit verstanden wurde, wo er Vertrauen fand und er- 
widerte, eine sichre Heimath, die er nun in fremder Welt 
sich von Neuem gründen sollte. Auch der Nähe des gelieb- 
ten Elternhauses wurde er entrückt. Noch einmal fuhr er 
für wenige Tage herüber, kehrte dann nach Halle zurück, 
wurde am 29. April durch ein akademisches Essen feierlich 
verabschiedet und traf am Morgen des 6. Mai von Berlin 
kommend mit der Schnellpost in seinem neuen Bestimmungs- 
orte ein, wo er noch am selbigen Tage eine ihm zusagende 
bescheidne Wohnung, bestehend aus einer meublirten Stube 
und Kammer, in der Junkemstrasse Nr. 19 miethete. Sehr 
viel anmuthiger finden wir ihn ein Jahr später eingerichtet, 
in der Heiligengeiststrasse 21, von wo er in festtäglicher 
Stimmung (7, Mai 1834) an Niese schreibt: „Heute ist 
Lanci's und meiner Mutter Geburtstag. Wunderschöner Mai- 
morgen, und ich sitze in einer ganz neu und nett und nied- 
lich eingerichteten Wohnung von vier Zimmern, mit der 
Aussicht auf alle Oderschiflfe mit ihren bunten Wimpeln, auf 
5 — 6 katholische Kirchthürme mit glockenreinem Himmel- 
fahrtsgeläute, dicht unter dem Fenster die Promenade, die 
schöner ist als die Leipziger, und zahllose Blüthen um mich 
herum, Cactus und Oleander, Calla und Camellie, Rhododen- 
dron und Alpenrose und Reseda." 

Breslau war in den dreissiger Jahren ein in engen, un- 
reinlichen Gassen zusammengedrückter Haufe schwarz ange- 
rauchter, hochgiebliger Häuser, sehr belebt allerdings durch 



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112 Breslau. 

eine stark mit semitischen und polnischen Elementen durch- 
setzte, geschäftige Bevölkerung. Der jüdische Kaftan und 
die bunten Prachtlivreen auf den Karossen der reichen Aristo- 
kratie gaben dem Leben eine fremdartig phantastische, un- 
harmonische Färbung, und die Düfte der die Stadt kloaken- 
haft durchschleichenden Ohlau, vermischt mit dem Aroma der 
Höfe und waarenreichen Gewölbe, verdickten die Luft, Dafür 
entschädigten die interessanten Monumente einer reichen Ver- 
gangenheit, der Ring mit dem alterthümlichen Rathhause, 
das ehrwürdige imposante üniversitätsgebäude, eine beträcht- 
liche Anzahl bedeutender Paläste und alter Kirchen mit 
th eilweise mächtigen Thürmen; ferner die schöne Promenade, 
welche auf den ehemaligen Festungswällen die innere Stadt 
umschliesst und einen erfrischenden Blick in die blaue Feme, 
auf den ragenden Zobten und an hellen Tagen auf die feinen 
Linien des Glatzer- und des Riesengebirges gewährt; dazu 
der breite Oderstrom mit seinen eichenumsäumten Ufern. 
Der Ankömmling, der an die trauliche Nähe der Hallischen 
Beziehungen gewöhnt war, empfand zunächst das Trennende 
der weiten Entfernungen. Um dieselben den Kleinstädtern 
in Erfurt zu veranschaulichen, trieb er einmal nicht ohne 
Mühe einen alten Plan von Breslau in grossem Massstabe 
auf, bezeichnete 60 — 70 Punkte als für seinen persönlichen 
Lebenswandel besonders bemerkenswerth mit rothen Zahlen, 
versah sie mit einem bogenlangen Commentar, und schenkte 
diesen Periplus seiner Mutter zum Geburtstage (am 7. Mai 
1835), damit dieselbe bei jedem neu eintreflfenden Breslauer 
Brief ihren Fritz auf allen seinen Wegen durch die Gassen 
der weitläufigen Stadt getreulich begleiten könnte. Er bildete 
sich nicht wenig auf diesen, wie er meinte, ganz im Geiste 
der Mutter empfangenen sinnreichen Einfall ein, fand aber 
zu seiner Enttäuschung wenig Anklang damit. Besondere 
Befriedigung wiederum gewährte die Vereinigung der ge- 
sammten Universität in dem prächtigen alten Jesuitencolle- 
gium : es bewirkte ein Gefühl der Einheit, während doch das 
mannigfacher gegliederte Leben der grossen Stadt jenes 
exclusiv akademische Interesse, um welches sich in Halle 
Alles drehte, nicht aufkommen Hess. Lobenswerth fand er 



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Erste Besuche. 113 

auch die Bibliothekseinrichtuiig, vomemlich in zwei Punk- 
ten: einmal, dass der Professor den ganzen Tag zu jeder 
Stunde oben sein, lesen, nachschlagen, arbeiten durfte; zwei- 
tens, dass jede noch so kleine Monographie eingetragen und 
suo loco aufgestellt war.^) 

Das nächste Geschäft waren die Besuche bei den Col- 
legen und ihren Familien. Der Neuling war auf unfreund- 
liche Gesichter gefasst, denn, wie Joh. Schulze verrathen, 
hatte man an des ausserordentlich verehrten Passow's Stelle 
durchaus -einen berühmten Mann haben wollen; doch rechnete 
er zuversichtlich darauf, dass es ihm gelingen werde, mit 
der Zeit etwaige Dissonanzen aufzulösen.^) Um so ange- 
nehmer wurde er durch den allerseits guten Empfang über- 
rascht. Ein vortreffliches Verhältniss gewann er sofort zu 
seinem Specialcollegen C. E. Schneider, so abweichend von 
der seinigen auch die rein formale Richtung dieses ehren- 
werthen Vertreters der alten Schule war. Derselbe erinnerte R. 
äusserlich an* seinen Wittenberger Lehrer Nitzsch, und ein 
gelinder, Anflug von behaglichem Humor sagte ihm beson- 
ders zu. üebrigens ergötzte es ihn, wie alle Welt das Ge- 
deihen der Philologie im Herzen zu tragen schien und ihm 
die divergirendsten Rathschläge entgegenbrachte: der Eine 
will, er soll nicht Grammatik und Kritik treiben, sondern 
in den „Geist des Alterthums'* einführen; der Andre meint, 
griechische Syntax sei die Hauptsache, weil darin die schlesi- 
schen Schulen wenig leisten; Realien sollen nach einem dritten 
sein Augenmerk sein; nichts weniger, behauptet ein Vierter, 
sondern exegetische Publica für die Theologen, um auf allge- 
meine Geschmacksbildung zu wirken; römische Antiquitäten 
verlangen die Juristen. Der Schulrath (Menzel) will nicht etwa 
gründliche Philologen, sondern praktische Schulleute gezogen 
haben. Archäologie aber begehren sie Alle. Der Curator und 
Regierungsbevollmächtigte, Geh. Ober-Reg.-Rath Neumann,') 
war vollends ausser sich, als er seine Erwartung, der neue 
Professor würde sich mit besonderem Eifer auf die zerbrochenen 



1) An Pernice 4. Juni 1833.. 2) An die Mutter 7. Mai 1833. 
3) Gestorben 6. April 1835. 

Ribbeck, F. W. Ritschi. 8 



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1 14 Collegen. 

schlesischen Hufeisen und Kochtöpfe (im Museum) verlegen, 
durch die Erklärung getäuscht fand, das wäre grade das 
Einzige, was ein hohes Ministerium dem Neuberufenen weder 
schriftlich noch mündlich angedeutet hätte; dass derselbe aber 
Philologen bilden solle, schiene ihm unmassgeblich daraus 
hervorzugehen, dass ihm die Mitdirection des philologischen 
Seminars übertragen sei.^) 

Die mannigfachen confessionellen und politischen Gegen- 
sätze hatten ein ziemlich heftiges Parteiwesen erzeugt. Durch 
den Tod des Theologen von Coelln und Passows waren der 
herrschenden Partei zwei der eiriflussreichsten und bedeutendsten 
Führer entrissen. Ritschi ging einstweilen unbefangen mitten 
hindurch. So sehr ihm auch Notabilitäten wie Wachler und 
David Schulz, der zeitige Rector magnificus, entgegenkamen, 
sogar ziemlich unverhohlen um seine Genossenschaft warben, 
so blieb er doch fest in seinem Entschluss, sich in zwei 
Dingen durch keine coUegialischen Rücksichten bestimmen 
zu lassen, in seinen wissenschaftlichen Ueberzfeugungen und 
in der Wahl seines persönlichen Umganges,^) zumal da die 
„zweckmässigen Frauen", die zu seiner Existenz gehörten, 
natürlich unter allen Farben zerstreut waren. ^) Seiner in Halle 
ausgebildeten Harmlosigkeit und naiven OflFenherzigkeit legte 
er deshalb keinen Zaum an. 

Gar schmerzlich natürlich vermisste er anfangs den trau- 
ten coUegialischen und geselligen Verkehr, wie er ihn in 
Halle gewohnt gewesen war. Es ging kein Abend hin, wo 
er nicht beim Herannahen des Dämmerstündchens mit einer 
wehmüthigen Sehnsucht den Zug fühlte, mit Freund Rosen- 
berger zu Pernice's oder an einen, höchstens zwei andre gute 
Orte zu wandern und sichs dort wohl sein zu lassen. Weder 
die opulenten, steifen Diners, mit denen er begrüsst wurde, 
noch die bestehenden gemischten Gesellschaften, aus denen 
ihm die solchen bejahrten Veranstaltungen regelmässigen 
Frohsinns eigenthümliche Kellerluft entgegen wehte, konnten 
ihn vor der Hand entschädigen. Für einen Junggesellen, 



1) An Pernice 25. Mai 1833. 2) An Eltern nnd Geschwister 

19. Aug. 33. 3) An Pernice 25. Mai 1833. 



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Heimweh. 115 

der aus den Halle' sehen Kreisen kam, war es besonders un- 
liebsam, dass in Breslau so gar kein Zusammenhalten und 
Zusammenleben der jüngeren Docenten stattfand. Unter den 
Unverheiratheten trat ihm zuerst der Germanist Hoff mann, 
genannt von Fallersleben, näher, der „ein bischen Rugischer 
Bursehikosität, Humoristik und Poeterei" an sich hatte. Um 
nun aber, etwa in Gemeinschaft mit ihm, den vermissten Zu- 
sammenhang in weiterem Umfange herzustellen, dazu fehlte 
unsrem Freunde doch , nachdem er die Jugendfreude ungebun- 
dener Kameradschaft einmal gründlich genossen hatte, die rechte 
Hingebung. „Man wird doch auch alt und bequem, und das 
völlige Isolirtsein befreit auch von mancher gene."') Auch 
der Zugang zu den Familien erschien dem Verwöhnten an- 
fangs schwer, so dass er gradezu Heimweh nach dem ge- 
liebten Halle bekam. „Es ist ein gar zu klägliches Gefühl," 
schreibt er,^) „in der grossen weiten Stadt niemand zu haben, 
dem man wirklich was werth ist, der einen nicht eben so 
leicht entbehrte, als er beim zufälligen Zusammentreflfen 
freundlich und wohlmeinend ist, und ganz ungewohnt kömmts 
einem vor, sich zu der Anerkennung, dass man wirklich ein 
ordentlicher, zuverlässiger, geniessbarer Kerl ist, erst all- 
mälig durcharbeiten zu müssen, statt sie vorauszusetzen. 
Doch was hilfts! man muss dem unpraktischen Herzen in 
solchen Augenblicken einen Peitschenhieb geben und die öde 
Chaussee resignirt weiter fahren." Um so lebhafter fühlte 
er das Bedürfhiss eines regen, wo möglich gesteigerten Brief- 
verkehrs mit den auswärtigen Freunden, musste aber er- 
fahren, dass die weite Entfernung auch hierin eher ab- 
schreckend als anspornend wirkte. Er klagte „in einer wahren 
Briefeinöde" ^) zu leben; und selbst die Grüsse wurden dem 
Sehnsüchtigen bisweilen grausam unterschlagen. 

Mit der Zeit, schon im ersten Winter, fand sich doch 
mancher Ersatz. Im Herbst kam als neuberufener Sanscrit- 
professor Stenzler nach Breslau. Er war gleichaltrig, phi- 
lologisch durchgebildet, begeisterter Musiker, sein ganzes 



1) An Pernice 4. Jnni 1833. 2) An Pernice 21. Juli 1833. 

4) An Pernice November 1833. 



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116 Freunde. 

Wesen, Gemüth und Charakter, berührten unseren Verein- 
samten höchst sympathisch. So entzündete sich schnell zwi- 
schen beiden Männern eine noch von der Schwärmerei der 
Jünglingsjahre angehauchte, zärtliche Freundschaft. Sie 
sangen Glucks Orestes und Pylades miteinander,^) wechselten 
kleine Gedichte, Glyconeen, Choliamben, lonici,^) wie CatuU 
und Calvus, und waren unzertrennlich. Im nächsten Herbst 
(1834) trat Ambro seh als dritter in den Freundesbund. Er 
hing mit Begeisterung an R., und auch diesem war ein Col- 
lege von so einnehmendem Wesen und so tüchtigen Studien 
sehr willkommen. Alle drei vereinigten sich zu einem Privat- 
opernkränzchen, in dem R., der eine merkwürdig ausdauernde 
Fistelstimme besass, die Discantarien zu übernehmen pflegte. 
Auch einzelne Studenten wirkten mit: so Zastra im matri- 
monio segreto, Brix als Orestes in der Gluckschen Iphigenie. 
Auch an der Liedertafel sowie an den Uebungen der durch 
Mosewius trefflich geleiteten Singakademie betheiligte sich R, 
eifrig als thätiges Mitglied. 

Weniger scheint ihn der sogenannte akademische Cirkel 
angezogen zu haben, der unter der patriarchalischen Leitung 
des Nationalökonomen W. stand. Von den üeberschüssen 
der Gesellschaffc pflegten am Schluss des Wintersemesters 
den Mitgliedern Extragenüsse gratis bereitet zu werden, deren 
Anzeige in der Zeitung die säumigen Genossen anlocken und 
dem etwas matten Reigen des sonst sehr ehrbaren Thiasos 
einen erhöhten Schwung verleihen sollte. Einem Sirenen- 
ruf dieser Art, welcher zur Schlussvereinigung des Winters 
1834 „Champagner und Apfelsinenwein" verhiess, konnte auch 
R. nicht widerstehen. Da nun gleich ihm über hundert 
andre ungewohnte Gäste sich einfanden, so kam freilich 
auf den Einzelnen von dem perlenden Sect nicht mehr als ein 
halbes Glas, wofür sich die junge Bande unter Anführung 
R.'s, in dem der Dämon der Halle'schen Montagsgesellschaft 
wieder ^erwachte, zum Aergemiss des gesetzten Alters, durch 
bacchantischen Enthusiasmus schadlos hielt. ^) 



1) An die Mutter 24. December 1833. 2) Briefe vom 25. Decem- 
ber 1834, 1. Januar 1835. 3) An Pernice 18. April 1834. 



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Philomathie. 117 

Nicht ohne geistige Bedeutung war die Gesellschaft der 
Philomathie. Im Jahre 1814 gestiftet hatte sie indenTumer- 
stürmen des Jahres 1818 eine Krisis durchgemacht, sicli aber 
bald wieder zu frischem Leben erholt, dem erst die Märztage 
des Jahres 1848 ein definitives Ende gemacht haben. Als R. 
nach Breslau kam, gehörten zu ihr ausser Schneider, dem 
Secretär, mehrere der herrschenden Koryphäen der Universität, 
Wachler (der sich aber sehr bald wegen Kränklichkeit zu- 
rückzog), David Schulz, Huschke, Purkinje, Baltzer, ferner 
Kutzen und Regis; neu aufgenommen wurden zu seiner Zeit 
Schönbom, Ambrosch, Stenzler, Bruno Hildebrand, Göppert 
U.S.W. Man versammelte sich alle 14 Tage zum Anhören wissen- 
schaftlicher Vorträge, die in besonderer Zeitschrift (der „Phi- 
lomathie'') gedruckt erschienen, und zu geselligem Mahle. 
Bereits am 22. Mai 1833 liess sich R. durch David Schulz 
zunächst als Gast einführen. In der nächstfolgenden Ver- 
sammlung wurde er auf Schneiders Vorschlag, natürlich ein- 
stimmig, als Mitglied aufgenommen. Ei^ wurde kein sehr 
regelmässiger Besucher, doch hat er es an Beiträgen seines 
Geistes nicht fehlen lassen und mehrmals die frischen Erträge 
seiner Studien, soweit sie der Mittheilung in diesem Kreise 
fähig waren, den Genossen vorgetragen. Zum ersten Mal las 
er am 22. August „über die neueste Entwickelung der Phi- 
lologie", dann am 26. November des folgenden Jahres eine 
Uebersetzüng des ersten und zweiten Actes des Plautinischen 
Miles, die er am 17. December fortsetzte und vollendete. Am 
18. Mai 1836 theilte er ein Bruchstück aus der Geschichte 
der Philologie mit, betreffend „die Ausbildung der Gegensätze 
in der neuern Philologie und deren beiderseitige Haupt-Reprä- 
sentanten" (G. Hermann und Böckh). Am 28. März 1838 
las er „über die Alexandrinischen Bibliotheken nach Anlei- 
tung eines Plautinischen Scholions." 

Zu diesen mannigfachen Vereinigungen kam nun . noch 
ein ziemlich ausgebreiteter Pamilienverkehr. Namentlich bei 
ünterholzners, Gaupp's, Wittens, Lewaids, später bei Schön- 
borns ging R. aus und ein; zu dem Ribbeckschen Hause 
hatte er alte Erfurter Beziehungen. Gelegentlich schwollen 
die geselligen Ansprüche in dem Masse an, dass er auf 



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118 Vorlesungen. 

seinen alten Herzenswunsch nach einem Jahr Festungs- 
arrest zurückkam, um ungestört seinen Arbeiten leben zu 
können. 

2. Vorlesungen, Seminar, Studenten. 

Sehr erbaulich waren auch die Anfänge der akademi- 
schen Wirksamkeit auf dem fremden Boden nicht. Die 
schrankenlose Veneration für den Vorgänger Passow, dessen 
Haupteinfluss in der väterlichen Sorge für die Privatange- 
legenheiten seiner Schüler hervorgetreten war, hätte jedem 
Nachfolger den Eintritt schwer gemacht: wie viel mehr einem 
so jungen, verhältnissmässig noch wenig bekannten Manne. 

Ritschi eröffnete den Cyclus seiner Vor lesungen mit zwei 
seiner besten Stoffe, mit Aeschylus' Sieben (daneben publice 
Geschichte der griechischen Tragödie) und der Metrik; beides 
fünfstündig. Durch eine ^Unus pro multis' unterschriebene, 
angebliche Studentenpetition, von welcher nachher keine 
Seele etwas wissen wollte, wurde er verführt, die für den 
Aeschylus gewählte Abendstunde von 6 — 7 mit der entspre- 
chenden Morgenstunde zu vertauschen, die, wie sich erwies, 
eher abschreckend als lockend wirkte. ^) um neun Uhr folgte 
die Metrik, um acht ausserdem zweimal das Seminar. 

In der Metrik bildete diesmal die Geschichte der- 
selben oder die genetische Darstellung, womit er in Halle 
begonnen hatte, den zweiten Theil.^) Die Entwicklungs- 
phasen der musikalisch-metrischen Kunst wurden klar und in 
schönem historischen Zusammenhange dargelegt. Bei dem 
Gipfelpunkt, dem Drama, angelangt, besprach er die Com- 
position der Chorlieder, die Kriterien, an denen Weöhsel- 
Vortrag durch einzelne Abtheilungen des Chors erkannt 
werden. 

In die specielle Einleitung zur Interpretation der Sie- 
ben nahm er eine Auseinandersetzung über den Thebanischen 
Sagenkreis auf. Um zugleich ein Beispiel von der geschicht- 



1) An Pernice 25. Mai 1833. Später las R. in Breslau regelmässig 
von 8 — 10, einmal, im Sommer 1836, Nachmittags von 2 — 4 Uhr. 
2) Aus dieser Zeit hat sich die Reinschrift eines guten Zuhörerheftes 
erhalten. 



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Studenten. 119 

liehen Entwickelung und Gestaltung eines griechischen Mythus 
zu geben, verfolgte er in kurzem üeberblick die Ueber- 
lieferung der Sage von Homer an bis zu den Tragikern und 
stellte somit fest, in welchen Punkten sie durch Aeschylus 
umgeformt sei.^) 

In den ersten Stunden war die Temperatur frostig und 
die Frequenz gering. Nicht einmal soviel Neugier zeigten 
die Herren Commilitonen, sich den neuen Professor wenig- 
stens einmal hospitirend anzusehen. Indessen schon nach 
den ersten Stunden schwand das Misstrauen, und all- 
mälig, bis in den Sommer hinein, wuchs die Zahl bis auf 
14 Zuhörer im Aeschylus und 18 in der Metrik, freilich im 
Vergleich zu dem ersten Hallischen Auditorium ein beschei- 
denes Debüt. Er fing in Breslau tingefähr so an, wie er in 
Halle aufgehört hatte; und hatte nur zu wünschen, dass er 
hier so aufhören möchte, wie er in Halle angefangen.^) 

Noch unerwünschter war die Beobachtung, dass im 
Ganzen das Niveau der Breslauer Studenten niedriger war, 
sowohl ihre Gesammtauffassung der Wissenschaft als auch 
ihre Leistungen im Besondren. Der Besuch des Seminars 
war unregelmässig; noch im Januar 1835 meldet der damals 
übliche Quartalbericht über den Besuch der Vorlesungen: 
„zwei Drittel fleissig, ein Drittel faul." Im Seminar waren 
übermässig lange Abhandlungen (bis zu zehn Bogen im Um- 
fange) üblich, während den Disputationen nur kurze Thesen 
zu Grunde gelegt wurden; die Interpretation pflegte sich in 
breiten Excursen zu ergehen und nicht von der Stelle zu 
rücken. Mit der Latinität stand es erbärmlich, die Vor- 
bereitung der Schulen war sehr mangelhaft, der Zauber des 

1) 1. Seit Aeschylus gelten die vier Geschwister als in blutschän- 
derischer Ehe des Oedipus und der Jokaste erzeugt (festere Verknüpfung 
der Sage); 2. das Unglück des Labdakidenhauses rührt von der frevel- 
haften Nichtachtung des Apollinischen Orakels durch Laios her (Chry- 
sippos geht den Aesch. nichts an). An das alte Epos hat sich der 
Dichter besonders in der Charakteristik d^r beiden feindlichen Brüder 
gehalten, während Sophokles und Euripides das Verhältniss grade um- 
kehrten, das Recht auf Seiten des Polyneikes sein liessen, theüs aus 
individuell poetischen Gründen (Antigene), theils aus politisch-nationalen 
(Supplices des Eurip.). 2) An Pemice 25. Mai 1833. 



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120 Graffunder. 

Hergebrachten allmächtig. Den anschaulichsten üeberblick 
über alle Eindrücke, Desiderien und Absichten, welche R. 
gegen den Schluss des ersten Semesters in Kopf und Herzen 
trug, giebt der nach Erfurt in Folio eingesandte Stimmungs- 
bericht, dessen Hauptstellen wir im Folgenden mittheilen. Doch 
müssen wir zum Verständnis» des Einganges noch Folgendes 
vorausschicken. In den Kreis der Erfurter Vertrauten war be- 
reits seit einigen Jahren Alfred Graffunder eingetreten, eine 
h öchst eigenartige, edle Persönlichkeit. Hauptsächlich von theo- 
logisch-philosophischen Studien durchdrungen war er im Herbst 
des Jahres 1828 von Berlin, wo er die Stelle eines Alumnen- 
Inspectors am Joachimsthalschen Gymnasium versehen hatte, 
nach Erfurt in das Regierungs- und Schuldepartement zur 
Leitung des Volksschulwesens im dortigen Regierungsbezirk 
berufen worden. Mit der Zeit hatte sich zwischen dem frem- 
den jungen Ehepaar und dem R.'schen Elternhause in Erfurt 
ein herzlicher Verkehr gebildet und aus ihm heraus eine 
brüderliche Freundschaft der beiden jungen Männer. Dem 
productiven genialen Forscher war es eine Lust über Kern 
und Richtung seiner gelehrten Arbeiten, noch mehr aber 
seiner praktischen Wirksamkeit gegenüber dem ideenreichen, 
immer auf die höchsten Ziele der Menschenbildung gerich- 
teten, allen fruchtbaren Bestrebungen der Wissenschaft zu- 
gänglichen Denker und kundigen Geschäftsmann sich aus- 
zusprechen, im Feuer der Discussion die eigne Kraft zu 
stählen und zu erfrischen, an der ruhigen Flamme eines tiefen 
echten Gemüthes das hochschlagende Herz zu erwärmen: und 
auch dieses Band ist unlöslich fest geblieben, bis das Lebens- 
licht des Aelteren erlosch, wenig über ein Jahr früher als 
das des Jüngeren.^) 

Der erwähnte Generalbericht ^) lautet: „Meine lieben 
Eltern und Geschwister ('s ist Schade, dass ich nicht 
noch Graffunder unter einem Verwandtschaftsnamen mit 
hier anbringen kann). Ich wollte, ich kriegte meine 



1) Graffunder, am 22. August 1801 geboren, ist am 5. Juli 1875 
in Rudolstadt als Geh. Regierungsrath gestorben, wohin er nach seiner 
Versetzung in den Ruhestand (1873) von Berlin aus sich zurückgezo- 
gen hatte. 2) 29. August 1833. 



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Stimmungsbericht. 121 

Briefe bezahlt, so könnte mir dieser immer einen Louisd'or 
H j;:orar eintragen, denn Ihr seht, die Anlage ist nicht klein. 
Seit einiger Zeit bin ich so in^ die Schreibroutine (für den 
Druck) hineingekommen, dass ich immer gleich mit ganzen 
Bogen anfange, und dass ich's mir zum Gesetz gemacht habe, 
nie etwas wieder auszustreichen, es mag nun unzeitig oder 
als Krüppel zur Welt und aufs Papier gekommen sein. „Bur- 
schenschaft ist Burschenschaft", geschrieben ist geschrieben. 
Das müsst Ihr Euch also auch gefallen lassen, so gut 
wie die Redactoren. Ich werde aber „alles durcheinan- 
der'' schreiben: jeder von Euch mag denn sein Theil her- 
aussuchen. Denn die Gelegenheit solcher Quadrupeladresse 
kommt nicht alle Tage, und es ist mir eine ganz aparte 
Freude, mich von Euch allen vieren in Gemeinschaft gelesen 
zu denken. Ich werde aber nur von mir reden, und gar 
nicht viel von Euch, weil ich nur so den Jammer überwinde, 
nicht mit bei Euch zu sein, und resp. gewesen zu sein, 
d. h. auf dem Harz. Es ist wirklich das Beste, ich betrachte 
mich fortwährend hier als ein Deportirter oder nach Sibirien 
Geschickter, der, wenn er eine recht erkleckliche Zahl wilder 
Fuchspelze eingesandt hat, sich zum Lohne Freiheit und 
Rückkehr verdient. Nicht als ob ich hier missmuthig und 
unzufrieden wäre; im Gegentheil, was so die gewöhnlichen 
Ansprüche an ein behagliches Leben sind, daran lässt sich 
nicht gerade etwas Wesentliches vertnissen. Aber von meinen 
drei eigentlichen Lebensregionen, die, wie bekannt, Historie, 
Musik und Liebe sind, sind mir doch hier die beiden letzten 
verschlossen, was röcksichtlich der letzteren am empfind- 
lichsten ist. Einen Menschen, mit dem ich hier einen General- 
und Specialaustauch aller Gedanken, Gefühle und Erlebnisse 
entriren könnte, werde ich in Breslau schwerlich finden. Ein- 
mal hat sich meine Stellung durchaus so gestaltet, dass mein 
Umgang auf die Notabein der Universität dergestalt beschränkt 
ist, dass ich mit so gut wie gar keinem der jüngeren umgehe. 
Auch lässt sich weder Beides mit einander vereinigen (die 
Zeit fehlt), noch spricht mich irgend einer besonders an. Mit 
den Aelteren aber kann es der Natur der Sache na^h zu 
einem vertraulichen. Verhältniss nicht wohl kommen, weil es 



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122 Stimmungsbericht. 

erstens Notabilitäten sind, und zweitens, was viel wich- 
tiger, weil sie Frau und Kinder haben; so bin ich denn ganz 
auf meine historische Philologie, auf mein Amt und schöne 
Hoffnungen für die Zukunft angewiesen. Begeistern kann 
mich aber nun meiner Natur nach meine Amtsthätigkeit als 
solche nicht, die Philologie wohl, aber das Dociren und In- 
struiren und Bilden und Ziehen ist mir, wenn ich recht auf- 
richtig sein soll, nicht erschrecklich ans Herz gewachsen; 
dass ich was lerne dabei, ist mir mehr werth — — — 
auch ist's nicht gerade so schlimm gemeint, wie es auf dem 
Papier aussehen mag; es ist eigentlich nur vergleichs- 
weise zu dem eigenen gelehrten Treiben wahr. Dabei thut 
es meiner wirklichen Thätigkeit nicht den geringsten Ab- 
bruch, die ich nur — wenn ich mich nicht selbst täusche 
— mehr aus einem individuellen Thätigkeitstriebe, als aus 
dem allgemeinen Nützlichkeitsprincipe glaube herleiten zu 
müssen. Ich fange im Seminar sehr durchgreifend an zu refor- 
miren. Im Laufe dieses Semesters, was ja in zwei Wochen 
bewältigt ist, hoffe ich, ist es mir doch gelungen erstlich ■ 
den CoUegen die üeberzeugung beigebracht zu haben, dass sie 
ganz wohl zufrieden sein. können, mich gekriegt zu haben, 
und zweitens meinen Studenten zu dem gebührenden Respect 
verholfen zu haben vor einem ordentlichen Philologen, von 
dem sie was lernen können. Der ersten Bemühung wird, so 
Gott will, die Krone aufgesetzt werden an dem Tage des No- 
vembers, an dem ich meine öffentliche Disputation halte; der 
zweite Punkt muss seine Bewährung schon durchs nächste 
Semester erhalten, wenn es sich anders mit ihm richtig ver- 
hält. Bei dem besten ehrlichsten Willen, niemandem zu nahe 
zu treten, kann ich doch nicht anders sagen, als dass ich 
eine arge Indolenz und grosse Engherzigkeit unter den Stu- 
denten und im philologischen Studium überhaupt finde. Durch 
CoUegien lässt sich da wenig bessern. Aber im Seminar 
müssen die Zügel desto straffer gezogen werden. Die Leute 
schüttelten die Köpfe wie stutzige Pferde, als ich so eine 
kleine Aenderung nach der andern vornahm und die Anfor- 
derungen intensiv und extensiv steigerte. Nachdem ich sie 
so zuerst an den Gedanken gewöhnt habe, dass überhaupt 



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Stimmuli gsberi cht. ^ 123 

verschiedene Wege möglich sind, zugleich aber ein allge- 
meines Vorurtheil für die Zweckmässigkeit aller meiner 
Aenderungen begründet habe, soll mit Beginn des neuen Se- 
mesters der Hauptschlag fallen, wo ich die ganze bisherige 
Seminareinrichtung zunächst wenigstens äusserlich auf den 
Kopf stellen und gründlich umgestalten werde: wozu ich 
nach dem Reglement für meine Abtheilung das unbegrenzte 
Recht habe, so gut wie der andere Seminardirector für sich 

auch Da sind wir in Halle ganz andere Seminaristen 

gewesen, die sich schämten, so einen Kameraden unter sich 
zu haben, wie sie hier fast alle zusammen sind. Und warum 
sollte das hier anders sein müssen, als dort, da die preus- 
sische Schulordnung ja dieselbe ist? Damit es aber inwendig 
besser werde, habe ich — weil doch mit den alten der Karren 
schon zu sehr in den Dreck gefahren ist — meine Hoffnung 
auf die jungen gesetzt, die ich mir zuziehen werde, und zwar, 
weil dazu das Seminar nach Zeit und Stellung nicht aus- 
reicht, vom nächsten Sommer an in besonderen Privatis- 
simis. Später sollen dann ausführliche Vorlesungen über 
Encyclopädie und Methodologie der Philologie meine Grund- 
sätze, um nicht immer Ansichten zu sagen, aus dem engern 
Seminarkreise heraus auch zu weiterer Verbreitung zu bringen 
suchen. Wie aber auf der einen Seite hier zu wenig ge- 
schehen ist; denn es fällt keinem ein, dass das Studium 
nicht bloss methodisch instructiv sein, sondern auch einen 
gewissen Umfang des positiven Wissens beabsichtigen soll: 
so geschieht auf der andern zu viel, nicht für diejenigen, 
die gelehrte Philologen werden wollen, sondern für die 
Praxis des Schullebens eben sowohl, wie für den freien 
Genuss aller Nichtberufsphilologen. Das letztere geht mich 
auch nichts an; denn dass wir nicht mehr in der Art phi- 
lologisch-exegetische CoUegien lesen, wie sich sonst an 
ihnen jeder, der nicht hebetis mentis war, auch aus an- 
dern Fächern auf der Universität erquickte, ist selbst nur 
eine Folge der preussischen Ueberfütterung auf den Schulen. 
Um also den philologischen Universitätsunterricht für die 
Schulpraxis fruchtbarer zu machen, so kann dies zwar 
einigermassen durch die erwähnten methodologischen Vor- 



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Google 



124 I« ateinschreiben . 

lesungen erreicht werden, aber doch sehr untergeordnet; 
hauptsächlich will ich dahin ebenfalls mit dem Seminar zu 
wirken suchen und mir die Freiheit nehmen, obgleich das 
Seminar statutenmässig lediglich für gelehrte Bildung im 
strengsten Sinne und für Förderung der Wissenschaft be- 
stimmt ist, auf meine eigne Hand jenen praktischen Zweck 
vorwalten zu lassen, zu jener strenggelehrten Bildung aber 
nur die wenigen anleiten — denn es ist doch immer eine 
sehr kleine Zahl — die wirklich eminent sind. Bis jetzt 
kennen sie aber nur Kritik und nichts als Kritik und sind 
im Stande, 2 — 3 Stunden über einem einzigen Verse zu 
interpretiren, und geberden sich, statt wirklich zu erklären, 
als wollten sie ein Lexikon oder eine Grammatik schreiben." 
In diese träge schwerfällige Masse fuhr der Geist der Ritschl- 
schen Philologie wie ein frischer Sauerteig. Die Leistungen 
der Schulen durch Heranbildung eines besseren Lehrerstandes 
zu heben erkannte er als seine dringendste Aufgabe. Während 
Schneider, obwohl selbst ein gewandter Latinist, die Unfähigkeit 
der Seminaristen im Lateinschreiben resignirt auf die preus- 
sische Schulordnung schob, welche den Leuten nicht mehr Zeit 
lasse das zu lernen, gelobte sich R. nicht eher zu ruhen und 
zu rasten, als bis das besser würde, keinem nach dem Examen 
die facultas docendi für die oberen Classen. zu geben, der 
nicht ordentlich Latein schreiben gelernt habe.^) Gleich in 
dem ersten Seminarbericht ^) deutete er auf diesen Mangel 
und sein auf die Beseitigung desselben gerichtetes Streben 
hin, wofür ihm von Job. Schulze^) eine warme Ermunterung 
zu Theil wurde. „Aufrichtig freue ich mich, dass Sie in 
Ihrem neuen Wirkungskreise die Stimmen der Besten all- 
mählich für sich gewinnen. Ich bitte Sie vor allen Dingen 
im Seminar darauf zu halten, dass die Mitglieder desselben 
sich nicht im Lateinisch- Schreiben vernachlässigen. Der 
künftige Schulmann und Lehrer des Lateinischen in unseren 
Gymnasien müss diese Fertigkeit besitzen, und ich habe auch 
in dem neuen Reglement für die Abiturienten-Prüfungen, 
welches nächstens erscheinen wird, grade auf diese Fertig- 

1) An die Mutter 27. Jan. 1834. 2) Datirt 4. Jan. 1834. 3) 22. 
Februar 1834. 



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Seminar. 1 25 

keit, welche nicht zu erlangen ist, ohne zugleich auf die 
formelle Bildung 'höchst wohlthätig zu wirken, ein besondres 
Gewicht gelegt." Ein besondres Privatissimum für latei- 
nische Schreib- und Sprechübungen lockte im Sommer 1834, 
da es zum ersten Mal angeboten wurde, freilich nur einen 
Theilnehmer, und zwar einen evangelischen Theologen, doch 
fanden sich im folgenden Winter ihrer 17 ein. Oefter ist es 
nicht wiederholt worden. 

Für die Disputationen im Seminar wurden nunmehr 
lateinische Aufsätze massigen Umfangs gefordert, vorzugs- 
weise kritisch -grammatische Untersuchungen frei gewählter 
Textesstellen, deren Besprechung innerhalb zweier Stunden 
zum Abschluss gebracht werden konnte. Die Seminar- 
arbeiten pflegte ß. mit eindringlichen, bisweilen drasti- 
schen Bemerkungen zu versehen, ohne doch der eingehen- 
den mündlichen Kritik vorzugreifen. Ausführlicher ge- 
fasst, namentlich die Wahl des Gegenstandes und die Me- 
thode der Untersuchung berücksichtigend, waren, die zugleich 
für das Ministerium berechneten Endurtheile. Zu einer Ab- 
handlung Engers über Spuren des Sicilischen Dialektes bei 
Aeschylus wird z. B. mit besonderer Anerkennung hervor- 
gehoben, dass der Verfasser „bei Behandlung eines sehr in- 
tricaten Gegenstandes, welche die feinsten Grenzen der Kritik 
und Metrik bei dem schwierigsten Dichter berühre, ein sehr 
erfreuliches Zeugniss für die Reife seiner Studien und feinen 
Takt geliefert und durch Erwerbung des letzteren sich auf 
diejenige höhere Stufe philologischer Ausbildung erhoben 
habe, von der diejenigen, die ihn sich anzueignen nicht ver- 
mocht, gar keine Ahnung zu haben pflegen." Scharf ge- 
tadelt wird eine Vergleichucg der Choephoren mit den beiden 
Elektren wegen der Wahl des Stoffes. „Ein Seminarist, 
wenn er nicht ganz besonders begabt und vorgebildet ist für 
philosophische Behandlung eines Kunstwerkes, soll sich über- 
haupt nach des Unterzeichneten Meinung nicht ein so allge- 
meines Thema stellen, am wenigsten ein so vielfach behan- 
deltes, wenn er demselben nicht eine neue Seite abgewinnen 
kann. — — Seminaristen, wie sie gewöhnlich sind, sollen 
in der Regel einen historischen (sprachlichen oder sachlichen) 



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126 Seminar. 

StoflF wählen, dessen sie Herr zu werden und den sie zu er- 
schöpfen vermögen, um an ihnen Sicherheit und Methode in 
dem, was am meisten Noth thut, zu lernen. Je behandelter 
aber der Gegenstand ist, desto unerlässlicher muss die erste 
Anforderung erscheinen: durch sorgfältige Berücksichtigung 
der vorhandenen Litteratur sich eine vollständige üebersicht 
über den Standpunkt zu verschaffen, zu dem der fraglichie 
Gegenstand bisher gediehen ist. Der Verfasser theilt aber 
mit so vielen jungen Leuten das vornehme Ignoriren oder 
das beschränkte Nichtkennen früherer Leistungen, wodurch 
weder die Wissenschaft noch das Individuum weiter kömmt, 
und was gleichwohl so schwer hält ihnen abzugewöhnen." 
Eine 71 Seiten lange Abhandlung 'de Flori aetate, patria 
ac nomine' wird abgefertigt mit den scharfen Worten: „der 
Verf. hat von jeher multa, non multum schreiben wollen, 
und ist in dieser Beziehung vom Unterzeichneten längst auf- 
gegeben worden. Auch diese Arbeit ist ein Beweis, 8cuj 
ttX^ov f^jiicu TravTÖc." 

Bei der Erklärung griechischer Dichter wurde auch Nach- 
bildung des Textes in lateinischen Versen versucht. Von der 
Fruchtbarkeit dieser Uebungen hatte sich R. durch eigne 
Jugenderfahrung überzeugt-. Freilich stellten sich die Semi- 
naristen, da die schlesischen Gymnasien (ausser Glogau 
unter der Direction von Mehlhorn) metrische Versuche ganz 
vernachlässigten, anfangs recht ungeschickt an, doch brach- 
ten es die besten bald zu erfreulicher Fertigkeit.^) Inter- 
pretirt wurde Terenz (Andria, Winter 1833/4), Plautus (Bac- 
chides, Sommer 1836), Hör az (zweites Buch der Oden, Som- 
mer 1835), Aeschylus (Prometheus, Sommer 1834, fortgesetzt 
im Winter), Hesiod (Theogonie, 1835/6). Schon bei Beginn 
des zweiten Semesters fühlte sich R. doch so befriedigt in 
seinem neuen Wirkungskreise, dass er ihn, wenigstens in augen- 
blicklich sanguinischer Stimmung, weder mit dem theuren 



1) Seminarbericht vom 5. Januar 1836. In dem Ministerialrescript 
vom 8. Februar wurden diese Uebungen insbesondere als zweckmässig 
gebilligt, „vorausgesetzt, dass dadurch der noth wendigeren Uebung der 
Seminaristen behufs der unentbehrlichen Fertigkeit des Lateinschrei- 
bens in Prosa kein Eintrag geschehe." 



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Habilitation. 127 

Halle noch selbst mit dem früher so ersehnten Berlin hätte 
vertauschen mögen. Er hatte das Gefühl, schnell und dauer- 
haft eingewurzelt und grade in Breslau vollkommen an seinem 
Platze zu sein.^) Die ungewohnte Strenge, welche den Stu 
denten anfangs nicht hatte schmecken wollen, wurde nun von 
diesen selbst als heilsam erkannt, und die freundliche Theil- 
nahme, welche sie gar bald herausfühlten, erwärmte ihr Herz. 
So hob sich schon im Winter 1833/4 in der Vorlesung über 
Plautus' miles gloriosus die Zahl der eingeschriebenen Zuhörer 
auf 52, so dass er neben Braniss das vollste Auditorium der 
philosophischen Facultät hatte. ^) 

Die glänzende Habilitation, welche am 7. Febr. 1834 
durch Vertheidigung der Abhandlung de Oro et Orione voll- 
zogen wurde, sicherte ihm vollends den gewonnenen Boden. 
Er hat es mit jeder amtlichen Function, die ihm oblag, ernst 
genommen. Auch was Andre als leere Formalität und zopfi- 
gen Brauch übers Knje zu brechen kein Bedenken trugen, 
erweckte er durch den Ernst und die Frische seiner Be- 
handlung zu neuem Leben. So gab er auch diesem Act, 
wenn auch vielleicht mit einiger Ironie, sein volles Recht, 
indem er in seiner lateinischen Habilitationsrede die un- 
verfälschte Bewahrung des mos maiorum als eine Tugend 
der Breslauer Universität belobte. Indem er auf den Zweck 
desselben zurückging (der Antretende solle nämlich zeigen, 
dass er nicht nur die nöthige Gewandtheit im münd- 
lichen Vortrage besitze und sein Fach verstehe, sondern 
auch durch productive Leistungen seine Wissenschaft zu 
fördern vermöge), wies er zum Beweise, dass die von ihm 
vorgelegte Specialuntersuchung trotz ihrer unpopulären 
Trockenheit diesem Zweck entspreche, eingehender, als es 
bereits bei der Halle'schen Habilitation geschehen, darauf 
hin, wie unentbehrlich für den Unterbau einer wirklichen 
Geschichte der griechischen Nationallitteratur die Bearbeitung 
der Fragmente sei. Indem er nun die durch Heyne ange- 
regten Leistungen in dieser Richtung überblickt, findet er, 
dass in der Poesie die Fragmente der Tragiker, in der Prosa 
die der Grammatiker bisher am meisten vernachlässigt seien. 

1) An Niese 28. Dec. 1833. 2) An die Mutter 25. Nov. 1833. 



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128 Collegiencyclus. 

Letzteres Gebiet habe er sich ausersehen, obwohl das In- 
teresse, welches dieser Stoflf dem Laien biete, in umgekehr- 
tem Verhältniss zu seiner Bedeutung für die Wissenschaft 
stehe. Die vierstündige Disputation (unter Assistenz des 
Respondenten Jacob Prabucki) machte auf die CoUegen wie 
auf die Studenten einen bedeutenden Eindruck.^) 

Freilich kamen auch wieder Anwandlungen des früheren 
Missbehagens. So zu Anfang des Wintersemesters 1835/6, 
nach einem Ferienaufenthalt erst im Erfurter Elternhause, 
dann bei den Freunden in Halle, welche ihm die herzlichste 
Anhänglichkeit erwiesen und die Sehnsucht ihn wiederzu- 
gewinnen lebhaft aussprachen, endlich nach schönen belebten 
Wochen im Kreise der Berliner Verwandten. Nun kam es 
ihm in Breslau wieder recht öde vor. Die Vorlesungen waren 
ihm „alte Jacken und ausgetretene Schuhe geworden; von den 
Studenten war die bis zu einer gewissen Höhe gebrachte alte 
Generation grade jetzt wie mit einem Schnitt abgemäht und 
ein ganz neuer Stamm angewachsen, mit dem wieder von 
vorn begonnen werden musste."^) Auch war die Frequenz 
allgemein beträchtlich heruntergegangen. 

Unablässig noch mit der Fundamentirung seiner Lehr- 
wirksamkeit beschäftigt hatte sich R. nunmeKV „aus wohl 
zwanzig zu zwanzig verschiedenen Zeiten gemachten Entwür- 
fen", „hundert innere und äussere Beziehungen berücksichti- 
gend" das Schema eines Collegiencyclus für die nächsten zehn 
Jahre zurecht gemacht.*) Neben dem vierstündigen Plautus- 
Colleg las er in demselben Winter, gleichfalls vierstündig, 
Geschichte der griechischen Poesie. Da PassoVs 
Verpflichtung zu archäologischen Vorlesungen auch auf ihn 
übergegangen war, so wob er vorläufig eine Uebersicht der 
griechischen Kunstgeschichte in die Geschichte der griechi- 
schen Poesie ein.*) Vorzugsweise freilich nahm ihn die 
Homerische Frage in Anspruch, deren mehr und 
mehr anschwellende Litteratur zu bewältigen und geistig 
zu durchdringen war. „Du hast keinen Begriff davon," 

1) Brief des Vaters vom 2. April 1834 nach dem Bericht eines 
Studenten. 3) An die Mutter 16. Nov.. an Pernice 17. Nov. 1835. 

3) An Niese 28. December 1833. 4) Bericht vom 14. Januar 1834. 



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Homer. 129 

schreibt er an Niese/) „wie die Sachen jetzt stehen. Da ist 
keine denkbare Meinung^ unerhört neu oder alt bekannt^ die 
nicht ihren Vertheidiger findet: und was das Schlimme, keifte 
ist absolut verwerflich, keine unmöglich. Die Sache ist in 
der gewaltigsten Gährung: es ist wie in einem Erdbeben, wo 
Alles durcheinander geht und sich noch nicht absehen lässt, 
zu welcher Gestalt sich die wackelnden Grundlagen wieder 
consolidiren werden. Die Eiltwickelungsgeschichte dieser 
Meinungen an und für sich ist unendlich interessant, und 
für mündlichen Verkehr ein höchst geeignetes Thema, wenn 
wir zusammen lebten.^' Als Resultat seiner eigenen Er- 
wägungen, die er im Einzehien sorgfaltig motivirte und ent- 
wickelte, trug er damals folgende Ansicht über Entstehung 
und Fortpflanzung der Homerischen Gedichte vor. 
Entstanden kurze Zeit nach dem trojanischen Kriege, in der 
Periode, als die Achäer den Peloponnes beherrschten, ging 
die Homerische Heldensage mit den von den Dorem ver- 
drängten Achäem oder Aeoliern in deren neues^ Vaterland 
nach Kleinasien hinüber. Dort erfand Homer (am wahr- 
scheinlichsten in Smyrna), das Vorhandene zu seinem Zweck 
benutzend, den durch beide Gedichte, Ilias und Odyssee, hin- 
durchgehenden Plan. Die von ihm componirten, in äolischem 
Dialekt gesungenen Epen noch kürzeren ümfangs wurden 
hierauf (bis zum Anfang der Olympiaden) in den Sänger- 
schulen der Homeriden, besonders auf Chios, erweitert und 
in den ionischen Dialekt übertragen. Zu Anfang der Olym- 
piadenrechnung schriftlich aufgezeichnet bestanden sie im 
Grossen und Ganzen in * derselben Form unverändert fort. 
Durch Vermittlung Samischer Rhapsoden (Stabsängem, welche 
die Gedichte, einander ablösend, an hohen Festen ganz oder 
bei kleineren Gelegenheiten theilweise recitirten) wurden sie 
aus Kleinasien nach dem Peloponnes zurückverpflanzt. Für 
Aufnahme und Verbreitung derselben in Athen sorgte Pisi- 
stratus. Er und sein Gehülfe Hipparchus (nicht Solon) 
ordnete an, dass die Homerischen Gedichte an den Pan- 
athenäen durch die Rhapsoden „nach Vorschrift" (ii uiroXf)- 



1) 28. December 1833. 

Bibbeck, F. W. BitsoU. 



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130 Römische Antiquitäten. 

ipeujc), d. h. nicht mit willkülirlichen Auslassungen und Zu- 
sätzen vorgetragen werden sollten. 

* Da Ritschl sehr bald die Nothwendigkeit erkannt hatte, sich 
in Breslau der Realien anzunehmen, so trug er im Sommer 
1834 fünfstündig römische Antiquitäten vor. Als Auf- 
gabe dieser Disciplin bezeichnete er die Erforschung des ge- 
sell schaftlichen Lebens in seinen zwei Kreisen, dem 
engeren der Familie, und dem' Staat als dem weiteren. Das 
religiöse Leben wies er der Mythologie zu; die Kriegsalter- 
thümer blieben ausgeschlossen, weil dieselben von Schneider in 
besonderen Vorlesungen behandelt zu werden pflegten. Ohne- 
hin war der gebotene Stoflf sehr reichhaltig, denn es gingen 
zwei propädeutische Capitel voraus: ein Abriss der römischen 
Chronologie und eine üebersicht der geographischen und 
ethnographischen Verhältnisse Italiens sowie der Topographie 
Roms. Letztere wurde in der Weise veranschaulicht, dass 
erst ein Bild der Stadt in ihrer spätesten historischen Ge- 
staltung gezeichnet, dann die allmälige Entstehung schritt- 
weise aufgesucht wurde. In das Capitel über die Quellen 
war ausser einem Abschnitt über die inschriftlichen Monu- 
mente auch eine Skizze des römischen Münzwesens einge- 
flochten. Die Verwaltung dör Provinzen machte den Beschluss. 
Es war überhaupt das erste Mal, dass „römische Antiqui- 
täten*' im Lectionsplan der Breslauer Universität eine Stelle 
erhielten; und R. hatte die Freude, dass die anfängliche Zu- 
hörerzahl (27) sich von Woche zu Woche mehrte bis an 
die Vierzig. ^) Der Archäologie widmete er eine Sonntags- 
stunde, in welcher er privatissime (vor 5 Zuhörern!) die 
antiken Bildwerke des akademischen Kunstmuseums erklärte. 
Nachdem zu Michaelis 1834 Ambrosch eingetreten war, über- 
liess ihm R. bereitwillig das antiquarische Gebiet und zog 
sich auf engere Grenzen zurück. Im Winter 1834/5 folgten 
„die wichtigsten Lehren der lateinischen Grammatik, mit Ver- 
gleichung der griechischen"; und die in Halle bereits ge- 
plante, aber nicht gehaltene Vorlesung über Aristophanes' 
Frösche, in Verbindung mit Geschichte der griechi- 



1) An die Mutter 17. Juni 1834. 



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System der Philologie. 131 

sehen Komödie^) •— beides vierstündig. Im Sommer 1835 
endlich wurde das wohlberechnete Gebäude der Vorlesungen 
gekrönt durch Encyclopädie und Methodologie der Phi- 
lologie, wo Ritschi Gelegenheit nahm, seine Ansichten über 
BegriflF, Aufgabe und systematischen Zusammenhang der ein- 
zelnen Theile der Alterthumswissenschaft zu entwickeln, und 
über die Methode des philologischen Studiums die eindring- 
lichsten Winke zu geben. 

Die grundlegenden Gedanken, welche er zuerst in den 
metrischen Vorlesungen des Winters 1831/2 vorgetragen (S. 85), 
hatte er seitdem in einem anonymen Artikel des Brockhaus'- 
schen Conversationslexicons^) ausgeführt, der schon im Herbst 
1831 versprochen,^) im August 1833 vollendet war. Ein kurzer ge- 
schichtlicher üeberblick, welcher die allmälige Entwickelung der 
Wissenschaft in verschiedenen Perioden und nach verschiedenen 
Seiten charakterisirt, schliesst mit dem Zeitalter der Deutschen 
seit Heyne und F. A.Wolf, welchen das Streben, das Alterthum 
in seiner Totalität zur Erkenntniss und zur Anschauung zu 
bringen, als eigenthümliche Richtung zugesprochen wird. Wenn 
Schelling in seinen Vorlesungen über die Methode des aka- 
demischen Studiums*) dem echten Philologen die historische 
Construction der Werke antiker Kunst und Wissenschaft zu- 
schreibt, deren Geschichte er in lebendiger Anschauung zu 
begreifen und darzustellen habe: so forderte R. von der 
Philologie in zugleich mehr umfassender und präciserer For- 
mulirung „Reproduction des Lebens des classischen Alter- 
thums durch Erkenntniss und Anschauung seiner wesent- 
lichen Aeusserungen.'^ um nun zu zeigen, wie von diesem 
Standpunkte aus die einzelnen Disciplinen sich zu einem 
organischen Ganzen verbinden, setzte er die Schellingschen 
Ideen des Guten, Heiligen, Schönen, Wahren, durch 
welche die vier Sphären der Sittlichkeit, der Religion, 
der Kunst und der Wissenschaft bedingt seien, entspre- 



1) Von dieser Vorlesung liegt mir keine Breslauer Aufzeichnung 
vor. 2) Conversationslexicon der neuesten Zeit und Litteratur, in 

4 Bänden. Leipzig, F. A. Brockhaus 1833. Dritter Band, S. 497—606 
Philologie, unterz. (88), wieder abgedruckt in Band V der opus- 
cula. 3) An Niese 6. November 1831. 4) 1803 S. 76. 

9* 



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132 System der Philologie. 

chend den vier Thätigkeiten des Handelns, Fühlens, Schauens, 
Denkens. Das Bemühen, in dieses Schema der Tetraden die 
mannigfaltigen Arbeitsfelder der Philologie einzureihen, um 
derselben dadurch die Rechte einer in sich geschlossenen, 
selbständigen Wissenschaft zu sichern, läuft nicht ohne 
Künsteleien ab und ist der praktischen Lösung ihrer Auf- 
gaben kaum förderlicher als andre Systeme. Auch die Be- 
schränkung auf die „wesentlichen" Aeusserungen des antiken 
Lebens kann sich der Philolog schwerlich gestatten, da An- 
schauung und Erkenntniss selbst der unwesentlichsten Kleinig- 
keiten wenigstens als Mittel zu höherem Zweck gar oft un- 
entbehrlich ist. Abgesehen aber von dieser Begränzung, 
welche erst später hinzugekommen ist, erschöpft jene Definition 
in der That besser als alle übrigen die Aufgabe der Alter- 
thumswissenschaft, deren Emancipation von der Geschichte 
einzig und allein auf der Methode der mikroskopischen (nicht 
mikrologischen) Forschung beruhen dürfte. 

Den Freunden Niese, Rüge, GraflFunder und LancizoUe 
wurden diese Gedanken zu besonderer Begutachtung vorge- 
legt, doch verbat sich der Verfasser „rein negative Aus- 
stellungen, die nur Zweifel erregen," begehrte vielmehr „mög- 
lichst viel positive Verbesserungen."^) Am eingehendsten 
Hess sich der Letztgenannte vernehmen (23. Septbr. 1833). 
Er fand, dass nach jener Auffassung die Philologie con- 
sequenterweise nicht nur die Geschichte des Alterthums, 
sondern die Geschichte überhaupt, ja alle Wissenschaften, 
die sich auf die Menschheit beziehen, namentlich Jurispru- 
denz und Theologie absorbire; dass sie die Rolle des Major- 
domus im fränkischen Reiche spiele, sich selbst auf den 
Thron der Welthistorie setze und diese ins Kloster schicke. 
Joh. Schulze äusserte den Wunsch, R. möge die in dem 
Artikel gegebenen Grundzüge weiter ausführen;*) und der 
noch erhaltene Entwurf eines vollständigen Titels nebst De- 
dication beweist, dass derselbe eine Zeit lang diese Absicht 
wirklich gehegt hat. 



1) An Aeltem und Geschwister 19. August, an Niese 6. Septbr. 33. 
2) An R. 22. Febr. 1834. 



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Enoyolopadfe. 133 

Die Einwendungen gegen das Aufgehen der Philologie 
in Geschichte veranlassten im Sommer 1835 bei Gelegen- 
heit der Vorlesungen über Encyclopädie neue Erörterun- 
gen über das Verhältniss jener beiden Wissenschaften zu ein- 
ander. Der grosse Reiz jener wirkungsvollen Vorträge aber 
bestand in der unmittelbaren, eindringlichen Frische, mit 
welcher der Lehrer seine Anschauungen' als etwas Selbst- 
erlebtes, seine Anweisungen als ein Erfahrener, welcher den 
selbstgefundenen Weg nun Anderen voranleuchtet, vortrug. 
Namentlich die sehr unparteiische Auseinandersetzung über 
den jüngsten Gegensatz der Richtungen (zwischen Hermann 
und Böckh) diente vortrefflich zur Orientirung und Klärung 
der Begriffe. Mit durchschlagenden Gründen wurde der com- 
binatorischen Anschauung ihr Recht gewahrt; als Gegen- 
gewicht aber dem allgemeinen Theil, welcher das weitläufige 
Gebäude der Alterthums Wissenschaft vorzeichnete, der ein- 
dringliche „Schlussruf ^ angehängt: „Wer die Sprache nicht 
kennt, keine Grammatik weiss und nicht der Wortkritik Herr 
ist, kann kein Philolog sein; aber alles Dreies macht allein 
noch nicht den rechten Philologen!'^ 

Leider fehlen über R.'s Lehr- und Vortragsweise in dieser 
ersten Breslauer Periode eingehendere Schilderungen. Doch 
berichtet Julius Brix, der zuerst im Sommer 1835 die Ency- 
clopädie und im Seminar die Interpretation Horazischer Oden 
hörte, von dem jugendlich feurigen Vortrag, der ein eigent- 
liches Nachschreiben nicht zugelassen habe. Gefesselt von der 
lebensvollen Ausführung habe man sich begnügt, nur die 
Stichworte und positiven Ergebnisse zu notiren. Auch fiel 
es Keinem ein, daran Anstoss zu nehmen, dass der Stoff 
nicht bis auf die Hefe in gleicher Ausführlichkeit erschöpft 
wurde : desto lehrreicher war das wirklich Vorgetragene. Als 
besonders charakteristischer Vorzug aber im Gegensatz zu 
Anderen trat schon damals die umsichtige und eingehende Art 
hervor. Jeden auf dessen besonderem Arbeitsfelde, wenn es 
auch seinen eigensten Studien fernlag, über das bisher Ge- 
leistete, die zu verfolgenden Gesichtspunkte, die Methode der 
Forschung so zu orientiren, ihn mit den nöthigen Hülfs- 
mittein (Handschriften sowohl als Büchern) so zu ver- 



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134 • Schüler. 

sorgen, dass der Schüler getrost seinen eignen Weg gehen 
konnte. 

Besonders in den ersten Jahren seiner Breslauer Wirk- 
samkeit unterhielt Ritschi mit den ausgezeichneteren seiner 
Seminaristen einen vertraulichen Verkehr. In den Listen der 
ersten Semester finden wir als solche, die sich später einen 
philologischen Namen gemacht haben, Tzschirner, W. Wagner, 
Wilhelm und Theophil Schöuborn, Robert Enger, Ed. Glae- 
ser, Zastra, H. Bartsch, Julius Brix. Auch Gass, der Heidel- 
berger Theologe, R. Kopisch, Gustav Freytag, R. Prutz,.H. 
Wuttke, Jul. Zacher sassen damals zu seinen Füssen. Ein be- 
sondrer Lieblingsschüler aber war der Thüringer Landsmann 
Wilhelm Markscheffel, der von seinen Erfurter Lehrern 
Kjitz und Hermann zu Ostern 1834 geschickt und der erste 
von der fast zahllosen Schaar derjenigen war, welche aus der 
Ferne gekommen sind, um unter dem hinreissenden Lehrer 
Philologie zu studieren. Schon im zweiten Semester seines 
Studiums wurde er in das Seminar aufgenommen, obwohl der 
ängstliche Curator das Stipendium verweigerte. Für ihn 
stellte R. im Sommer 1836 die Preisaufgabe „über Hesiodus 
und die Hesiodischen Dichter und epischen Gedichte im Gegen- 
satz zu Homer und den Homerischen Dichtern und Gedich- 
ten," und hatte während seiner Abwesenheit in Italien die 
Genugthuung, dass M.'s treffliche Arbeit von der Facultät 
mit höchstem Lobe gekrönt wurde. 

3. Nebenämter. Ordinariat. 

Schon im Herbst 1833 war die Ernennung RitschVs zum 
Mitgliede der wissenschaftlichen Prüfungscommission 
erfolgt,^) welche sich seitdem Jahr für Jahr wiederholte. 
Damit war die feste Grundlage gegeben zu nachhaltigem 
Einfluss auf die philologischen Studien nicht nur der 
Universität, sondern sämmtlicher Gymnasien der Provin- 
zen Schlesien imd Posen. Freilich gab es auch viel zu 
thun. Von Zeit zu Zeit, besonders zu Anfang und Schluss 
der Semester, war 8 — 14 Tage lang unablässig zu examiniren. 



1) Miuisterialrescript vom 25. Nov. 33. 



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Prüfan'gBCommisBion. 135 

wobei Haufen Durchgefallener (im April 1834 durchschnitt- 
lich 6 von 7) aufgethürmt wurden. ^) Die philologischen 
Abiturientenarbeiten von einigen 20 Gymnasien und deren 
Censuren waren zu begutachten, in Breslau selbst zweimal 
des Jahres Abiturientenprüfungen an den vier Gymnasien zu 
halten. Für die neuen Gymnasien der Provinz Posen gab es 
philologische Schulpläne zu entwerfen.^) Auch eine Art Ober- 
aufsicht über das pädagogische Seminar übte die Prüfungscom- 
mission. Grade die praktische Seite dieses neuen Geschäftskreises 
hatte für den jungen Professor, der als richtiger Sohn seiner 
Mutter Neigung und Talent zum Regieren und Verwalten in sich 
verspürte, einen besonderen Reiz. Zur Herstellung erwünschter 
Ordnung hatte er für die mannigfachen Zweige seiner sämmt- 
lichen privaten, amtlichen und wissenschaftlichen Ai^elegen- 
heiten sich einen Schreibtisch mit 100 Fächern bauen lassen,^) 
und ein paar hundert Themata für Prüfungsarbeiten hatte 
er auch bereits auf Lager. 

Auch die Kunst- und Alterthümersammlung war 
von Passow verwaltet worden. Der Bericht des Curators 
(27. April 1833) über den zu bestimmenden Nachfolger gab 
deutlich zu erkennen , dass derselbe sich von R. nichts Son- 
derliches in dieser Richtung verspreche. Nur weil kein 
Besserer da sei, da Schneider nur kritisch-grammatische Philo- 
logie zu seinem Studium gemacht habe, Hoffinann nach dem 
Urtheil aller befragten Sachverständigen zu geringe Kennt- 
nisse in der alten classischen Litteratur besitze, musste der 
aufgedrungene Neuling von Halle aushelfen. „Es dürfte daher 
wohl dem Prof. R. die Aufsicht und Verwaltung der Kunst- 
und Alterthümer-Sammlung übertragen werden müssen, und 
es ist nur zu wünschen, dass er darin so vorzüglich genügen 
möge, als dies gewiss der Fall gewesen wäre, wenn Ew. 
Exe. den von der phil. Facultät und von mir vorgeschlagenen 
Prof. Sillig für dieses Lehrfach anzustellen geruht hätten." 
Nun aber vollends die Münzsammlung dem jungen Menschen 
anzuvertrauen erschien dem Curator noch weniger rathsam: 

1) An Pernice 18. April 1834. 2) An Pemice 28, Januar 1836, 

an Graffunder 1. Febr. 1836. 3) An die Mutter 27. Januar 1834. 

Am 15. Septbr. 1833 (an Niese) waren es erst 53. 



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136 Ennstmaseam. 

„ohne ein Misstrauen in den Prof. Ritschel zu setzen/' habe doch 
,,der Oberbibliothekar Consist.-Rath Wachler einen begrün- 
deteren Anspruch auf vertrauungsvoUe Sicherheit und Zuver- 
lässigkeit bei der Verwaltung und Beaufsichtigung einer so 
kostspieligen Sammlung/'^) Hierauf erfolgte wiederum eine 
unerwartete Entscheidung:^) die Aufsicht über das Museum 
wurde den Professoren R. und Hoffmann gemeinschaftlich 
übertragen und zwar in der Art, dass der p. p. R. über die 
Sammlung der antiken Münzen und Gypsabgüsse, der p. p. 
H aber über die übrigen Theile des Museums die specielle 
Aufsicht führe." Obwohl allerdings wenig durch bisherige 
Studien vorbereitet übernahm R. diese Functionen sehr gem. 
Vor Allem war es eine treffliche Gelegenheit zu lernen, 
den wissenschaftlichen Gesichtskreis und damit den Boden 
der praktischen Wirksamkeit zu erweitern. „Im Schweisse 
seines Angesichts," versichert er, habe er sich in die 
Archäologie hineingearbeitet. Auch durfte er nun um so 
sicherer hoffen , dass die Regierung seine längst ge- 
plante italiänische Reise begünstigen werde. Er konnte 
sagen: soll ich eure Copieen dirigiren, so lasst mich auch 
die Originale sehen. Die üebergabe an beide Directoren 
durch Wachler unter Assistenz des Malers König erfolgte 
erst am 20. August 1833. Die sogenannte Münzsammlung 
bestand aus einer ungeordneten Masse, welche in einem hinter 
dem Manuscriptenzimmer der Universitätsbibliothek befind- 
lichen Gelass provisorisch untergebracht war. R. sollte die 
Katologisirung, Anordnung und definitive Aufstellung be- 
wirken,^) hatte aber keineswegs freien Zugang zu seinem 
Local, da das zu passirende Manuscriptenzimmer unter be- 
sonderem Verschluss des Bibliothekars gehalten wurde. So 
hatte er noch am 14. Januar 1834 zu berichten, dass er 
„der natürlich nur in Bausch und Bogen übergebenen Münzen 
zum grössten Theil noch nicht einmal habe ansichtig werden, 
geschweige denn auch nur eine einzige wirklich kennen lernen 
können." Ohnehin hatte der Curator für gut befunden, „wegen 



1) Bericht vom 25. Mai 33. 2) Durch Min.-Rescr. vom 10. Juni. 
3) Ministerialrescript vom 1. Septbr. 1833. 



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Münzen. 137 

verschiedener andrer Aufwendungen'^, welche namentlich durch 
die aus üniversitätsfonds zu bestreitende Aufnahme der ver- 
sammelten Naturforscher und Aerzte veranlasst wurden, die 
Anordnung der Münzen sowohl als auch die erforderliche 
Einrichtung des Locals bis zum künftigen Jahr auszusetzen.^) 
Indem nun der neue Director darauf angewiesen war, die 
Münzen zum Behuf ihres Studiums auf sein Zimmer zu neh- 
men, bereitete ihm im Sommer 1836 sein eigner Barbier die 
üeberraschung, mittelst Einbruchs 177 Silbermünzen nebst 
150 Thalem von R/s eigner Baarschaffc zu entwenden. Zum 
Glück gelang es, dem Diebe die antiken Münzen sämmtlich 
und von dem üebrigen wenigstens 50 Thlr. wieder aus den 
Klauen zu reissen.^) 

Während die Münzen und Gemälde nur durch zufällige 
Geschenke vermehrt werden durften, war zur Bereicherung 
der Alterthümersammlung eine jährliche Summe von 170 Tha- 
lem ausgesetzt, wovon in der Regel weliigstens 100 den 
classischen zu Gute kommen sollten. Im Einzelnen hatten 
sich die beiden Directoren zu einigen, während Wachler, 
dem überhaupt die Rolle eines Mentors für den unerfahmen 
Vorstand zuertheilt war, eine Art oberer Instanz bildete. 
Der Anschaffung neuer Gypsabgüsse widmete sich R. sofort 
mit besonderem Eifer. Er setzte sich mit den Museen von 
Berlin, München, Wien, Paris in Verbindung und suchte 
durch planmässige Auswahl der entweder für den antiken 
Cultus oder für die geschichtliche Entwicklung der Kunst 
besonders lehrreichen Werke zunächst den für archäologische 
Vorträge unentbehrlichen Apparat herbeizuschaffen. Beson- 
ders begünstigte er die Reliefs, weil sie ihm bei verhältniss- 
mässiger Billigkeit vorzugsweise instructiv erschienen für 
kunstgeschichtliche Betrachtung;*) auch eine Sammlung von 
Gemmenabdrücken wurde ins Auge gefasst. So konnte der 
Jahresbericht vom 11. März 1835 die „Erwerbung zahlreicher 
und bedeutender Monumente^^ melden, welche theils durch 
Ankauf, theils durch Schenkimgen (u. a. 20 Abgüsse aus dem 



1) Curatorialschreiben an Wachler vom 1. September 1833. 
2) An Pemice 1. Sept. 1836. 3) An Niese 28. December 1833. 



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138 Anschaffangen. 

Berliner Lagerhause) hinzugekommen seien. Aus eigner An- 
schauung kannte R. bisher nur das Berliner Museum. Zu 
weiterer archäologischer Ausbildung begab er sich in den 
Sommerferien 1834 auf mehrere Wochen nach Dresden, wo 
er des alten Böttigers Bekanntschaft machte. Die schon am 
7. Mai an das Ministerium gerichtete Bitte um Urlaub und 
Gewährung einer Reiseunterstützung befürwortete der väter- 
lich wohlwollende Curator mit der Motivirung, dass dem 
Professor R. „das längere Verweilen in den von Lessing 
schon so genannten Kunst-Propyläen zum Behuf seiner archäo- 
logischen Studien und seiner Vorlesungen über reale Archäo- 
logie sowie zur Kritik und Geschichte der classischen Kunst 
gewiss sehr förderlich sein werde." 

Die selbständige Verantwortlichkeit des Museumsvorstan- 
des zu wahren nahm der junge Director in einem Falle eigen- 
thümlicher Art Veranlassung. Eine Reiterrüstung, das dem 
Kunstwerthe nach beste, ja das einzige gute Stück der mittel- 
alterlichen Sammlung, hatte einem preussischen Prinzen so ge- 
fallen, dass die Universität durch Ministerialverfügung ange- 
wiesen wurde, dieselbe dem hohen Liebhaber als „freiwilliges 
Zwangsgeschenk" (wie es in einem Curatorialschreiben einmal 
heisst) abzutreten. Der Curator forderte ein Gutachten ein, und 
zwar in Abwesenheit HoflFmanns von Wachler, als dem „Ober- 
aufseher" des Instituts, obwohl demselben diese Function nie 
übertragen war, auch von ihm selbst abgelehnt wurde. R., 
der hierbei völlig übergangen war, unterliess nicht, am 
2. April 1834 eine ausführlich motivirte Vorstellung an den 
Regierungsbevollmächtigten zu richten, welche nach gründ- 
lichster Erörterung der Schenkungsfrage die Competenz der 
berufenen Vorsteher in bescheidenster Form, aber sachlich 
mit grossem Nachdruck wahrte. 

Dergleichen kleine Competenzconflicte hinderten doch 
den grundehrlichen und wohlmeinenden Regierungsmann nicht, 
als er vom Ministerium zum Bericht über des jungen Pro- 
fessors Beförderung zum Ordinariat aufgefordert war,^) „als 
günstig lautenden Umstand" nicht nur anzuerkennen, „,dass 
alle von ihm angekündigten Vorlesungen zu Stande gekom- 

1) Bericht erfordert den 26. Juni, erstattet den 18. Juli 1834. 



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Ordinariat. 139 

men, und dass sogar seine Privatvorlesungen verhältniss- 
mässig zahlreich besucht worden seien," sondern auch hin- 
zuzufügen: „Die ürtheile der Männer von Fach über seinen 
Geist und seine Kenntnisse sprechen sich beifällig aus und 
berechtigen zu noch grösseren wissenschaftlichen Erwartun- 
gen von ihm in der Zukunft, zugleich aber dient sein be- 
scheidenes anspruchloses Betragen ihm überall zur Empfeh- 
lung." Hierauf erfolgte im Herbst 1834 die Ernennung zum 
Ordinarius;^) am 18. Novbr. wurde der neue College durch 
den Decan Schneider in die Facultät, am 13. Decbr. durch 
den Rector Unterholzner in den Senat eingeführt. Die lateinische 
Antrittsrede „über die innige Verbindung des philolo- 
gischen Studiums mit dem LehrerberuP hielt er erst 
am 22. Januar 1836. Indem er von der Thatsache als einer 
gegebenen und in ihrer Berechtigung unbestrittenen ausging, 
dass der Schwerpunkt des Gymnasialunterrichts in den Händen 
der Philologen liege, untersuchte er die Frage, welchen Zweck 
die gelehrte Ausbildung des Gymnasiallehrers in dem weiten 
Gebiete der classischen Philologie für seinen praktischen 
Beruf habe. Weit entfernt, das Stiidium des Alterthums an 
sich als eine Aufgabe der Schule hinzustellen oder in ihm 
die einzige Quelle ästhetisch -ethischer Humanitätsbildung zu 
erkennen, legte er alles Gewicht auf den ganz eigenthüm- 
lichen und unersetzlichen Gewinn, welchen die Erlernung der 
alten Sprachen für formale Bildung des Verstandes und 
Schärfung des Urtheils erziele. Dass aber die Ausbildung 
des Lehrers sich nicht beschränke auf die banausische Ein- 
übung für diesen Schulzweck, dafür findet er, von allen andren 
naheliegenden Gründen abgesehen, die tiefste Ursache in dem 
idealen Gesichtspunkte, dass in dem Lehrer der Jugend 
(analog wie im Geistlichen) der wissenschaftliche Sinn ge- 
weckt und lebendig sein müsse. Zur Pflege desselben ge- 
höre methodische Beschäftigung mit einer besonderen Wissen- 
schaft sei es von der philosophischen sei es von der histori- 
schen Gruppe. 

Dem Ordinarius fiel mit der Zeit auch die bürdevolle 



1) Bestallung vom 7. Octbr., Mittheilung des Minist, an den Cur, 
am 3. Nov., Nachricht vom Cur. am 10. Novbr. 



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140 Eloquenz. 

Würde der sogenaiHiten Eloquenz zu. Bereits am dritten 
August 1834, zu des Königs Geburtstag, hatte er im Auf- 
trage des Ministers*) die akademische Festrede zu halten 
und die Preise zu verkündigen gehabt. Er sprach über die 
eines Fürsten einzig würdige Art Künste und Wissenschaften 
zu pflegen,^) indem er den Gedanken ausführte, dass grade 
die völlig selbstlose, von Ruhmsucht wie von persönlicher 
Liebhaberei wie von einseitigen praktischen Staatszwecken 
freie Sorgfalt, welche der regierende König (Friedrich Wil- 
helm ni.) der Pflege der Wissenschaften um ihrer selbst willen 
widme, das wahrhaft fürstliche Princip sei, welchem Preussen 
die vom Ausland bewunderte und beneidete Blüthe seiner 
Unterrichtsanstalten verdanke. Auch die Lehrfreiheit der 
Universitäten beruhe auf demselben und sei eben dadurch 
vor den Gefahren gesichert, welche man von den Beschlüssen 
des Wiener Congresses ableite. Erst zu Neujahr 1836 wur- 
den definitiv zwischen ihm und Schneider die Rechte imd 
Pflichten des os academicum getheilt.*) Nach coUegialischer 
Uebereinkunft wechselten sie halbjährlich ab in der Redaction 
des Lectionsverzeichnisses und des dazu gehörigen prooemium; 
ferner alternirten sie in der Abfassung des Programms zum 
dritten August und der zu haltenden Rede, und in jährlichem 
Turnus in der Wahrnehmung der ausserordentlichen Ge- 
söhäfte. Gleich das nächste prooemium für das Sommer- 
semester 1836 hatte R. zu schreiben, desgleichen eine latei- 
nische Dankadresse an den König von Grossbritannien für 
eine grosse Sammlung von Staatsurkunden, Parlamentsacten 
u. s. w., welche derselbe der Universitätsbibliothek verehrt 
hatte.^*) Aehnlicher Art war die letzte Leistung R.'scher 
Eloquenz aus der Breslauer Zeit:^) ein lateinisches Dank- 
schreiben an die Directoren der Ostindischen Compagnie für 
ein ansehnliches Büchergeschenk, vermittelt von Wilson. 



1) Rescript vom 26. Juni 1834. 2) de ea, quae principe sola digna 
sit, artium litterarumque cwra, 3) Auf Antrag des Curators vom 26. 
Novbr. 1835, veranlasst durch eine im Einverständniss mit Schneider 
gemachte Eingabe R.^s vom 16. Nov., genehmigt durch Ministerial- 
rescript vom 8. Decbr. 4) Rectoratsschreiben vom 25. Jan. 1836. 

R. an Pernice 28. Jan. 1836. 5) Im Juni 1839. 



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141 



4. Sehriftstellerisehe Arbeiten. 

Das Einleben in die neue, weit umfangreichere und ver- 
antwortlichere Lehrthätigkeit, das Einarbeiten in femer 
liegende Gebiete der Wissenschaft, wie namentlich Archäologie, 
die Verwaltung so vieler, Zeit und Kraft in Anspruch nehmender 
Nebengeschäfte, endlich die Anforderungen der Geselligkeit, 
gestatteten im Anfang der Breslauer Zeit zur Ausführung 
grösserer litterarischer Unternehmungen nur spärliche Müsse, 
welche vorzugsweise der Erfüllung älterer Verpflichtungen, 
den Obliegenheiten akademischer Schriftstellerei und kleineren 
journalistischen Beiträgen gewidmet wurde. Das Erste war 
die Abfassung der noch von Halle datirten Vorrede zur Anabasis 
und, eine Leistung der Pietät, zwei biographische Artikel ^) über 
Reisig und P a s s o w, die bis Anfang Juni 1833 vollendet waren.^) 
Manches in diesem Sommer Begonnene blieb unvollendet. 
So für die Halle'sche Litteraturzeitung eine Becension über 
sprachvergleichende Grammatik, für die Jahnschen Jahr- 
bücher eine Besprechung der neusten Litteratur über Metrik, 
insbesondere der Leipziger Hephästionausgabe. R. selbst hatte 
bereits in Halle eine neue Bearbeitung des Gaisford'schen 
Commentars vorbereitet, den er „zu einem möglichst voll- 
ständigen Repertorium" für das Studium der Metrik umzu- 
gestalten dachte.*) Für das Rheinische Museum war ein Auf- 
satz über Aeschylus bestimmt; für die Schulzeitung eine 
Recension über Geschichte der griechischen Grammatik, speciell 
über Ranke's Hesychius- Abhandlung.*) Statt einer Recension 
der Bemhardy'schen Encyclopädie für die Berliner Jahr- 
bücher, welche ursprünglich beabsichtigt war, wurde in zwei 
Tagen der öfters erwähnte anonyme Artikel über Philo- 
logie für das Brockhaus'sche Conversationslexicon geschrie- 
ben, der zunächst in der Philomathie vorgetragen wurde.^) 

1) Für das Brockhaus^sche Conversationslexicon der neusten Zeit, 
jetzt in opusc. V. 2) An LancizoUe 7. Juni 33. 3) De doctrinae 
metricae scriptortbus Graecia, Historiae crit. gramm. Graec, Specimen II: 
— so lautet einer der Zukunftsbüchertitel aus dieser Zeit. Vgl. den Titel 
der Schrift de Oro et Orione, 4) Anfänge und Vorarbeiten zu dieser 
gross angelegten Bec. sind erhalten. 5) Vgl. S. 117. An Niese 6. Sept. 33. 



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142 Kleine Arbeiten. 

Im Winter sollte die schon in Halle geplante Schrift über 
„die metrische Kunst der Griechen in ihrer historischen Ent- 
wickelung" mit Zeugnissen und einer Sammlung von Bei- 
spielen, als Leitfaden für die Vorlesungen, an die Reihe 
kommen, im nächsten Jahre die Fortsetzung der Studien 
über Geschichte der griechischen Grammatiker. Die Ber- 
liner Preisaufgabe über das Alexandrinische Museum lockte 
ihn nicht, weil er sie für unlösbar hielt. ^) Im November 
erschien die Recension der von Förtsch besorgten neuen 
Ausgabe des Vossischen Aristarchus,^) an welcher sich R. 
ursprünglich gemeinsam mit dem alten Commilitonen hatte 
betheiligen wollen. Er hebt im Eingange nachdrücklich das 
immer fühlbarer werdende Bedürfniss einer wissenschaft- 
lichen Darstellung der lateinischen Grammatik her- 
vor, welche sich vornemlich auf zweierlei Grundlagen stützen 
müsse, erstens auf „die grossartigen Resultate der neuern 
sprach vergleichenden Forschimgen^^, nachdem dieselben, wie 
zu wünschen, für den Standpunkt classischer Philologen 
zweckmässig zusammengefasst seien; zweitens auf eine 
möglichst vollständige Sammlung des gesammten la- 
teinischen Sprachmaterials, wie sie von dem leider 
zu froh verstorbenen Conrad Schneider begonnen war. Von 
letzterem Gesichtspunkt aus wird die Wiederbearbeitung des 
Vossischen Aristarch, „dieser unerschöpflichen, wenn auch 
etwas überfüllten und bisweilen ziemlich wüst geordneten Vor- 
rathskammer" als eine Art Nothbehelf gutgeheissen. Ein- 
gehend erörtert Ref. die schon in den schedae criticae behan- 
delte Streitfrage über die Messung von alterius, seine Ansicht 
von der ursprünglichen und in der Sprache des Umgangs 
wie der Bühne gebrauchten Länge des i vertheidigend und 
ausführend.^) 

Für den Augenblick drängte am meisten die Abfassung 
einer Habilitationsschrift. Ursprünglich hatte R. eine abge- 



1) An Aeltem und Geschwister 19. Aug. 1833. 2) Halle'sche 

Allgem. Litt.-Ztg. 1833 November Nr. 208 f. S. 441—460, ohne Unter- 
schrift. 3) Diese Auseinandersetzung ist als eins der Actenstücke in 
dem Stufengange der Untersuchung aufgenommen in opuscula II S. 
667 — 676. 



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Harpokration. 143 

schlossene Sammlung und kritische Behandlung der Frag- 
mente seines Agathon dazu ausersehen^ eine Abhandlung; die 
er auf 3 — 4 Bogen berechnete.^) Aber der einmal bei Seite 
gelegte StoflP vermochte ihn nicht mehr dauernd zu fesseln: 
im Vordergnmde seiner productiven Interessen stand damals 
die griechische Lexicographie. W. Dindorf hatte drin- 
gend aufgemuntert, dem Thomas Magister eine Bearbeitung 
des Harpokration folgen zu lassen,^) und bezeugte seine 
Freude, als er eine gemeinsame Ausgabe dieses Autors von 
R. und Kiessling im Messkatalog angezeigt fand.*) Anstalten 
zur Beschaffung des Apparates waren im Gange. Der Can- 
tabrigiensis freilich kam vorläufig noch zu theuer, da Rosen 
in London eine Vergleichuiig auf 20—30 Pfund berechnete.*) 
In Paris versprach Dübner durch L. von Sinner Collatidnen 
zu besorgen;^) in Rom hatte Freund Rüge wenigstens einen 
Anfang gemacht. Als dann der junge Emil Braun bei seinem 
Abgange nach Italien sich Aufträge erbat, ertheilte ihm R. 
für Stephanus, Pollux und besonders Harpokration die um- 
fassendsten Instructionen.^) Da erschien im October desselben 
Jahres Bekkers Ausgabe des Harpokration, die viel vorweg- 
nahm: nun war es freilich zweckmässig, „für den Augen- 
blick'^ diesen Autor „einigermassen in den Hintergrund treten 
zu lassen'^, sich auf Controle der Bekker'schen Akribie und 
eine Nachlese zu beschränken.^) Doch wurde keineswegs die 
Hoffnung aufgegeben, „den Bekker mit der Zeit schon todt 
zu machen",*) besonders nachdem Blomfield in Erwiderung 
einer überaus verbindlichen lateinischen Epistel Colla- 
tionen sowohl von Cambridge als vom British Museum ge- 
schickt hatte. ^) Aus dem Zusammenhang dieser Studien 
entnahm R. den Stoff zu seiner Habilitationsschrift, die er 



1) An Pernice 25. Mai 1833. 2) An R. 25. Septbr. 1832. 

3) An R. 4. November 1833. 4) An R. 25. Juni 1833. 5) An R. 
1. August 1833. 6) An Braun 16. August 1833. Besonders empfahl 
ihm R. den Florentinus. 7) An Braun 29. Octbr. 1833. Insbe- 

sondere wünschte R. die Citate mit Zahlzeichen genauer als bei Bek- 
ker verglichen: ob iv d^ oder a" geschrieben stehe, ob der Artikel 
hinzugefügt sei oder nicht. 8) An Braun 7. Mai 1834; 9) Dank- 

schreiben R.'s an Carl Jacob in London vom Mai 1834. 



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144 Orns und OrioiL 

in angestrengter Arbeit von Mitte September bis Ende Octo- 
ber 1833 vollendete.^) Desto länger^ bis in den Januar des 
nächsten Jahres, zog sich der Druck der wenigen Bogen hin. 
Es mussten erst in Leipzig griechische Typen bestellt wer- 
den, wie denn das gesammte Breslauer Bucherwesen noch 
gar sehr hinter dem Sächsischen zurückstand. Endlich in 
der Mitte Februars konnte die Schrift de Oro et Orione 
versendet werden.*) Sie giebt sich gleich auf dem Titel 
als ein Specimen historiae critieae grammcUicomm graeco- 
rum, wie solche schon 1820 von Lobeck (zum Phrynichus p. 
482) erwünscht worden war. Die nothwendigste Vorarbeit 
für diese Aufgabe war kritische Untersuchung der Quellen, 
wie sie von F. Ranke in der Schrift über Hesychius versucht, 
mit vollendeter Meisterschaft von Lehrs im Aristarch gezeigt 
war. Auf dem so wichtigen Gebiet der griechischen Lexico- 
graphie bietet das gegenseitige Verhältniss der verschiedenen 
Etymologica, die ursprüngliche Gestalt des einen alten Ety» 
mologicon, aus dem jene abgeleitet sind, die Zusammenstel> 
lung einer Gesammtausgabe ein dankbares Problem. Nachdem 
zur Lösung desselben allgemeine methodische Andeutungen 
gegeben sind, tritt die Untersuchung in ihr besondres Thema 
ein, die kritische Sichtung der Suidasartikel über die viel- 
fach unter einander verwechselten Grammatiker Orion von 
Theben, Orion und Oros von Alexandria. Eine sichere 
Grundlage bietet das erhaltene Etymologicum, welches hand- 
schriftlich dem Orion von Theben, Zeitgenossen der Eudokia 
(Mitte des 5. Jahrh. n. Chr.), zugeschrieben wird, während 
Suidas dasselbe fälschlich dem Alexandriner, dem Verfasser 
eines Panegyricus auf Hadrian, zutheilt. Dazu stimmen die 
Zeugnisse des Tzetzes über Eudokia. Das Wichtigste aber 
ist die Hervorhebung eines fast vergessenen älteren Gram- 
matikers Oros, der mit reicher Belesenheit gegen Phrynichus 
und Herodian schrieb und als Hauptquelle des Orion erkannt 
wird. Hierauf der Nachweis, dass das ganze Lexicon des 
Orion in das etymologicum magnum und Gudianum aufge- 
nommen sei, Bestimmung des gegenseitigen Verhältnisses 



1) An die Mutter 25. October 1883. 2) An Pemice 16. Febr. 34. 



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Marsyas. 145 

beider etymologica, Analyse beider Recensionen, eine reiche 
Fülle von Einzelbemerkungen und für die Quellenforschung 
im Allgemeinen leitenden Beobachtungen.^) Der bedeutende 
Werth der' ausgezeichneten Abhandlung wurde am bereit- 
willigsten anerkannt von dem competenten Meister dieser 
Studien, von Lehrs.^) 

Zu andren akademischen Publicationen nöthigte seit 1836 
die Professur der Eloquenz und die damit verbundene Ver- 
pflichtung zur Abfassung von Proömien und Programmen. 
Die erste in dieser Reihe war die Abhandlung de Marsyis 
rerum scriptoribus/) Ausführung der dritten und vierten 
These aus den schedae criticae, und zugleich eine Probe der 
Harpokrationstudien. Ausgehend von den Artikeln bei Suidas 
unterscheidet die Untersuchung zwei Historiker des Namens 
Marsyas, den älteren aus Pella, Zeitgenossen Alexanders des 
Gr., Verfasser eines Werkes MaKeboviKd in 10 Büchemu. a., 
und den Fortsetzer desselben, aus Philippi. Die Zeugnisse 
über Beide werden kritisch gesichtet, die Fragmente ihrer 
Schriften geordnet, mit Hülfe neuer handschriftlicher CoUa- 
tionen zu den Citaten aus Harpokration, festgestellt und er- 
läutert, und die Summe unsres Wissens daraus gezogen. 

Eine Abschrift des Krakauer Codex von der Abhand- 
lung des alten Physiologen Meletius über den Bau des 
menschlichen Körpers, welche im Besitz des Theologen David 
Schulz war, lieferte den Stoff zum Königsprogramm (3. Aug.) 
desselben Jahres,^) in welchem etwa ein Viertel des Textes 
emendirtund mit kritischem Commentar abgedruckt ist. ^) Jene 



1) Auch das Resultat einer damals beabsichtigten, aber nicht ver- 
öffentlichten Specialuntersuchung über Pausanias' und Dionysius^ Lexica 
als Quellen des Photius wurde mit einem Worte angedeutet p. 34 = opusc. 
I 618. 2) Recension in der Zeitschr. f. Alterthumsw. 1835, S. 449 ff., 
nachdem sich ebenda (S. 281 ff.) ein Anonymus (Bernhardy) vornehm von 
oben herab ausgelassen hatte. Freundliche Anzeige von Ranke in den 
Berliner Jahrb. für wissensch. Kritik 1835 Ip. 59ff. Ritschl's Datirung 
des Oros (2. Jahrh.) hat zuletzt Ed. Hiller Jahrb. f. Philol. 1869 
S. 438 f. gut vertheidigt. 3) Proöemium ind. schol. aest. Vratisl. 

1836 = opusc. I 449—470. " 4) Meletii de natiira hominis commen- 
taritis e codice Cracoviemi edi coeptus, = opusc. I 693 ff. 6) Vgl. 
opusc. I 838 ff. 

BibbGck, F. W. Eitschl. 10 



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146 Meletius. Dionysius. 

Abhandlung hat für den Philologen vorzugsweise wegen der 
ziemlich zahlreichen Dichtercitate ein Interesse. Da kurz 
darauf, noch in demselben Jahre, im dritten Bande der Ox- 
forder Anecdota von Gramer das ganze Buch "nach Hand- 
schriften der Bodleiana herausgegeben wurde, unterliess R. 
die weitere Bearbeitung und begnügte sich bei der späteren 
Redaction seiner opuscula zur Beleuchtung des Handschriften- 
verhältnisses eine kleine Probe seines Apparates mitzutheilen. 
Der Verkehr mit Ambrosch rief die Arbeiten zur Archäo- 
logie des Dionysius von Halicarnass hervor. SeitReiske 
lag die Textkritik dieses Werkes brach. Die einzige philo- 
logisch bedeutende Ausgabe, die von Sylburg (1586), war 
250 Jahre alt. Von Neuem h^tte Niebuhr die Aufmerksam- 
keit auf die hochwichtige Geschichtsquelle gelenkt; ja er 
dachte selbst an eine kritische Bearbeitung des Textes.^) 
Diese Aufgabe nun hatte Ambrosch ins Auge gefasst und 
während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Italien einen 
handschriftlichen Apparat gesammelt, den er nach der Heim- 
kehr zu verwerthen gedachte. Aber seine vorzugsweise der 
Realforschung auf dem Gebiete der römischen Alterthümer, 
besonders der römischen Religionsgeschichte zugewendeten 
Studien Hessen ihn nicht über die ersten Vorbereitungen der 
beabsichtigten Textrecension hinauskommen. Es lag nahe, 
dieses Geschäft dem hierzu unvergleichlich befähigteren 
Freunde abzutreten, der ja auch durch seine grade in Bres- 
lau mit Eifer betriebenen antiquarisch -historischen Studien 
vollkommen dazu vorbereitet war und sich lebhaft für die 
Lösung der bedeutenden Aufgabe interessirte. In der That 
bot ihm Ambrosch seinen gesammten Dionysius -Apparat zur 
Erwerbung an.^) Man kam über eine Theilung der Arbeit 
überein: Ritschi sollte den Text mit dem kritischen Apparat, 
Ambrosch den sachlichen Commentar liefern. Im Januar 1836 
stand der Plan dieser Ausgabe fest.') 



1) Vorträge über römische Geschichte I 42: „Wenn ich eine Gol- 
lation der chigischen Handschrift erlangen könnte, so wäre es wohl 
meine Absicht, einst eine kritische Ausgabe des Dionysius zu besorgen.^* 
2) Ambrosch an R. 7. Octbr. 1835. Vgl. opusc. I 472. 3) An 

Pemice 28. Januar 1886. Auf dem Couvert des in Anmerk. 2 citirten 



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Plautus. 147 

Alle diese Pläne, Vorbereitungen und Anfänge wurden 
aber schon in den ersten Breslauer Jahren mehr und mehr 
zurückgedrängt durch das immer festere Gestalt gewinnende 
Unternehmen einer Bearbeitung des Plautus. Das Inter- 
esse für diesen Dichter hatte durch die Entdeckung des 
Mailänder Palimpsestes, welchen die liberale Schätzung des 
glücklichen Finders A. Mai in das Zeitalter der Antonine 
setzte, einen neuen Aufschwung genommen. Die Publication 
der neuen Ausbeute (1815), so mager und ungenau sie auf 
den ersten Blick erscheinen musste, war doch ganz geeignet, 
die Begier nach gründlicherer Durchforschung des erst theil- 
weise gehobenen Schatzes zu wecken. Aber ausser G. Her- 
mann, dem congenialen Nachfolger Bentley's, welcher der ihm 
von seinem Lehrer Reiz anverlobten Braut den Aeschylus 
vorgezogen hatte, war in der gesammten gelehrten Welt des 
19. Jahrhunderts Niemand vorbereitet und befähigt, die seit 
zwei Jahrhunderten fast vergessene Kritik des höchst ver- 
wahrlosten Textes mit Aussicht auf Erfolg in die Hand zu 
nehmen. Nicht einmal das Verhältniss der gedruckten Aus- 
gaben zueinander und wo eigentlich die in denselben befind- 
lichen Ergänzungsscenen herrührten, war bekannt. Niebuhrs 
Spürsinn reizte dieses Problem: er hat aber die Lösung an- 
gerührt, ohne sie zum Abschluss zu bringen (1816 und 1828). 

Ritschis eindringlichere Beschäftigung mit den römischen 
Komikern hatte (wohl durch Reisigs Anregung) schon in 
der Halle'schen Studentenzeit begonnen, wie die schedae 
criticae beweisen. Freilich nahm der Commilitone Rein den 
Plautus damals als seine Domäne in Anspruch,^) doch wird 
diese Concurrenz so wenig abschreckend auf R. gewirkt haben 
als eine Warnung des Pförtner Wolf, welcher ihm einst aus 
eigner Erfahrung den wohlmeinenden Rath gab : „Lassen Se's 
sein mit dem Plautus, Ritschi; ich sag' Ihnen, 's kommt 
nischt raus dabei." 

Schon in den Anfängen seiner Docententhätigkeit (in den 



Briefes steht von R.*s Hand folgender Zukunftstitel : Dionysii Halicar- 
nassensis | quae super sunt. \ lAbrorum Vaticanorum , Chisianorum, Am- 
hrosiani ab Julio Athanasio Ämhrosio \ coUatorum \ ope \ emendavit (aus- 
gestrichen recensuit) \ F. B. 1) Hanow an R. 16. Ocbt. 1834. 

10* 



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148 Plautus. 

SomiDersemestern 1830 und 32) hatte R. den Miles gloriosus 
interpretirt, den zuletzt Lindemann (1827) so stümperhaft her- 
ausgegeben hatte. Er bemühte sich im Frühling 1833 um 
den Heidelberger Decurtatus, dessen Zusendung nach langen 
Formalitäten endlich am 11. Juli durch Bahr erfolgte.^) In 
Breslau fand er an seinem Collegen Schneider, der schon 
manche Beiträge^) zur Kritik des Komikers geliefert hatte, 
einen Plautinischen Genossen, so dass sich auf diesem Felde 
eine gewisse Gemeinschaft der Arbeit, ein wechselseitiges 
Mittheilen und Verhandeln zwischen Beiden bildete.*) Schnei- 
der übernahm einen Theil der Collation des Decurtatus und 
besorgte den Abdruck des Truculentus nach der Handschrift;*) 
ja es scheint gegen Ende des Jahres 1833 sogar der Gedanke 
einer gemeinschaftlichen Bearbeitung des ganzen Dichters 
aufgetaucht, aber bald wieder aufgegeben zu sein.^) Einen 
Theil des Apparates, ausser der Heidelberger die Leipziger 
Handschrift und einen Haufen alter Ausgaben hatte R. da- 
mals bereits zur Stelle geschafft.^) Die Vergleichung des 
Mailänder Palimpsestes und des vetus codex Cam^arii in 
der Vaticana sollte Emil Braun besorgen.^) In dem schon 
erwähnt.en Schreiben (vom 16. August 1833), welches R.'s 
Aufträge zusammenfasste, war insbesondre ausgesprochen, 
dass er von dem Palimpsest „was nur irgend lesbar, ausge- 
beutet'^ wünsche: was das sagen wolle, ahnte er damals 
noch nicht. Schon im Januar 1834 wurde mit Freund Nie- 
meyer, dem Chef der Halle'schen Waisenhausbuchhandlung, 
ein Contract für den Verlag einer grossen Plautusausgabe 
in vier Bänden abgeschlossen, von welcher der erste (Bacchi- 



1) Meldung R.'s an die Mutter vom 30. Juli 1833. Der cod. ist 
dann desto länger in R.'s Händen geblieben: noch im Febr. 1835 hatte 
er ihn bei sich. 2) Collation der ed. princeps 1825; neue Auflage 
des Rudens von Reiz 1824. 3) Praefatio zur Ausgabe der Bacchides 
von 1835 p. III. 4) Vgl. Ritschi opusc. III p. 18 A. • 6) Nie- 
meyer an R. 13. Decbr. 1833 missbilligt eine solche Gemeinschaft. 
•6) R. an Niese 28. Decbr. 1833. 7) Begonnen werden sollten die 

CoUationen mit dem Miles, den R. interpretirte , dann sollten die Cap- 
tivi und zunächst die im Decurtatus nicht erhaltenen Stücke folgen. An 
den Ambrosianus kam Braun überhaupt nicht, im April 1834 versprach 
er von Rom aus demnächst an den Miles gehen zu wollen. 



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Plautns. 149 

des Menaechmi Mostellaria Miles Mercator Pseudolus ent- 
haltend)^) noch in demselben Jahr fertig werden sollte! 

Vor Allem aber war der Gnmd zu legen durch metho- 
dische Erforschung der Textgeschichte, Aufdeckung der ältesten 
und relativ reinsten Quellen der Ueberlieferung, Beseiti^ng 
des Vulgatenwustes und der von den ersten Bearbeitern einge- 
schwärzten Interpolationen; das Resultat dieser Untersuchun- 
gen aber sollte durch ein vorläufiges Beispiel veranschaulicht 
werden, indem die urkundliche Ueberlieferung eines einzelnen 
Stückes (der Bacchides) in ihren verschiedenen Phasen blos- 
zulegen war. Mit um so grösserem Verlangen sah R. im 
Mai der ersten Sendung der Braunschen CoUation des vetus, 
jenes „ältesten und besten codex'', entgegen: da er grade mit 
den Bacchides beschäftigt war, bat er zunächst um die Les- 
arten dieses Stückes. Denn das erklärte er täglich deutlicher 
einzusehen, „dass ohne eine genaue Vergleichung jener Hand- 
schrift für den Plautus kein Heil zu hoffen sei." Auch ortho- 
graphische Kleinigkeiten, sorgfältige Unterscheidung der ersten 
und zweiten Hand, ob letztere alt oder neu sei, Rasuren 
„und was dahin gehört", — Alles war ihm wichtig. Wenig- 
stens in den Prolegomenen der Ausgabe, deren Druck bis 
Mitte Octobers vollendet sein sollte, wünschte er die Aus- 
beute noch zu verwerthen, um so Allen, die sich darum 
kümmerten, die Nothwendigkeit der kritischen Grundan- 
sicht, von der er ausgehe, zur Ueberzeugung zu bringen.^) 
Als erste Probe aber so verheissungsvoUer Studien erschien 
im August dieses Jahres^) die Recension der Linde- 
mannschen Plautusausgabe, welche nach und nach Miles 
gloriosus (1827), Captivi (1830), Trinummus (1830) und Am- 
phitruo (1834) umfasst hatte. Der Rec, „im Besitz eines 
so reichen Apparates, wie ihn wohl nur wenige haben 
mögen", ist in der Lage, die zu beurtheilende Arbeit Schritt 
vor Schritt nicht nur verfolgen zu können, sondern auch 
verfolgt zu haben. In Allem namentlich, was er über die 
Geschichte, Verhältniss und Werth der gedruckten Ausgaben 

1) R. an Braun 7. Mai 34. 2) An Bräun 4. August 1834. 

3) Halle'ßche Allgem. Litt.-Zeit. 1834 August Nr. 143 f. S. 529-542, 
unterzeichnet Fr. RitschL 



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150 Plautus. 

von der ed. princeps an vielfach berichtigend und ergänzend bei- 
bringt, greift er mit sicherster Ueberlegenheit aus dem Vollen. 
Besonders neu für den damaligen Stand des Wissens sind 
die Bemerkungen über die Brixiana des Pylades und die 
Ehrenrettung des Pareus gegenüber den Verunglimpfungen 
Gruters. Nachdem an den Ausgaben gezeigt ist, dass Lixide- 
mann, wie es mit dem denkbar dünnsten und schärfsten Aus- 
druck heisst, hiervon „erstlich zu wenig kannte, zweitens zu 
wenig hatte, drittens dass er die, welche er hatte, zu wenig 
benutzte, viertens dass er ihr Verhältniss zu wenig unter- 
suchte" (S. 531), wird dasselbe von den Handschriften er- 
wiesen. Der sehr problematische Werth des von L. eben so 
weit überschätzten als liederlich verglichenen codex 'Suri- 
tanus' oder Lipsiensis wird zum ersten Mal festgestellt^ in- 
dem er nebst der Princeps und fast allen übrigen bekannt 
gewordenen Handschriften einer und derselben Familie zu- 
gewiesen wird, welche den Plautinischen Text „in einer ~auf 
unzähligen Conjecturen, zum Theil auch Interpolationen be- 
ruhenden Recension eines Grammatikers" darstelle. Ihr 
gegenüber wird mit sehr kühler Abweisung des Ambrosia- 
nischen Palimpsestes („weil in ihm allen Anzeigen zufolge 
offenbar nur ein sehr kleiner Theil des ganzen Plautus 
erhalten ist: innerer Gründe nicht zu gedenken") als 
„der eigentliche Grund und Eckstein der ganzen Plautini- 
schen Kritik der Satz aufgestellt, „dass die einzige echte 
und unverfälschte Quelle des Plautinischen Textes die beiden 
Palatinischen Handschriften des Camerarius sind," als „ohne 
alle eigenmächtige Veränderung gemachte Abschriften des- 
selben durch Ungunst äusseren Zufalls entstellten Urtextes", 
aus dem die interpolirte Recension stammt. Letztere könne 
nur dazu dienen, die Interpolationen des Pylades aufeudecken. 
Als oberstes Gesetz für den Kritiker ergebe sich möglichst 
enger Anschluss an die freilich oft sehr corrupten Lesarten 
der Palatini, denen die „nach den Principien einer festen 
Methodik" zu regelnde Emendation suchen müsse so nahe 
wie möglich zu kommen. In welchem Grade aber freilich 
diese Palatini für Lindemann ^böhmische Dörfer waren, wird 
in ergötzlicher Weise an dem Wirrsal seiner Varianteu- 



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Plautus. 151 

angaben gezeigt, wo bald codd. Gamerarii, bald codd. Taub- 
manni, bald Mss. Bothii, bald Palatini angeführt werden 
ohne eine Ahnung, dass es immer wieder dieselben sind! 

Zum Schluss aber fühlt Rec. sieh zu der Erklärung ge- 
drungen , y^dass mit allen libris manuscriptis und rescriptis 
der letzte Schritt doch noch nicht gethan ist," dass auch 
über die Enträthselung der oft sinnlosen Lesarten noch hin- 
aus gegangen werden müsse. Zwar „eine Benfleysche Kritik 
des Plautus wäre jedenfalls noch nicht an der Zeit," sie 
sei „aber auch nicht mehr an der Zeit." Dieselbe sei in 
der geschichtlichen Entwickelung wissenschaftlicher Kritik 
überhaupt „nur ein nothwendiger Durchgangspunkt, der eine 
zuvor nicht nach Gebühr anerkannte Seite zuerst in ihr Recht 
einsetzte, aber zugleich mit Einseitigkeit auf diejenige Spitze 
des Uebermasses trieb, wodurch sich jede bahnbrechende 
Richtung in jeder Zeit und auf jedem Gebiet charakterisirt." 
Zum entgegengesetzten Extrem führe ein engherziges Fest- 
halten des Urkundlichen. Dieses in seiner wahren Gestalt 
kennen zu lernen müsse freilich der letzte Schritt sein. Von 
ihr ausgehend habe man die Gesetze der Plautinischen Rhyth- 
mik, auf die sich doch die Hauptschwierigkeit reducire, zu 
abstrahireu, statt mit selbstgemachten Gesetzen anzufangen, 
um in endlosem Kreislauf danach wieder den Text zu con- 
stituiren. Wie wenig man noch den Stand der üeberliefe- 
rung kenne, solle „binnen Kurzem in dem ersten Theile einer 
kritischen Gesammtausgabe des Plautus vor Augen treten." 

Im nächsten Jahre erst folgte jene Proecdosis, die Aus- 
gabe der Bacchides, welche den bis dahin gewonnenen 
Standpunkt R.'s scharf illustrirt. Die als Vorrede dienende 
epistola an den Breslauer CoUegen Schneider^) setzt Plan 
und Zweck dieser Ausgabe auseinander. Der in der Recen- 
sion des Lindemannschen Plai^tus ausgesprochene Grund- 
satz, dass (in Ermangelung besserer Kenntniss des im Am- 
brosianus niedergelegten Textes) die Kritik des Dichters auf 
die beiden zuerst von Camerarius aus Licht gezogenen Pa- 
latini zu gründen sei , sollte an dem Beispiel eines einzelnen 
ganzen Stückes erläutert und erhärtet werden. In dieser 

1) Datirt Vratislaviae m. Quintüi a. 1835. 



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152 Plautus. 

Absicht waren die Bacchides ausgewählt, weil an ihnen be- 
quemer als an andren theils schwerer verdorbenen, theils in 
Beziehung auf die Textgeschichte weniger einfach und klar 
liegenden Proben der Stand der handschriftlichen Ueber- 
lieferung vorgelegt werden konnte. Während also der Text 
im Ganzen die Recension der Palatini darstellen sollte, sind 
im kritischen Apparat auch die Varianten der schlechteren 
Handschriften und aller wichtigeren Ausgaben mitgetheilt, 
eine Arbeit, wie der Herausgeber selbst erklärte, ^sedulitatis 
potius quam sagacitatis% unter ausdrücklicher Enthaltung von 
dem Versuch, die Hand des Dichters selbst herzustellen: nur 
in den Anmerkungen sind doch ziemlich viel Vorschläge zur 
Verbesserung niedergelegt. Die Lesarten des Vetus sind nach 
der zweiten Ausgabe des Pareus mitgetheilt (also die Braunsche 
CoUation war ausgeblieben), den Heidelberger Decurtatus 
hatte er selbst in Breslau verglichen. Eigentlich hatten, wie 
die Vorrede p. VI berichtet, ausführliche Prolegomena die 
Ausgabe begleiten sollen,^) enthaltend eine 'historia critica 
fabularum Plautinarum' und Erörterung der wichtigsten 
Fragen, welche bei der Emendation in Betracht kommen 
('emendandi Plauti gravissima capita'). Aber während der 
Verfasser bereits damit beschäftigt war, seine Sammlungen 
zu redigiren, kam der Urlaub für die lang ersehnte italiä- 
nische Reise. Die Vorbereitungen dazu nahmen nunmehr 
alle Zeit in Anspruch, die Stimmung zu ruhiger Arbeit war 
verflogen. So entschloss er sich eine vor drei bis vier Mo- 
naten deutsch entworfene Abhandlung über die Kritik des 
Plautus schnell für den Druck zurecht zu machen und an Welcker 
für das Rheinische Museum zu schicken als eine Ergänzung seiner 
Textausgabe.^) Nur einen kurzen Auszug daraus nahm er 
zur Orientirung der Leser in die Vorrede (p. VII— XXI) auf. 
Folgende Hauptresultate enthält derselbe. Eine sorgfältige 
Prüfung der zahlreichen gedruckten Ausgaben hat ergeben, 



1) Am 5. April 1835 meldet er der Mutter, dass er die Einlei- 
tung zu dem Buche schreibe, welches seit Monaten fertig liege; am 
11. Juni, er müsse noch circa 10 Bogen Vorrede zu seinem Buche schrei- 
ben. 2) Praef. p. VII: eaque volo hanc Bacdiidum editionem ita sup- 
pleri, ut de liac aequum censeam non iudicari praeter illius societatem. 



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Plautug. 153 

dass ihr kritischer Nutzen nur darin besteht, den Ursprung 
der gegenwärtigen Vulgata zu ermitteln und den allmäligen 
Fortschritt in der Reinigung des Textes zu verfolgen. Aus den 
Briefen des Poggio erhellt, dass erst durch Nicolaus von Trier 
(1428) die zweite, 12 Stücke umfassende Reihe der Plauti- 
nischen Dramen entdeckt worden ist, und zwar in Deutsch- 
land. Die Handschrift kam in die Vaticana, wo sie (nach 
des Verfassers damaliger Annahme) allem profanen Gebrauch 
sorgföltig verschlossen blieb. Die Verbreitung in Deutschland 
schien, nach gewissen zeitgenössischen Andeutungen zu 
schliessen, durch einen in Basel (1432/3) gefundenen sehr 
ähnlichen Codex vermittelt zu sein, in dessen mehrfachen Ab- 
schriften der Anfang zu willkührlichen Correcturen gegeben 
war. Durch flüjchtige Bemühungen, den Text einigermassen 
lesbar zu machen, enstand die recensio der Itali, in zahl- 
reichen sauberen Exemplaren verbreitet, deren eines der wider 
Verdienst von Lindemann so hochgeschätzte Lipsiensis ist. 
Das relative Verdienst der gedruckten Ausgaben von der 
editio princeps des Merula an bis auf Bothe wird in kurzen 
sicheren Strichen beschrieben. 

Das ürtheil R.'s über den Stand unsrer Plautinischen 
Ueberlieferung lautete damals günstiger als grosse Kritiker 
wie z. B. Hermann annahmen. Er meinte, der nach den 
Palatini constituirte Text der Bacchides zeige, dass der 
Dichter zwar nicht frei von mancherlei Verderbniss, aber 
doch nicht so entstellt wie die Meisten heutzutage glaubten 
auf uns gekommen sei. ^) Indem er sich seinem Zwecke ge- 
mäss so eng als möglich^) den Pfälzer Handschriften an- 
schloss, verschmähte er doch an ganz sinnlosen und solchen 
Stellen, deren Gedanke oder grammatische Form oflFenbar 
fehlerhaft war, die Aufnahme von Conjecturen nicht ganz, 
während er überall, wo noch eine wenn auch bedenkliche 
Vertheidigung möglich schien, bei der Ueberlieferung stehen 
blieb, namentlich sich aller Aenderungen des Verses wegen 

1) p. XXII: eißi non vacuum certis corruptelae generihus, tarnen 
nequaquam tarn depravatum ad nostram aetatem pervenisse Plautum, 
quam plerisque omnibus hodie videatur. 2) quantum quidem fieri 

salva ratione posset 



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154 Plautus. 

enthielt.^) Vorerst sei noeli zu erforschen, wie weit Plautus 
in metrischer und grammatischer Freiheit gegangen sei. 

Um aber doch dem Publicum auch einen metrisch les- 
baren Text zu bieten, liess er neben dieser Ausgabe gleich- 
zeitig eine zweite ohne den kritischen Apparat erscheinen, 
in welcher die Verse durch Aufnahme der in den Bemerkun- 
gen zur grösseren Ausgabe theils zuerst vorgeschlagenen theils 
gebilligten Conjecturen soweit hergestellt, auch mit Ictus 
versehen waren, dass sie gemessen werden konnten, ohne 
doch auch hier eine irgend* abgeschlossene Recension liefern 
zu wollen. Vielmehr glaubte er bei der Constituirung des 
Metrums noch vorsichtiger als bei der Behandlung der gram- 
matisch-logischen Form sich ihnerhalb der Grenzen zwingen- 
der Nothwendigkeit halten und auf alles mehr subjective 
Streben nach Eleganz verzichten zu müssen, ohne deshalb 
die Bürgschaft für alle Mängel zu übernehmen. Uebrigens 
war er der Ansicht, dass sich durch Analogie nicht Weniges 
vertheidigen lasse.^) In Bezug auf diese Punkte verwies er 
auf seine Abhandlung, in welcher er sich über Hiatus, Accent, 
Position und die übrigen Fragen der Plautinischen Prosodie 
ausführlicher verbreitet habe. ^) Dieselbe ist nicht erschienen. 

Wenn diese Ausgabe, die sich für nichts Andres als für 
eine Vorstudie und urkundliches Beispiel der bisher bekannten 
Ueberlieferung ohne Hülfe des Palimpsestes gab, eine wirk- 
liche, auch nur annähernde Herstellung des Plautinischen 
Textes weder leisten wollte noch leistete, so gehörte doch 
die Bomirtheit eines Lindemann und eines Weise dazu, um 
die ganze Arbeit als eine von Grund aus verfehlte zu ver- 



1) Neque enim, ut sapienter praedpientis verhis utar, id reprehen- 
dendum est, scripturam corruptam servari, sed defendi tamquam rectis- 
simam, Sed quid rectum sit, quid minus, id vero definiri nisi ab eo 
nequit, qui non edocere scriptorem, quid dehuerit, sed ah eo discere, 
quid potuerit scrihere, mavult. 2) Etsi igitu/r , quae intacta reliqui 
tanquam dubia, eorum ego minime patrocinium suscipiam omnium, 
tarnen non mediocris in his eorum pars est, quae utique arbitrer 
similium comparatione satis defendi, quamvis aliena a plurimorum hodie 
probatione. 3) Sed his proprius locus constitutus in Commentatione 
est, ubi de hiatu, de accentu, de positione, et quae sunt reliqua capita 
prosodiae Plautinae, disserui explicatius. 



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Plaatus. * 155 

dämmen und zu verspotten. Etwas Andres war es, wenn 
der Yor Allen stimmfähige Meister, G. Hermann, gegen den 
metrisch-prosodischen Standpunkt derselben Einspruch erhob.^) 

Jene umfassende Untersuchung aber über die Geschichte 
des Plautinischen Textes, welche zur Ergänzung der bespro- 
chenen urkundlichen Ausgabe bestimmt war, erschien im 
gleichen Jahre unter dem Titel: „Ueber die Kritik des 
Plautus^^) Es war ein mit musterhafter Sorgfalt und um- 
sichtigster Combination unternommener, bahnbrechender Ver- 
such aus dem weitschichtigen, höchst verworreneu, von allen 
Seiten herbeigeschafften Material, soweit es gedruckt vor- 
lag, die unentbehrlichen Fundamente zur richtigen Beurthei- 
lung der in den bisher bekannten Handschriften und in den 
Ausgaben vorliegenden Ueberlieferung zu gewinnen. Die 
Hauptresultate sind oben angegeben worden. Alle späteren 
Berichtigungen derselben fand B. selbst durch Einblick in 
die bisher ungehobenen handschriftlichen Schätze. Immer 
wird die an lehrreichen Aufschlüssen überreiche, mit einer 
den trockenen Gegenstand siegreich bewältigenden Frische 
geschriebene Abhandlung ein Muster bleiben „bibliographi- 
scher Untersuchung", wie der Verfasser selbst sie beim Wie- 
derabdruck bescheiden nannte.^) 

Da sich die Ausführung der italiänischen Reise noch um 
ein ganzes Jahr verzögerte, so fand sich auch für Abfassung 
der Habilitationsschrift zum Ordinariat noch Zeit. Es war 
die Abhandlung de Plauti Bacchidibus,*) welche Ende 
Januars 1836 zur Versendung kam,^) die erste in der glän- 
zenden Reihe jener kleineren oder grösseren philologischen 
Kunstwerke des Verfassers, welche nicht nur die Textkritik, 
sondern die Erklärung und die litterarhistorische Betrach- 
tung des Plautus so mächtig gefördert und zum Theil in 
ganz neue Bahnen gelenkt haben. Die vorliegende Abhand- 
lung ist als der erste Theil einer litterarhistorischen Ein- 

1) An R. 16. März 1837. 2) In Welcker's und Näke*s Rhei- 

nischem Museum IV (1835) S. 163—216. 485— ö70, wieder abgedruckt 
in den opusculallp. 1 — 165. 3) Vgl. die Bemerkung zu opusc. II p. 1. 

4) Wieder abgedruckt, mit Zusätzen und mancherlei kleinen Aenderun- 
gen, in den Parerga zu Plautus und Terenz p. 391 — 430. (Diss. VII.) 

5) An Pernice 28. Januar 1836. 



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156 Plautus. 

leitung zu den Bacchides anzusehen. Ausgehend von Er- 
wägungen über die eigenthümliche Stellung des Stuckes in 
der überlieferten, sonst alphabetischen Reihenfolge (nach dem 
Epidicus, an der Spitze der zweiten, zwölf Dramen umfas- 
senden Hälfte), über den Grund und zeitlichen Ursprung 
derselben (hier kommen zum ersten Mal Varro's Plautus- 
studien in rascher Uebersicht zur Sprache), prüft der Verf. 
den gegebenen Bestand des Textes, indem er einerseits Nie- 
buhrs verwerfendes ürtheil der sogenannten Supplemente be- 
kräftigt, als deren Verfasser er durch entscheidendes Zeug- 
niss den neapolitanischen Akademiker Antonius Panormita 
erweist, andrerseits die thörichten Meinungen derer, welche 
den Verlust des Anfangs bestritten oder die von Gramma- 
tikern citirten, in unserem Text nicht befindlichen Bruchstücke 
vermittelst beliebter Hypothese auf eine sogenannte doppelte 
Recension zurückführten, mit leichter Mühe widerlegt. Am 
interessantesten aber ist die aus der Fabel selbst, aus deut- 
lichen Anspielungen, endlich aus Vergleichung des lateini- 
schen Textes mit einzelnen griechischen Fragmenten ge- 
wonnene Entdeckung, dass die Menandrische Komödie Aic 
IHaTTaTUüv das Original der Bacchides war, und die wenig- 
stens annähernde Bestimmung der Aufführungszeit, ermittelt 
aus einem verächtlichen Seitenblick des Dichters auf die Ab- 
nutzung der Triumphe. Am Schlüsse wird eine Fortsetzung 
in Aussicht gestellt, welche dreierlei darthun solle: 1) die 
Nothwendigkeit der Annahme, dass der Anfang des Stückes 
verloren sei ; 2) die Möglichkeit, alle jene zerstreuten Bruch- 
stücke in den Zusammenhang des Ganzen einzureihen; 3) den 
Inhalt und Gang der verlorenen Scenen.^) 

Die Tragweite der bisher gewonnenen Ergebnisse sucht der 
Verf. einem befreundeten Laien folgendermassen deutlich zu 
machen:^) „Von guten Büchern sollte ich Dir Titel schicken, 
und dafür bekommst Du eine Hand voll Früchtlein aus eigenem 
Garten, die Dir wie Holzäpfel schmecken werden. Es ist aber 
ein schlimm Ding mit jener Commission; bei jeder neuen Buch- 

1) Sie findet sich in den opuscula II 292 fF., „geschrieben mit Aus- 
nahme des fünften Abschnitts" (über Act- und Scenenabtheilung) „im 
Jahre 1838." 2) An Graffunder 1. Februar 1836. 



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Plautus. 157 

händlerzusendung habe ich Raths gepflogen und in Gedanken 
Dein Bedürfniss ermessen; ich kann mich aber zu keiner directen 
Empfehlung entschliessen. Ich halte es kaum für möglich, 
dass Du unsem heutigen Detailforschungen Geschmack ab- 
gewinnest, nicht weil Du ein Absoluter bist, sondern weil 
sie nach allen Seiten hin in stillschweigenden Beziehungen 
den stets gegenwärtigen Zusammenhang der gesammten heu- 
tigen Philologie und ihrer Tagesfragen voraussetzen, und zum 
grossen Theil erst durch diesen Reiz, Bedeutung, und selbst 
Verständlichkeit erhalten. Nur ein klein Beispiel gleich zur 
Probe. In § 5 der Dissertation ist combimrt worden, dass 
(las Plautinische Stück nach Menander bearbeitet sei. Daran 
hat man an sich nicht viel. Wer aber weiss, dass die bis 
jetzt gewonnenen Notizen über die Originale der Plaut. Stücke 
auf ganz andre Dichter der alten Komödie hinweisen, die 
durch einen bestimmten Kunstcharakter von Menandrischer 
Komödie geschieden sind ; wer da weiss, dass das eine schwe- 
bende Streitfrage ist, ob überhaupt Menander Original für 
den römischen Dichter gewesen sei, die meist verneinend 
beantwortet worden ist, der wird ganz anderes Interesse an 
der kleinen Entdeckung nehmen, die, wenn sie gegründet ist, 
theils ein neues Actenstück zur Kenntniss des griechischen 
Komikers liefert, theils eine neue Seite der Betrachtung für 
den Plautus eröffnet. So ist § 8 die Zeitbestimmung des 
behandelten Stückes nur ein kleiner Punkt, durch den aber 
die noch nicht grosse Reihe ähnlicher Ermittelungen erweitert 
wird; wird sie einmal zu noch grösserer Vollständigkeit weiter 
geführt sein, was wirklich zum Theil von glücklichem Zu- 
fall abhängt, so wird ein ganz andres Licht, als jetzt, über 
die chaotisch vor uns liegende individuelle Entwicklung des 
Dichters hereinscheinen, und zugleich für manche jetzt unklare 
geschichtliche Beziehung oder Anspielung in den Worten des 
Dichters der Schlüssel gefunden werden. Ebenso liesse sich aus- 
führen, dass selbst die Kraft oder Unkraft gebrauchter Beweise 
häufig nur erst von dem ermessen werden kann, dem sogleich 
die ganze Reihe von Analogien specieller und speciellster 
Art gegenwärtig ist, der mit einem Blick übersieht, ob der 
eingeschlagene Weg der einzige oder einer unter vielen ist/' 



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158 

5. Persönliches. 

Mit der Menge der amtlichen Geschäfte und dem inten- 
siven Kraftaufwande, welchen R. denselben widmete, stan- 
den die finanziellen Erträge in sehr ungleichem Verhält- 
niss. Gemäss den Grundsätzen preussischer Sparsamkeit war 
von dem Passow^schen Gehalt (1400 Thlr.) seinem Nachfolger 
nicht viel mehr als ein Drittel (500) zugebilligt worden. Mit 
der Beförderung zum Ordinarius war eine Zulage von 100 Thlr. 
vom 1. Januar 1835 an verbunden. Die Pröfungscommission 
brachte 160 Thlr. Fixum und 40 — 60 Thlr. Accidenzien; 
die halbe Professur der Eloquenz die Hälfte von 125 Tha- 
lern, die Direction des Seminars wie des Kunstmuseums keinen 
Groschen. Die feste Gesammteinnahme R.'s erreichte also 
im Anfang kaum die Summe von 700, später noch nicht 
900 Thlr., wovon die Wittwencasse noch bedeutende Abzüge 
machte. Die Hofl&iung auf erkleckliche CoUegiengelder be- 
währte sich nicht. Vier Fünftel derselben wurden regel- 
mässig gestundet, so dass z. B. die Honorareinnahme des 
ersten Sommers von etwa 40 Zuhörern im Ganzen 15 Tha- 
ler 20 Groschen statt 160 Thaler betrug, ja bei steigender 
Zuhörerzahl gelegentlich noch weniger, wie z. B. im Winter 
1834/5 einige 60 Zuhörer nur 9 — 10 Thlr. im Ganzen ein- 
brachten. Die Bilanz des ersten Semesters ergab. Alles in 
Allem genommen, auch die grössere Theurung von Breslau 
mit eingerechnet, keine finanzielle Verbesserung gegen Halle. 
Der Arme, der sich- von der Natur viel besser zum Aus- 
geben als zum Sparen angelegt sah, erkannte, dass wenn 
das Leben in Halle mit Schulden schlecht genug gewesen 
war, dasselbe in Breslau ohne Schulden bei 468 Thlr. netto 
noch viel schlechter sei.^) Trotz aller Anerkennung in guten 
Worten und trotz der 700 Thlr., welche von dem Passowschen 
Gehalt „zum Besten der Professoren der philosophischen 
Facultät, die sich am meisten durch ihre Wirksamkeit als 
Lehrer wie durch ihre sonstigen wissenschaftlichen Leistungen 
auszeichneten," zurückbehalten waren, fehlte es fortwährend 
an allen verwendbaren Fonds, um die immer steigenden Be- 
drängnisse eines unentbehrlichen bedeutenden Lehrers zu 

1) An Pernice 8. October 1833. 



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Gesundheit. 159 

heben. Ja der extraordinarius Ambrosch, dem aus geheim- 
nissvoller Quelle für die Unterweisung der katholischen Theo- 
logen im Kirchenlatein eine jährliche Extraeinnahme von 
200 Thalern zufloss/) war besser gestellt als der Ordinarius 
und Seminardirector. 

Mit der Gesundheit ging es in Breslau nach einer kurzen 
Periode scheinbarer Besserung immer schlechter. Nur allzu 
oft stellten sich Rheumatismen ein, und die immer zunehmenden 
chronischen Unterleibsbeschwerden hatten Verstimmung der 
Nerven und des Gemüths zur Folge. Regelmässige Spaziergänge, 
und zwar drei- bis vierstündige, selbst in den gesundesten 
Tagen, wurden zur unabweislichen Pflicht. Vorübergehend that 
freilich im Sommer 1835 zweimonatliches Brunnentrinken 
(in Breslau selbst) und sehr strenge Diät so gute Wirkung, 
dass sich der Patient gesunder als seit 6— 8 Jahren fühlte. Aber 
schon im Novbr. begann wieder das alte Lied, und im Winter 
musste der Kopf um des Leibes willen seine Thätigkeit auf 
ein Minimum von 3 — 5 Stunden täglich beschränken. „Die 
Summe aller einzelnen Stunden, halben und ganzen Tage," 
so klagt er einmal,^) „an denen mich diese Unterleibsleiden 
in absolute geistige Unthätigkeit versetzen, würde eine er- 
kleckliche Zahl austragen." Sein Arzt (Dr. Kalkstein) ver- 
langte den Gebrauch einer Badecur in Warmbrunn. R. bat 
um eine Reiseunterstützung in einer Vorstellung an den 
Curator Heinke (26. Juli 1836): „Ew. Hochwohlgeb. eigenem 
hochgeneigtem Ermessen darf ich es wohl getrost anheim- 
stellen, ob ich füglich im Stande sei, von meinem massigen 
Gehalte die Kosten einer Badecur und Badereise zu bestreiten, 
deren jetzige Nothwendigkeit lediglich bedingt ist durch 
frühere Anstrengungen, unter denen ich mich eine Reihe von 
Jahren ohne eigne Mittel und ohne königliche Unterstützung 
habe zu meiner jetzigen Stellung heraufarbeiten müssen.^' 
Der wohlwollende Curator empfahl zwar die Bitte nach 
Kräften: sie konnte aber wiederum wegen mangelnder Fonds 
nicht gewährt werden.^) 

Auf dem nicht ungewöhnlichen Wege einer Anleihe 

1) Job. Schulze aiiR. 17.i3ct.3ß. 2) An Niese 31. Jannar 1836. 
3) Ministerialrescripfc vom 10. August 1836. 



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160 Warmbrnnn. 

wurde die Warmbrunner Reise doch möglich gemacht. Unser 
Freund verbrachte in dem schönen Gebirgsthal drei sehr ver- 
gnügte Wochen (vom 13. Aug. bis 4. Septbr.), weniger badend 
als lebend/) aber für den Augenblick doch wieder mit bestem 
Erfolg auch für seine Gesundheit, zumal unter der Beihülfe 
eines so bewährten Arztes, wie frische Liebe ist. Mit Freund 
Stenzler und den drei jungen Töchtern des Breslauer Arztes 
Dr. Samuel Guttentag, welche sich gleichzeitig, aber nicht 
zufällig in Begleitung ihrer Erzieherin dort aufhielten, wurde 
das Gebirge durchstreift. Schon seit dem 19. Juni war R. 
mit der jüngsten, der 15jährigen Sophie,^) versprochen, 
doch musste nach dem Willen des Vaters die Verlobung 
noch geheim bleiben. 

Im Warmbrunner Thal mit guten Freunden zu leben 
war ihm schon bei seinem ersten Besuch, im Herbst 1833, gar 
lockend erschienen. Dieser Traum ging nun in lieblichster 
^ Form in Erfüllung. Damals, in der ersten Hälfte des Sep- 
tembers, hatte ihn der ehemalige Hallenser College Heflfter, 
der auf der Durchreise von Berlin in Breslau eine kurze Rast 
machte, bewogen, eine Gebirgstour mit ihm zu improvisiren. 
Wenn Altwasser,- Salzbrunn, und die übrigen Vorberge dem 
Thüringer nicht besonders imponirt hatten, so erschienen ihm 
die gewaltigen Massen und eigenthümlichen Formen des 
Riesengebirges um so bedeutender. Entzückte Briefe an die 
Eltern wie an Niese hatten die empfangenen Eindrücke und 
die überstandenen Strapazen geschildert. 

Nicht weniger hatte ihn in den Sommerferien des 
nächsten Jahres (1834) ein Ausflug über Stettin an die Ost- 
seeküste angeregt: er erlebte die erste Dampfbootfahrt, nahm 
das erste Seebad. Aber alle Gedanken und Hoffnungen, ins- 
besondere alle wissenschaftlichen Pläne und Studien, wiesen 
immer dringender auf Italien als das Land der Erfüllung. 



1) An Niese 12. September 1836. 2) Geb. 21. August 1820. 



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Italien 

1836-1837. 



Kibbeok, ]•', W. Eitschl. 11 



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In Folge der Berufung nach Breslau hatte der längst 
entworfene Reiseplan natürlich vor der Hand in den Hinter- 
grund treten müssen. Doch wurden die Vorbereitungen dazu 
unablässig im Stillen fortgetrieben. Auch die Vorlesungen, 
in deren Kreis römische Antiquitäten und alte Kunstgeschichte 
gezogen wurden, mussten dazu dienen, Notizen über italiä- 
nische Bibliotheken wurden gesammelt, die schon in Halle 
begonnenen Sprechübungen mit einem geborenen Italiäner 
(Poli) fleissig fortgetrieben. Nach zweijähriger angestrengter 
und erfolgreicher Wirksamkeit in Breslau hielt nun der Ge- 
wissenhafte den richtigen Zeitpunkt für gekommen, der ihm 
gestattete, ohne allzu grossen Nachtheil für das Amt seinen 
Liebliugsplan wieder aufzunehmen. Wenn er zu Michaelis 
1835 den auf fünf Semester berechneten Cyclus seiner Vor- 
lesungen zum ersten Mal beendigt haben würde, glaubte er 
seine Heerde unter der stillen Nachwirkung seiner Lehre und 
der stellvertretenden Obhut des im gleichen Sinne wirken- 
den Freundes Ambrosch für einen Winter ihrem Schicksal 
überlassen zu dürfen. Hierauf hinweisend richtete er am 
17. Mai 1835 an den Minister ein Gesuch um Bewilligung 
eines Urlaubs für das Wintersemester 1835/6 und einer Un- 
terstützung zu dem Zweck, in Mailand den Palinlpsest und 
in Rom eine oder zwei Vaticanische Handschriften des Plan - 
tus zu vergleichen. Als weitere wissenschaftliche Zwecke 
werden angeführt erstens eine von dem Petenten längst ins 
Auge gefasste kritisch-exegetische Bearbeitung des Pol lux 
und des Stephanus von Byzanz, für welche grade auch 
Mailand und Rom die Haupthülfsmittel bieten; zweitens die 
Abfassung einer kritischen Geschichte des gesamm- 
ten grammatischen Studiums bei den Griechen, 
welche nur durch die Sammlung und Combinirung vielfacher, 
nach sicherer Kunde noch in italiänischen Bibliotheken ver- 
borgen liegender grösserer und kleinerer Stücke als eben so 

11* 



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164 Reisegesuch. 

vieler einzelner Bausteine möglich werden könne; drittens 
antiquarische Studien, unter Berufung auf gehaltene Vor- 
lesungen über Geschichte der alten, namentlich der bilden- 
den Kunst, über römische Antiquitäten mit besonderer Her- 
vorhebung des Topographischen. Diese Eingabe wurde zu- 
nächst mit Begleitschreiben vom 12. Mai an Joh. Schulze 
geschickt und ihm die weitere Behandlung der Angelegen- 
heit vertrauensvoll in die Hand gelegt. Der Petent fügte 
hinzu, er stehe jetzt in einem Lebensalter, wo durch ferneren 
Aufschub das Gelingen immer precärej* werde; je fester ein- 
gewurzelt in die amtlichen Verhältnisse, desto misslicher 
werde jede Unterbrechung; nach fünf vollen Semestern er- 
laube der Anstand wohl eine neu angetretene Stellung auf 
^ein halbes Jahr zu verlassen. Auch sei über kurz oder lang 
die Ernennung von Angelo Mai zum Cardinalbibliothekar 
und in Folge davon gewissermassen die gänzliche Schliessung 
der Vaticana zu erwarten (?!). Für die auf 8 Monate be- 
rechnete Reise wird eine Unterstützung von 400 Thlrn. er- 
beten. Beide Schreiben sind in rührend bescheidenem Tone 
gehalten. Mit einer gewissen Feierlichkeit und gottergebenen 
Andacht, welche den Pastorssohn vor grossen Entscheidun- 
gen anzuwandeln pflegte, behandelte er die Sache auch 
seinen Nächsten gegenüber. Denn trotz aller Abneigung 
gegen dogmatische Fesseln glomm unauslöschlich in ihm 
eine „Religion des Gemüthes'',^) welche bis in die letzten 
Lebensjahre zuweilen in heller Flamme aufschlug. 

Das Ministerium bewilligte unter dem 4. Juli den er- 
betenen Urlaub und eine ausserordentliche Unterstützung von 
250 Thlm. mit dem verschämten Zusatz, „insofern er glauben 
sollte, mit einer solchen Beihülfe die Kosten der Reise be- 
streiten zu können", worüber einer Erklärung von R.'s Seite 
entgegengesehen werde. Natürlich sagte er ja, indem er 
zugleich die Hoffnung aussprach, dass ihm im unvermeid- 
lichen Nothfalle noch ein Nachschuss gewährt werden möge. 
Mit verdoppelter Anstrengung wurden nun die Vorbereitungen 



1) So nennt es der Freund Niese in einer Strafepistel vom 13. April 
1834 über fehlendes Christenthum. 



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Aufschub. 165 

betrieben. Bis Mitte September sollten alle noch unerledig- 
ten Arbeiten („das Buch", d. h. die Ausgabe der Bacchides 
nebst Prolegomena; femer die Habilitationsschrift) abgemacht 
sein, und im Dctober wollte er sich auf den Weg machen. 
Am 20. October stand er auf dem Sprunge: schon war der 
Platz im Postwagen bis Wien belegt. ^) Aber wiederum trat 
das Schicksal dazwischen, indem es in Oberitalien die Cholera 
ausbrechen liess, so dass nunmehr die Reise mit Bewilligung 
des Ministers bis zum Wintersemester 1836/7 ausgesetzt 
wurde.^ Und wenn nun das Ungeheuer sich grade im nächsten 
Sommer recht breit in Italien machen sollte! „Ueber zwei 
Dinge," lesen wir in einem Brief ,^) „könnte ich eine Tragödie 
schreiben, über meine Metrik und die italisclje Reise." 
Noch im September 1836, ja selbst zu Anfang Octobers war 
es wegen der noch bestehenden päpstlichen Cordons durch- 
aus zweifelhaft, ob die Reise von Statten gehen könne, bis 
endlich in den letzten Tagen des Monats der Aufbruch erfolgte. 
Ueber die italiänische Reise, einen der entscheidendsten 
Factoren für R/s geistige Ent Wickelung, sind wir so glück- 
lich, sehr ausgiebige eigenhändige Aufzeichnungen zu be- 
sitzen. Dieselben hatten die doppelte Bestimmung von Tage- 
büchern für den Verfasser und CoUectivbriefen an sehr ver- 
schiedenartige Freunde und Freundinnen, „so dass jeder Einzelne 
nach seiner eigenthümlichen Natur sein besonderes Theil 
daraus nehmen könne." Insbesondere auch die Braut, deren 
Vater in Betracht ihrer Jugend weder eine öflfentliche Be- 
kanntmachung der Verlobung noch eine Correspondenz 
des Paares hatte zugeben wollen. In frühen Morgen- und 
späten Abendstunden wurden die Blätter geschrieben. Sie 
circulirten bei der ganzen Familie und in einem weiten 
Freundeskreise, wanderten von Breslau nach Stettin, Halle, 
Erfurt. Damals, als die Alpen noch nicht so leichten Fusses 
überschritten wurden und das Touristengeschwätz über Italien 
noch nicht Mode war, konnten Reiseberichte noch auf em- 
pfänglichere Leser rechnen, und vollends aus solcher Feder 



1) Abschiedsbrief an Graffunder. 2) Rescript vom 14. Septem- 
ber 1835. 3) An Niese 31. Januar 1836. 



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166 Aufzeichnungen . 

geflossene. Selbst der Onkel Bischof war von diesen ^epistolae 
encyclicae' höchlich erbaut. Jede Zeile sei ihm gleich in- 
teressant gewesen, schrieb er am 16. Juli 1837, „mochte 
nun die Rede seyn von Naturschönheiten, oder von der 
Kunst; oder von den Bibliotheken oder von der Küche oder 
von den Gelehrten, oder von der Dogana u. s. w." und zwar 
nicht bloss, weil es von dem ihm so theuren Neffen kam, 
sondern weil sich unter seiner Feder auch das vergleichsweise 
Kleinere und Geringere in ein Etwas verwandele. „Hieran 
hat . . . allerdings das Leichte, Lebendige, Bezeichnende, 
Plastische Deiner Darstellung einen wesentlichen Antheil, 
aber eben so sehr die Gesinnung, die Empfänglichkeit für 
alle menschlichen Verhältnisse und Zustände; die Unbefan- 
genheit in der Betrachtung und Beurtheilung ... die Ge- 
neigtheit, ausländische Nationalität nicht nach einem engen, 
subjectiven, oft philiströsen Massstabe zu messen, sondern 
aus sich selbst und nach einer grossartigen Idee." Scherzend 
versicherte er, die Briefe des Neffen allen Reisebeschreibun- 
gen Semilasso's vorzuziehen. Und in der That haben die 
vergilbten Blätter auch heute den Reiz duftiger Frische durch 
die jugendliche Wärme der Auffassung, die naive Ursprüng- 
lichkeit der Beobachtung, die herzliche Freudigkeit des Ge- 
nusses und der Mittheilung. Ueberall ist der Verfasser dar- 
auf aus, seinen Lesern den möglichst vollen und scharf präci- 
sirten Inhalt des Gesehenen, Erfahrenen, Empfundenen vor- 
zulegen, das Charakteristische der Landschaften wie der Leute 
und ihrer Sitten in lebensvollen, abgerundeten Bildern wieder- 
zugeben, ohne je in die ausgetretenen Geleise des Reise- 
beschreibers zu gerathen. „Wäre ich ein griechischer Schrift- 
steller," bemerkt er einmal, „so würde ich meine Blätter 
Stromata überschreiben, d. h. Tapeten: so bunt geht es 
darin her." Abgesehen aber von dem persönlichen Interesse, 
zu sehen, wie auferweckend und gründlich ausbildend grade 
auf diese Natur das Leben auf classischem Boden gewirkt habe, 
gewährt unserem rasch lebenden Geschlecht der Rückblick auf 
italiänische Zustände vor 40 Jahren bereits einen gewissen 
culturhistorischen Reiz, so dass etwas reichlichere Mitthei- 
lungen wohl nicht unerwünscht sein werden. Leider tritt in 



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Subjectivität. 167 

jenen Skizzen nach der Ankunft in Rom eine längere, fast 
sechswöchentliche Pause ein. Hier fehlte das treibende 
Motiv zur Mittheilung in die Ferne, die Einsamkeit. Die 
Eindrücke in Rom nahmen den Ankömmling zu mächtig 
in Anspruch, er kam gleich in lebhaften Menschenverkehr. 
Dazu trat ein subjectives Motiv, welches er in voller Offen- 
heit aussprach, so bezeichnend für seine ganze Empfindungs- 
weise, dass es am besten mit seinen eignen Worten aus- 
gedrückt wird." — — Es hängt dies mit meiner iuD ersten 
Natur zusammen, und mag eine moralische Schwäche sein; 
es ist nun aber einmal so. Es fehlte mir die Theilnahme, 
die ausgesprochene Theilnahme derjenigen, für die ich schrieb. 
Eitelkeit ist es gewiss nicht, sondern nur eine sehr über- 
wiegende Subjectivität, oder wenn man will Sentimentalität, 
in dem Sinne des Worts, wie man sie zur Bezeichnung der 
modernen Welt, im Gegensatz zum klassischen Alterthum 
zu gebrauchen pflegt, dem ich mich auch — recht meinem 
Berufe zum Hohn — in meinem innersten Innern ganz und 
gar nicht verwandt fühle. Weiss ich doch recht gut, dass 
ich selbst bei literarischen Arbeiten niemals für das Publi- 
kum schreibe; dieses ist mir als solches ganz gleichgültig; 
ja ich fühle mich ihm gegenüber, weil es meinem Herzen 
ein fremdes ist, sogar in einer Art von Opposition. Der Ge- 
danke an meine Freunde, die etwas davon verstehen, ist es, 
der mir selbst zu jeder philologischen Druckschrift erst die 
rechte Freudigkeit giebt, der Gedanke an die, bei denen die 
Liebe über der Kritik, und nicht diese über jener steht.^* 
Erst am 23. Februar wurde der Faden der Berichte wieder 
aufgenommen imd die Vergangenheit summarisch nachge- 
holt. Doch sind grade diese zusammenfassenden Berichte 
und Schilderungen für unsren Zweck vom höchsten Werth. 

Bei hässlichem, nasskaltem Wetter fuhr am 25. Octo- 
ber 1836 unser Reisender in der Postkutsche zum Ohlauer 
Thore hinaus. In Ratibor, wo er einen seiner ehemaligen 
Examinanden im Conferenzzimmer des Gymnasiums auftrieb, 
riss er sich mit Mühe aus den Umarmungen des Lehrer- 
coUegiums, welches ihn durchaus einen Tag festhalten 



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168 Wien. 

wollte. In Brunn hätte er gar zu gern seinem Namens- 
vetter, dem Bürgermeister Ritschl einen Besuch gemacht, 
um vielleicht eine uralte Verwandtschaft zu entdecken, 
hegnügte sich aber damit, sich von einem Reisegefährtei^ 
über die mannigfachen ßitschls der Umgegend orientiren 
zu lassen und die Frage „also Ihr werther Name be- 
liebt auch Herr von Ritschl zu sein?^' mit Selbstgefühl zu 
bejahen. 

Am 29. in der Frühe fuhr er in Wien ein bei Nebel und 
Schneewetter. Hier musste er vom Sonnabend den 29. Octbr. 
bis Freitag den 4. November auf den Abgang der italiäni- 
schen Post warten. Das Wetter war höchst garstig und 
winterlich. Doch hatte er sich überaus freundlicher Auf- 
nahme bei der Mutter seines Schul- und üniversitätsfreun- 
des, Frau v. Gruber, Vorsteherin einer protestantischen Töch- 
terschule, sowie bei dem k. k. Rath Jarke zu erfreuen, sah 
die Rettig als Griseldis, lernte im Götz von Berlichingen 
(nach Göthe's neuer Bearbeitung) den Ruf des Burgtheaters 
schätzen (besonders imponirte ihm das Zusammenspiel), dinirte 
bei Anschützens, an die er durch Mosewius empfohlen war, 
begeisterte sich für die „wahrhaft bezaubernde" Frau Anschütz, 
und lernte die Leiden eines Regisseurs kennen, üebrigens 
arbeitete er (mit stoischer Verzichtleistung auf sämmtliche 
Gemäldegallerien) täglich von 9 bis 2 Uhr auf der Hof bibliothek. 
Am letzten Tage entdeckte er im Incunabelnzimmer die einzige 
alte Ausgabe des Plautus, die er bisher nicht gesehen,^) und 
fand seine Combinationen über den Ursprung der unterge- 
schobenen Scenen des Amphitruo bestätigt. Seiner Pflicht 
als Museumsdirector kam er noch durch eine zweistündige 
Besichtigung der antiken Sculpturen im Belvedere nach, deren 
Gesammtheit er (abgesehen von einigen vorzüglichen Stücken) 
weit unter seiner Erwartung, neben Berlin und Dresden gar 
nicht zu nennen fand. Am interessantesten waren ihm die 
alten Inschriften. Um die Anstrengungen einer ununter- 
brochenen Postfahrt von fünf Tagen und Nächten, wie sie 
der directe Weg nach Mailand erfordert hätte, zu vermeiden, 



1) Vgl. Parerga 403 Aum., opusc. II 47. 



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Triest. 169 

zog er die weitere Tour über Gratz, Laibach, Triest vor, 
auch dies freilich eine Fahrt von drei Tagen und Nächten. 
Die Reisegesellschaft bestand ausser dem Conducteur aus 
einem Südfranzosen und einem Engländer, der erst am dritten 
Tage das Bedürfhiss der Mittheilung empfand und merken 
Hess, dass er vom Deutschen, Italiänischen, Französischen je 
einiger Vocabeln mächtig war. Da gab es denn bei steiri- 
schem oder krainischem Wein babylonische ünterhaltungs- 
versuche zwischen den vier Genossen: was der an meilen- 
langen Geschichten reiche Conducteur deutsch erzählte, dol- 
metschte R. dem Franzosen italiänisch, und dieser brachte 
es, so gut er konnte, dem. Engländer durch Französisch bei. 
Trotz des schlechten Wetters (erst Schneefall, dann unend- 
liche Regengüsse) entzückte den an grossartigere Land- 
schaften noch wenig Gewöhnten die steierische Gebirgsgegend, • 
soviel er vom Wagen aus davon erspähen konnte. Schöner, 
meinte er, könne es auch in Italien nicht sein, nur anders. 
Endlich, am 7. November, von der Höhe des illyrischen 
Küstenlandes aus der freie Blick auf das blaue Meer und 
das amphitheatralisch an den Ufern aufsteigende Triest 
mit seinen Masten und Wimpeln! Hier fuhr er auf einer 
Barke im Hafen spazieren, bestieg einen amerikanischen 
Dreimaster, der mit Negern bevölkert war, freute sich an 
den banditenhaften Gestalten der griechischen Matrosen. Mit 
einem Triestiner, ehemals Breslauer Kaufmann, Ant. Mayer, 
einem Sehr aufgeräumten Lebemann, an den ihn Witte em- 
pfohlen hatte, durchkletterte er die labyrinthische Altstadt, 
und labte dann in der Gesellschaft seines unterhaltenden Be- 
gleiters bei Abrantes und Roccamadura seinen Gaumen, und 
seine Phantasie an Melonen aus Corfü und Feigen aus Con- 
stantinopel. Des kalten und stürmischen Wetters wegen, 
welches eine Fahrt über den Golf höchst unräthlich machte, 
entschloss er sich Venedig für die Rückreise aufzusparen 
und den Landweg über Udine, Treviso, Vicenza, Verona 
einzuschlagen. Der sehr gentile Conducteur gewann des für 
weiche Lebensformen so Empfänglichen ganzes Herz, und 
weihte als glühender Patriot den Lernbegierigen in Manzoni's 
poesie liriche ein, die er bei sich führte und mit echt italiä- 



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170 Maüand. 

nischem Pathos recitirte. Sein französischer Reisegefährte, 
Bonfort; ein übrigens sehr liebenswürdiger Cumpan, bei 
Odessa ansässig, da er vernahm, dass R. Professor sei, liess 
nicht ab ihn zu bearbeiten, dass er nach Russland gehen 
solle, wo er als professeur, nämlich Hauslehrer, in einer 
reichen Familie gewiss sein Glück machen werde. Nach 
dieser ersten Erfahrung, wie wenig man ausserhalb Deutsch- 
lands jenen würdigen Titel zu schätzen wisse, beschloss er 
für die Zukunft sich in Italien nur dottore zu nennen. Selbst 
die ungemüthlichen und übelberöchtigten Klippen der man- 
nigfachen Zollvisitationen wusst^ er auf der ganzen Reise 
mit unfehlbarem Humor und Geschick zu überwinden, indem 
er sich Hochachtung und Vertrauen der Zöllner als Vero 
galantuomo' durch wohlangebrachte Händedrücke und andre 
Complimente zu gewinnen verstand. Einmal suchte sich ein 
Visitator bei Besichtigung der Bücher die Miene zu geben, 
als verstünde er sich auf Gedrucktes und auf Deutsches; 
R. ermangelte nicht ihm über die Fertigkeit seines Buch- 
ötabierens Elogen zu machen. Eins der Schriftchen hatte 
den Titel: esame ideölogico u. s. w., da sagte der Zöllner mit 
Kennermiene: afe, qaeste sono cose ideologiche. 

So ging die Reise munter, aber unaufhaltsam vorwärts. 
In Verona am 10. November gab es einen erwünschten 
Aufenthalt von sieben Stunden, der wenigstens zur Besich- 
tigung der Stadt und zur Beobachtung des Volksdialektes 
genügte. Die kühngeschwungenen Curven des gewaltigen 
Amphitheaters machten dem Staunenden den Eindruck einer 
elastisch zusammenschlagenden Meeres woge. Auch ein Epheu- 
blatt vom Grabmal Romeo's und Giuletta's wurde mitgenommen. 

Am Morgen des 11. fuhr unser Freund „in die von ge- 
bratenen Kastanien duftenden Strassen Mailands'^ erwar- 
tungsvoll ein. Der Anblick des Doms überwältigte ihn so, 
dass ihm noch mehrere Tage später, wenn er lebhaft daran 
dachte, die Augen übergingen, und der blosse Versuch einer 
Beschreibung ihn zuerst aus aller Fassung brachte. „Es war 
Sonntag Morgen. Ich ging erst in den Dom, um das Hoch- 
amt mit anzusehen, sah aber gar nichts, so gedrängt voll 
war er. Statt daher unten zu bleiben, zog ich es vor, meinen 



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Dom. 171 

Gottesdienst oben zu feiern, und habe einen herrlichen Mor- 
gen genossen. .Von dieser Herrlichkeit der Architektur kann 
man keinem einen Begriff geben, der sie nicht selbst sah. 
Ein so unermessliches Riesengebäude , gegen 500 Fuss lang 
und 300 breit, und ganz und gar von weissem Marmor! Man 
weiss gar nicht, wo man eine solche Erscheinung in seinen 
Gedanken hinthun soll. Und wie wird einem erst, wenn man 
auf das Dach steigt, eine Terrasse, Gallerie, Fafade, Treppe 
nach der andern zurückgelegt, hunderte von Arabesken, 
Statuen, Spitzsäulen und gothischen Bogen um sich herum 
sieht, wie in einem schwindelnden Labyrinth und doch in 
der wundervollsten Harmonie, und das Alles, Alles von 
weissem Marmor, die ungeheuerste Massenhaftigkeit gepaart 
mit der künstlichsten, liebevollsten Ausführung des Einzelnen, 
die erquickendste Einfachheit und Räumlichkeit neben der 
zierlichsten Mannigfaltigkeit: — es gemahnt einen wie Kin- 
derträume und Feenmärchen. Man kann sich nicht satt 
sehen und nicht losreissen aus dieser zauberhaften Welt; 
man ist ganz betroffen und betreten; es bleibt einem kein 

Gedanke als Gebet, imd keine Sprache als Thränen. 

Und dabei war es so sonnig, und darum so wonnig: die 
Tage der Welt vergess ich^s nicht. — — Man wunderte 
sich hier, dass ich mich auf dem Dom ohne Führer zurecht 
gefunden; indess ich habe es doch, so gut wie vom zweiten 
Tag an in der ganzen Stadt; das hätte mir auch grade noch 
fehlen sollen, solche Bestie auf dem Dom um mich zu haben, 
ich glaube, ich hätte können so eine Lakaienseele bei ihrem 
faden Papageiengeschwätz kopfüber über das Geländer werfen.^' 
RitschFs Leben in Mailand war ein ziemlich einförmiges, 
da der grösste Theil seiner Zeit durch die Bibliotheksarbeiten 
ausgefüllt wurde, übrigens aber die Jahreszeit nicht zu be- 
sondren Unternehmungen verlockte. Es war ein ausgesucht 
schlechter Herbst: „fa freddOy oder im glücklichen Falle fa 
fresco ist die Aeusserung, mit der man fast täglich ange- 
redet wird und anredet, wie mit einer Parole. Die ganze 
vorige Woche habe ich, im strengsten Sinne des Wortes, die 
Sonne nicht zu Gesicht bekommen, dafür aber, als sich sehr 
breitmachenden Stellvertreter, unermüdlichen Regen und Nebel. 



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172 Poli. 

Mir war dabei ganz trübselig zu Muthe . . . Das Herz ging 
mir weit auf, als am Sonnabend (19. Novbr.) früh mich 
Sonnenstrahlen im Bette weckten.^) Durch die Empfehlung 
seines Breslauer maestro Poli fand er bei dessen Bruder, 
einem Mailänder Lyceumsprofessor, die freundlichste Auf- 
nahme. An dem Familientisch desselben hatte er die er- 
wünschteste Gelegenheit, täglich reines Italiänisch (eine Sel- 
tenheit in Mailand) von zwei sonoren Stimmen zu hören und 
seine bereits gewonnene Fertigkeit im Sprechen weiter aus- 
zubilden. Die Freude sollte aber nicht lange dauern, in Folge 
eines wunderlichen Missverständnisses. Erst dreimal hatte 
R. bei seinem Gastfreunde gegessen, als er einen Brief des- 
selben erhielt, seine Frau befinde sich grade jetzt in so üblem 
Gesundheitszustande, dass es ihr die grösste Anstrengung 
koste, für den „theuren Gast an ihrer Familientafel" die 
honneurs zu machen. Derselbe möge also zwar übrigens 
seine Besuche ja fortsetzen, aber unter irgend einem Vor- 
wande sich von den Mahlzeiten entbinden lassen. Auch die 
Besuche wurden immer seltener und kürzer, und doch kam 
es dem Besucher immer vor, als könne er sie den Empfän- 
gern nicht kurz genug machen. Er vermuthete nachgrade, 
bei der verbreiteten Sitte des Cicisbeats fürchte die gute Frau 
am Ende von fortgesetzten Besuchen für ihren Ruf: „wenn 
das alle die Frauen gethan hätten, die ich seit einer Reihe 
von Jahren in Deutschland besucht habe , wäre ich um Vieles 
ärmer gewesen."- Erst nachträglich und spät machte er die 
Entdeckung, dass jene Tischgesellschaft seinen ökonomischen 
Wirthen, welche ohne Grund ein Deficit in ihrer Casse be- 
fürchteten, im buchstäblichen Sinne zu „theuer" erschienen sei. 
Zu seiner Freude fand er selbst das Leben in Mailand nicht eben 
kostspielig: mit 15 Thlrn. die Woche, Alles in Allem, gelang 
es ihm Haus zu halten. Zum Ruhm des vielgeprüften Finanz- 
künstlers soll nicht verschwiegen werden, dass er, um das 
Budget in Ordnung zu halten, sich selbst ein drakonisches 
Gesetz gegeben hatte. „Es mag wunderlich klingen, ich finde 
es aber probat. Es ist das Gesetz, an keinem einzelnen Tage 
mehr als eine ausserordentliche Ausgabe zu machen. Z, B. 

1) 23. November. 



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PalimpBeat. 173 

an dem Tage, an dem ich die Wäscherin bezahle, kaufe ich 
mir keinen Tabak, wenn er auch alle sein sollte; wenn ich 
Tabak kaufe, gehe ich nicht in's Theater; und wenn ich in's 
Theater gehe, gebe ich keinen Brief auf die Post u. s. w. 
Man behilft sich schon in jedem einzelnen Falle, da meist 
auf einen Tag früher oder später wenig ankömmt, und im 
Ganzen kommt doch etwas heraus dabei. Soviel von meinem 
Sparsystem; manchem meiner Freunde wird es neu sein, über- 
haupt von einepa solchen zu hören, da das 'leider nie meine 
starke Seite gewesen ist. Da sieht man aber, was manch- 
mal in dem Menschen steckt, ohne dass man's.* ihm anmerkt. 
Wir kommen ja auch nun in die verständigen Jahre." 

Es traf sich gut, dass die Vacanzen an der Ambro- 
siana grade zu Ende waren, als R. eintraf, so dass er, durch 
Poli bei dem Bibliothekar, Dr. Catena, eingeführt, seine Ar- 
beiten ohne Verzug beginnen- konnte. Nur war das Wetter 
noch immer trübe. Die ersten Versuche der Entzifferung des 
Plautuspalimpsestes fielen daher nicht eben* ermuthigend 
aus. „Zwei Tage," schreibt er am 15. November, „habe ich 
nun den rescribirten Plautus vorgehabt; da die Blätter heft- 
weise geordnet sind, bekomme ich immer nur ein Heft auf 
einmal. Mit vieren habe ich mich beschäftigt; wenn aber 
nicht unter den übrigen etwa eins oder das andre von ganz 
andrer Beschaffenheit ist, so werde ich mit dem ganzen 
Codex sehr schnell fertig sein. Er ist in dem jammervollsten 
Zustande, durch gebrauchte Reagentien zum Theil gänzlich 
zerstört und in Fetzen auseinanderfallend, zum Theil nicht 
ohne neue Anwendung von Reagentien lesbar, die man mir 
schwerlich gestatten wird; so dass ich bis jetzt auch noch nicht 
einen einzigen der von Mai aus Casina, Miles, Pseudolus, 
Vidularia neuedirten Verse habe wieder entdecken und über- 
haupt im Ganzen mit unsäglicher Anstrengung nur drei 
Verse aus Miles in allen vier Heften lesen können. Da nun 
aber Angelo Mai mehrmals ausdrücklich sagt, dass manche 
Blätter ganz ohne zweite Schrift seien und sonach die 
alte ganz deutlich darbieten, gleichwohl aber ich in den 
mir verabfolgten Heften kein solches Blatt in denselben 
Stücken, von denen es Mai sagt, gefunden habe, so schmeichele 



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174 Palimpsest. 

ich mir noch mit der Ho&ung^ dass vielleicht alles Lesbare 
in Ein Heft zusammengethan worden." Am 17. November 
schreibt er an Stenzler: ^^Heute habe ich nun alle fasciculi 
des Palimpsestes in Händen gehabt; meine Yermuthung hat 
sich bestätigt^ dass das gut Lesbare in Einem Hefte steckt: 
aber es ist herzlich wenige genauer: zwei Seiten im Miles^ 
und eine Anzahl Zeilen im Pseudolus. Morgen will ich mein 
Glück noch einmal versuchen; leider ist der Saal bei der 
abscheulichen Witterung auch viel zu dunkel. (Ich habe auch 
drei Blätter Nicht-Plautus gefunden; sie müssen, vermuthe ich, 
aus Seneca's Tragödien^) sein; aber wenn ich diese nur eine 
Stunde zu Haus haben könnte!!) Das Palimpsestenlesen 
ist eine furchtbar angreifende Sache, und himmlische Geduld 
muss man haben. Im Poenulus wird schwerlich nur ein Zug 
vom Libysch-Phönizischen zu lesen sein.^) Mai's Anstrengun- 
gen müssen unermesslich gewesen sein; sein Verdienst steht 
sehr hoch, obwohl ich genauer gelesen habe als er." Zum 
ersten Mal seit seiner Abreise von Breslau fühlte er sich in 
einer „etwas matten Stimmung", zunächst in Folge der Ent- 
täuschung, welche ihm der Palimpsest bereiten zu wollen 
schien; dazu regnete es ganze Tage, oder ein dichter Nebel 
lag auf der Stadt, und im Bibliothekssaal sowie zu Hause 
war es barbarisch kalt. Er war nahe an dem Entschlüsse, 
Mailand bald zu verlassen, jetzt südlichen Gegenden zuzu- 
ziehen, und später doch wieder hinzukommen."^) Ein Fort- 
schritt war die bald erlangte Concession des allmälig auf- 
thauenden Bibliothekars, alle Hefte der Handschrift auf 
einmal in die Hände zu bekommen und ordnen zu dürfen. 
Dennoch gingen, zum Theil wegen der fortdauernden Trübe 
des Himmels, die Arbeiten noch eine Reihe von Tagen lang 
sehr schlecht vom Fleck. Das Arbeiten in dem kalten Biblio- 
thekssaal griff ihn anfangs so an, dass der Gedanke an baldige 
Abreise sich von Neuem aufdrängte. Dann aber half Ver- 
doppelung aller Kleidungsstücke nebst einem Paar tüchtiger 
Filzsocken, dazu der Mantel, der Hut auf dem Kopfe und 
Handschuhe so vollkommen, dass es der Zuflucht zum glim- 

1) Vgl. Parerga 305 f. 2) Gesenius hatte ihm die Punica be- 
sonders ans Herz gelegt. 3) An Stenzler 17. November. 



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Palimpsest. 1 75 

"menden hradere nicht bedurfte. Dennoch erfror er sich die 
Hände recht gründlich: da nahm er zu doppelten Seiden- 
handschuhen seine Zuflucht. «Die Aufzeichnungen machte er 
mit Bleistift. Da ausser Mittwoch, wo die Bibliothek regel- 
mässig geschlossen war, die meisten Feiertage abgeschaflft 
waren, konnte er doch am 23. November auf eiue Arbeits- 
zeit von 35 Stunden (in sieben Tagen von 10 — 3 Uhr) zurück- 
blicken. „So habe ich denn bis jetzt in 7 Tagen 35 volle 
Stunden arbeiten können, und will darüber hier berichten, 
wäre es auch nur, um mir späterhin die unglaublichen Müh- 
seligkeiten, die ich zu überwinden habe, wieder lebhaft ver- 
gegenwärtigen zu können. Nachdem ich, wie schon neulich 
erwähnt, die sämmtlichen fascicoli auf einmal in die Hände 
bekommen, habe ich sie ebenso behalten dürfen, schliesse 
sie um 3 Uhr selbst in den Kasten des mir angewiesenen 
Arbeitstisches ein, und nehme sie um 10 Uhr wieder selbst 
heraus. Der Bibliothekar Catena lässt sich täglich nur auf 
fünf Minuten blicken und bekümmert sich so wenig um mich, 
dass wir uns oft kaum begrüssen. Mit dem übrigen Biblio- 
thekspersonal habe ich mich auf den besten Fuss gesetzt; 
sie können mir nur leider alle nichts helfen, weil die Manu- 
scripte ganz allein dem Oberbibliothekar selbst zugänglich 
sind. Längere Zeit hatte ich die ungefähr dritthalbhundert 
Pergamentblätter in sehr grossem Quartformat hin und her 
angesehen und durchblättert, imd glaubte kaum irgend eine 
Ausbeute aus ihnen gewinnen zu können. Auf beiden Seiten 
ist die alte schöne Schrift ausgekratzt, und auf beiden Seiten 
wieder mit einer abscheulich dicken, schwarzen, fetten, welche 
nichtsnutzige Stücke aus der verwünschten Vulgata des A. T. 
enthält, überschrieben. Die gebrauchten chemischen Mittel 
haben aber zum grossen Theil solche Verwüstung angerichtet, 
dass oft nicht einmal die obere, geschweige denn die alte 
Schrift wieder zu erkennen ist, dass sehr viele Zeilen und 
ganze Blätter zerfressen sind, dass oft von einem Blatt nur 
noch die vier Ränder übrig sind, oft das ganze Blatt nur aus 
einem kleinen Insel- und Halbinselsystem kleiner, zerfallen- 
der, hie und da loser zusammenhängender Streifchen und 
Schnitzelchen besteht. Ich glaube nicht zu viel zu sagen. 



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176 Palimpsest. 

wenn ich glaube^ dass sich zwanzig andere in der ersten 
Stunde fQr immer hätten abschrecken lassen, mit solchen 
Trümmern auch nur einen Versuch anzustellen. Ohne Ho£P- 
nung auf Erfolg, habe ich mit einem gewissen eigensinnigen 
Trotze die widerspänstigen Reste mir dienstbar zu machen 
gesucht, mit unsäglicher Anstrengung und, was mehr ist, 
mit erstaunlichem Zeitaufwand ist es mir gelungen, ihrer — 
und zwar ohne chemische Mittel — bis zu einem gewissen 
Grade Herr zu werdeh. Die Gesundheit meiner, bei aller 
Xurzsichti^keit, in der Nähe sehr scharfen Augen ist mir 
dabei sehr zu Statten gekommen. Zwar kann ich auf 
dem Punkte, bis zu dem ich grade erst vorgerückt bin, die 
zu erwartende Ausbeute noch nicht ganz übersehen; indessen 
habe ich nach dem schon Enträthselten Ursache zu ho£Pen, 
dass sie belohnend sein werde. Das Einzige, was mich dabei 
bekümmert, ist, dass die Arbeit fast noch mehr Zeit frisst, 
als Mai's Reagentien Tinte und Papier gefressen haben; |so 
dass ich bis zum 21. Decbr., was doch der letzte Termin 
meines hiesigen Aufenthaltes wird sein müssen, kaum die 
Möglichkeit der Vollendung vor mir sehe. Das Verfahren, 
:welches ich anwende, besteht in einer vierfachen Operation. 
Das Erste war die Ordnung der Blätter, da die Hefte sich 
in beträchtlicher Verwirrung befanden. Das hat mich volle 
fünf Stunden Zeit gekostet. Nun wird es auch möglich sein, 
den ursprünglichen Umfang des Codex, sowie die Einrichtung 
der Blätterlagen annäherungsweise zu bestimmen: was z. B. 
auf die Anordnung der durch einander geworfenen Scenen 
der Mostellaria ein Licht werfen wird. Das zweite ohne 
Vergleich mühsamere Geschäft ist alsdann, auf jedem ein- 
zelnen Blatte irgendwo von der alten Schrift irgend einen 
Versanfang oder -schluss, oder nur ein paar unmittelbar oder 
in bestimmten, abzuzählenden Zwischenräumen auf einander 
folgende Anfangs- oder Endbuchstaben, oder wenigstens 
einige wenige Buchstaben oder Sylben aus der Mitte heraus 
zu lesen und aufzuzeichnen. Dann folgt die dritte Arbeit: 
nach diesen, oft den unzulänglichsten Anhalt gewährenden, 
geringen Spuren in dem gedruckten Texte die Stelle des 
Plautinischen Stückes ausfindig zu machen, welche auf dem 



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Palimpsest. 177 

betrefiFenden Blatte des Palimpsestes enthalten ist. Dieses 
ermüdende Geschäft, bei dem man unendliche Male getäuscht 
wird, immer wieder von Neuem das ganze Plautinische Stück 
durchlaufen, oft genug auch bei der Unsicherheit der Lesung 
von Neuem den Palimpsest nachsehen muss, kann ich zum 
Glück zu Haus abmachen- Aber freilich hat es mir auch für 
die vier Stücke, die ich auf diese Weise ziemlich vollendet 
habe, fast alle meine Zeit in Anspruch genommen; und das 
ist der Grund, weshalb ich so spät dieses Tagebuch fortsetze. 
Endlich das Letzte ist, die zu Haus aufgefundenen Stellen 
sodann nach dem gedruckten Texte mit dem Palimpsest selbst 
zu ve/gleichen, welches Geschäft ich erst begonnen habe und 
morgen mit Erfolg fortzusetzen hoffe. Wo nämlich gar keine 
menschliche Möglichkeit ist, ohne andern Anhalt die alte 
Schrift zu lesen, da kann man allerdings mit Hülfe des ge- 
druckten Textes die trümmerhaften Züge meistentheils bis 
zu einem gewissen Grade verfolgen, oft genug ist ja auch 
das ein Gewinn, zu wissen, was nicht im Codex gestanden 
hat, wo eine Lücke ist, oder nicht ist und dergl. Mit der 
gespanntesten Aufmerksamkeit muss man dabei die Spatien 
der einzelnen Buchstaben abzählen, und die eigenthümliche 
Gestalt derselben so bestimmt und sicher gegenwärtig haben, 
dass man aus der Lage eines Punktes, einer halben Linie, 
eines Strichelchens auf den ganzen Buchstaben schliesst, der 
da muss gestanden haben. Die Erfahrung hat mich gelehrt, 
dass diese Schlüsse für den, der Akribie unter seine an- 
geborenen Eigenschaften rechnen darf, sehr sicher sind. 
Uebrigens gewinne ich immer mehr die üeberzeugung, dass 
es mit unsrer Kritik des Plautus ganz anders aussehen würde, 
wenn uns dieser Palimpsest nur in einigermassen besserem 
Zustande erhalten wäre. Und nun genug hiervon." Schon 
nach wenig Tagen konnte er mit sehr erleichtertem Herzen 
hinzufügen: „Die Hofiiiung auf einen recht bedeutenden Ge- 
winn bestätigt sich immer mehr; und nun will ich auch 
ausharren dabei mit eisernem Fleisse! Die Vergleichung 
selbst geht nur wegen der Schwierigkeit des Lesens, was hier 
ein rechtes legere, coUigere ist, so erstaunlich langsam von 
Statten!" [„Ich kann in einer Stunde nicht mehr als eine Seite 

Kibbeck, F. W. Ritgchl. 12 



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178 Palimpgest. 

vergleichen!" 28. Nov.] „Aber an Sicherheit desselben ge- 
winne ich so schnell, dass ich recht sehe, was die üebung thut. 
Ich gerathe manchmal selbst in Erstaunen, wie es möglich 
gewesen ist, Manches herauszubringen, und noch mehr, wenn 
ich zurückdenke, mit welchen trübseligen, verzweifelten Blicken 
ich zuerst die alten zerfetzten Blätter ansah.'' Vollends an hellen 
Tagen ging es noch einmal so gut. „Ich las heute, wovon 
ich gestern keine Spur erkannt hatte" (2, December). Doch 
musste er sich gestehen, dass eine vollständige Hebung des 
Schatzes gleichsam auf einen Ruck durch den Charakter der 
Handschrift unmöglich gemacht war. „So ist es denn freilich 
fast unmöglich, die alte Handschrift zu erschöpfen. Indessen 
ist auch so die Ausbeute reich genug, und der schon ge- 
fundene Gewinn so bedeutend, dass ich Alles daran setzen 
muss, auf dem Rückwege noch einmal — und dann auch 
in anderer Jahreszeit! — nach Mailand zu kommen und so 
lange als möglich zu bleiben. Denn höchstens ein Drittel 
der ganzen Arbeit werde ich jetzt vollenden können, obgleich 
ich jeden Morgen der erste vor der Bibliothek bin und der 
letzte beim Schluss. Aber man muss das Wichtigste scharf 
in's Auge fassen; und etwas Wichtigeres kann ich wo anders 
gar nicht finden." Selbst an einen dritten Besuch Mailands, 
später von Breslau aus, dachte er schon damals. In zwei 
Frühlingsmonaten hoffte er dann die Nachlese zu bewerk- 
stelligen. Auf jede weitere Ausbeutung der Bibliothek musste 
er für diesmal natürlich verzichten. „Unter solchen Um- 
ständen werden diejenigen meiner Freunde oder Bekannten, 
denen ich gern gefällig wäre durch Auskunft über die sie in- 
teressirenden Schätze der Ambrosiana, mir nicht zürnen, 
wenn ich ihre Erwartung nicht befriedigen kann; habe ich 
doch für mich selbst noch nicht einmal einen der sieben 
übrigen Codices des Plautus, noch den Terenz aus dem neunten 
Jahrhundert, noch einen einzigen griechischen Grammatiker 
anzusehen Zeit gehabt." Der frühere, wegen angegriffener 
Gesundheit quiescirte Bibliothekar der Ambrosiana, Ben- 
tivöglio, an den R. empfohlen war, versprach*) ihm niit 



1) Am 17. Nov. Brief an Stenzler. 



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Manzom. 179 

chemischen Präparaten behülflich zu sein, sobald mildere 
Tage den Besuch der Bibliothek gestatten würden; doch 
war bei seiner angegriffenen Brust wenig Aussicht dazu. 
Schade, dass der derb angreifende feurige Mann, der sich für 
Philologie lebhaft interessirte, nicht mehr auf seinem Po- 
sten war! 

Eine sehr menschliche psychologische Beobachtung machte 
der virtuose Lateiner bei dieser Gelegenheit. „Bentivoglio 
wollte neulich mit mir Lateinisch sprechen; das ging mir 
aber sehr schwer ab, dass ich ganz verdriesslich darüber 
wurde; ich wollte immer sagen habeo trovatum, non posso 
tibi dire, mm ad te ventus und dergleichen: so hat mich 
die doch immer mit einigem Zwang und einiger Anstrengung 
verknüpfte Gewohnheit des Italiänischsprechens aus dem 
Context und in Confusion gebracht." In unbefangenster Rea- 
lität bot sich ihm dieses italianisirende Lateinisch dar in der 
Conversation init Signor Gatti, dem Unterbibliothekar der 
Ambrosiana, der bei grosser Vorliebe für dieses Idiom Ele- 
gantien wie folgende zu hören gab: non potest sibi ima- 
ginarey quantae belUtates in eiits tragoediis invenis. Eines 
Tages aber (am 6. December) führte er R. in Catena's 
Arbeitszimmer, um ihn Manzoni vorzustellen, dem liebens- 
würdigen Dichter, den die Italiäner mit so berechtigtem Stolz 
als den ersten der Gegenwart verehrten. Er fand einen 
„Mann mittlerer Grösse, mit etwas grauem gefurchtem Ge- 
sicht, aber leuchtenden Augen und dem Ausdruck grosser 
Milde, dem auch sein freundliches Wesen ganz entsprach^ 
Leider sprachen wir von nichts als von Plautus und Plau- 
tinischem Palimpsest, worauf Catena und Gatti gleich die 
Rede brachten; denn sie fangen an, theils meine Ausdauer, 
theils die Möglichkeit,- die ganzen Verse zu lesen, wo sie 
keinen Buchstaben erkennen, für eine Art von Mirakel zu 
halten und sich dafür wie eine Sehens- oder Zeigenswürdig- 
keit zu interessiren; in der That führen sie seit einigen Tagen 
zu meinem grössten Verdruss die Fremden, die da kommen, 
um *die Bibliothek zu sehen', zu mir und meinem Codex 
hin. üeberraschend genug war mir's aber, dass auch Manzoni 
sich dafür interessirte, und dass er im Plautus ganz gut be- 

12* 



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180 Palimpsest. 

wandert ist, selbst wusste, welches Stück das corrupteste 
sei, und auf die Verwandtschaft der Plautinischen Vulgär- 
sprache mit dem lateinischen Element des Italiänischen auf- 
merksam geworden war. Mehr um sich bei ihm, als bei 
mir zu insinuiren — das war ganz offenbar — erklärte nun 
Catena auf einmal, er halte es für seine Pflicht, zur Förderung 
einer so aufopferungsvollen Arbeit das Seinige beizutragen, 
und ermächtigte mich sonach, ein unschädHches chemisches 
Mittel, welches mir von Seiten der Bibliothek dargereicht 
werden solle, anzuwenden. Da hätte ich denn also endlich 
die so ersehnte Erlaubniss, nur leider allzuspät für den dies- 
maligen Aufenthalt. Ich werde ja nun überübermorgen 
sehen, was das hilft; denn Morgen ist Mittwoch und 
Donnerstag Fest- und Feiertag. Ich bin vielleicht im 
Stande mittlerweile eine Kleinigkeit über den Palimpsest 
drucken zu lassen und Catena zu dediciren, um dadurch viel- 
leicht zu erreichen, dass er mich, wenn ich wieder zurück- 
komme, auch an Ferientagen und -Stunden, etwa in einem 
Zimmer seiner eigenen Amtswohnung arbeiten lässt." Die 
versprochenen Catena'schen Reagentien versagten nun frei- 
lich ihre Wunderkraft, doch verminderte das den guten Muth 
des unermüdlichen Entzifferers keineswegs. Vielmehr waren 
ihm über die Grösse des Fundes die Augen nunmehr weit 
aufgethan. „Entweder war das Säftchen, welches mir ab-. 
Seiten der Bibliothek verabreicht wurde, gar zu unschuldig, 
oder die Beschaffenheit des schon ordentlich gemisshandelten 
• Pergamentes spottet jedes chemischen Mittels; kurz, ich sehe 
mit meinen blossen Augen eben so viel und ohne den Zeit- 
verlust des üeberstreichens. Ich habe richtig den dritten 
Theil der Arbeit vollendet; zwei Monate reichen für die rück- 
ständigen zwei Drittel hin. Fest entschlossen bin ich, in 
Florenz etwas darüber auszuarbeiten und in Rom drucken zu 
lassen. Die Ausbeute ist doch, wenn ich sie jetzt im Ganzen 
übersehe, über alle Erwartung bedeutend ausgefallen; es be- 
ginnt nothwendig mit der Benutzung dieses Codex eine neue 
Aera für die Plautinische Kritik. Aber ganz abgesehen von 
dem materiellen Gewinn, z. B. wenn meine Excerpte sämmt- 
lich verloren gingen, habe ich durch die Kenntniss dieser 



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Italiänische Gelehrte 181 

Handschrift eine für mein ganzes Leben, für alles philolo- 
gische Studium überhaupt fruchtbare, praktische Lehre be- 
kommen, und bin mit einem Schlage auf einen viel umfas- 
senderen Standpunkt der Betrachtung gewisser Dinge gestellt 
worden, worüber Näheres hier nicht am Orte ist." Was dies 
zu bedeuten habe, verräth zuerst eine Mittheilung an Stenzler 
vom 6. December: „Ich will Dir auch im Vertrauen sagen, 
dass Plautus sehr zierliche und elegante Verse gemacht hat, 
und gar nicht solche Ungeheuer, wie ich mir bisher einge- 
bildet habe." 

Nach und nach lernte R. auch einige Mailändische Ge- 
lehrte kennen, und erhielt dadurch Gelegenheit zur Verglei- 
chung zwischen deutschem und italiänischem Wesen und 
Wissen. Zunächst die Aufnahme fremder Collegen. „Ein Un- 
terschied zwischen Italien und Deutschland drängt sich mir 
recht auf. Wenn zu uns ein auswärtiger Gelehrter desselben 
Fachs, sei es auch nur von einer anderen Universität, kömmt, 
wie beeifert sich da Alles, ihn auf alles wissenschaftlich In- 
teressante aufmerksam zu machen, ihm den Zugang dazu zu 
erleichtern u. s. w. Hier fällt so etwas gar Keinem ein 
kein Hahn kräht nach einem. Doch werde ich vielleicht 
Labus ausnehmen können, der mir versprochen hat, mich 
nächstens zur Pinakothek und zur Sammlung der Gypse in 
der Brera zu fähren." Doch pflegte dieser zerstreute Ge- 
lehrte, was er am gestrigen Tage versprochen, schon am 
folgenden wieder vergessen zu haben. Statt in die Brera 
führte er den Gast in das Bildhaueratelier seines Sohnes 
wo sich wenigstens Gelegenheit fand, die mannigfachen Pro- 
ceduren kennen zu lernen, welche die künstlerische Behand- 
lung eines Marmorblocks erfordert. Den namhaften Epigra- 
phiker Giovanni Labus hatte R. schon in der ersten Zeit 
seines Mailänder Aufenthaltes aufgesucht. Er schildert ihn 
als einen sehr lebhaften, fast polternd -heftigen, offenbar in 
seiner Sphäre sehr unterrichteten und scharfsinnigen Mann 
von geistreichem Aussehen. „E^^ findet Gefallen an mir; 
heute (23. Nov.), wo ich ihn wieder besuchte und allein fand, 
sind wir einander viel näher gekommen und werden es wahr- 
scheinlich ziemlich rasch immer mehr; haben uns auch schon 



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182 Labus. 

gegenseitig mit unsern opusculis beschenkt. Anfangs irritirte 
mich seine Rapidität im Sprechen und seiji verwünschter 
brescianisch-milanesicher Dialekt (er ist Brescianer); davon 
war die Folge, dass er mir nicht viel zutrauen mochte und 
mir ■— wenn ich mich nicht täusche, wirklich um mich auf 
eine Art Probe zu stellen — auf einmal eine griechische In- 
schrift vorlegte, namentlich um ihm das seltsame Wort 
KiüpuKiwTTic^) zu enträthseln, womit er in der That nichts 
anzufangen wusste und die ünvoUständigkeit der Lexica be- 
klagte. Als ich ihm nun mit der wohlfeilen Auskunft zu Hülfe 
kam, dass dies das Gentile der Stadt KiiupuKOC sei, die irgendwo 
in Kleinasien liegen müsse, und, als er zwar überrascht 
war, aber an der haarklaren Sache noch immer zweifelte, 
ihm diese Zweifel durch Berufung auf Steph. Byz. benahm, 
der mich zum Glück nicht im Stiche liess, da nahm er sicht- 
barlich einen andern Ton au, und bat mich nicht nur um 
Wiederholung meiner Besuche, sondern auch — griechischer 
Inschriftenenträthselungen." Von der grossen Belesenheit 
und Routine des Mannes im Fache der Epigraphik über- 
zeugte sich R. immer mehr, bewunderte auch seine Geschick- 
lichkeit in Anfertigung bündiger und zierlicher Inschriften, 
„keiner brodlosen Kunst" in Italien. Bei ihm vor allen übrigen 
Mailändischen Gelehrten fand er auch auf andren litterari- 
schen Gebieten „Schärfe des ürtheils^ durchgreifende Kritik, 
umfassendere Leetüre". Er am Meisten trat aus den be- 
engenden Schranken der Höflichkeit heraus und gab den 
reinen Menschen. 

Sehr sympathisch war der erste Eindruck von der Per- 
sönlichkeit des Directors der Münzsammlung der Brera, 
Cattaneo, dessen Bekanntschaft R. zu Anfang Decembers 
machte. „Eine sehr liebe Persönlichkeit, freundlich und ein- 
fach herzlich, ruhig und besonnen, eine würdige Erscheinung 
und einnehmend zugleich. Der Mann ist 25 Jahre Maler gewesen, 
ehe er sich der rein theoretischen Beschäftigung mit Archäo- 
logie und Numismatik zugewendet hat. -— — Als Maler hat 
er in genauer persönlicher Verbindung mit vielen Deut- 



1) CIG. III 5827. 5830. 



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Cattaneo. 183 

sehen gestanden, ja hat auch 1812 eine Reise nach Deutsch- 
land gemacht, kennt deutsche Sprache, Wissenschaft, Inter- 
essen, Gewohnheiten und Bedürfnisse, und weiss daher mit ^ 
unser einem so zu verkehren, dass der Umgang mit ihm sehr 
bequem ist: wovon man sonst gar leicht das Gegentheil bei 
italiänischen, an sich trefflichen Gelehrten findet. — — — 
Er erklärte, schon die Pflicht der Dankbarkeit für die Ge- 
fälligkeiten, die er in Deutschland erfahren, erheische es, sich 
mir als Führer anzubieten; und so hoflfe ich denn endlich durch 
ihn nächsten Mittwoch die Sammlungen der Brera kennen zu 
lernen, die ich noch immer nicht gesehen habe." (4. Decbr.) 
Weniger günstig gestaltete sich bei längerem Verkehr das 
Urtheil über die wissenschaftliche Bedeutung des Mannes. 
„Aufifallend flach und ungründlich ist mir Cattaneo er- 
schienen. Ich will nicht davon sprechen, dass er, Director 
eines der ausgezeichnetsten Münzkabinete in Europa, sowie 
einer gänzlich von ihm ressortirenden archäologisch-antiqua- 
rischen Bibliothek von 20,000 Bänden (die beneidenswertheste 
Stellung' in der Welt!) so gut wie gar kein Griechisch ver- 
steht; das ist auch Labus' schwache Seite, der die griechi- - 
sehen Autoren nur in lateinischen und italiänischen Ueber- 
setzungen liest; sondern davon, dass seine Meinung über fast 
alle streitigen Materien die ist, dass man darüber nichts 
wissen könne. Das ist aber nicht die Skepsis dessen, der 
sich durch das Material durchgearbeitet hat, imd aller Ge- 
sichtspunkte Herr ist, sondern dessen, der aus Schwächlich- 
keit des Ürtheils von vornherein an der Möglichkeit eines 
probablen Resultates verzweifelt, und alle Möglichkeiten in 
völlig gleicher Geltung lässt. TONAeeNeeENAGAON auf den 
in Etrurien ausgegrabenen Vasen brauche ja gar nicht noth- 
wendig Griechisch zu sein, da dasselbe Alphabet andern 
Völkern gemein gewesen sei, die in unvordenklicher Zeit einem 
grossen Stamme angehört hätten, von dem die Etrusker ein 
Zweig seien etc. etc.; und was solcher kindischen Dinge mehr 
war. Dazu ist er verbittert durch Raoul-Rochette's und an- 
derer Franzosen rücksichtslose Polemik.. Wie kann man aber 
auch so fabelhafte Sachen ausgehen lassen! Da hat er z. B. 
in Buda ein kleines Götzenbild gefunden, eine weibliche Figur 



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184 Localpatriotismus. 

mit bloss halben Armen und der Inschrift EQVETAS, die 
jeder auf den ersten Blick richtig lesen wird. Er aber schreibt 
ein fingerdickes Buch de dea Equegate und will mit dieser 
nagelneuen Entdeckung die Kunde der antiken Gülte be- 
reichern. So gehtfs aber in der Welt her; Cattaneo's Name 
steht immer mit in erster Reihe unter denen der italiänischen 
Gelehrten und wird vielleicht bald unter den Mitgliedern der 
Pariser Akademie glänzen; man will doch für jedes Land 
einige Repräsentanten haben^ und rangirt diese alle auf einer 
Linie trotz des unermesslich verschiedenen Massstabes der 
verschiedenen Länder. Solche wie C. hätten wir in Deutsch- 
land manches Dutzend aufzuweisen. Er mag weit mehr zu 
Hause sein in der Malerei, wie er denn mit einem grossen Werke 
über die Lombardische Malerschule umgeht, in dem er dar- 
zuthun gedenkt, dass diese den andern grossen italiänischen 
Schulen in keiner Art nachstehe. Bei meinem schon früher 
ausgesprochenen Lobe seiner Persönlichkeit verbleibe ich; 
mit der liebenswürdigsten Bescheidenheit spricht er über sich 
und erkennt seine Schwächen. Labus behauptet aber, so 
. zeige er sich allen Fremden, seine Landsleute kämen alle 
nicht mit ihm aus, da er sich gegen sie sehr aufs hohe Pferd 
setzt. — Wunderlich, dass sich die italiänischen Gelehrten 
die Unbefangenheit eines freien Blickes durch ihren eng- 
herzigen Patriotismus, durch die Eifersucht, schon der alten 
Römer, gegen Griechenland so verdunkeln lassen. Von Cat- 
taneo ist es eine Lieblingsidee, dass die unteritalischen Co- 
lonien (also doch immer griechische!) viel früher eine höhere 
Stufe der bildenden Kunst erreicht hätten, als das Mutter- 
land; und Poli will in seiner Geschichte der Philosophie 
(d. i. eine üebersetzung des Tennemann mit Noten und Zu- 
sätzen) bewiesen haben „mit 13 Gründen", wie er sagt^ 
dass die Ionischen Philosophen nicht die erstien gewesen seien, 
sondern in Italien die Philosophie älter sei." (13. Decbr.) 
Diese Beobachtungen wurden noch weiter bestätigt, wenn 
er die Richtung und Ausdehnung der antiquarischen Studien 
ins Auge fasste. „Von einer einigermassen in's Grosse gehenden 
Uebersicht über die Wissenschaft ist, so scheint mir, keine Rede; 
Particularitäten sind es, in denen sie sich mit Aufwand 



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Beschauliches. 185 

aller zu Gebote stehenden Combinationen bewegen. Und was 
für Particularitäten? Meist aus der römischen Kaiserzeit, die 
uns im Grossen klar ist, und im Kleinen nicht halb so sehr 
interessirt, als hundert andere Dinge. Aber so ein Italiäner 
kann sich aufs lebhafteste dafür begeistern, in einem prächtig 
gedruckten Folianten grundgelehrt und unumstösslich aus 
einigen ausgegrabenen Inschriften darzuthun, aus welchen 
Mitgliedern im dritten oder vierten Jahrhundert diese oder 
jene angesehene Brescianische Familie bestanden, und was 
dergleichen mehr ist." In spätren Jahren würde er über die 
Zweckmässigkeit von Specialstudien über die römische Kaiser- 
zeit wohl nicht ganz so wegwerfend geurtheilt haben. 

Während er nun so, wesentlich auf sich selbst ange- 
wiesen, aber auch die volle Freiheit der Selbstbestimmung 
und die ungetrübte Harmonie eines beschaulich-verborgenen 
Gelehrtenlebens geniessend, als sein eigner Führer und Herr 
Tage und Wochen zwischen angestrengter Arbeit, stiller 
Meditation und unbefangener Beobachtung hinbrachte, gerieth 
er in eine Eremiten-Stimmung, welcher er im Folgenden Aus- 
druck gab. „Jetzt will ich nun noch eine ernsthafte Be- 
trachtung anstellen, weil ich grade in die Stimmung hinein- 
gekommen bin. Ich habe so oft geschwankt, ob ich, 
wenn ich die Wahl hätte, ein der Wissenschaft und littera- 
rischer Thätigkeit gewidmetes Privatleben oder einen prak- 
tischen Wirkungskreis vorziehen würde ; habe, wie sich meine 
Freunde wohl erinnern, hundertmal, obgleich ich die Wahl 
in der Wirklichkeit nie hatte, die Gründe pro und contra 
abgewogen, ohne je zu einer Entscheidung kommen zu können. 
Das Letztere kann ich zwar auch jetzt noch nicht behaup- 
ten; aber nie sind mir doch die Süssigkeiten des unabhängigen 
und bis auf einen gewissen Grad isolirten Privatlebens 
so lebhaft und leibhaftig vor die Seele getreten, als jetzt 

auf dieser Reise. Ich will von allem Andern, was Jedem 

von selbst einfällt, nicht reden; aber in der That ein grosses 
und begehrenswerthes Gut ist doch die ungetrübte Seelen- 
ruhe und Gemüthsheiterkeit, die innere Befriedigung, die in 
jeder praktischen Sphäre, in jedem amtlichen und geschäft- 
lichen Verhältniss durch hundert unvermeidliche Berührungen 



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186 • Diftlekt. 

unholder Art immer von Neuem gestört wird. So lange ich 
auch schon danach strebe, nach Göthe's etwas egoistischer 
Art mir alles Widerwärtige möglichst fern zu halten und mich 
möglichst wenig davon berühren zu lassen, so will es mir 
doch nicht immer gelingen; manche verstimmte Stunde kann 
Zeugniss dafür ablegen. Während meiner ganzen Beise kenne 
ich nun keine als heitere und in sich zufriedene Stimmung, 
die durch keine Ministerial- oder Curatoriallaune, durch keine 
CoUegenmarotte oder -Chicane, durch keine Studejatenwider- 
haarigkeit aus ihrem stillen Frieden, aus ihrer haii^onischen 
Behaglichkeit herausdecretirt, soUicitirt oder disputirt wird. 
Das ist doch unläugbar ein glücklicher Zustand! Und obwohl 
ich Alles das recht gut weiss, was auf und von der andern 
Seite anwifühten ist, so will ich doch wieder in die Lotterie 
setzen, um, wenn ich das grosse Loos gewinnen sollte — 
doch vielleicht Professor an der Königlichen Universität zu 
Breslau zu bleiben." (2. Decbr.) 

In der vierten Woche seines Aufenthaltes fing aber dem 
Beschaulichen doch allmälig die Zeit an „länglich zu werden." 
Der grösste Nachtheil der Einsamkeit war der Mangel an 
Gelegenheit die fremde Sprache zu üben. „Ich bin daher so 
desperat gewesen," meldet er am 4. December, „dass ich 
beinahe Lust habe, auf den Vorschlag meines Barbiers und 
Haarschneiders einzugehen, und mich von ihm in eine Art 
von Casino, eine geschlossene Abend-Gesellschaft von Gott 
weiss welcher Extraction einführen zu lassen. Wer weiss, 
was ich thue." Dem freien mündlichen Verkehr mit dem 
Mailänder Volk oder dem häufigeren Besuch des Theaters 
stand schon die Eigenthümlichkeit des Dialektes entgegen, 
der noch schwieriger zu enträthseln schien als der Palim- 
psest. Von den Spässen des Menechino im teatro Carcano 
verstand R. das erste Mal kein Wort. Er gerieth in gelinde 
Verzweiflung, wenn er in einen Laden getreten war, um etwas 
zu kaufen, sein Begehren im besten Italiänisch vorgebracht 
hatte, und man ihm höflich erwiderte, wovon er keine Sylbe 
verstand: che me la disa ün pd en piasä en meneghino 
^==s fne lo dica un poco in piacer in menechino). Desto 
grösser war die Freude, als er im Teatro Re (27. November) 



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Musik. ^g7 

das reinste Italiänisch vernahm und trotz der VolubilitSt, 
mit welcher der Dialog der Lustspiele gesprochen wu^rde, 
Alles bis auf zwei oder drei Spässe vollkommen verstand* 
Ein besonderes Interesse musste für ihn die italienische 
Musik haben. Er sammelte Volkslieder. Die grossen Schat- 
tenseiten italiänischer Musikbehandlung traten ihm besonders 
beim Orgelspiel in den Kirchen und später bei einer Flo- 
rentiner-Aufführung des Don Giovanni entgegen. „Italiens 
musikalischer Ruf will cum grano salis verstanden sein. 
Ich wüsste nur zwei Dinge, durch die es uns den Rang ab- 
liefe. Erstens die unendlich glückliche Naturanlage; klang- 
reiches Organ, feinster Sinn nicht nur für Anmuth der 
Melodie, sondern auch für die Intervallen- und Harmonie- 
verhältnisse, und rhythmisches Gehör: das ist in der That 
allgemeines Erbtheil der ganzen Nation. Es ist zum Er- 
staunen, mit welcher Präcision acht- bis zehnjährige Kinder, 
Facchini's, Schnitterinnen auf dem Felde zwei-, drei-, auch 
vierstimmige Lieder ausführen, so zwar, dass oft nur einer 
eine Melodie vorsingt und sogleich das zweite Mal die andern 
die bestgesetzte Begleitung extemporiren. Das Zweite wäre 
nach meiner Meinung die sixtinische Kapelle. Denn die 
Vorzüge des italiänischen Kunstgesanges lassen sich »ohne 
Weiteres aus dem ersten Punkte ableiten." (19. Mai.) 

Nachdem er Mailand während eines fünfwöchentlichen 
Aufenthaltes gründlicher als Breslau kennen gelernt hatte, 
freute er sich nachgrade auf die Erlösung, welche der Schluss 
der Bibliothek vor Weihnachten herbeiführte. Am 22. De- 
cember früh 4 Uhr reiste er mit der Diligence von Mailand 
ab und traf am 23. gegen Mittag in Genua ein. Als der 
Apennin überwunden war, eine linde Frühlingsluft von der 
See her wehte, die üppige Herrlichkeit südlicher Vegetation 
sich den schwelgenden Augen bot, vollblühende Rosenbüsche 
(in der Weihnachtszeit!) im Schutz der Bergwände prangten, 
die Pracht der Villen kein Ende nehmen wollte: schien unsrem 
Reisenden eine neue Welt aufgegangen zu sein. Auf die 
Fahrt an der riviera musste er des schlechten Wetters wegen 
leider verzichten. Nach mehrtägigem Aufenthalt ging er am 
27. an Bord des Dampfschiflfes, welches ihn nach Livomo 



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188 Florenz. 

führen sollte. Von da fuhr er mit demVetturin nach Flo- 
renz. Die ersten Pinien unterwegs veranschaulichten ihm 
den ganzen Unterschied zwischen Deutschland und Italien^ 
und die Barbarei seiner Schülerzeit, als er pinas bei Horaz 
und Virgil mit ,,Fichten" übersetzt hatte. Das neue Jahr 
erlebte er in Florenz, aber das Frühlings wetter, auf das man 
ihn vertröstet hatte, fand er auch hier nicht. Die Berge 
waren vom Gipfel bis zum Fuss mit Schnee bedeckt. Täg- 
lich mehr sehnte er sich nach einem vertraulichen Gespräch 
mit verstehenden und seine Interessen theilenden Menschen. 
Da führte ein glücklicher Zufall in demselben Hotel, in dem 
er logirte, den Philologen Dr. Dresse 1, gleichfalls einen 
Prussiano, mit ihm zusammen. Derselbe hatte bereits lange 
in Rom gelebt als Hauslehrer von Bunsen, dem damaligen 
preussischen Gesandten, und war eben wieder als Courier des 
Ancillonschen Ministeriums auf dem Rückwege dahin be- 
griffen. In der Lauren tiana bahnten unsrem Ritschi die 
gewichtigen Empfehlungen von Jacobs und Dindorf die Wege 
bei dem wohlwollenden Bibliothekar Furia. Er fand, dass 
er sich zwar in seinen Combinationen über die Plautus- 
handschriften derselben der Hauptsache nach nicht getäuscht 
habe,*^) aber doch wohl hier nicht so viel zu thun haben 
werde als er sich vorgestellt hatte. Er fing schon an 
allemal herzlich froh zu sein, wenn er entdeckte, dass ein 
Codex nichts werth sei. Dazu kam die grimmige Kälte 
des Saales, die nicht einmal wie auf der Magliabecchiana 
durch einen Kohlentopf zu mildern gestattet war. 

Zum Beschluss war ihm aber doch noch eine Entdeckung 
vorbehalten, die er selbst erzählen mag. „Und doch habe 
ich noch etwas vergessen, was ich doch denen zu Gefallen, 
die sich für meine Studien interessiren, hier nachtragen muss : 
nämlich den Grund, warum ich mit der Laurentiana in 
Florenz für meine litterarischen Zwecke jetzt viel schneller 
fertig werde, als ich selbst noch in den ersten Tagen hier 
ahnen konnte. Unter einer Menge Plautushandschriften 
der schlechten Familie (an denen mir nichts liegen würde. 



1) Vgl. opusc. II 7 f. Anm. 6; 9. Anm. 7. 



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Codex Etruscus. 189 

selbst wenn ich sie geschenkt bekäme) fand ich allerdings 
auch eine der guten, von der bisher nur zwei bekannt waren, 
eine in Rom, die andre in Heidelberg. Nun gehe ich gestern 
zufällig bei einem Buchhändler und Antiquar vorbei, lese 
den Namen Molini auf dem Schilde, erinnere mich einer 
Witte'schen Adresse an ihn, gehe hinein, finde einen hübschen, 
artigen und freundlichen Mann, der mir allerhand Raritäten, 
darunter manches Handschriftliche zeigt, und auch — ein 
Manuscript des Plautus aus dem XV. Jahrh. Wenige Blicke 
belehren mich; es ist in der That ein wunderbarer Zufall, dass 
es nichts mehr und nichts weniger ist, als eine neuere Ab- 
schrift desselben guten Codex, den ich als den allein werth- 
voUen in der Laurentiana gefunden hatte. ^) Ich liess mir das 
natürlich nicht im Mindesten merken, fragte nur so verloren 
hin nach dem Preise: 240 paoli. Ein Spottgeld. Heute habe 
ich ihn nun, stets mit Bewahrung scheinbarer Gleichgültig- 
keit, für 188 paoJi erhandelt, d. i. 5 Napoleoni, diese be- 
zahlt, die Handschrift selbst aber bis zu meiner Rückkehr 
gegen Schein in Verwahrung gelassen. Für den Preis kann 
ich ihn in Deutschland an jede grössere Buchhandlung wieder 
losschlagen. Und ausserdem wird mir der Besitz dieser 
Handschrift die Vergleichung des Originals ganz oder fast 
ganz ersparen, also auch einige Wochen Aufenthalt in Flo- 
renz. Das war wieder Glück!" (10. Januar.) 

Die herrliche Stadt, zumal die unvergleichliche piazza 
del gran duca mit ihrem Statuenschmuck, der Frühlingszauber 
des Boboli-Gartens, die liebenswürdigen Manieren der Be- 
völkerung (wenn er verdammt wäre eine Italiänerin zu hei- 
rathen, würde er eine Florentinerin wählen); ihr zierliches 
Italiänisch, von dem er jedes Wort verstand, — Alles be- 
geisterte den empfanglichen Sinn unsres Freundes. „Wäre 
man doch Argus, um mit hundert Augen hier zu sehen, und 
könnte ganze Frühlingsmonate in dem süssen Firenze lebend 
verträumen und träumend verleben. Die elf Tage, die ich 
jetzt hier sein werde, reichen gerade nur hin, um mit 
den äussersten Lippen von dem Toskanischen Honig zu kosten 



1) Vgl. proleg. ad Trinummum p. XXXIN f. XLV f. 



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wo Rom. 

und einen leichten Vorsehmack zu bekommen von der Fülle 
goldner Früchte, die dieser Hesperidengarten trägt. Was 
man nur sieht, hört, liest, drängt einen zu dem Ausrufe: 
Beglücktes Land! — — Und dazu die Preiswürdigkeit der 
Menschen; diese liebenswürdige Mischung von Ungezwun- 
genheit und Feinheit, Masshaltung und Lebenslust! Diese 
wahrhafte Humanität, Humor und Gutmüthigkeit und unbe- 
schreibliche Gefälligkeit gegen den Fremden!" (5. Januar.) 
Schon am 10. Jan. 1837 Abends reiste er mit dem theuren 
Corriere von Florenz ab. In der Morgendämmerung des 
12. zeigte sich die Peterskuppel in der Feme und um 8 Uhr 
hielt der Glückliche über ponte molle, an der villa Borghese 
vorbei durch die porta del popolo seinen Einzug in die ewige 
Stadt. Auch ihm ging es anfangs in Rom wie fast jedem 
Ankömmling, dass der erste Eindruck hinter den überschwäng- 
lichen Erwartungen zurückblieb, nach und nach aber eine 
desto intensivere, stetig wachsende, „bis zum Magischen und 
Zauberhaften steigende Anziehungskraft'^ sich fühlbar machte. 
Die dem Hyperboreer ungewohnte Klarheit und Durchsichtig- 
keit der Luft rückt die Ferne in greifbar scheinende Nähe, 
lässt ungeheure Dimensionen wie der Peterskirche zusammen- 
schwinden und bereitet dem ungeübten Auge Täuschungen, 
welche erst vor dem messenden Verstände schwinden. „In 
ähnlicher Weise, wie mit dem neuen Rom, dessen Umfang 
und Grossartigkeit man erst an trüben Tagen mit seinen 
durch die nordische Trübe verwöhnten Augen würdigen lernt, 
ist mir's Anfangs mit den antiken Ruinen und mit der 
Natur um Rom gegangen. Man bringt übertriebene Vor- 
stellungen aus Deutschland mit und vergisst, dass man, wenn 
man in Rom einzieht, noch nicht in Pompeji ist. Man bildet 
sich halb und halb ein, in eine Art Ruinenstadt zu kommen, 
und findet sich getäuscht, wenn man zuerst nur ganz einzeln 
hie und da einige Reste des Alterthums findet, nach denen 
man erst suchen muss, und die dann auch nicht alles Neue 
rings herum überragen, sondern oft ganz dagegen ver- 
schwinden oder davon verdeckt werden. Das macht einen 
kleinlaut und bringt einen am Anfange auch um die An- 
erkennung des Grossen und Bedeutenden, was wirklich vor- 



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Natur. 191 

handen ist. Hat man die vorher erwähnte, optische Täuschung 
überwunden, die rechten Lokalitäten aufzufinden gelernt, und 
überhaupt Unbefangenheit und das rechte Gleichgewicht des 
Urtheils wiedergewonnen, so bietet sich des Erstaunens- 
würdigen noch genug und übergenug dar/^ »Von der Natur, 
dem Charakter der Gegend, war ich Anfangs ebenfalls wenig 
erbaut; aber auch dies findet sich bald, und ich habe schnell 
unbeschreiblich lieb gewonnen, was mir zuerst theils des 
Wetters, theils 'des Abstandes von dem bisher Gewohnten 
wegen nicht zusagte und selbst ein gewisses Unbehagen 
verursachte. Freilich muss man in Rom nicht die Natur 
von Florenz und Genua suchen, so wenig wie die Menschen 
von dort: zwischen Toscana und Rom ist in jeder Beziehung 
eine ewige Kluft. Hier entfaltet sich nicht eine üppige Vege- 
tation in dichtgedrängter Fülle und imendlicher Schattirung, 
die Natur sucht oder giebt keine Prachteffecte; es ist aber 
darum nichts Aermeres, nur etwas ganz Andres. Aher was 
für bedeutsame, inhaltsvolle Umrisse! Die feinen Wel- 
lenlinien einer Gebirgskante in violetter Abendbeleuchtung, 
dicht unter einem tief, tiefblauen Himmel, in ätherischer 
Reinheit und wie durchsichtiger Nähe zu sehen, das ist wie 
etwas Ueberirdisches, als wäre einem ein Blick in selige 
Lichtregionen vergönnt, in denen die Engel wohnten. Die 
Natur giebt sich hier in ihrer nacktesten Grösse, und macht 
alles mit wenigen grossartigen Grundstrichen und — Licht." 
Den Unterschied zwischen italiänischer und deutscher Land- 
schaft sucht er in folgenden Zügen klar zu machen. „Ver- 
gebens würde man hier das strotzende vollsaftige Grün, die 
starken Schlagschatten dunkeln Laubes als vorherrschende 
Färbung suchen, man könnte durch deutsche Eiche und 
italiänischen Oelbaum die Verschiedenheit kurz charakteri- 
siren; wer sich von dem individuell gewohnten nicht einiger- 
massen losmachen kann, mag leicht die italiäniaehe Gegend 
matt und trocken finden; es Ist aber vielmehr, um so zu sagen, 
eine wahrhaft künstlerische Masshaltung der Natur, die sich 
hier offenbart; es ist die unendlich harmonische Mischung 
eines zarten, milden Farbentones, der wie ein ätherischer 
Dufthauch^auf der italiänischen Landschaft schwebt. Und zu 



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192 Lebensweise. 

diesem EflFect ist ausser dem lichtblauen Himmel grade die 
Olive ganz wesentlich. Deutsche Landschaft ist, wenn man 
will, kräftiger, materieller, möchte ich sagen, wie eine Ma- 
lerei, die durch starke, etwas stoflfartige EflFecte wirkt; die 
Malerei der italiänischen Natur ist enthaltsamer, gewählter, 
sinnvoller in der Zeichnung, ausdrucksvoll in der Schärfe 
und Klarheit der Umrisse." 

Die Wohnung hatte er so gewählt, dass er zum Vatican 
wie zum Capitol ungefähr gleich weit hatte und zugleich 
dem Corso nicht fern war, zunächst dem monte Pincio, wo 
die deutsche Künstlerwelt ihren Sitz aufgeschlagen hatte, 
mit der er indessen wenig verkehrte. Er blieb seiner hei- 
mischen Gewohnheit getreu und ass, wenn er von der Biblio- 
thek kam, zwischen 1 und 3 Uhr im Fiano, der wohlbe- 
kannten trattoria delle belle arti auf dem Corso, und zwar 
mit bisher unerhörtem Appetit. Der römische Wein mundete 
ihm vortrefflich, den dolce zog er vor. Seine Lieblings- 
gerichte waren Maccaroni und Broccoli, ja er beschloss guten 
Broccolisamen nach Deutschland zu importiren und dort seine 
Cultur zu versuchen. 

Wie ganz anders war ihm zu Muthe, als er hier, „mitten 
unter den Trümmern einer grossen Vergangenheit, mitten im 
Schoosse einer fremden Nationalität in heimisch -deutschem 
Kreise" leben durfte. Schon wenige Tage nach seiner An- 
kunft (am 17. Januar) konnte er berichten, dass er, in- 
mitten einer deutschen Colonie lebend, sehr befriedigende 
Anknüpfungen gemacht habe, und auf täglichen Excursionen 
vom Lateran bis zum Vatican, von den Caracallathermen 
bis zum monte Pincio, von der Tiberinsel bis zu den Thermen 
des Diocletian sich umgesehen habe. Zwar gestaltete sich 
sein Umgang ganz anders als er und die Andren daheim erwartet 
hatten. Mit Bunsen und den übrigen Bewohnern des palazzo 
Caffarelli, z. B. dem Gesandtschaftspr^diger Abeken, bildete 
sich kein näheres Verhältniss. Auch mit Kestner, „Werthers 
Leidens- Sohn", und Platner, dem Jugendfreund G. Hermanns, 
kam er wenig zusammen. Selbst Gerhard sah er nur selten. 
Die in Florenz mit Dressel angeknüpfte Bekanntschaft lockerte 
sich wieder. Von Theodor Heyse, den er gern mehr culti- 



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Persönlicher Verkehr. 193 

virt hätte, hielt ihn Zeitmangel fern. Sehr zurückgezogen, 
gedrückt und gebrochen lebte der frühere Dolmetscher der 
griechischen Regierung, Joh. Franz, dessen Virtuosität in 
praktischer üebung der altgriechischen Sprache, schriftlich 
und mündlich, R/s Interesse erregte. Anfangs schloss er 
sich, als an einen näheren Landsmann, einem Professor 
Schulze von der Ritterakademie in Liegnitz an, der für ein 
Corpus diplomaticum Polonicum des Grafen Raczinsky reiste 
und sich des Beinamens pretone erfreute, weil er beleibt 
war und häufig auf dem Capitol an Abekens Stelle predigte. 
Den persönlich innigsten und ergiebigsten Umgang fand er 
in der casa Tarpea des archäologischen Instituts: gemüth- 
liehe Ansprache bei dem Arzt des protestantischen Hospitals, 
dem Berliner Dr. Schulze und seiner Frau, einer Schwester 
von Steinhart in Pforta; den anregendsten geistigen Aus- 
tausch dagegen bei zwei thüringischen Landsleuten, Emil 
Braun und Richard Lepsius, den beiden Secretären des archäo- 
logischen Instituts. Letzterer weihte ihn in die noch neuen 
Mysterien der ägyptischen Hieroglyphik ein. Ersteren hatte 
R. bereits in Deutschland flüchtig kennen gelernt, von den 
Aussichten des interessanten jungen Mannes auf eine An- 
stellung am archäologischen Institut vernommen und für den 
Fall ihrer Erfüllung vorläufige Abrede über die Besorgung 
von HandschriftcoUationen mit ihm getroffen, endlich, wie 
oben berichtet, definitive Bestellungen bei ihm gemacht. In 
Rom zogen sich nun die beiden dämonischen Naturen durch 
wunderbare Wahlverwandtschaft in dem Grade an, dass 
Jeder im Andern sich selbst in höherer Potenz gefunden zu 
haben meinte. Gemeinsam war Beiden ein gewaltiger Drang 
nach weiteingreifenden wissenschaftlichen Unternehmungen, 
ausserordentliches Geschick und opferfreudige Energie in 
praktischer Durchführung derselben, eine diplomatische Ader, 
eine Mischung kühl berechnenden Verstandes mit beflügelter 
Phantasie und thüringischer Beweglichkeit des Gemüthes. 
Braun wurde für R. der Mystagog in die Geheimnisse des 
italiänischen Volkscharakters vmd der Interpret der römischen 
Kunstwelt. Wie sehr dieser den neuen Freund schätzte, viel- 
leicht auch überschätzte, zeigt folgende begeisterte Schilderung. 

Kibbeck, F. W. Kitschi. . 13 



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194 Emil Braun. 

„Classischer Archäolog dagegen, dabei aber auch classischer 
Philolog so viel als nöthig und zugleich homöopathischer Arzt, 
ist Dr. Braun, einer der bedeutendsten und merkwürdigsten 
Menschen, die mir vorgekommen sind. Eine unter dem Schein 
eines leichten, fast leichtsinnigen, formlosen Aeussern ganz 
tiefsinnige, poetische Natur von einem zuweilen fast mystischen 
Anschauungsvermögen, der Schelling und Rumohr lange Zeit 
sehr nahe gestanden hat, dennoch von grosser Klarheit und 
nüchternster Forschung, von vielseitigstem und dennoch gründ- 
lichem Interesse; zu dem allen aber von einer praktischen 
Thätigkeit und Gewandtheit, einer Kenntniss italiänischer, 
besonders römischer Verhältnisse, einer taktvollen Geschick- 
lichkeit, italiänische Persönlichkeiten zu behandeln, die ihn 
ganz bewunderungswürdig machen. Er ist die Seele des 
archäologischen Instituts, zu dessen Forterhaltung ein eben 
so seltener Verein von Eigenschaften gehört, wie zu dem 
wahrhaft grossartigen Werke seiner Gründung, welche ein 
unverwelkliches Verdienst Gerhards bleiben wird. Nehmt 
nun bei Dr. Braun noch einen Grad uneigennütziger, selbst- 
entäussernder, aufopferungsvoller Gesinnung hinzu, dass ich 
und Hunderte uns bei der Vergleichung mit ihm schämen 
müssten, so mögt Ihr ermessen, für welches Glück ich es 
achte, nicht nur in Beziehung, sondern in nahe Freundschaft 
mit ihm getreten zu sein. Unzählige Stunden, ja Tage hat. 
der Vielbeschäftigte mir gewidmet, mich überall hin und 
überall eingeführt, wo ich es wünschte oder er es für mich 
wünschenswerth fand, das ganze Talent seiner praktischen 
Menschenkenntniss für mich und meine Zwecke in Bewegung 
gesetzt, — kurz, sich durch tausend Gefälligkeiten und 
Freundschaftsdienste unsterbliche Verdienste um mich und 
Anspruch auf meine lebenslängliche Dankbarkeit erworben. 
Doch davon kann jetzt im Grunde nicht mehr die Rede unter 
uns sein; schon unsre gemeinsamen Interessen mussten uns 
bald zusammenführen, dass wir einander nicht mehr ent- 
behren konnten. Und so haben wir denn (wie viele! !) ganze 
Tage mit einander verluleit, in Gesprächen aller Art, in wis- 
senschaftlichen Erörterungen, in gar mancherlei Plänen, und 
so schwand Woche um Woche hin , dergestalt, dass mir, der 



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Mezzofanti. 195 

ich ausserdem mit meinen Bibliotheken so beschäftigt war, 
oft lange Zeiten keine Stunde zur Fortsetzung dieser Blätter 
übrig blieb. Von jenen Plänen will ich nur den zunächst 
vorliegenden erwähnen, wonach er mit mir nach Mailand 
gehen, oder mich doch dort treflfen will, um dort numis- 
matische Studien zu machen." 

In der Bibliothek des Vaticans erfreute den Arbei- 
tenden zunächst die erträglichere Temperatur, bei der man 
sich die Finger nicht zu erfrieren brauchte. Auch die übrigen 
Umstände der Benutzung waren wenigstens keine ungün- 
stigen, unendlich günstiger als unter Angelo Mai's Verwal- 
tung. Bibliothekar war Mezzofanti. Die Em|)fehlung von 
Jacobs war freilich bei der grossen Zerstreutheit und Ver- 
gesslichkeit des Mannes zu nichts nütze. Die Besucher der 
Bibliothek dienten ihm wesentlich als animae viles, um seine 
Sprachfertigkeit an ihnen zu üben: in wissenschaftlichen 
Zwecken sie zu fördern fehlte ihm nicht nur der Wille, son- 
dern auch die Fähigkeit „Ich redete ihn italiänisch an : das 
nahm er beinah übel, denn es ist wahr: es mögen Fremde 
von 20 Nationen zugleich auf der Bibliothek sein, er redet 
mit jedem seine Landessprache, und redet jede gut, mit sehr 
wenig fremdartigem Accent und ohne alle Anstrengung. 
Kommt ein Fremder aus einer entlegenen Gegend, dann wehe 
ihm ; Mezzofanti fällt über ihn her wie der Geier über das Aas, 
und lässt ihn nicht los, ehe er ihn ganz ausgesaugt hat; so 
begierig und leidenschaftlich erpicht ist er darauf, sein Sprach- 
talent zu üben. Mit mir fing er, als er hörte, ich käme aus Breslau 
in Schlesien, sogleich an Illyrisch zu sprechen, weil, wie er 
meinte, dieser Dialekt dort in der Nähe gesprochen würde. 
(Ein anderer Italiäner hielt mich für einen Landsmann des 
berühmten, hier berüchtigten Potter aus Brüssel, weil ich 
Silesia in Prussia als mein Vaterland angegeben hatte.) Als 
es mit dem Illyrischen nichts, und Mezzofanti über die geo- 
graphische Lage Schlesiens einigermassen aufgeklärt war, 
begann er Polnisch. Da das auch nicht ging, verlor ich das 
Interesse für ihn und er suchte wieder Conversation bei 
seinen Chinesen, Armeniern, Syrern, Chaldäern, Neugriechen, 
Türken u. s. w. Es jammert einen recht, so ausserordent- 

13* 



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196 Lanreani. 

liehe Gaben ohne alle Frucht für die Wissenschaft zu sehen. 
Was könnte der Mann für sprachvergleichende Grammatik 
leisten! Aber davon hat er gar keinen Begriff^ auch sonst 
keinen Sinn für Wissenschaft oder Kenntniss davon; es ist 
lediglich die beispiellose Virtuosität einer fast nur mecha- 
nischen Fertigkeit, die ihn so merkwürdig macht; auf einen 
zusammenhängenden discorso einzugehen, hat er weder die 
Fähigkeit, denn er ist sehr confus und verfolgt nur die 
flachsten Dinge mit einiger Aufmerksamkeit, nie eine strenge 
Gedankenreihe ; noch auch die Lust, denn er will im Grunde 
nur sich sprechen hören und hören lassen, am Gehalt liegt 
ihm gar nichts, er steht ganz unter der Herrschaft einer 
kindischen, sonst aber ziemlich unschuldigen Eitelkeit. Ich 
habe es mit ihm verdorben, seit ich den Ankauf einer neu- 
griechischen Grammatik, die er in Commission hat und mir 
gern für drei Scudi anhängen wollte, mit so guter Manier 
als möglich ablehnte. Das war eigentlich nicht klug, indess 
wusste ich schon, dass ich ihn sehr gut entbehren konnte. 
Er legt Niemand ein HiÄdemiss in den Weg, hilft aber 
Keinem das Geringste; denn weder weiss er Bescheid um die 
Bibliothek noch bekümmert er sich darum." Das eigentliche 
Factotum war. der Scrittore, Monsignore Laureani, Präsident 
der Arcadischen Akademie, ein liebenswürdiger und gefalliger 
Mann, dessen Gunst unser Freund bald zu gewinnen wusste. 
Schon am dritten Tage hatte jener die seltene Güte, ihm ein 
Verzeichniss aller 30 — 40 Plautinischen Handschriften aus 
allen fünf Abtheilungen der Bibliothek mit Hinzufügung der 
Signaturen aus den Katalogen auszuziehen und zu übergeben. 
So konnte sich R. die einzelnen Handschriften schnell hinter- 
einander zur Durchsicht vorlegen lassen. Auch wurde ihm 
gestattet öfter bis 2 (statt bis 1) Uhr zu arbeiten, einmal 
sogar an einem Ferientage. „Nach dritthalb wöchentlichen 
geduldigsten Bestrebungen", nachdem er 21 Handschriften 
des Plautus in der Yaticana durchgesehen, war er am 27. Ja- 
nuar so glücklich, die drei alten Codd. des Lipsius, und dar- 
unter (wie er combinirt hatte) den Originalcodex des Kar- 
dinal Orsini, in dem die zwölf letzten Gomödien zuerst aus 
Deutschland nach Italien kamen, zu entdecken. Den alten 



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Vaticana. 197 

Palatinus (vetas Camerarii) verglich er vollständig zu allen 
21 Stücken. Schon zu Anfang des März dachte er daran, 
über die Ausbeute des Mailänder Palimpsestes öffentlich Be- 
richt zu erstatten, sei es als Öeitrag für die acta societatis 
Graecae von G. Hermann, sei es als Breslauer Festprogramm 
für den August. „Ich glaube, die Leute werden sich doch 
verwundem über die Neuigkeiten, die ich ihnen zu sagen 
habe über den Inhalt des Palimpsest," schreibt er am 3. März 
an Stenzler. Aber die Fülle der übrigen Arbeiten liess ihn 
noch nicht dazu kommen. 

Angesichts der Vaticanischen Handschriftenmassen wurde 
ihm klar, dass man die Kritik einer grossen Anzahl von 
alten Schriftstellern ganz von vom anfangen und zu einem 
neuen Abschluss bringen könnte bloss mit Hülfe der Va- 
ticana. Natürlich versäumte er nicht auch zu andren römi- 
schen Bibliotheken den Zugang zu suchen. Als ihm nun 
die erbetenen permessi alle zu gleicher Zeit über den 
Hals kamen, war er, um die günstigen Gelegenheiten nicht 
entschlüpfen zu lassen, viele Wochen lang wie ein ge- 
hetztes Wild, als wenn er in Breslau CoUegien zu lesen, 
Seminar zu halten und alle zwei Tage einen Candidaten 
zu examiniren hätte. Die Combination der verschiedenen 
appuntamenti mit grösster Vorsicht und Delicatesse zu be- 
treiben war nicht leicht. Er machte eine merkwürdige Schule 
der Diplomatie in den Verhandlangen mit den Hütern hand- 
schriftlicher Schätze durch, als gelehriger Zögling Em. Brauns. 
Das Ergebniss derselben fasst er in folgende Schilderung zu- 
sammen. „lUiberalität und Eifersucht gegen den Fremden, den 
Gelehrten, den Preussen; Bequemlichkeit und Scheu vor Con- 
sequenzen; Bigotterie gegen den Häretiker; diese und ähn- 
liche Mächte waren fortwährend zu bekämpfen und zu über- 
winden, und natürlich nie durch eine andre Waffe, als durch 
Klugheit, Nachgiebigkeit, Demuth, Geduld und Beharrlich- 
keit. Ich habe in dieser Beziehung eine ganz merkwürdige 
Schule in Rom durchgemacht und in meiner kleinen Sphäre 
eine Art von diplomatischem Spiel gespielt, welchem ich zu- 
gleich eine Kenntniss römischer Verhältnisse, Persönlich- 
keiten, Ansichten verdanke, wie ich sie sonst nimmermehr 



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198 Römische Geistliche. 

erlangt hätte. Von dieser Zähigkeit römischer Geistlichen 
(denn sie sind es doch meist, mit denen man zu thun hat, 
weltliche oder kirchliche) hat man keinen Begriflf. Fast 
nichts ist auf dem einfachen, graden Weg ofEnen Vertrauens 
zu erreichen; fast alles durch Geduld und die rechte Be- 
handlung. Geduld, dreimal Geduld ist freilich das aller- 
oberste; die einfachsten Dinge, bei denen es bei uns nur auf 
Ja oder Nein ankommt, wollen dort erst gesäet, gewartet 
und gepflegt werden, müssen wachsen und reif werden, ehe 
sich Frucht ernten lässt. Eine einzige üebereilung, eine 
einzige unzeitige Hast kann und wird in der Regel Alles 
verderben. Wer den Arm haben möchte, muss bei der 
äussersten Spitze des Nagels am kleinen Finger anfangen 
und keinen Blick darüber hinaus nach dem Arme thun. Nie 
darf man es zu einer directen abschlägigen Antwort kommen 
lassen, nie etwas so verlangen, dass sie darauf erfolgen kann. 
Das einmal abgeschlagene ist rettungslos verloren ; weiss man 
vorzubeugen, auszuweichen, abzulenken und stellt die Sachen 
nie auf die Spitze, so kann man das, was sonst ohne Weitres 
gebrochen wäre, auf hundert andern Wegen, unter hundert 
andern Formen zum Biegen bringen. Aber auf der andern 
Seite würde man sich gewaltig irren, wenn man glaubte, mit 
einer noch so feinen, bloss klugen, aber heuchlerischen Politik 
gewonnenes Spiel zu haben. Die fühlt der römische Geist- 
liche unfehlbar durch; bloss nach dem Munde reden und im 
Herzen lachen, hilft zu gar nichts. Es ist, als wenn sie 
einem die innersten Gedanken vom Gesicht ablägen; ich habe 
merkwürdige Beispiele davon erlebt. Bis auf einen gewissen 
Grad wollen, erwarten sie diplomatische Behandlung, aber 
im Grunde nur, um die Grundlage recht fest und sicher zu 
gewinnen, auf der ein Verhältniss, wie das des Patronats 
und der Clientel, bei ihnen allein gedeiht, das ist nämlich 
das persönliche Vertrauen. Es ist ganz unerlässlich, 
sich in die Individualität, von der man etwas erlangen will, 
hineinzufühlen, mit ihren Interessen, ihren Eigenheiten, ihrer 
Ansichtsweise, soweit das der menschlichen Natur und dem 
Gewissen möglich ist, sich zu identificiren , kurz eine ge- 
wisse Liebe für sie, selbst in ihrer Schwäche, zu gewinnen; 



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I 



Impegni. 199 

erst dann fallen die Riegel Ton ihren harten und zähen Herzen 
ah. So habe ich es unter anderm mit dem Padre maestro 
der Chiesa nuova erfahren, in deren Besitz die schöne 
Bibliotheca Yallicelliana ist. Vier Wochen habe ich bei 
dem operiren müssen, und gab schon die Hoffiiung auf Er- 
folg auf^ und jetzt habe ich schon seit geraumer Zeit die 
Erlaubniss, jeden Donnerstag, der fiir die Vaticana regel- 
mässiger Perientag ist, von 9 — 2 Uhr auf der Vallicelliana zu 
arbeiten, und der alte Mann ist so gut und wohlwollend und 

liebreich, wie ein Vater mit seinem Sohne. — Rom 

ist ganz eigentlich das Land der ^impegni', d. h. persön- 
licher Verbindlichkeiten. Jeder Dienst, jede Gefälligkeit er- 
wartet Gegendienst und Vergeltung; wer ihn geleistet, kann 
mit Bestimmtheit auf Revanche rechnen; wer ihn erfahren, 
erkennt seine Verpflichtung unverbrüchlich an. Daraus hat 
sich unausgesprochen ein förmliches System gebildet, es wird 
gewissermassen gerechnet mit impegni, wie mit einer curren- 
ten Münze. Die erste Aufgabe, wenn man bei einem Unbe- 
kannten etwas durchsetzen will, ist, nachzudenken, wo die 
Reihe der Bekannten, die man selber hat, mit der Reihe 
seiner Bekannten einen Berührungspunkt hat; und wenn 
dann diese galvanische Kette auf jeder Seite zehn Glieder 
hätte, so ist man doch der gleichmässig fortgepflanzten Wir- 
kung vom ersten bis zum zwanzigsten Gliede gewiss. Und 
dieses ganze Verfahren wird nichts weniger als geheim oder 
discret getrieben, sondern man verhehlt es so wenig, dass 
man schliesslich die gewünschte Vergünstigung unter der 
ausdrücklichen Porm gewährt, z. B.: Da auf den Wunsch 
Ihres Preundes A., dessen Gönner B. sich bei Herrn 0. dahin 
verwendet hat, dass dieser den D. veranlassen möge, bei 
meinem CoUegen E. dahin zu wirken, dass Ihnen von mir 
die und die Erlaubniss ertheilt werde, so bin ich mit Ver- 
gnügen bereit, Ihnen zu dienen. Der P., wenn er mit dem 
D. gut bekannt ist, nimmt es ihm auch nicht im Gering- 
sten übel, dass dieser sich, wenn er die Empfehlung des E. 
für noch wirksamer hält, dessen Vermittelung bedient, statt 
unmittelbar an den P. zu gehen. Im Grunde liegt auch hier 
wieder der Wunsch, eine Garantie für die Gesinnung des- 



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200 Bibliotheken. 

jenigen zu haben^ den man nicht persönlich kennt. Nament- 
lich im geistlichen Kreise ist ein heimliches Misstrauen durch- 
gehend, zu dem sie auch Grund genug haben, da sie sich 
weder auf ihre Landsleute im Allgemeinen verlassen können, 
noch es an sehr schlimmen Erfahrungen fehlt, die sie mit 
Fremden gemacht haben. Sie verlangen ja auch von dem 
Fremden, namentlich dem Protestanten, gar nicht, dass er mit 
ihnen einverstanden sei, sondern nur, dass er ihre Sache 
mit einer gewissen Anerkennung gelten lasse, und — um es 
in ein Wort zusammenzufassen — dass er gegen sie ehr- 
lich sei. Zu welchen Missbräuchen übrigens in der Staats- 
verwaltung und Regierung, in der Stellenbesetzung u. dgl. 
jenes System führen muss, da es dort ebenso gut gilt, als 
wenn ich den Zugang zu einer unschuldigen Bibliothek suche, 
kann sich jeder leicht vorstellen. Das Schlimme des an sich 
gar nicht üblen Zuges liegt in der üebertreibung, dass die 
Erfüllung jeder persönlichen Verbindlichkeit wie eine mora- 
lisch gebotene Pflicht behandelt wird. Nun glaube man aber 
nicht, dass ich in jeder mir zugänglichen Bibliothek frei 
schalten und walten könne. Ueberall sind andere Beschrän- 
kungen. In der einen (z. B. in der Angelica, der Eremiten- 
bibliothek bei S. Agostino) darf ich den Handschriftenkatalog 
selbst gebrauchen, bekomme aber nie mehr als eine Hand- 
schrift auf einmal; in einer andern bekomme ich deren zehn, 
aber den Katalog nie zu sehen; und so ist das überall ver- 
schieden, in der Chigiana, bei den Jesuiten, im Collegio 
greco etc. Die Furcht vor Publicationen gegen das Interesse 
der Kirche liegt wohl zu Grunde, nachher ist diese Zurück- 
haltung Gewohnheit geworden und gilt beinahe als Amts- 
pflicht, üebrigens habe ich bis jetzt zwar weder die Komödien 
des Menander, noch die untergegangenen Bücher des Livius 
entdeckt oder die Origines des Cato, aber doch nicht nur 
manche anderweitige interessante und brauchbare Kleinigkeit 
gefunden, sondern vor Allem meinen Hauptzweck erreicht 
und durch autoptische Untersuchung von 50 — 60 Handschriften 
des Plautus, darunter der allerältesten nach dem Palimpsest, 
solche Kenntniss und Uebersicht der dahineinschlagenden Ver- 
hältnisse bekommen, dass ich einen förmlichen genealogischen 



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Terenz. 201 

Stammbaam über die Abstammung und Verwandtschaft aller 
Väter, Söhne, Brüder, Enkel und Neffen in der grossen Plau- 
tinischen Manuscriptenfamilie habe anfertigen können/' 

Einer seiner geistlichen Gönner war der freisinnige Pater 
Theiner, ein Breslauer. Auch das theologische Interesse, 
welches der protestantische Pfarrersohn an dem Eatho- 
licismus nahm, die Anerkennung, welchen er manchen In- 
stitutionen der römischen Kirche von* ihrem Standpunkte 
aus zollte und unbefangen aussprach, mag ihn hier und da 
empfohlen haben. Mit einem gelehrten Eanonisten, dem 
Advokaten Delicati, liess er sich in mehrere Disputationen 
ein. Sie wurden lateinisch geführt, denn im Italiänischen 
wäre ihm jener zu überlegen gewesen. Dass von Bekehrungs- 
versubhen nie die Rede gewesen, hielt er doch nicht für über- 
flüssig den Seinigen zur Beruhigung zu versichern. 

Durph Verbindungen solcher Art gelang es manche Thüre 
zu ö&en, die Andren streng verschlossen blieb. So z. B. die 
Sakristei von St. Peter, zu deren Schätzen der nächst dem Bem- 
binus wichtigste Terenzcodex (derBasilicanus) gehört. Als be- 
sonders fruchtbares Ergebniss seiner Durchforschung der mass- 
gebenden Terenzhandschriften meldet er Stenzler am 4. Juni: 
„Eine äusserst interessante Sache ist, dass ich glaube in den 
Stand gesetzt zu sein, für alle Terenzischen Stücke die genaue 
Vertheilung der verschiedenen Rollen an die einzelnen Schau- 
spieler nachzuweisen: was auf eine durchaus andre Weise 
gemacht worden zu sein scheint als wir uns vorzustellen 
pflegen. Auch über die Didascalien der Terenzischen Stücke 
habe ich alles Material zu einer erschöpfenden Untersuchung 
gesammelt Die vollständige Collation des Bembinus und 
des Basilicanus blieb Braun überlassen, der am 24. Juni ihren 
Abschluss meldete. 

Besonders schwierig war der Jesuitengeneral, unter 
dessen Oberaufsicht die Bibliothek des collegio Romano 
stand, aber grade hier feierte der angehende Diplomat den 
grössten Triumph seiner Geschicklichkeit. War die Stim- 
mung der. römischen Geistlichkeit gegen Preussen in Folge 
des unzweckmässigen Verfahrens von Seiten des Gesandten 
Bunsen überhaupt eine gereizte, so waren insbesondere die Je- 



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202 Collegio Romano. 

Suiten gegen die preussischen Gelehrten erbittert, nachdem der 
ältere Zumpt (in Italien wegen seiner Körperlänge Zumptone 
genannt) zwar den gesammten auf Cicero bezüglichen hand- 
schriftlichen Nachlass des gelehrten Jesuiten * Lagomarsini 
hatte benutzen dürfen, von seiner hierdurch bereicherten 
Ausgabe der Verrinen aber kein Exemplar, selbst auf mehr- 
maliges Bitten, nach Rom gesandt, auch in der Vorrede des 
verdienstvollen Sammlers nicht gebührend gedacht und obenein 
die Naivetät gehabt hatte, dasselbe JesuitencoUegium zum 
Behuf neuer Publicationen um neue Mittheilungen aus jenem 
Schatze 'in maiorem dei gloriam' anzugehen. Dies hatte man 
als Hohn aufgefasst, und die ganze Schale berechtigten Grolls 
über jenen imschuldigen Prof. Schulze aus Liegnitz ausge- 
schüttet, der eine Herodothandschrift zu benutzen wünschte: 
sie wurde ihm rund und für alle Zeiten abgeschlagen unter 
heftigen Expectorationen über die Anmassungen der Prussiani, 
welche den Orden höhnten und steinigten und dann doch um 
Gefälligkeiten angingen. An demselben Tage aber, als dieses 
Gewitter sich entlud, durfte unser geschickter Freund unbehelligt 
die Bibliothek des collegio Romano untersuchen und erhielt fünf 
Tage später die definitive Erlaubniss regelmässig darin zu 
arbeiten. Hier war es, wo er in einem unscheinbaren Plau- 
tuscodex jenen merkwürdigen Artikel fand, dessen Anfang 
schon Osann (ohne Angabe der Quelle) publicirt hatte, — 
das sogenannte scholion Plautinum, welches der Aus- 
gangspunkt für R.'s so überaus fruchtbare Forschungen über 
die Alexandrinischen Bibliotheken sowie über die Pisistra- 
teische Redaction der Homerischen Gesänge geworden ist. 
Zuerst traute derselbe der Sache noch nicht recht, er Hess durch 
Stenzler in Breslau Recherchen über Plautinische Scholien 
anstellen,^) die zwar mit exemplarischem Eifer geführt wur- 
den, aber freilich zu keinem Resultat führten.^) Am 4. Juni 
ist ihm die Bedeutung des Fundes ganz klar. So wie er 
zurückkommt, will er das lueditum drucken lassen, befürchtet 
nur, dass Osann als vermuthlicher Bearbeiter der Berliner 
Preisaufgabe ihm zuvorkommen werde. 

1) An Stenzler 28. Januar. 2) An Stenzler 3. März 1837 : „Schade, 
dass sie keiner bessern Sache gegolten haben." 



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Archäologie. 203 

In der Angelicasa fand er das kleine griechische 
Lexicon/) „zum Glück (oder Unglück?) nur 29 Quartblätter". 
Dass es unedirt und ^^wenn auch nur in seiner eigenthüm- 
lichen Form gewinnbringend" sei, erkannte der gewiegte 
Forscher griechischer Lexicographie auf den ersten Blick. 
Am 28. Januar war die Abschrift begonnen, am 3. März 
fertig. Auch die Handschriften epigraphischen Inhaltes 
Hess er nicht unbeachtet. In einem codex des 16ten Jahrh. 
in der Vallicelliana^) fand er einige hundert lateinische In- 
schriften, zum Theil wenigstens unedirt, welche er abschrieb.^) 

Neben den Bibliotheksarbeiten gingen in zweiter Linie 
die archäologischen Studien her. In Rom wurde dem 
Autodidakten auf diesem Gebiete erst anschaulich , was dazu 
gehöre, Archäologie in wahrhaft wissenschaftlichem Sinne zu 
treiben. „Die unübersehbare Masse von antiken Monumen- 
ten, die schon Rom aufzuweisen hat (denn in Neapel quellen 
sie ja, so zu sagen, noch fortwährend aus dem unerschöpf- 
lichen Boden auf), hat mich übrigens von dem Wahne geheilt, 
als liesse sich Archäologie so beiläufig neben der Philologie 
her treiben, sowie sie mir auch die Augen erst geöflfhet hat 
über das, was Monument^nkenntniss und Kunsterklärung 
eigentlich sagen will. Nur wer in der Fülle und täglichen 
Anschauung der Monumente drin sitzt, kann Archäologie 
in umfassendem Sinne und wahrhaft fruchtbarer Weise cul- 
tiviren; fast Alles, was in Deutschland darüber zu Tage 
gebracht wird, Müller in Göttingen nicht ausgenommen, er- 
scheint dagegen äusserst dürftig und unlebeudig. So ist mir 
denn auch die grosse Bedeutung des Zweiges der Archäologie, 
der durch die Vasendarstellung gebildet wird, erst hier 
allmälig aufgegangen, und begreife ich jetzt vollkommen die 
Leidenschaft, zu welcher sich die Beschäftigung damit steigern 
kann, da in der That bei dem jetzigen Standpunkte keine 
andre Monumentenklasse mit so mächtigen Schritten in die 
interessantesten Seiten des antiken Lebens hineinführt und 
auch eine massige Bemühung mit so reicher Ernte belohnt. 



1) Vgl. opuscula I 674 ff. 2) Vgl. opusc. IV p. 2 A. 3) An 
Stenzler Mailand 4. Juni 37. 



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204 Amphora Galassiana. 

Freilich kann ich auch die Meinung nicht bergen, dass es 
nur sehr wenig glückliche und gesunde Kunsterklärer giebt 
und gegeben hat." 

Am 21. April in der soleünen adunanza, welche das 
archäologische Institut zum Andenken von Roms Gründung 
zu veranstalten pflegt, hielt der neue Adept einen brillanten 
discorso über eine in Cervetri gefundene Vase, die sogen, 
amphora Galassiana. In zwei schwarz auf rothem Grunde 
gemalten Bildern sind Scenen des täglichen Lebens (die 
Olivenemte und deren Erfolg) dargestellt, jedes derselben 
ist durch eine griechische Inschrift erläutert, deren noch 
nicht entzifferter Sinn dem Vortragenden zum ersten Mal 
Gelegenheit bot, seinen Scharfsinn an epigraphischen Pro- 
blemen zu üben. Er entdeckte in der Hauptsache das Rich- 
tige, dass beide Sprüche sich wie Wunsch und Erfüllung zu 
einander verhalten; G. Hermann^) hat demnächst den Wort- 
laut zweier katalektischer Trimeter sichergestellt: di ZeO 
TTdrep, aiOe ttXoucioc T€Voi)Liav, d. h. „ach Vater Zeus, ich 
bitte, lass reich mich werden!" und fibri iiitv, f{br\ TrXeov* 
an' äpa ßeßaKCV, d. h. „'s ist voll, 's ist voll: in Erfüllung 
ist es gegangen!" Die Abhandlung erschien bald gedruckt 
in den annali^) und trug dem Verfasser die Ernennung zum 
Mitgliede des Instituts ein.^) 

Auch der mündliche Vortrag war in lateinischer Sprache 
gehalten worden. Deim wenn in Oberitalien der Neuling 
sich anfangs auf sein fliessendes Italiänisch etwas zu gute 
gethan und ein höfliches Lob aus dem Munde seiner Mai- 
länder Bekannten mit einer gewissen harmlosen Befriedigung 
vernommen hatte, wurde ihm doch schon dort klar, wie sehr 
ihm trotz aller Leichtigkeit der Conversation die eigentliche 
Herrschaft über die Sprache noch abgehe, um tiefergehende 
Gespräche zu führen. In Rom kam er auch zur Erkenntniss, 
wie schwer es sei, es zu einem echt italiänischen Stil im schrifk- 

1) Becension in Zimmermanns Zeitschrift für Alterthumswissensch. 
1837 p. 847: vgl. Ritschi opusc. I 793 A. 2) De amphora Qalas- 

siana litterata: annali IX (1837) p. 183 — 189 = opusc. I 788 — 794. 
Unterschrieben: Ritschel. Ohne Datum. 3) Zum correspondiren- 
den Mitgliede der E. K. societä. Aretina di scienze, lettere ed arti 
wurde er durch Diplom vom 20. Mai 1838 ernannt. 



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Italiänische Sprache. 205 

liehen Ausdruck zu bringen. „Was wir so in Deutschland 
etwa Italiänisch schreiben nennen^ nun ja, das erfüllt am 
Ende seinen Zweck, wenn man's nur versteht; Gewächs, sieht 
aus wie Wein, ist's aber nicht! es braucht nichts Falsches 
drin zu sein, aber der Italiäner erkennt es an dem, was 
fehlt. Der italiänische Stil, wie er wenigstens jetzt grade 
cursirt, besteht aus einer ununterbrochenen Reihe von Italia- 
nismen, die man in den Grammatiken grossentheils gar nicht 
findet. Ihrer Herr zu werden, halte ich mit Allen, die ich 
darüber wohl gelegentlich gesprochen, für bei Weitem 
schwerer, als der entsprechenden Idiotismen des Französischen. 
Uebrigens ist das Italiänische eine mächtige Sprache, von 
enthusiasmirender Wirkung im Munde dessen, der ihrer ganz 
mächtig ist; femer von ausserordentlicher Anschliessungs- 
föhigkeit an das Griechische, in dessen wortgetreuer Wieder- 
gebung sie mit dem Deutschen wetteifert, während sie dem 
mütterlichen Latein sich nicht anzuschmiegen weiss. Natür- 
lich: da dies eine reine Verstandessprache, Griechisch und 
Italiänisch dagegen, wiewohl in verschiedener Beziehung, 
sinnliche Sprachen sind. Euphonie ist in solchem Grad das 
Princip des Italiänischen, dass selbst ihre syntaktischen Fein- 
heiten und Eigenthümlichkeiten, Constructionen und Rede- 
bau, ganz darauf zurückgehen imd keineswegs durch ein 
Bedürfhiss des Gedankens hervorgerufen sind. Das heutige 
Italiänisch ist übrigens von dem allgemeinen europäischen 
Sprachentaumel, den in der neuen französischen und deutschen 
Litteratur Niemand verkennen kann, und der bei uns jetzt 
seinen hauptsächlichen Sitz in Berlin hat, ebenfalls ange- 
steckt; mehr noch war vor 5 — 6 Jahren die ausdrucksvolle 
Gesuchtheit des Stils in ihrer ungesunden Blüthe, die einem 
in'dess auch jetzt noch das Lesen italiänischer Zeitschriften 
ebenso verleidet, als wenn man Vamhagen's oder Theod. Mundt's 
gespreizte Weisheit verdauen soll." Uebrigens schrieb er in 
Rom ein paar italiänische „Sächelchen*' für das Institut, die von 
den dortigen Herren mit wenigen Modificationen approbirt und 
so gedruckt wurden.^) Als er sie freilich später in Mailand einem 

1) Dieselben finden sich jedoch weder im Bullettino noch in den 
Annali der Jahre 1837 und 38. 



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206 Vaticanisches Museum. 

Venezianer zeigte, der ein gründlicher Kenner seiner Mutter- 
sprache war, musste er über die Menge von Ausstellungen, 
welche dieser machte, staunen, sie aber doch alle als wohl- 
begründet anerkennen. Der mündliche Ausdruck floss ihm 
nachgrade so leicht, dass er erklärte, wenn er den Schnupfen 
habe oder sonst unlustig und träge sei, lieber die honig- 
milden Laute Italiens über die Zunge gehen zu lassen als 
die zackig rauhen der Muttersprache. Ja einige Male hatte 
er. die Satisfaction, Ton einem Italiäner für einen Landsmann, 
wenn auch aus einer andren Provinz, angesehen zu werden! 

üeberwältigend war der Eindruck, welchen zunächst die 
blosse Masse der im Vatican gesammelten antiken Sculpturen 
auf den noch wenig geübten Beschauer machte. „Mit dem 
kapitolinischen Antikenmuseum, so sehr bedeutend es auch 
ist, kann man doch noch allenfalls fertig werden; aber 
in dem Yaticanischen, von einer Ausdehnung, dass man sich 
wie in einem Labyrinth darin verirren kann und, wie ich 
Zeuge bin, verirrt hat, vergeht einem förmlich Hören und 
Sehen; man weiss nicht, wo anfangen oder aufhören, und 
kann zwei-, dreimal dort gewesen sein, ohne noch viel mehr, 
als den allgemeinen Eindruck mit herauszunehmen, ohne 
von Einzelheiten ein klares Bild zu haben und sich darüber 
Rechenschaft geben zu können. Man hat es sich nicht im 
Traum einfallen lassen, dass eine solche Masse grossen- 
theils wohlerhaltener und bedeutsamer bildlicher Reste des 
Alterthums überhaupt vorhanden, geschweige denn, dass 
sie an Einem Ort der Welt vereinigt zu finden seien! Alles 
je Gesehene verschwindet dagegen, und wenn man sich gar, 
wie ich, früher an Orten wie Dresden und Berlin die ge- 
wissenhafte Mühe gegeben hat, jedes noch so unbedeutende 
antike Monument gleichsam als ein Individuum aufzufassen, 
zu studieren und dem Gedächtniss einzuprägen, so kömmt 
einem dies jetzt complet lächerlich, ja ich möchte sagen ab- 
geschmackt vor, hier, wo so viel Tausende, als dort Dutzende 
sind, wo man hundert und abermals hundert Statuen oder 
Reliefs oder Inschriften gar keines Blickes würdigt noch 
würdigen kann." 

Indem er die hergebrachten Entscheidungen über topo- 



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Begabung der Ttaliäner. 207 

graphische Fragen, welche ibn schon in Breslau be- 
schäftigt hatten, Angesichts der Monumente prüfte, fand 
er, „dass unzählige Dinge, die in den deutschen Büchern 
als unumstossliche Wahrheiten paradiren, auf dem unsichersten 
Grunde beruhen und hypothetisch sind/' Das glückliche An- 
schauungsvermögen der Italiäner, ihren angebomen Tact „für 
das was hat sein oder nicht sein können," ihre feine Auf- 
fassungsgabe für alles Technische und Künstlerische erkannte 
er als das Erbtheil ihrer Nation, gepflegt durch die tägliche 
Gewöhnung des Auges und Sinnes, freudig» an, und sprach 
ihnen hiermit von Hause aus einen unberechenbaren Vor- 
sprung zu vor dem Nordländer, als praktische Künstler, als 
Kunstkritiker, als Archäologen. ,,Auf manche Dinge, die 
sich ein deutscher Archäolog in seiner Studierstube ausdenkt, 
kann ein Italiäner gar nicht verfallen, sondern nur darüber 
lachen. Wir Deutsche sind nur gar zu gewohnt, uns mit 
unsrer Wissenschaffclichkeit, mit dem Vorrange, den wir im 
geistigen Leben vor den Nachbarvölkern zu behaupten meinen, 
viel zu wissen. Wir mögen damit auch in mehr als einer 
Beziehung Recht haben; der Italiäner wird es weder an specu- 
lativem Sinne, noch in historischer Detailforschung und Kritik 
mit uns auftiehmen; aber wir sollten nicht die Anerkennung 
dessen so versäumen, worin er uns — auch abgesehen vom 
eigentlichen Kunstgebiete — bei Weitem überlegen ist: das 
ist die unendlich lebendige Anschauung, die er ai^ jedes 
Object des menschlichen Wissens heranbringt, und die ihm, 
oft genug bei ungründlicher Behandlung des Einzelnen, immer 
doch von grossartigen Gesichtspunkten, das Ganze in's Auge 
fassen lässt." 

Weniger günstig als über <üe natürliche Begabung fiel 
das Urtheil über den Charakter der römischen Gelehrten 
aus. Den Schlüssel zu demselben fand er im allgemeinen 
Volkscharakter, den er nun mit rechtem Behagen aus dem 
Vollen und im Centrum studierte, den Eifer belächelnd, mit 
dem er einst in Mailand nach jedem Stückchen italiänischer 
Volksthümlichkeit Jagd gemacht hatte. Im Vergleich zu 
den Florentinern, die er als die Sachsen Italiens bezeichnet 
(„fein, höflich, von einem gewissen Gleichmass allgemeiner 



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208 Römische Gelehrte. 

Bildung'^, fiel ihm das Selbstgefühl der Römer auf, aus dem 
er auch die minder liebenswürdigen Seiten^ als Birbonerie, 
Illiberalität, Eitelkeit herleitete. Als grosse Kinder er- 
schienen ihm aber nicht allein die gemeinen JLeute, sondern 
vor Allem auch die römischen Gelehrten. ^^Eindisch aber 
ist vor allem der römische Gelehrte als Mensch; unfähig 
aus dem Cocon, in dem er sich eingesponnen, mit freiem 
Blick herauszuschauen und fremde Standpunkte zu würdigen ; 
unfähig, Widerspruch zu ertragen; unfähig, seiner Eifersucht 
gegen den Fremden, obenan gegen den Deutschen, Herr zu 
werden; unfähig endlich, in der Regel, seine Stellung in der 
Gesellschaft von dem Gelehrten zu trennen." 

Der Winter des Jahres 1836/7 war leider einer der un- 
freundlichsten und härtesten, welche Italien und insbesondre 
Rom seit Generationen gesehen hatte. Vier Monate hin- 
durch fast ununterbrochen Regen Hagel Schnee Frost 
Sturm, so dass zwei oder gar drei hintereinander folgende 
heitere und trockene Tage zu den Seltenheiten gehörten. 
„Unzählige Male wünschte man sich Glück, dass nun end- 
lich die schöne Jahreszeit gekommen zu sein scheine, und 
unzählige Male täuschte man sich darin." Noch zu Anfang 
März stellte sich Schnee ein, wie sich Niemand erinnern 
wollte jemals um diese Zeit erlebt zu haben. Als der eifrige 
Hyperboreer dennoch auf der Vaticana erschien ,• wunderte 
man sich, dass er nicht wie alle Welt bei solchem Pro- 
digium Ferien gemacht habe. So ging es den März hin- 
durch mit Unwetter aller Art, Nebel auf den Bergen, 
rauhem, nasskaltem Wind, dass die Römer glaubten, die 
Weltordnüng habe sich umgekehrt. „Und am letzten Januar 
waren wir in Tivoli und assen im Freien!" (23. März.) Auf 
den Winter folgte sogleich der Sommer, und zwar — erst 
mit dem 30. Mai! Noch am 15. Mai war der Apennin schnee- 
bedeckt und schneite es in der Chiana zwischen Arezzo und 
Florenz. Auch in Rom vereitelte der unablässige Regen fast 
jeden Ausflug in die Umgegend. Dessenungeachtet befand 
sich R. verhältnissmässig wohl, besonders behaglich, zur Ver- 
wunderung seiner Bekannten, bei Scirocco. 



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Perugia. 209 

IndesseD war der Urlaub für das Semester abgelaufen. Der 
ministerielle Bescheid auf die vom 12. Februar datirte Eingabe 
um Verlängerung desselben bis zum Herbst Hess lange auf sich 
warten. Noch am 1. Mai schwebte der Petent in der pein- 
lichsten Ungewissheit über sein Schicksal. Endlich am Him- 
melfahrtstage, noch in Rom, erhielt er das Rescript vom 
13. April, welches neuen Urlaub und neues Geld (200 Thlr.) 
bewilligte. Am 9. Mai in der Frühe eines trüben Tages 
schlug die lange gefürchtete Scheidestunde von der unver- 
gesslichen Stadt. Durch dieselbe porta del popolo, durch 
die er vor etwa vier Monaten eingezogen, führte ihn der 
Vetturin wieder auf die via Flaminia zurück, denn auf Neapel 
und Campaniens ganze Herrlichkeit verzichtete er diesmal, 
nicht ahnend, dass es för immer sein sollte. Von seiner 
Serpa aus weidete er das Auge an der unermesslichen Cam- 
pagna, die von dem andauernden Regen mit frischem Grün 
überzogen und mit ^en goldenen Blüthen zahlloser Ginster- 
büsche übersäet war. 

Die Empfehlungen, welche der ^coUega ed amico' des 
archäologischen Instituts durch Braun bekommen hatte, öffneten 
ihm auf der Rückreise überall Thüren und Herzen, fast mehr 
als für ruhigen Genuss und Besinnen zuträglich war. Um 
ein- Stück Apennin zu sehen, wählte er den Weg über Pe- 
rugia, wo er überdiess einige bibliothekarische Nach- 
forschungen anzustellen hatte. In zweimal drei Stunden er- 
arbeitete er sich in der Stadtbibliothek die Beruhigung, dass 
nichts für ihn da zu holen sei. Blume hatte nämlich in 
seinem ^ter Italicum' eine Menge Peruginer Handschriften 
als aus Saec. XL XII. XIII, und dergleichen bezeichnet. 
Diese vielverheissenden Angaben lösten sich aber in Dunst 
auf, da sich bei näherer Prüfung ergab, dass jener Gelehrte 
bei dem Abdruck eines dort vorgefundenen Kataloges die 
Signaturen desselben irrthümlich als Saec. interpretirt hatte, 
während sie nur Scansta, d. h. Schrank, Repositorium be- 
deuten sollten. Empfohlen war er an den alten Etruskologen 
Vermiglioli, Professor an der Universität. Er fand „ein 
heiteres, munteres Männchen. Auch einer, der sein Leben 
damit verbracht hat, römische resp. etruscische Inschriften 

Ribbeck, F. W. RitachL 14 



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210 Florenz. 

zu Tode zu reiten, federfertig wie alle diese Leute, bei wenig 
solider Durchbildung, mit topographisch antiquarischen Be- 
schäftigungen einige historische Studien über Geschichte der 
italiänischen Malerei Terbindend, — eitel wie ein Kind, das 
versteht sich von selbst." 

Zwei Tage lang führte ihn Dr. Speroni, Herausgeber 
eines ^giornäle di scienze, lettere ed arti', mit unermüdlicher 
Gefälligkeit zu allen Sehenswürdigkeiten Perugia's. Mit ihm 
verhandelte er am letzten Abend die Gründung eines in Rom 
zu druckenden, von Deutschen zu redigirenden Journals 
(*Giornale enciclopedico Tedesco' oder *Rivista Germanica'), 
welches für Italien die Bekanntschaft mit deutscher Wissen- 
schaft; und Litteratur mit Ausschluss der Theologie und 
grosser Beschränkung der Politik vermitteln sollte.^) 

Am 15. Mai traf er in Florenz ein. Nach der antiken 
Simplicität und Ungenirtheit des römischen Lebens empfand 
er hier die Nothwendigkeit, der Elegapz einer glänzenden 
modernen Hauptstadt gewisse Concessionen zu machen. Wäh- 
rend er in Rom oft in gar unansehnlicher Garderobe „ein- 
hergestiefelt" war, beeilte er sich hier — „einen neuen Regen- 
schirm zu acquiriren (in diesem Jahr das wichtigste Reise- 
meuble) und einen weissen Filzhut mit breiter Krempe", der 
ihm nach eigner Aussage zu dem braunen Schnurrbarte, den 
er sich hatte wachsen lassen, ganz gut stand. Ein blauer 
Frack mit blanken Knöpfen war wohl das Prachtstück seiner 
Toilette. 

In dem berühmten gabiuetto litterario von Vieusseux, 
dem Stelldichein aller Litteraten des In- und Auslandes, 
machte er Auszüge für das bullettino des archäologischen In- 
stituts in Rom, und an den geselligen Donnerstag- Abenden 
knüpfte er Verbindungen vorzugsweise mit italiänischen Ge- 
lehrten an. So lernte er Repetti kennen, den Verfasser 
des geographischen Lexicons über Toscana, den Geschichts- 
forscher Marchese Capponi, der als der geistreichste und 
gediegendste der damals lebenden Florentiner Gelehrten ge- 
rühmt wurde. Im vertraulicheren Gespräche klang ihm der 



1) An Braun 13. Mai 1837. 



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Florentinische Gelehrte. 211 

tiefe Gram der edleren Geister über die damalige Verkom- 
menheit der Nation herzbewegend entgegen. Einige zeigten 
doch auch etwas mehr Kenntniss von deutscher Litteratur 
und Wissenschaft als die letterati des übrigen Italiens (die 
Lombardei ausgenommen), „üebrigens ist es immer nur eine 
kleine Zahl dieser Erleuchteten. Die Mehrzahl ist auch in 
Florenz gänzlich unbekannt mit unserm Standpunkt; um sie 
gelegentlich zum ßespect zu nöthigen, muss man förmlich 
einige bestimmte Namen als stehende Stichwörter gebrauchen, 
die einmal alte Tradition gemessen. Sie kennen keinen 
Dichter als Schiller, keinen Historiker als Joh. v. Müller, 
und bloss dessen Universalgeschichte, keinen Philosophen als 
Leibnitz; (spricht man z. B. von Kant, dessen Namen sie 
wohl auch gehört haben, so heisst's gleich: va in aria)] 
keinen Mediciner als — als — Hufeland, wegen der Macro- 
biotik! Diese gelten ihnen aber auch nicht bloss für Reprä- 
sentanten deutscher Wissenschaft, sondern als unfehlbare 
Autoritäten." 

Die Bibliotheksgeschäfte behandelte er bei diesem zweiten 
Aufenthalt als Nebensache. Auch wurde ihm über die 
üeberflüssigkeit seiner Untersuchungen ein überraschendes 
Licht aufgesteckt. „Des alten Furia Sohn fragte mich, ob 
ich viel Ausbeute fände; ich sagte ihm, das geisade nicht, in- 
dess läge mir daran, die Familien der Handschriften aus- 
findig zu machen. Er meinte, das stände ja Alles schon im 
Bandini; ich leugnete das; da belehrte er mich, sie seien 
alle di una sola famiglia ossia jprmmienm. Ich fragte, von 
welcher: Von der Mediceischen.'" Dem Vater Furia ver- 
dachte er mit Recht, dass er seine angebliche Lebens- 
aufgabe, die Katalogisirung der seit 1780 angesammel- 
ten, bedeutenden Handschriften der Laurentiana, die noch 
kein Mensch kenne, — noch gar nicht angefangen habe. 
Ausserdem lernte er Ciampi, der sich durch üebersetzung 
des Pausanias mit Hülfe einer lateinischen Version berühmt 
gemacht hatte, kennen und erwarb sich Migliarini's Gunst. 
Zu Inghirami, der in Fiesole wohnte, kletterte er an einem 
heissen Mainachmittag zu Fuss hinauf, ohne durch die Un- 
terhaltung mit dem trocknen Antiquar belohnt zu werden. 

14* 



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212 Malerei. 

Das bedeutendste Resultat dieses zweiten Florentiner 
Aufenthaltes für unseren Reisenden war, dass auf einmal, wie 
durch Offenbarung, und doch vollkommen natürlich vor- 
bereitet, Sinn und Verständniss für Malerei in ihm her- 
vorbrach. Wenn man erwägt, dass Studium der Kuust- 
gesohichte, welches jet/i von Berufenen und unberufenen als 
Modefach gepflegt wird, vor 40 Jahren selbst dem gelehrten 
Bildungsgange noch ganz fern lag, dass es noch keine brauch- 
baren Hand- und Reisebücher gab, wie sie jetzt auch dem 
unwissenden Touristen und jedem Backfisch zu bequemer An- 
leitung dienen, so wird man sich kaum wundem, dass ein 
Gelehrter wie R. ziemlich unvorbereitet in dieser Beziehung 
nach Italien kam. Bei lebhaftester Empfänglichkeit für die 
Schönheiten der Natur, deren Erscheinungen in Formen und 
Farben er beredt und anschaulich zu schildern wusste, war 
sein Auge den Gebilden darstellender Kunst gegenüber noch 
wenig geübt. Zur Sculptur und Architectur hatte er durch 
seine archäologischen Studien ein Verhältniss gewonnen, doch 
bekennt er im Anfang seiner Breslauer Zeit, dass ihn bis 
jetzt immer noch das Interessante mehr zu fesseln vermöge als 
das einfach Schöne.') Von Gemäldegallerien hatte er zwar 
die Berliner und die Dresdener gesehen, aber ohne rechten 
Erfolg, weil er auf sein eignes Laienurtheil angewiesen war. 
So verhielt er sich in Mailand der Brera gegenüber durch- 
aus gleichgültig. „Was mir einzig zusagt, ist, mir in einer 
grösseren Sammlung eine sehr kleine Zahl von Stücken, die 
mich ansprechen, auszusuchen, und diese, aber auch nur 
diese, täglich aufs Neue zu besuchen uud zu besehen, wie 
ich's in Dresden gemacht habe und in Berlin machen würde, 
wenn ich da mehr für meinen Geschmack fände, cioe für 
einen beschränkten Geschmack. Das geht aber hier nicht 
an; denn die öffentliche Gemäldesammlung der Brera ist nur 
Donnerstags und in den Stunden geöffnet, die ich für das 
brauche, was mir — ehrlich gesprochen — weit mehr am 
Herzen liegt, als alle Gallerien der Welt. Da habt ihr nun 
den Pedanten in seiner ganzen Nacktheit! den Bücherwurm, 



1) An Niese 28. December 1833. 



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Malerei. , 213 

den Barbaren!" (8. Decbr.) In Begleitung von Cattaneo durchlief 
er die kalten Säle in einer halben Stunde, natürlich ohne jeden 
Genuss, schon wegen der Hetzjagd, die den Neuling nur 
verwirren konnte. „Und dann ist es recht unausstehlich, 
wenn so ein Kenner immer so redet, dass er die gleiche 
Bekanntschaft mit Geschichte und Chronik der Malerei bei 
einem voraussetzt; man getraut sich dann gar nicht, in 
aller Unschuld seine harmlosen Fragen anzubringen. Ich 
weiss eigentlich gar nicht, was ich sagen soll, wenn so ein 
hoher Kenner in Enthusiasmus über ein Gemälde ausbricht; 
stimme ich nicht ein, so erscheine ich ein Fühlloser, oder, 
wenn ich Bedenken haben sollte, lächerlich; stimmte ich auf 
der Stelle ein, so würde ich mir selbst lächerlich, da ich 
nicht so schnell damit bei mir fertig werden kann. Als ich 
nun gar gestern in einer Kirche mit meinem Stillschweigen 
die Bewunderung des mich herumführenden Kirchendieners 
nicht zu theilen schien, sagte dieser ganz gutmüthig: ah, 
Lei sarä un et'etico, und meinte darin den Schlüssel zu 
meiner Unempfänglichkeit gefunden zu haben." Auch in 
Florenz kam er das erste Mal noch nicht weit. „Ich habe 
eben nicht mehr gekonnt und gewollt, als mich äusserlich 
Orientiren, und fast eben so trocken, wie hier auf dem Pa- 
pier, sieht's noch in meinem Inwendigen aus. Am weitesten 
bin ich noch verhältnissmässig mit der Plastik gekommen, 
wenigstens so weit, um Anknüpfungspunkte für Rom zu 
haben. In BetreflF der Malerei — je nun, da bin ich nach 
den Raffaels und Tizians gelaufen und habe die Correggio's 
bei Seite gelassen, aber alsbald eingesehen, dass man hier 
vernünftigerweise alles frühere vergessen, unreife Urtheile, 
wie vielleicht das eben über Correggio angedeutete, cassiren 
und ganz imd gar von vorn anfangen muss. Und das habe 
ich mir vorgenommen bei meinem zweiten Aufenthalte red- 
lich zu versuchen, sollte ich es auch nicht weiter bringen, 
als zu historischer Kenntniss und Unterscheidungsfähigkeit 
der Hauptepochen und Meister, woran ich gar nicht ver- 
zweifle, da es mir weder an Formen- noch an Farbensinn zu 
fehlen scheint. Ob tiefer in das Allerheiligste zu dringen 
mir vergönnt sei, muss ich abwarten; vielleicht habe ich 



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214 KunstverfitändnisB. 

dazu nicht genug Christenthum," (5. Januar.) Selbst in Rom 
besuchte er Gallerien und Palläste noch mehr aus Pflichtgefühl 
als des Genusses wegen. Was nach den Bibliotheksarbeiten 
seine Sinne am meisten erfrischte, war und blieb ein Spaziergang 
im Freien, die Landschaft, die Aussicht auf die herrlichen 
Bergformen. Seine aufrichtigen Bekenntnisse über frühere 
Ketzerei und allmälige Bekehrung mögen Manchem, der in 
ähnlichem Falle war, sympathisch und lehrreich sein; jeden- 
falls charakterisiren sie die ehrliche Empfindungs- und An- 
schauungsweise unsres Freundes aufs vollständigste, und zeigen, 
wie sein methodischer Geist aus eignen Erfahrungen die 
Genesis des Kunstverständnisses abzuleiten vnisste. „Es wird 
den Lesern dieser Blätter erinnerlich sein, wie wenig Ordent- 
liches ich früherhin mit Gemälden für meinen Innern Sinn 
anzufangen wusste, wie t- ehrlich gestanden — die ganze 
Malerei eine verschlossene Welt für mich war. So muss ich 
auch von Rom noch sagen, dass ich mich dort mehr von 
Bekannten hinschleppen liess zu den Gallerien, auch aus 
Pflichtgefühl mich selbst hinschleppte, dass aber doch diese 
Bemühungen immer eine Art Strapaze für mich waren, und 
einen recht freudigen Genuss mir nicht gaben. Aber das ist 
doch ganz gut und nothwendig gewesen, wie ich jetzt ein- 
sehe; es waren Opfer, die durchaus gebracht werden mussten 
und in ähnlichem Falle wohl immer müssen, deren aber auch 
der einstige Lohn werth ist. Das erste Unerlässliche ist, 
eine Kunst zu lernen, zu der wir in Deutschland allzuwenig 
angeübt werden, die Kunst zu sehen. Sie lernt sich — 
ausser bei besonders Begabten — natürlich nur dadurch, 
dass man viel sieht, so viel als nur möglich, und nicht 
müde wird darin, gleichviel ob es mit Freude geschieht und 
zu augenblicklicher Klarheit führt, oder ob man sich zwingt 
und ganz wüst und dumm im Kopfe wird. So gestaltet sicB 
unvermerkt ganz von selbst auch eine Art Uebersicht über 
die Grenzen, den umfang, die Gegenstände, die Entwick- 
lungsperioden der Kunst: wenn man sich dieser Anhalts- 
punkte auch erst späterhin bewusst wird, wenn ungeahnt 
einmal die gute Stunde kommt, da das verwirrte Chaos, 
wie durch den Zauber plötzlicher Schlaglichter auf einmal 



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KunstverslÄndniss. 215 

aufgehellt und geklärt wird. Dann ist natürlich nöthig, von 
vornherein zu glauben, dass das gross und schön und be- 
deutend ist, was dafür gilt, und sich viel eher allen Zwang 
anzuthun, um durch stets wiederholte Versuche sich in die- 
selbe Ansicht hineinzufühlen und einzuleben, als dem Scep- 
ticismus Raum zu geben; man muss, kurz gesagt, schlechter- 
dings mit der Liebe, und nicht mit der Kritik anfangen, die 
zu ihrer Zeit, wenn sie erst das Recht dazu hat, sich schon 
von selbst einstellen wird; ein Verfahren, welches mir um 
so leichter geworden ist, je inniger es auch mit meiner 
üeberzeugung auch für andre Sphären zusammenhängt. So 
habe ich denn auch nicht leicht ein mündliches ürtheil von 
solchen, die mehr in der Sache darin waren als ich, unge- 
nutzt fallen lassen, ohne es irgendwie in mich aufzunehmen. 
Mancherlei Umstände haben mich in Rom, ohne dass ich 
mir das damals so anzurechnen im Stande gewesen wäre, 
wo ich nur einem dunklen Instinct folgte, begünstigt. Einen 
ersten Anstoss erhielt ich durch Betrachtung ausgesuchter 
Genrebilder, die ich jetzt für vorzüglich geeignet halten 
muss, um den Sinn für die Kunstwelt der Malerei zu er- 
schliessen. Es waren die im Privatbesitz von Thorwaldsen, 
für mich doppelt bedeutend durch dessen mündliche Erläu- 
terungen, die ebenso anspruchslos gegeben als fruchtbar waren. 
Manches zu sehen, besonders aus den Anfängen der Kunst aus 
dem XIII. und XIV. Jahrhundert, hatte ich bei Kestner Ge- 
legenheit. Vor Allem hat mich aber der Umgang mit Braun 
gefördert, der in der neuen Kunst nicht weniger als in der 
alten zu Hause ist. Auch Platners Abriss der Geschichte 
der Malerei in der Beschreibung Roms, so hausbacken er 
in Form und Gedanken ist, hat mich doch bedeutend weiter 
geführt. Indessen waren doch das alles nur Keime, noch 
umschlossen von fester Hülle, die sie erst noch sprengen 
sollten, um dem klaren Tagesschein sich zu erschliessen. Ich 
verliess Rom, ohne zu ahnen, dass mir diese ganze Region 
noch einmal wahrhafte Bedeutung bringen sollte. So kam 
ich nach Perugia, und war hier genöthigt, von Speroni mich 
so herumhetzen zu lassen, wie ich es neulich angedeutet. 
Nichts desto weniger haben diese zwei Tage den wirklichen 



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216 Gaye. 

Durchbruch unmittelbar bewirkt, denn als ich nun das aller- 
erste Mal wieder in die Gallerie von Florenz trat, da war 
es, als wenn ein grosser Vorhang zwischen mir und den 
Bildern, oder zwischen meinem Auge und meinem Innern 
gefallen wäre; die Bilder der Tribüne namentlich, die mir 
äusserlich so sehr wohl bekannt waren, sahen mich mit ganz 
andern Augen, ordentlich wie mit Menschenaugen an, und 
hielten Gespräche mit meinem Herzen, grüssten mich wie 
alte, lange verkannte, liebe Freunde! Ich war ihnen gegen- 
über wie neugeboren und in einer neuen Welt. Von nun 
an hatte ich eine wahre Leidenschaft nach der Gallerie zu 
eilen, und liess, um nichts zu versäumen, die Bibliothek 
täglich eine halbe Stunde früher im Stich. Es liess mir zu- 
gleich keine Ruhe noch Rast, von dem plötzlichen Licht- 
strahl und von der Florentiner Lichtregion überhaupt zu 
profitiren, was nur möglich war. Ein Buch über die Ge- 
schichte der Malerei konnte , ich nicht auftreiben, ich nahm 
also einen italiänischen und einen französischen Katalog her, 
und schrieb mir ausserdem von den Täfelchen, die in der 
Gallerie unter jedem Bilde befestigt sind, die Geburts- und 
Todesjahre aller Maler ab; und mit diesen dürftigen Hülfsmitteln 
war ich — fast kann ich sagen Tag und Nacht beschäftigt, 
mir auf meine Weise und für mein Bedürfniss, unter 
verschiednen Gesichtspunkten, Tabellen und systematische 
und chronologische üebersichten zu entwerfen; und so täg- 
lich mit neuer materieller Kenntniss zu den Bildern kom- 
mend fand ich mich täglich durch ihre Beschauung weiter 
gefördert.'^ 

In seinen kunstgeschichtlichen Bemühungen war ihm 
besonders förderlich Dr. Johannes Gaye, ein Holsteiner, 
Schüler Hegels und glühender Verehrer Leo's, der seit sieben 
Jahren in Italien^ mit Geschichts- und Kunststudien beschäf- 
tigt ihn mit der von Rumohr so meisterhaft geübten Methode 
urkundlicher Forschung bekannt machte, „der zweite, im 
vollen Sinne des Wortes bedeutende Mensch, den ich auf 
meiner ganzen Reise so kennen gelernt, dass ich ihm zu- 
gleich persönlich näher getreten wäre". Der gemeinsame 
deutsche Standpunkt des wissenschaftlichen Interesses brachte 



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KanstgeschichtUche Aufgabe. 217 

sie schnell einander näher^ und ß. bekannte in ähnlicher 
Weise, wie Braun für Rom, so ihm für Kenntniss des geistigen 
und moralischen Lebens in Toscana das Meiste zu verdanken.^) 
Ausser Raffael, den er neben Phidias als das höchste Ideal 
eines Künstlers verehrte, und Perugino, den er in Perugia 
studiert hatte, lernte er nun besonders Andrea del Sarto 
und Fra Bartolomeo lieben; von seiner früheren Neigung zu 
interessanten Talenten der sinkenden Kunst wie Domenichino, 
Guercino, Carlo Dolci u. A. war er auf einmal curirt. Die 
einheitliche Künstlernatur eines wahrhaft grossen Meisters zu 
verstehen , sich in sie zu vertiefen war ihm jetzt ein eben so 
hoher Genuss als das Studium Goethe'scher Poesie. Nicht 
schärfer aber und individueller lässt sich das tiefere Interesse, 
welches er nunmehr fttr die Malerei gewonnen hatte, illustriren 
als durch die Thatsache, dass ihm Aufgaben und Mittel zur 
methodischen Förderung kunsthistorischer Forschungen ein- 
fielen. „Ich denke mir, es müsste äusserst instructiv sein, 
einmal aus dem reichen Kreise der wiederholten Darstel- 
lungen der Malerei eine auszuwählen, die von möglichst 
vielen Meistern möglichst vieler Epochen und Schulen be- 
handelt wäre, wie z. B. die cena, oder Auferstehung, oder 
Himmelfahrt, oder irgend ein Act der Madonnenlegende, um 
all diese einzelnen Bilder einfach zusammenzustellen. So 
müsste durch die Vergleichung das Charakteristische, das 
Tief gedächte, das Verfehlte mit einer Klarheit hervortreten, 
wie sie keine noch so ausführliche Schilderung mit Worten 
gewähren könnte." 

Am 26. Mai müsste Abschied von der blumenfreudigen 
Arnostadt genommen werden. Gaye führte den Freund zu 
guter Letzt auf die entzückende Höhe von S. Miniato, denselben 
Punkt, den dieser, wie er jetzt erst in seiner üeberraschung er- 
kannte, bereits im Januar auf eigne Hand entdeckt und dann 
als seinen Lieblingsplatz geschildert hatte. „Zu Allem, was 
mich damals entzückt hatte, kam noch jetzt die frische Früh- 
lingspracht der Landschaft hinzu. Es ging mir wirklich 

1) üeber Gaye, geb. 8. Nov. 1804 in Tönningen, gest. 26. August 
1840 in Florenz, siehe Alfred v. Renmont: Biographische Denkblätter 
(1878.) S. 209—230. 



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218 Ambrosianus. 

nahe an's Herz, einen der Blicke , mit denen ich alle Schön- 
heiten des ebenso reizenden als gesegneten Thaies, der maje- 
stätischen und doch lieblichen Bergketten, und der in dufti- 
gem Äbendglanz feierlich ruhenden, gastlichen Stadt mit 
einem Male einzusaugen suchte, den letzten sein zu lassen!^' 
Langsam ging es dann über Bologna und Parma wie- 
der nach Mailand, wo er am 31. Mai eintraf. Schon am 
ersten Tage nach seiner Ankunft absolvirte er vier Blätter 
des Pälimpsestes. üeber ein wirksames Reagensmittel ver- 
fügte er durch Stenzlers Vermittelung. Am 4. schrieb er 
diesem: „ich bin jetzt wieder tapfer über den Palimpsest her 
und mache erstaunliche Ausbeute. Wenn nur das Aufsuchen, 
um erst den Inhalt jedes Blattes zu finden, nicht so unglaub- 
liche Zeit raubte." Gleich in den ersten Tagen machte er 
die wichtige Entdeckung, dass die von Mai als Didascalie 
der Terenzischen Adelphi aus dem Ambrosianus heraus- 
gegebene Didascalie vielmehr zu einem der Plautinischen 
Stücke gehöre. Zunächst dachte er an die Captivi; am 20. 
hatte er das richtige, den Stichus, gefunden. „Der Versuch, 
alle 473 übrigen Blätter in ihre ursprünglichen Lagen, und 
diese in die alte Ordnung zusammenzufügen, hat das neue 
Resultat gegeben und zugleich die Möglichkeit des alten 
Irrthums motiyirt. Es ergiebt sich nämlich eine von der 
jetzigen verschiedene Reihenfolge der Stücke im Palatinus, 
die freilich nicht ganz zu ermitteln ist."^) Die Lesung gelang 
immer besser. Am 20. Juni berichtet er: „ich habe seit 
ein paar Tagen Hofihung, mit meinem Palimpsest schneller 
zum Ziele zu kommen, als ich bisher glauben konnte; die 
Uebung thut so viel, dass ich ihn jetzt stellenweise wie 
ein gedrucktes Buch lese, und vier, fünf, auch sechs, und gestern 
sogar sieben Blätter in Einem Tage vergleiche." Am 11. Juli 
wurde er mit dem Ganzen fertig. Nunmehr ging er daran, 
die Hauptresultate seiner Ausbeute, wie er schon in Rom 
gewollt, in einer vorläufigen Publication zusammenzufassen. 
Er wählte die Form eines offenen Briefes an G. Hermann, 
als den grössten lebenden Kenner Plautinischer Kritik und 



1) Vgl. Prolegom. ad Trinummum p. XXXIX f. 



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Mailänder Verkehr. 219 

« 
Metrik. Am 23. Juli konnte er an Freund Braun melden: 
^^meine sehr lang und zu meiner Befriedigung gerathene 
Epistel an G. Hermann habe fertig und werde in diesen 
Tagen abschicken. Das Manifest wird wohl einige Sensation 
machen." Es war zum Druck bestimmt und sollte zugleich 
eine indirecte Antwort auf die inzwischen in Deutschland gegen 
ihn gerichteten Angriffe der Herren Weise ^) und Lindemann ^) 
sein, von denen ihm Freunde geschrieben hatten. „Ich bin 
sogar entschlossen, das Zeug nach meiner Zuriickkunft durch- 
aus nicht zu lesen, wenigstens erst nach ein paar Jahren, 
wenn, wie gar nicht fehlen kann, das auf den Palimpsest 
gegründete Verfahren durchgedrungen ist. Das glaubt einem 
freilich Niemand, dass man eine gegen sich gerichtete Recension 
ungelesen lasse!" Am 25. ging die Epistel an Freund Kiess- 
ling in Hildburghausen zu geheimem Vorschmack und weiterer 
Expedition an den Adressaten. 

Uebrigens vergingen die ersten anderthalb Wochen wieder 
in der früheren Zurückgezogenheit, so dass der Einsame zum 
Zeitvertreib auf Theater und andre öffentliche divertimenti 
angewiesen war, wobei er denn doch anfing dem Meneghino 
einiges Verständniss , besonders auch sprachvergleichendes 
und historisches Interesse abzugewinnen. Auf der Ambrosiana 
traf er später als Mitstudierende den Frankfurter Historiker 
Böhmer und den Böhmen Palazki. Beide leisteten ihm einige 
Tage interessante Gesellschaft, reisten aber bald wieder ab. 
In dauernde und nahe Verbindung dagegen kam er mit dem 
Venezianer Menini, Professor der deutschen Sprache an 
einem Mailänder Gymnasium, welcher ihm einen gebornen 
Strassburger, den österreichischen Appellati/onsrath Tournier 
zuführte, Uebersetzer des Aristodem von Monti. Mit Beiden 
verbrachte er täglich seine Mussestunden. Dem Professor 
der deutschen Sprache, einem übrigens liebenswürdigen und 
gescheuten Mann, der sonst eine breite encyclopädische Bil- 
dung besass, waren denn freilich Namen wie W. v. Hum- 
boldt, Becker u. a. kaum vom Hörensagen bekannt; sein 



1) Piautas und seine neuesten Diorthoten. 1836. 2) Reo. der R/schen 
Bacchides in den Jahn'schen Jahrb. XIX 1837 S. 128 ff. 



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220 Ausfluge. 

Ideal war Herders „Ursprung der Sprache", er litt an natu- 
ralistischer Vergleichungssucht, und auch mit seiner prak- 
tischen Herrschaft über die Sprache, die er zu lehren hatte, 
stand es kläglich genug. Mit dem Conte Carlo Baudi, 
der gegen den Willen seiner hochgräflichen Familie seit 
seiner Mündigkeit unter Peyron's Leitung sich zu einem tüch- 
tigen, juristisch-philologischen Litteraten uud Palimpsest^n- 
untersucher herangebildet hatte, sowie mit Bentivoglio wur- 
den Verbindungen für die Zukunft angeknüpft. Bedeutend 
imponirte ihm Rumohr. „Was ist das aber für eine merk- 
würdige Persönlichkeit, dieser Rumohr! Sein ganzes Wesen 
ist unmittelbar gross, gewaltig und voll dämonischer Kräfte 
aller Art. Hierzu hinzugenommen die drei Verhaltungs- 
regeln, die mir mein Freund Braun zugleich mit dem Ein- 
führungsbrief an ihn überschickte: *Im Ganzen liebt er den 
Widerspruch nicht sehr, weiss Artigkeiten zu würdigen und 
belehrt gern, wenn man zuhören will,' so kann das Euch, 
die Ihr ihn nicht kennt, schon allenfalls eine Art Bild von 
ihm geben " 

Für manche selbst auferlegte oder nothgedrungene Ent- 
behrung entschädigte eine sehr gelungene, am Johannis- 
tage unternommene Excursion nach dem Comersee bei 
schönstem Wetter. Freilich musste man damals um 3 Uhr 
Morgens mit der Eilpost aufbrechen, um nach 7 Uhr in 
Como zu sein. In der villa Sommariva begrüsste den üeber- 
raschten (es gab noch keinen Bädeker) das Original des aus 
Abgüssen wohlbekannten Thorwaldsenschen Alexanderzuges. 
Am 25. Juli, grade einen Monat später, folgte eine Fahrt 
nach dem Lago maggiore. Sie ging durch blühende Mais- 
felder, den gefürchteten Versteck der damals in der Lom- 
bardei arg hausenden ladri, welche indessen durch die be- 
gleitenden carabinieri in Respect gehalten wurden. Auf 
isola bella übernachtete der Glückliche, setzte in feierlicher 
Morgenstille nach isola madre über und schwelgte im Anblick der 
über diesem Paradiese aufgehenden Sonne. Er sah die „könig- 
lichen Magnolien" in voller Blüthenpracht und begriff in der 
Begeisterung darüber, wie Xerxes seiner Platane göttliche 
Verehrung hatte widmen können. 



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Mantoa. 221 

Am zweiten August trennte er sich von der Stadt, in 
welcher er einen Schatz gehoben hatte, dessen Ausbeutung, 
was er damals noch nicht ahnte, mehr als ein volles Leben 
in Anspruch nehmen sollte. Er hatte sich in Mailand so 
eingelebt, dass er beim Abschiede von den Menschen, mit 
denen er in Berührung gestanden, das Gefühl hatte, lauter 
Freunde zurückzulassen. Zunächst ging es nach Mantua. 
Dorthin fährte ihn ein Märchen, dem er selbst, so wenig er 
ihm Glauben schenkte, doch auf den Grund zu kommen für 
seine Pflicht hielt. Von Rumohr, wie es scheint, hatte näm- 
lich Braun die mysteriöse Kunde, dass sich in Mantua die 
Handschrift eines noch unedirten römischen Komikers be- 
finde. Freilich hegte R. starke Zweifel, doch hatte er sich 
schon vor Jahren (16. Aug. 33) von Braun, falls dieser dort- 
hin komme, vorläufig eine Probe ausgebeten. Bei seinem 
zweiten Aufenthalt in Mailand liess er sich von Rumohr 
selbst das Nähere berichten, und das geschah mit so vielem 
Detail, dass R. „obschon ungläubig es doch für unrecht hielt, 
der Geschichte nicht näher auf den Zahn zu fühlen.*) Rumohr 
wollte in der That auf der Mantuaner Bibliothek einen Palim- 
psest gesehen haben, der einen noch ungedruckten römischen 
Komiker enthalte. „Die Sache war so unwahrscheinlich wie 
möglich; dennoch hielt ich es für Pflicht, mich über den That- 
bestand zu vergewissern: sonst hätte ich wohl Mantua nur im 
Durchfluge gesehen. Es war ein vorgebundenes Blatt; nicht 
rescribirt, sondern bloss ausgekratzt; kein Komiker, sondern 
eine mittelalterliche Bearbeitung des Amphitruo in Hexa- 
metern und Pentametern; nicht ungedruckt, sondern von Mai 
schon publicirt,*) wahrscheinlich aus derselben Handschrift 
des Vatican, in der auch ich sie gefunden, aber ihrer Werth- 
losigkeit wegen gar nicht weiter beachtet hatte." ^) 

Für dieses Quid pro Quo wurde er entschädigt durch 
den Genuss, welchen die Fresken Giulio Romanows im pa- 
lazzo vecchio und im palazzo del Te dem Besucher von 
Mantua gewähren. Sie machten eine ausserordentliche Wir- 



1) An Braun 23. Juli. 2) A. Mai auct. class. V (1833) p. 463 ff.: 
de Amphitryone et Alcmena pooma. 3) An Braun 5. August, Mantova. 



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222 Verona. 

kung auf ihn. Nach so vielen Madonnenbildern und Heili- 
gengeschichten einmal wieder den heiteren Olymp und die Zeit, 
^als ihr noch die schöne Welt regiertet', in solcher Verklä- 
rung zur Erde herabsteigen zu sehen war dem classischen 
Philologen eine Erquickung. üebrigens lud ihn (eine grosse 
Seltenheit in Italien) Professor Gregiati zu Tisch und er- 
kundigte sich theilnehmend, ob die Lehrer auf den preussi- 
schen Universitäten sich bei ihren Vorlesungen der deutschen 
oder der preussischen Sprache bedienten. 

Er war froh aus der fatalen Sumpffestung heraus zu sein 
und in dem anmuthigen, vornehm 'heiteren Verona freieren 
Athem zu schöpfen (6. Aug.). Auch fand er hier bei dem agente 
generale des römischen Instituts, dem jungen^ wissenschaft- 
lich eifrigen Grafen Orti den glänzendsten Empfang. Er 
beabsichtigte den Virgilpalimpsest der Capitularbibliothek 
einer genauen Durchsicht zu unterziehen, wenn nicht etwa 
die Domherren ihren Groll gegen die Prussiani, die ihnen 
ihren Gaius verdorben, auf ihn übertrügen.^) Aber dieser 
Vorsatz kam nicht zur Ausführung. Denn am 7. traf er in 
Padua nach alter Verabredung mit dem lang entbehrten 
Freund Emil Braun zusammen, der ihm nun auf italischem 
Boden nicht mehr von der Seite ging. Sie besuchten zu- 
sammen Venedig (8. — 17. August), den „einzigsten Ersatz für 
Neapel",^) gingen dann über Padua und Vicenza nach Verona 
zurück, wo Graf Orti sie „mit wahrhaft antiker Gastfreund- 
schaft'^ aufnahm und „gewissermassen zu Gefangenen seines 
Willens machte.*' Ja er belegte als podesta der Stadt ihre 
Pässe mit Beschlag und liess durch seinen Freund ^ den 
Generalinspector der k. k. Posten, v.* Jäger, den Post- 
beamten verbieten, ihnen vor Ablauf von acht Tagen Billets 
zur Schnellpost zu verabfolgen. So endete die erfolg- und 
genussreiche italiänische Episode mit einem dreiwöchent- 
lichen, Herz und Geist erquickenden dolce far niente. 

Mit Braun hatte R. in jugendlich gigantischer Phantasie 

1) An Braun 28. Juli, 5. August. 2) An Stenzler 11. August: 

„Grade aber Venedig möchte ich noch einmal recht ausführlich sein 
können in meinen Tagebüchern; aber wer weiss, wann und wie ich 
dazu komme." 



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Pläne. 223 

eine Art wissenschaftlicher Allianz geschlossen; welche durch 
die Vereinigung archäologischer und philologischer Arbeit, 
durch die gemeinsame Verwerthung des Rohmaterials, welches 
Italiens Boden und Bibliotheken bieten, diese ganze Provinz 
gleichsam beherrschen sollte. Besonders die Gondelfahrteh 
in dem zauberischen Venedig begeisterten die SchaflFenslust 
der Freunde zu weitgreifenden Plänen. Beide wollten ein 
Compendium sei es der Archäologie, sei es der gesammten 
Philologie (unter Herbeiziehung anderer Kräfte) herausgeben.^) 
£ine gemeinsame Ausgabe des Terenz mit dem Commentar 
des Donat, desgleichen eine Ausgabe des Livius wurde ge- 
plant Eine grosse philologisch -archäologische Zeitschrift 
sollte als Organ der neuen kritischen Richtung gegründet 
und ausser den fähigsten Zöglingen der Reisigschen Schule 
eine Auswahl der tüchtigsten Gesinnungsgenossen (wie 
Schneidewin, Sauppe, Bergk, Theodor Heyse, womöglich auch 
G. Hermann) herangezogen werden.*) Ueberhaupt sollte 
Brauns als des an der Quelle Sitzenden Aufgabe sein, auf 
imgehobene Schätze zu vigiliren und sofort die Hand darauf 
zu legen; das geistige Rangverhältniss aber zwischen beiden 
Allürten drückt sich in den scherzhaften Titulaturen aus, 
womit Braun consequent seine Briefe zu verzieren liebte, R. 
als Se. Excellenz den Admiral honorirend, sich selbst unter- 
schreibend als Rittmeister. 

Alle jene Luftschlösser freilich blieben unausgeführt, 
aber sie bezeichnen die Stimmung, welche den Scheidenden 
über die Alpen begleitete. Wie von mächtigeren Schwingen 
gehoben, vne mit verschärftem Blick und in weiteren Kreisen 
nahm der Genius Ritschl's nach der letzten Schule, die er 
in Italien erfahren hatte, seinen Flug. 



1) Braun an R. 13. Sept. R. an Braun 24. Sept. 1837. 2) An 
Braun 10. November. 



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k 



Zweite Breslauer Periode 

1837 - 1839. 



^ibbeck, F. W. Ritschi. 15 



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1. Rückkehr. 

Auf der Heimfahrt gingen dem Thatendurstigen „die 
gigantesken Produete der täglichen Planmacherei" mit Braun 
und „hunderterlei Dinge" durch den Kopf. „Wo soll ich 
anfangen? wo aufhören?" schreibt er von München aus am 
3. September. Er sah u. A. Schmeller, Spengel, Thiersch, 
aber das abscheuliche Wetter trieb ihn nach kurzem Aufent- 
halt früher als er gewollt hatte, schon am 6. September 
fort. Es ging über Nürnberg, Hildburghausen, Gotha, von 
da in Gemeinschaft mit Thiersch, Göttling und Rost zur 
Feier des Jubiläums nach Göttinge n.^) Der beste Ertrag 
des übrigens nicht sehr gelungenen Festes (Otfried Müller 
kümmerte sich um die philologischen Gäste nicht sonderlich) 
waren die hier angeknüpften persönlichen Beziehungen und 
Freundschaftsbande. Hier lernte er Thiersch lieben und 
schätzen. Er „ist ein Mann des Volks im vollsten Sinn des 
Wortes und uns Allen persönlich sehr lieb und werth ge- 
worden." „Der Mann redet sehr gut und verkehrte mit uns 
in liebenswürdigster Anspruchslosigkeit." „Auch Welcker 
konnte durch persönliche Bekanntschaft nur gewinnen und 
hat uns ohne Ausnahme für sich eingenommen. Der Schnei- 
dewin ist ein tüchtiger und braver, sehr angenehmer Mann."^) 

Nach der seligen Unbekümmertheit des Schwelgens in 
italischer Luft regte die bewegte Strömung des geistigen Lebens 
in Deutschland den Heimkehrenden gewaltig auf. „So stürmt 
es und treibt von allen Seiten auf einen ein und über einem 



1) Er logirte in einem Zimmer zusammen mit Göttling, der sich 
noch am 13. Juni 1838 mit Vergnügen an R/s „kraftvolles Schnarchen" 
erinnerte. Es fiel ihm dabei der Riese Skrymir aus der Edda ein, 
dessen gewaltiges Schnarchen sein Reisegefährte Thor für ein Erd- 
beben hielt. 2) An Braun 24. Septbr. 1837. 

15* 



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228 Stiftung der Philologenversammlung. 

zusammen, dass man Noth hat sich oben zu halten." In 
Göttingen geschah es, dass sämmtliche Philologen, die grade 
anwesend warea^ verabredeten im nächsten Jahr nach dem 
Muster der bereits bestehenden Naturforscherversammlungen 
eine Philologenversammlung abzuhalten. „Die definitiven 
Beschlüsse kenne ich wegen früherer Abreise noch nicht. 
Thierschen haben wir an die Spitze gestellt."^) Das Gedenk- 
buch verzeichnet unter dem 20. September „Gründung des 
Philologenvereins." 

Von Göttingen begab sich R. nach Erfurt, um die Eltern 
zu begrüssen, von da nach Weimar, wo Riemer besucht und 
bei Schorn ein angenehmer Abend mit Leopold Ranke und 
dem älteren Froriep zugebracht wurde; nach Halle, wo er 
Bergk, dessen Talent für Conjecturalkritik er ausserordent- 
lich hoch anschlug, sehr nahe trat. Derselbe schrieb am 
5. Febr. 1838: „Wir Beide haben zwar nur wenige Tage 
auf drei Universitäten im vorigen Herbst verlebt, und den- 
noch ist es mir als hätten wir eben so viele Jahre an jenen 
Orten zugebracht, als wären wir alte Jugendfreunde." Mit 
ihm zusammen begab sich R. nach Leipzig, wo er sieh 
des herzlichsten Empfangs von G. Hermann zu erfreuen 
hatte ^) (der Plautusbrief war bereits im Druck); endlich nach 
Berlin. Mit Johannes Schulze verhandelte er nicht sowohl 
eigne Angelegenheiten als die geeignetsten Mittel, um den 
Gräcisten Joh. Franz aus seiner kümmerlichen Situation 
zu befreien, eine anständige Wirksamkeit an einer preussi- 
schen Universität für ihn anzubahnen und sein Unternehmen, 
eine Ausgabe der griechischen Musiker, wofür sich R. leb- 
haft interessirte, zu fördern.^) Zwar gelang es ihm nicht, 
Parthey für den Verlag dieses Werkes zu gewinnen,*) dafür 
brachte er aber das „Handbuch der griechischen Epigraphik" 



1) An Braun 24. Septbr. 1837. 2) Die Inschrift der ampbora 

Galassiana wurde besprochen und Hermann enträthselte den Vers der 
Rückseite, wie oben S. 204 angegeben ist: R. an Braun 10. Nov. 37. 
3) An Braun 10. Nov. 37. 4) Parthey 21. Nov. 37: „Es ist leider eine 
traurige Erfahrung in der Buchhändlerwelt, dass grade die am sorg- 
fältigsten ausgearbeiteten Werke philologischen Inhalts den Hoffnungen 
des Verlegers am wenigsten entsprechen.*' 



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Plautusbrief. 229 

bei demselben unter.') Mitte Octobers traf unser Freund 
nach einjähriger Abwesenheit in Breslau wieder ein. Un- 
mittelbar darauf erfolgte die öffentliche Verlobung mit der 
Braut. 

2. Pnblicationen. 

Die Verarbeitung der italiänischen Ernte begann un- 
verzüglich. Das Erste war die Publication ^) der Zuschrift 
an G. Hermann. Derselbe hatte die in der Bacchidesaus- 
gabe durchgeführten prosodisch- metrischen Grundsätze, inso- 
fern sie von der Bentley'schen Norm abwichen, nicht ge- 
billigt und seine üeberzeugung mit gewohnter Offenheit in 
einem Briefe an R. vom 16. März 1837 ausgesprochen,^) ohne 
zu ahnen, welche Bekehrung mit demselben unterdessen durch 
das neue Licht des Ambrosianus vorgegangen war. Wenige 
Monate später brachte nun die grosse Plautusepistel dem 
Meister die glänzendste Anerkennung seines divinatorischen 
Blickes, der gelehrten Welt die erste Mittheilung über um- 
fang und Bedeutung dps gehobenen Schatzes. Man erfuhr 
nun zuerst den eigentlichen Bestand der rescribirten Blätter, 
und bekam durch die drastische Schilderung des Bericht- 
erstatters*) eine anschauliche Vorstellung von der unglaub- 
lichen Verwüstung der Handschrift, von der unsäglich mühe- 
vollen Aufgabe, die Züge der ersten Hand zu entziffern oder 
aus geringfügigen Spuren zu errathen, einer Aufgabe, deren 
Gelingen vor Allem von den Zufälligkeiten des Lichtes ab- 
hängt und, wie offen zugestanden wurde, genau genommen 
nie zum völligem Abschluss gebracht werden kann. Nach- 
dem nun eine Reihe folgenreicher Ergebnisse (wie die Ent- 
deckung der ursprünglichen Lagensignaturen, die hierdurch 



1) Zusage von Parthey 29. Novbr. 1837. 2) Im Augustheft der 
Darmstädter Zeitschrift für Alterthumswissensch. von Zimmermann 1837 
n. 93 = opusc. II 166 — 197. üebrigens ist dies der erste und einzige 
Beitrag, welchen R. in jene Zeitschrift geliefert hat. Zu der lange ver- 
sprochenen Reo. der Jacob' sehen Epidicus- Ausgabe kam es nicht, eben 
so wenig als zu den selbständigen Aufsätzen, die er dem Drängenden 
in Aussicht gestellt hatte (Zimmermann an R. 1. Mai 1838). Der Brief 
ist datirt: „Mailand, Ende Juni 1837." 3) Vgl. oben S. 155. 4) Vgl. 
S, 175 f. 



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230 Plautusbrief. 

gewonnene Einsicht in die Zusammensetzung des Codex^ die 
Aufeinanderfolge der Stücke, die urkundliche Anordnung der 
Mostellariascenen u. A.) in kurzen Andeutungen berührt ist, 
tritt der Verfasser näher an die Kernfrage der Plautinischen 
Textkritik heran, und bestimmt nach beiläufiger Abfertigung 
der „ungespornten Vulgatenritter", welche nicht begreifen, „dass 
zweimal Null Null bleibt,'* das Verhältniss des Ambrosianus zu 
der andren durch die beiden Pfälzer und die Orsinische Hand- 
schrift vertretenen Recension (des Calliopius, wie er gefunden 
zu haben meinte).^) Eine kleine Auswahl der überraschendsten 
Lesungen, auf die kein menschlicher Scharfsinn hätte ver- 
fallen können, beweist den unschätzbaren relativen Werth 
jener ältesten Texturkunde, neben der jedoch die Wichtig- 
keit der älteren, nur durch jüngere Hände uns überlieferten 
Recension nicht verkannt wird. Was aber das Wichtigste 
ist, aus der Summe zahlreicher Abweichungen im Kleinen 
(Auslassungen, Umstellungen , Vertauschungen, Zusätzen) 
wird für die Beurtheilung Plautinischer Sprache, d. h. der da- 
mals herrschenden Umgangssprache, 'und seiner Verstechnik 
eine feste Norm, eine sichre Grundlage gewonnen. In Er- 
mangelung einer solchen hatte R. aus den bisher bekannten 
handschriftlichen Zeugnissen dem Komiker eine gewisse 
Mittelstellung zwischen der „Rohheit des Saturnischen Vers- 
baues" und der „durchgebildeten Reife der gräcisirenden Blüthe- 
zeit" zugewiesen, und für diese „Periode des Ringens" „ein 
recht wohl zusammengehendes System" prosodisch-metrischer 
Regeln zu entwerfen versucht, welches „ohne gradezu Un- 
glaubliches zu vertheidigen, doch nicht in offenem und feind- 
seligem Widerspruch mit den Handschriften stand." Nur zu- 
fällige Umstände persönlicher Art hatten den Druck dieses 
den bisherigen Zuhörern R.'s wohlbekannten Leitfadens, wel- 
cher in der nach ganz andrem Plane gearbeiteten Ausgabe 
der Bacchides nicht zu klarer Darstellung hatte gelangen 
können, verzögert. Freimüthig bekennt nun der ehemalige 
Anhänger dieses „relativen" Standpunktes, dass er durch die 
Offenbarungen des Palimpsestes „sein Spiel verloren" habe 

1) Vgl. Proleg. ad Trin. p. XL f.: dagegen Studemund Festgrnss 
an die Würzburger Philol. Vers. S. 39 f. 



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Plantusbrief. 231 

gegenüber dem Triumph, welchen Bentley's und Hermann's 
geniale Divinationsgabe davon getragen habe. „Ohne Selbst- 
vorwurf also, aber mit freudiger Bewunderung" erkennt er 
an, dass jene Beiden „die einzigen gewesen sind, deren durch- 
dringender Blick unter dem entstellenden Schmutz der Jahr- 
hunderte die harmonische Gesetzmässigkeit Plautinischen 
Versbaus erkannt" hat. Erst jetzt vermag er sich für die 
Aufgabe, den Plautinischen Text zu emendiren, zu be- 
geistern, „nachdem ein Absolutes, nämlich die durch alle 
übrigen Denkmale der antiken Poesie durchgehende Schön- 
heit und Gesetzmässigkeit des Rhythmus als Ziel 
des Strebens vorliegt." Für die Durchführung dieser Auf- 
gabe aber nimmt er das Recht der Induction in Anspruch. 
„Wenn die Hälfte oder mehr als die Hälfte der Verse, die 
bisher dazu dienen mussteu, Gesetzlosigkeiten der Plautini- 
schen Metrik zu beweisen, in ihrer durch den Palimpsest 
erhaltenen Gestalt grade die entgegengesetzte Kraft hat, so 
wird sich jetzt auch die andre Hälfte, eingedenk ihrer 
gleichen Schicksale im Mittelalter, nicht mehr zu solchem Be- 
weise hergeben."^) 

Dieses Manifest hat eine neue Aera nicht nur in der 
Plautuskritik, sondern für die wissenschaftliche Betrachtung 
der gesammten altrömischen Verstechnik eingeleitet. Noch 
am 13. Januar desselben Jahres hatte Adolf Becker in Leipzig 
bei seiner Habilitation als Professor der Archäologie in einer 
langen Disputation den alten Standpunkt durch die Autorität 
der Palatini zu vertheidigen gesucht, unter energischem Wider- 
spruch freilich seines officiellen Opponenten, der kein Andrer als 
Hermann selbst war. „Mit grosser Aufmerksamkeit," schreibt 
Köchly,^) „waren wir (Studenten und Mitglieder der societas 
Graeca) dem gewaltigen Kampfe gefolgt, mit Spannung er- 
warteten wir die Entscheidung Ritschl's . . . und diese Ent- 
scheidung, sie kam denn; es war jener Brief, welcher dem 
Schreiber wie dem Empfänger gleich viel Ehre macht . . . 

1) Episodisch setzt sich der Verf. auch mit seinen beiden uneben- 
bürtigen Widersachern Weise und Lindemann auseinander. 2) Gott- 
fried Hermann. Zu seinem hundertjährigen Geburtstage. S. 47 ; vgl. 
S. 185—191. 



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232 Plautusproben. 

Welche Freude von unserer, welches verlegene Schweigen 
von der andren Seite!" In der That hatten alle ürtheils- 
fahigen den Eindruck, dass nunmehr endlich ein fester Boden 
gewonnen und die vulgäre Ansicht von der Regellosigkeit 
des Plautinischen Versbaues ein für allemal abgethan sei.^) 

Gleich im Wintersemester 1837/8 wurden auch die Bres- 
lauer Studenten in die neue Erkenntniss eingeführt. Zum 
ersten Mal wählte R. für seine Plautusvorlesungen die Inter- 
pretation des Trinummus, an dessen Text Hermann dereinst 
seinen divinatorischen Scharfblick bewährt hatte. Es war 
von besondrem Interesse, Schritt für Schritt zu verfolgen, 
wie weit jene prophetische Leistung durch die nunmehr er- 
schlossenen Quellen der Ueberlieferung und die Consequenzen, 
welche sich daraus ziehen liessen, bestätigt werde. Gestützt 
auf diese Vorarbeit glaubte R. in der That am Schluss des 
Semesters die meisten Schäden glücklich geheilt zu haben, 
so dass ihm nur eine massige Zahl von Stellen übrig blieb, 
mit denen er noch nicht aufs Reine gekommen war. Schon 
damals war dieses Stück ausersehen, an die Spitze der ge- 
planten Plautusausgabe zu treten, und schon im Sommer 
hoffte der kühn Vordringende seinem Leipziger Meister eine 
Probe der neuen Bearbeitung vorlegen zu können.^) Als 
Prodromus war eine besondre Schrift „Plautinische Studien" 
ins Auge gefasst.*) 

Die erste Probe der zu erwartenden Textesrecension 
brachte das letzte Breslauer Prooemium vom 11. März 1839, 



1) Selbst Bern]iardy lobte ausnahmsweise aus freien Stücken den 
Brief und fand nur den Preisgesang auf Hermann zu extravagant: 
Pemice an R. 7. Decbr. 1837. 2) R. an Hermann April 1838. An 
Lehrs 14. April 38: „Die Vulgatenreiter und ürkundengläubigen wer- 
den zwar ein grosses Aergemiss an meiner künftigen Bearbeitung (zu- 
nächst des Trinummus) nehmen; indess dies verhallende Geschrei muss 
man sich schon gefallen lassen, so gut wie sie mich früher wegen 
einer missverstandenen Vorarbeit selbst ihrer berittenen Schaar zuge- 
zählt haben." 3) Wohl identisch mit dem Zukunffcstitel: 'F. Ritschelii 
Emendationum Plautinarum libri tres. 1. aus diplomatischem Ge- 
sichtspunkte; 2. aus metrischem ; 3. aus sprachlichem, sive de codd. et 
edd,, de metr. et pros., de ling. Flaut. ^, das Gerippe der späteren 
Prolegomena. 



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Dionysius. 233 

eine Scene aus dem Miles gloriosus(II4) mit kritischem 
Apparat. Die Conceptblätter hatte der Verfasser am 10. Fe- 
bruar an G. Hermann „mit der Bitte um gütige Belehrung 
und Hülfeleistung^' eingesandt. „Gar Manches," schrieb er, 
„habe ich noch nicht herausgebracht bei einmaligem Ueber- 
legen; Einiges ergäbe sich vielleicht noch; aber an Andrem 
verzweifle ich." Er hatte die Freude, nicht nur eine Reihe 
interessanter, wenn auch nicht sämmtlich abschliessender 
Verbesserungs vorschlage des Meisters, sondern, was mehr 
sagen wollte, in allem üebrigeu spine Zustimmung zu erhalten.') 
Im Herbst 1838 wurden Verhandlungen mit der Reimer- 
schen Buchhandlung in Berlin über den Verlag einer ganzen 
Serie kritischer Ausgaben gepflogen, des Plautus, des Terenz, 
des Dionysius. Die Reihenfolge wurde dem Verleger anheim- 
gestellt: derselbe wünschte (übereinstimmend mit Hermann, 
aber aus andrem Grunde), dass der Terenz dem Plautus vor- 
angehen möchte; das „etwas schwere Unternehmen", den 
Dionysius, schob er in das Hintertreffen. Umgekehrt dachte 
Ritschi den letzteren als die leichtere Aufgabe zunächst zu 
erledigen, während er die abschliessende Bearbeitung des 
Plautus bereits einer Zeit grösserer Müsse und Sorgenfireiheit 
vorbehielt.^) So lieferte bereits das Eönigsprogramm zum 
3. August 1838 die erste Probe der Dionysiusausgabe (die 
ersten acht Capitel mit kritischem Apparat und der lateini- 
schen Uebersetzung des Lapus) nebst einer Darlegung der 
für die Textrecension massgebenden Grundsätze.^) Vor Allem 

1) Qtiem si de reliquis omnihus, ubi quidem eins dissensum nulluni 
notaverim, mecum consentire narravero, non vereor profecto ne hoc vano 
nescio cuius gloriölae studio dixisae videar : a quo vos qtndem probe scitis 
quam sim alienu^s: sed memoro hoc ut pernoscatis, quanta sit in hoc ipsa 
critica arte, quae incertissima videri stvUia hominibus solet, certitudo et 
tamquam necessitas. Plurimas enim corruptelas prorsits nostris rationibue 
convenienter pridem su^ulerat Hermannus, et sustulerat sine tälis libri 
ope, qualem ntmc repertum et excussum Ambrosianum laetamur, Uebri- 
gens hält sich jene Textprobe im Ganzen genauer an die handschrift- 
liche Ueberlieferung als die spätere Ausgabe, und auf mehrere in letzterer 
verworfene Lesarten, welche dort gebilligt waren, ist die Kritik später 
mit Recht zurückgekommen. 2) An Hermann 7. August 1838. Die 
Verhandlungen mit Reimer zerschlugen sich. 3) In zweiter Ausgabe 
theilweise abgedruckt und verarbeitet opusc. I 472 ff. 



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234 Terentius. 

galt es auch hier die unbestimmten Angaben der Vorgänger 
über ihre Hülfsmittel zu klären und den wirklich vorhandenen 
Vorrath beachtenswerther Handschriften zu sichten; demnächst 
aber den relativen Werth der beiden wichtigsten, des Urbinas 
und des Chisianus, zu bestimmen. Letzterem gab der Ver- 
fasser damals den Vorzug, ohne doch die Brauchbarkeit des 
ersteren in Ausnahmefällen zu verwerfen: Jeder von beiden 
stellte sich ihm als Repräsentant einer aus gemeinsamer 
Quelle abgeleiteten besonderen Recension dar. 

Der Komödie, wenn auch nicht dem Plautus, wandte 
sich das Prooemium zu den Wintervorlesungen 1838/9 wie- 
der zu: Es handelte de emendatione fabularum Teren- 
tianarum.^j Die eben erschienene Terenzausgabe von Klotz 
genügte wissenschaftlichen Anforderungen durchaus nicht, da 
sie sich begnügte, die Lesarten des Bembinus nach Paemus 
anzugeben und von Bentley zur alten Vulgata zurückzukehren. 
Kurz und schlagend wies jene Abhandlung nach, dass die 
üeberlieferung des Terenzischen Textes auf zwei Classen von 
Handschriften zurückgehe, deren entscheidende Repräsentanten 
der Bembinus und der Basilicanus seien. Hiermit war der 
Weg für die diplomatische Kritik auch dieses Dichters ein 
für allemal gewiesen. 

Auch ein spicilegium epigraphicum I brachte das 
Prooemium zum Sommer 1838, eine erste Probe aus jenem 
Inschriftencodex der Vallicelliana, den R. in Rom entdeckt 
und ausgebeutet hatte. Das Studium der lateinischen In- 
schriften, von den Italiänem, die an der Quelle sitzen, in 
einer Unzahl localer und ephemerer Publicationen eifrig ge- 
pflegt, lag damals bei uns in Deutschland, wie auch in der 
Einleitung hervorgehoben wird, noch fast völlig brach. Die 
Hoffnung auf ein Corpus inscriptionum Latinarum, 
welches ebenbürtig der Böckh'schen Sammlung griechischer 
Inschriften zur Seite träte, war durch den Tod des jungen 
Dänen Olaf Kellermann wieder vereitelt worden. Einstweilen 
gab es nur einen Mann in der gelehrten Welt, welcher die 
Masse der lateinischen Inschriften beherrschte: den Grafen 
Bartholomeo Borghesi. Er war der nie versagende promus 
1) Wieder abgedruckt in opusc. III 281 ft. 



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Spicilegium epigraphicum. 235 

condus, das viel angesprochene Orakel in allen Fragen dieser 
Disciplin. Ihm hatte, auch R. durch Brauns Vermittelung 
seinen Fund vorgelegt, und bei Veröffentlichung der getrof- 
fenen Auswahl seine Mittheilungen verwerthet.^) 

Die umfangreichste der neu entdeckten Inschriften, selbst 
von Borghesi noch nicht gekannt, hochwichtig für das romische 
Privatrecht, hatte eigentlich nach Brauns Wunsch durch R., 
vielleicht im Verein mit Borghesi, im buUettino des archäo- 
logichen Instituts publicirt werden sollen.^) Aber im Drange 
seiner übrigen Arbeiten überliess jener das schwierige Do- 
cument seinem juristischen CoUegen Huschke,^) der noch in 
demselben Jahre das K€i|ir|Xiov in lithographirtem Facsimile 
nach der sorgfältigen Copie des Finders mit Commentar 
herausgab.*) Die genauere Beschreibung des codex verschob 
dieser bis die Fundgrube erschöpft und alle inedita bekannt 
gemacht sein würden: doch hat es bei dieser ersten „Aehren- 
lese" sein Bewenden gehabt, sei es dass die Armuth der 
Breslauer Bibliothek auf diesem Gebiet^) von weiterer Be- 
arbeitung abschreckte, sei es dass durch die Fülle andrer 
Aufgaben jene den centralen Studien R/s damals noch femer 
liegenden Dinge zurückgedrängt wurden. Indessen beweist 
schon dieser erste Versuch, dass der Verfasser sich in die 
Methode und Litteratur der lateinischen Epigraphik mit bestem 
Erfolge hineingearbeitet hatte. Den kritisch-combinatorischen 
Scharfsinn des Herausgebers beschäftigten diesmal als „gelehrte 
Spielerei^',^) wie er es bescheiden nannte, besonders die Notizen 

1) Quamguam qucie nunc exproniere animum induximus, de iis 
nostriMn iudicium longe gravissima eins viri sententia confirmavit, cui 
primas in epigraphicis litteris communi omnes consensu defertmt, nöbi- 
lissimi eimdemque humanissimi Comitis Barthölomaei Borghesi: cuius 
quod aureolis guibusdam observationibtis uti licet , insigne harum quas 
nunc incohamus commentationum decus deputandum est. 2) An R. 
25. Januar 1838. 3) Spicileg. epigr. p. 4 = opusc. IV 3. 

4) T. Flavii Syntrophi instrumentum donationis ineditutn . . . edidit 
et illustravit Ph. Ed. Hu^schke. Gratulationsschrift der Breslauer Ju- 
ristenfacultät zum Jubiläum von Hugo. 1838. 4. üeber Ritschi S. 1 f. 
Vorläufige Anzeige des Fundes durch Huschke in E. L. Richter's krit. 
Annalen der deutschen Rechtswissensch. 1838 p. 193 — 196. Vgl. CIL 
vol. VI 1. p. LVIII und Wachsmuth zu R.'s opusc. IV p. 15. 5) Wor- 
über eine Andeutung p. 4. 6) An G. Hermann, April 1838. 



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-236 Griech. Grammatiker. 

„über Leben und Sterben der S ullier und Ambivier", 
eine verstümmelte Grabinschrift der Familie Sullius, von der 
ihm eine sehr abweichende zweite Fassung aus andrer Quelle 
vorlag, und eine zweifache Dedicationsinschrift der Familie 
Ambivius. 

Neben jenen grossen textkritischen Unternehmungen 
wurde der alte Plan einer Geschichte der griechischen Gram- 
matiker noch immer, freilich in etwas modificirter Form, 
festgehalten. Seinem Hauptgenossen auf diesem Felde, Lehrs, 
der sich warm für die Ausführung der „schönsten und frucht- 
barsten Leistung, welche jetzt auf dem Gebiete der Philo- 
logie erstehen" könne, interessirte,^) theilt der Freund seine 
Gedanken darüber mit:*) „Ein rechtes Encouragement ist 
es mir gewesen, zu sehen, dass Sie sich für die projectirte 
Geschichtschreibung der griechischen Grammatik interessiren. 
Ich war schon halb und halb irre geworden, ob die Sache 
an der Zeit sein möchte; Niemand schien eben Antheil daran 
zu nehmen. Aber nun hoffe ich doch binnen drei bis vier 
Jahren ein tüchtiges Stück der Arbeit fertig zu bekommen, 
und zwar nach folgendem Plane. In Rom habe ich ein un- 
edirtes griechisches Etymologicum von massigem Umfange, 
aber manches Neue enthaltend, und besonders reich an Citaten 
aus Grammatikern, abgeschrieben. Das will ich ediren,^) und 
als zweiten Theil einen alphabetischen Catalogus gramma- 
ticorum Graecorum anhängen, wobei mir Meineke's Quaestiones 
scenicae einigermassen vorschweben. Nur werde ich aller- 
dings etwas ausführlicher sein müssen. Ich weiss nun zwar 
sehr wohl, dass solch ein kritischer Katalog der Gramma- 
tiker noch keine Geschichte der Grammatik ist, allein ohne 
jenen ist auch diese nicht möglich; im ümriss lässt sich 
diese vielleicht sogleich beigeben, oder später nachliefern; 
auf keinen Fall dürfte es räthlich sein, beide Zwecke gleich 
von vornherein vereinigen zu wollen, da das Material selbst 
noch so gar wenig gesichtet ist." Leider ist dieser Plan 



1) Lehrs an R. 5. Juni 1837, Begleitschreiben zu den ^quaestiones 
epicae'. 2) An Lehrs 14. April 1838. 3) Geschehen in den Jahren 
1846 und 47: opusc. I 674 ff. 



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SchoHon Plautinam. 237 

weder von seinem Urheber noch von einem Andren im Sinne 
desselben ausgeführt. 

Indessen war jener aureolus libellus/) die Schrift über 
die Alexandrinischen Bibliotheken erschienen.^) An- 
fangs zu einem Beitrage für die Acta societatis Graecae von 
Hermann bestimmt und nur auf wenige Bogen berechnet, 
war die Abhandlung dem Verfasser unter der Hand zu einem 
Buche geworden.*) Osann hatte vor einigen Jahren in einer 
Plautushandschrift des Collegio Romano eine Notiz von einem 
angeblichen Caecius entdeckt, welche zuerst Welcker zu glän- 
zenden, wenn auch etwas phantasiereichen Combinationen über 
die Geschichte des epischen Cyclus und seiner Ueberlieferung 
benutzt hatte. Bei der Durchmusterung sämmtlichor Plau- 
tushandschriften in Rom musste R. auch diese in die Hände 
fallen. Beim ersten Blick sah er mit üeberraschung, dass 
der von Osann mitgetheilte Anfang „nur ein kleiner Theil 
eines in Mitte und Ende gleich reichhaltigen und interessanten 
Scholions sei." Aus besondrer Gefälligkeit gestattete Padre 
Marchi die Leetüre: die Aufzeichnung des wegen zahlreicher 
Abkürzungen schwer zu entziflfernden Textes musste verstohlen, 
in fliegender Eile, im Halbdunkel der Abenddämmerung ge- 
macht werden.*) Dieser kostbare Fund, nicht die Berliner Preis- 
concurrenz^) bewog R. zu der Abfassung jener köstlichen Ab- 
handlung, welche „seinen lieben Getreuen", LancizoUe, Graflfunder 
und Niese gewidmet ist.^) Wie der Eingang besagt, stammt 
die Nachricht aus einem Gommentar zum Plutos des Aristopha- 
nes, als dessen Verfasser schon Dindorf den Byzantiner Tzetze s 
erkannt hatte. Das Scholion aber, welches in lateinischer 
üebertragung eines italiänischen Gelehrten in jener Hand- 
schrift an beliebiger Stelle, wo sich grade Platz fand, ein- 



1) So geDannt von Lehrs in der Abhandlung 'de vocabulis q)iX6- 
XoYoc' u. 8. w. (1838) = Herodiani scripta tria p. 394 A. 2) An 
Pemice gesandt 17. April 1838, an GraflPunder 22. April. 3) An 

G. Hermann April 1838. 4) Vgl. opusc. I 171. Erst bei der zwei- 
ten Herausgabe im ersten Bande der opuscula (1866) konnte eine grade 
vor Thorschluss noch eingetroffene NachcoUation von Aug. Wilmanns 
naohträglicli mitgetheilt werden. 5) Vgl. opusc. I 123. 6) Die 
Dedication ist datirt: den 6. April 1838, vom Geburtstage des Ver- 
fassers. 



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238 Alexandrinisclie Bibliotheken. 

geschaltet ist, berichtet von der Dreimännercommission, welche 
König Ptolemaeus Philadelphus zur Ordnung der Bücher- 
schätze in den neugegründeten Bibliotheken zu Alexandria 
eingesetzt hatte, von der Büchermenge und der Einrichtung 
beider Bibliotheken, von ihren Vorstehern, auch von der 
Sorge des Pisistratus für Sammlung der Homerischen Poesie, 
— lauter Thatsachen vom höchsten Interesse für kritische 
Litteraturgeschichte, obwohl nach Scholiastenart ziemlich 
wüst durcheinander geworfen und zum Theil unklar ausge- 
drückt. Diesen vollen Inhalt erfuhr man erst durch R.'s Ver- 
öffentlichung, und was man daraus zu lernen, in welchen 
Zusammenhängen man diese werthvolle Belehrung zu be- 
trachten habe, zeigte die kritische Analyse, welche für jene 
weittragenden Fragen, die sich an den Namen des Alexan- 
drinischen Museums knüpfen, viel anregendere Gesichtspunkte 
eröffiiete als Parthey's schwächliche, von der Berliner Akadeinie 
freilich gekrönte Schrift, welche über die Negationen eines 
bequemen, aber unfruchtbaren Skepticismus nicht hinausge- 
kommen war. Besonders anziehend ist die Frische lebendiger 
Anschauung und schlagfertiger Discussion, welche der rasch 
hingeworfenen Schrift den Reiz einer Improvisation^) oder 
eines mündlichen Vortrags (vgl. S. 117) giebt. Gegen Prellers 
schwache Verdächtigungen und Bernhard/s verächtlichen Sei- 
tenblick^) nahm R. zunächst im Allgemeinen die Glaubwürdig- 
keit des Scholions in Schutz. Er gewann die Reihenfolge der fünf 
ersten Alexandrinischen Bibliothekare (Zenodotus, Gallimachus, 
Eratosthenes, ApoUonius, Aristophanes); und verstand die 
authentischen Angaben des Gallimachus über die Bändezahl 
der Bücherschätze des Museums besonders durch die an- 
sprechende, wenn auch nicht über allen Zweifel erhabene^) 
Erklärung der Ausdrücke commixta und simplicia volumina 

1) Ein dYiOviciLia ^c tö Ttapaxpniaa nennt es der Verf. in einem 
Brief an Lehrs vom 22. April 1866. 2) Recension der Parthey 'sehen 
Preisschrifb über das Alexandrinische Museum, in den Berliner Jahr- 
büchern für wissensch. Kritik, 1838 April Nr.. 67 S. 530 f. Am Schluss 
wird der weise Rath ertheilt, das Museum nun für einige Zeit ruhen 
zu lassen, 3) Gegen Bernhardy wurde sie vertheidigt im Corollarium 
des Jahres 1840 S. 34 ff. = opusc. I 152 ff. Vgl. Keil Rhein. Mus. 
VI 246 = Ritschi opusc. I 226. 



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Pisistrateischer Homer. 239 

(d. h. insgesammt, und nach Ausscheidung der Doubletten) 
zu klarerem Verständniss zu bringen. 

Zu weiter tragenden Erwägungen aber führte der locker 
angeknüpfte zweite Theil des Scholions über Pisistratus 
und die Irrthümer eines gewissen Heliodorus. Jene Nach- 
richt über die Commission der vier Orphiker und die ihnen 
übertragene Sammlung und Anordnung der bis dahin zer- 
streuten Homerischen Poesie, eine Leistung, die der üeber- 
setzer des Tzetzes als 'opus divinum' rühmt, wurde als im 
Einklang stehend mit der „Stimme des ganzen Alterthums^' 
gegen unfruchtbare Zweifel geschützt. „Man wetteifert den 
Bericht des Alterthums zu verdächtigen und auf den möglichst 
geringen Gehalt her abzudrücken, als wenn es von vornherein 
die Aufgabe gälte, sich eines widerstrebenden Zeugnisses 
um jeden Preis zu entledigen; während doch alle Grundsätze 
historischer Kritik die Sache gradezu umzukehren und eine 
vielverbürgte Ueberlieferung festzuhalten gebieten, sobald sie 
erstens in sich selbst vernünftig zusammenhängt, und zweitens 
durch anderweitige Bedenken und Gegengründe nicht er- 
schüttert wird.^'^) R. fasste in beschränkterem Sinne als 
Wolf jene Leistung auf als „Wiederherstellung einer Ord- 
nung, welche durch rhapsodische Vereinzelung sich allmählich 
gelöst hatte ,^^ in genauem Anschluss an die Worte des Scho- 
liasten: nam carptim prius Homertis et non nisi difßcillinie 
legebatuTj und in üebereinstimmung mit seinen schon in Vor- 
lesungen entwickelten Anschauungen. Er brachte sie in Zu- 
sammenhang mit den Zwecken der von Pisistratus gegrün- 
deten Athenischen Bibliothek, denen auch die damals unter- 
nommene Redaction der Hesiodeischen Gedichte diente; er- 
kannte in jener ersten Recension im grossen Stil die Grund- 
lage der bis zur Alexandrinischen Zeit gültigen Vulgata oder 
der KOivai, wie sie in den Homerscholien bezeichnet zu werden 
pflegen; und fand in der Wiederherstellung des im Original 
damals nicht mehr bekannten Pisistrateischen Textes das 
eigentliche Ziel der Alexandrinischen Homerkritik. Durch 
Combination mit den Nachrichten über die Anordnungen des 

1) S. 51 == opusc. I 43. 



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240 Alexandrinische Bibliothekare. 

Solon und' des Hipparchus, betreflfeud den Vortrag Homeri- 
scher Gedichte (dH uiroßoXflc, i^ uTToXrjipeiwc), deckte er einen 
stetigen Fortschritt der in Athen für Homer getroffenen Für- 
sorge auf. Als Ergänzung dieser im Einzehien sorgföltig 
begründeten Anschauungen fasste er zum Schluss^) noch in 
einigen kurzen Thesen als „hinlänglich vorbereitet durch die 
siegreiche Kraft rastloser Anstrengungen deutscher Wissen- 
schaft" seine eigenthümlichen Ansichten über Entstehung 
und Schicksale der Homerischen Poesie zusammen^ welche 
mit den oben (S. 129) mitgetheilten Sätzen in bestem Ein- 
klänge standen.^) 

Nicht weniger bedeutend waren die Beigaben des Anhan- 
ges: erstens Chronologie der ersten Alexandrinischen 
Bibliothekare. Das nur Approximative und Problematische 
mancher Bestimmungen verhehlte sich der Verfasser schon 
damals nicht; auch hat er bei wiederholter Herausgabe 
(opusc. I 73 A.) die Berechtigung des Widerspruchs beson- 
ders in einem wichtigen Punkte (Aristophanes) anerkannt. 
War ihm doch selbst gegenwärtig, „wie schritt- und stufen- 
weise historisch- philologische Wissenschaft im Kleinen wie 
im Grossen vorwärts kömmt" (S. 75 = 61), und einen er- 
heblichen Schritt weiter hat schon dieser erste Anlauf auf 
der schlüpfrigen Bahn geführt.^) 

Die Angaben des Scholions über die Bändezahl der beiden 
Alexandrinischen Bibliotheken führten durch das Bedürfniss, 
zu einer klaren Schätzung der alten Litteraturmassen und 



1) S. 70 f. = opusc. I 59 f. 2) E. v. Leutsch erzählt im Philol. 
Anzeiger Ylll S. 4, als Bitschl, eben heimgekehrt aus Italien, in 
Göttingen während des Jubelfestes unter den CoUegen plaudernd ge- 
sessen habe, sei die Bede unter Andrem auch „auf die in jener Zeit 
fast alle philologischen Gemüther beherrschenden Homerfragen" ge- 
kommen. „Ich weiss, wer den Homer gemacht hat," rief Ritschi da- 
zwischen, und auf das nun folgende Fragen und Lachen „wer denn?*' 
gab er zur Antwort: „das sage ich nicht!" 3) Eine besondre Unter- 
suchung über die Lebenszeit des Aristarch kündigte B,. im Corolla- 
rium p. 52 = opusc. I 168 für das imchstfolgende Programm (Dispur- 
tationis de stichometria deque Heliodoro supplementwn 1840/1 = opusc. 
I 173 ff.) an: sie fiel aber wegen Raummangels fort (opusc. I 18^) 
und ist nie erschienen. 



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Stichometrie. 241 

der Productivität der einzelnen Schriftsteller zu gelangen, 
auf die Erforschung eines Gebrauches, welcher bishA nur 
beiläufig und einseitig, vorzugsweise von Theologen berührt, 
von den Juristen ganz ausser Acht gelassen war, die Sticho- 
metrie der Alten, welcher der zweite Excurs des Anhanges 
gewidmet ist. Aus einer kritischen Zusammenstellung sämmt- 
licher damals bekannter Beispiele gewann der Verfasser, in 
seiner Weise von sichren Ausgangspunkten umsichtig vor- 
rückend, das Resultat, dass die aus alten Handschriften stam- 
menden Zählungen von Zeilen (cxixoi), angewendet von Griechen 
und Römern sowohl zur Bestimmung des Umfangs bald einer 
einzelnen Schrift bald sämmtlicher Werke eines Autors, als 
auch zum Citiren einzelner Stellen,^) auf die irivaKec des^ 
Callimachus und seiner bibliothekarischen Nachfolger zurück- 
zuführen seien. Siegreich weist er nach, dass unter diesen 
CTixoi einfacbe^Raumzeilen, nicht etwa Sinneszeilen (wie die 
dem praktischen Bedürfniss der Recitation in den Rhetor- 
schulen dienenden cola und commata in den Handschriften 
der Redner und die vom Diakonus Euthalius im V. Jahrh. 
in das neue Tesl^-nient eingeführte Versabtheilung) zu ver- 
stehen seien, wofür er als schlagenden Beweis u. A. die Her- 
culaniSchen Papyrusrollen herbeizieht. Und wenn auch jene 
Zeilenzählung der Originalhandschrift, ursprünglich zur Con- 
trole des überlieferten Bestandes bestimmt, bei der veränder- 
lichen Form der Copien nur einen ungefähren Anhalt zur 
Schätzung bot, so ergab sich doch, wie wichtig für uns der 
relative Massstab sei, der sich aus solchen Angaben für die 
richtige Messung des oft überschätzten ümfanges von Schriften 
und Schriftstellerei des Alterthums entnehmen lasse. Das 
Material zu dieser Frage wurde später noch wiederholt^) in 
bedeutendem Masse vermehrt und daraus Anlass zu neuen Ge- 
sichtspunkten, z. B. über die Kolometrie der Sophokleischen 
Tragödien gewonnen. 

In dem Plautinischen Scholion werden sehr verkehrte 



1) Diesen zweiten Punkt widerlegt Wachsmuth Rhein. Mus. 
XXXIV 38 ff. 2) Im Bonner Prooemium 1840/1 = opusc. I 173 ff. 
181 f. und im Rhein. Mus. XIII (1858) S. 309 ff. = opusc. I 190 ff., 
ferner opusc. I 830 ff. 

Ribbeck, F. W. Eitschl. 16 



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242 Heliodorus. 

und verworrene Fabeleien eines gewissen Heliodorus über 
eine Von Zenodot und Aristarch nach Auftrag des Pisistratus 
besorgte Homerausgabe erwähnt und widerlegt, gegen welche 
Tzetzes ausführlich polemisirt habe. Zur Ermittelung dieser 
Persönlichkeit war eine kritische Untersuchung über Lebens- 
verhältnisse und Studien von vier Gelehrten dieses Namens 
erforderlich: ihr ist der dritte Excurs gewidmet, ein Beitrag 
zur Geschichte der griechischen Grammatik, dem Ziele, welches 
dem Verfasser damals immer noch „als ein schönes, aber 
noch nicht ganz nahes" (S. 137 = 113) vorschwebte. Unter 
jenen Grammatikern ragt an wissenschaftlicher Bedeutung der 
Metriker Heliodorus, möglicherweise mit dem Homerischen 
Glossographen identisch, hervor, mit dessen Lebenszeit und Lei- 
stungen sich die neuere Forschung seit der durch R. gegebenen 
Anregung vielfach und mit steigendem Erfolge beschäftigt hat.^) 
Die ergebnissreiche, überaus anregende Schrift fand 
lebhaften Beifall. Kenner wie G. Hermann^) und Lehrs^) 
drückten ihr Wohlgefallen aus; selbst Bernhardy, der früher 
jenes Tzetzes- Scholion so verächtlich angesehen hatte, schlug 
einen andren Ton an,*), obwohl er nacl^ seiner Art nicht 
viel Positives gelten liess. Wilken als Bibliothekar fand, 
dass der Punkt der Zeilenzählung zu vollständiger EVidenz 
gebracht sei 5^) den alten Hugo in Göttingen interessirte ins- 
besondre der Abschnitt über die Stichometrie der Pandekten: 
er lud in etwas verschleierter Weise den Verfasser zu fernerer 
wissenschaftlicher Correspondenz, gleichsam zur Nachfolge in 
der Stellung des verstorbenen ünterholzner, ein.^) Auch der 



1) Vgl. opusc. 1 189 Anm. Bitschl kam auf den Gegenstand zurück 
am Schluss des Prooemiums zum Lectionsverzeichniss 1840/1 = opusc. 
I 186 ff., indem er auf das Zengniss des Marius Victorinus über die 
Abhängigkeit des lateinischen Metrikers Juba von der Autorität des 
Heliodor hinwies und daraus einen Beweis für seine Ansicht entnahm, 
dass Heliodor vor Augustus gelebt haben müsse. 2) An R. 4. Juni 
1838. 3) An R. 13. Jan. 39. 4) Recension in den Jahrbüchern für 
wissenschaftl. Kritik 1838 Dec. S. 821 ff., gegen deren Wunderlichkeiten 
die siegreiche Polemik des CoroUarium's vom Jahre 1840 gerichtet ist. 
5) An R. 14. Juni 1838. 6) An R. 14. Juni 1838. Eine Stelle aus 
seinem Brief, über den Begriff der digesta Volumina handelnd, ab- 
gedruckt bei Ritschi opusc. I 157 A. 



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Vorträge über Encyclopädie. 243 

ehemalige Lehrer Nitzsch konnte der ^singularis soUertia' 
der Darstellung seine Anerkennung nicht versagen, obwohl 
er gegen die Pisistrateische Redaction der Homerischen Ge-, 
dichte entschiedenen Widerspruch erhob.^) 

3. Akademische Wirksamkeit. PersSnliches. Versetzung. 

Auch den Studenten erschien (nach der Aussage von 
Brix) der aus Italien heimgekehrte Lehrer „begeisterter und 
begeisternder als je." Den Seminarübungen (Interpretation 
des Dionysius und der Adelphi des Terenz) wurden die neu 
gewonnenen handschriftlichen Hülfsmittel zu Grunde gelegt 
und durch die oben besprochenen beiden Programme der 
Weg gewiesen. Nach der schon erwähnten Trinummus- Vor- 
lesung im Winter 1837/8 erklärte er im Sommer 1838 
Aeschylus' Sieben und behandelte in der Einleitung beson- 
ders genau die dramatische Composition des Stückes sowie 
die Trilogienfrage. Zugleich nahm er die Vorträge über 
Encyclopädie wieder auf, aber mit bedeutend erweitertem 
Zuschnitt, so dass allein dem allgemeinen Theil vier wöchent- 
liche Stunden gewidmet wurden. Als Einleitung trug er einen 
grossartigen Plan vor, in einer Reihe einen Cursus sämmt- 
licher philologischer Disciplinen encyclopädisch zu behan- 
deln. Die hierüber erhaltenen Blätter von seiner Hand ent- 
halten folgende Andeutungen. Die Philologie sei, was sie 
ehemals nicht gewesen, Berufsstudium geworden. Als solches 
habe sie ihren geschlossenen Kreis von Disciplinen, welcher 
in der akademischen Vorbereitung durch Vorlesungen er- 
schöpft werden müsse, wie es in andren Wissenschaften der 
Fall sei, aber noch nicht in der Philologie, wo die Kräfte 
nicht überall ausreichen. Mehr aber als den Studierenden 
irgend eines andren Faches fehle den Philologen eine Ge- 
sammtübersicht ihrer Wissenschaft eben wegen ihrer späten 
Entwicklung zur Selbständigkeit. Hierauf beruhe sein Plan, 
im Laufe weniger Semester einen Cursus sämmtlicher philo- 
logischer Disciplinen . unter dem Namen Encyclopädie zu 
bieten. Er wolle nicht nur eine allgemeine Uebersicht, 

1) Meletematum de historia Homeri fasc. II. comm. IV. Kiel 1839 : 
vgl. Sagenpoesie der Griechen. S. 310 ff. 

16* 



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244 Encyclopädie. 

sondern das Material selbst geben, „ein mittleres Mass hal- 
tend zwischen blossem Grundriss, Gerüste ohne Fleisch, und 
ausführlicher Darstellung emer Wissenschaft. Also; um- 
fang, Grenzen, Eintheilung, jetziger Standpunkt, Hauptge- 
sichtspunkte für Behandlung, Hülfsmittel (was bei Mangel 
an Litteratürkenntniss hier besonders wichtig); aber ausser- 
dem den Stoflf selbst, soweit dies zuträglich und möglich," 
nach Massgabe des praktischen Bedürfnisses. Der gesammte 
Stoflf solle sich auf die einzelnen Semester in folgender Weise 
vertheilen: 1. Allgemeiner Theil. 2. Hermeneutik, Kritik^ 
Grammatik,') letztere a) historische Einleitung, Geschichte 
der griechischen und lateinischen Sprache in ihrer lebendigen 
Entwicklung ; b) Geschichte der klassischen Sprachwissen- 
schaft, also Charakterisirung der Leistungen vielmehr als 
Aufzählung der Bücher und Hülfsmittel; c) Gliederung und 
Grundlegung der grammatischen Systeme; d) Durchgehung 
der einzelnen Theile, überall die Gesichtspunkte angebend, 
die wichtigsten der speciellen Untersuchungen nennend, und 
beispielsweise einige Theile wirklich ausführend. 3. Grie- 
chische und römische Litteraturgeschichte. 4. Mythologie und 
Antiquitäten (Archäologie nur kurz). Jede Abtheilung solle 
ein geschlossenes Ganzes bilden, so dass jeder Zuhörer ein- 
treten könne. wo er wolle. Die Noth wendigkeit eines solchen 
Cursus wurde dargelegt unter nachdrücklicher Bekämpfung 
der banausischen Anschauung, als ob bei der Ausbildung 
des Philologen nur das praktische Ziel, die Schule, ins Auge 
zu fassen sei. „Jammervolle Ansicht des blossen Bedürfnisses 
für die Schule. Für die, so nichts treiben zu müssen glauben, 
als was für die Schule nöthig, rede ich nicht. Sie bedenken 
nicht, wie tief sie sich durch dergleichen gemeine Ansicht 
unter Theologen etc. stellen. Dogmengeschichte: — was 
hat die wohl mit der Kanzel zu thun? Freilich: man kann 
nicht Alles zusammen wissen und treiben. Das wird auch 
nicht verlangt. Man soll aber von Allem wissen ; im rechten 
Sinne. Auf die Einzelheiten kömmt's «gar nicht an; aber des 
Zusammenhanges mit dem Ganzen soll sich Jeder bei seinen 



1) Später hinzugesetzt: 'Metrik.' 



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Hermeneutik und Kritik. 245 

besondern Hauptbestrebungen, auf dieser sich freilich zu 
concentriren hat, bewusst bleiben: allgemeine Eenntniss des 
Wesens der Wissenschaft, des Standpunktes der Gegenwart, 
der Richtungen der Zeit ist nothwendig, so: dass die gross- 
artigen Erscheinungen der Zeit, der Fortschritt der Wissen- 
schaft verfolgt werden kann, dass man ein sicheres Fach- 
werk im Kopfe hat, wo man Jegliches unterzubringen und 
zurecht zu legen wisse. Schon- von dem Gebildeten über- 
haupt wird verlangt, dass er der Entwickelung und Weiter- 
bildung allgemein menschlicher Interessen, geistiger Ten- 
denzen zu folgen im Stande sei; um wie viel mehr von dem 
Fachgelehrten innerhalb seines eigenen Kreises/* 

Getreu dem entworfenen Plan folgte im Winter 1838/9 als 
zweiter Theil der Encyclopädie in dreistiindigen Vorlesungen: 
Hermeneutik und Kritik (zur Grammatik kam es nicht). 
„Niemals hat mir eine reale Disciplin so viel Noth gemacht," 
schrieb er an Pemice (8. Nov. 1838): desto reichere Belehrung 
und Anregung erhielten die Zuhörer.^) In der Einleitung wurde 
die Sprache wegen ihrer doppelten Stellung im System der 
Philologie (Object und Organon) als Kern und Mittelpunkt der- 
selben bezeichnet, die Hermeneutik als die Kunst des Auslegens 
zum Behuf des Verstehens, die Kritik als die des Urtheilens 
zum Behuf der Berichtigung definirt^ Auch für bildliche 
Denkmäler wurden beide Künste (als archäologische Her- 
meneutik und Kritik im Gegensatz zur sprachlichen) in An- 
spruch genommen, aber für den vorliegenden Zweck bei 
Seite gelassen; ausgeschlossen dagegen historische und philo- 
sophische Kritik, weil darin eine Begriflfs Verwirrung herrsche 
(nicht ausgeführt). Beide Disciplinen werden eingetheilt in 
niedere und höhere; zur niederen Hermeneutik wird die 
grammatisch-logische (verbale) und die reale oder historische 
gerechnet. Die Hermeneutik wird geübt nach den vier Ge- 
sichtspunkten des Nationalen, Temporalen, Generischen, In- 
dividuellen. In der niederen Kritik unterschied der Vor- 



1) Leider finden wir nur ein verhältnisBmässig blasses Bild in einem 
Schülerbeft, geschrieben von Fr. Wilh. Beisert, nach der Dedication 
(Praeceptori amplissimo memoriae monumentum esse voluit) zu scbliessen, 
dem scheidenden Lehrer zum Andenken verehrt. 



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246 Hermeneutik und Kritik. 

tragende die äussere (objective^ diplomatische) und die innere 
(subjective). — Am lehrreichsten in dem Abschnitt über 
Hermeneutik war wohl die Gruppirung und Beurtheilung der 
verschiedenen Erkläningsmethoden und der vorhandenen phi- 
lologischen Commentare. Bedeutend ergiebiger war das Capitel 
über Kritik. Eigenhändig findet sich nur Weniges aphoristisch 
auf fliegenden Zetteln hingeworfen. ^Allgemeine Methodik: 
1) Vorkenntnisse haben, 2) der Früheren Meinungen kennen^ 
3) ohne Voraussetzungen dran gehen, 4) den Zweck scharf 
im Auge haben, 5) nicht mit schiefen halben Gedanken ohne 
eindringliche Interpretation sich begnügen, 6) nicht über Un- 
verstandnes fortzuschlüpfen , 6) nicht mehreres neben einander 
gleich richtig, 7) scharfe Scheidung zwischen Möglichem und 
Unmöglichem, 8) W^hrheitsgefühl (Bentley), 9) nicht er- 
müden im Wegeversuchen.^' „Nicht Alles erklären wollen! 
Nicht eher zu kritisiren, bis alle Interpretationswege ver- 
sucht. Beim Kritisiren richtige Mitte zwischen Verwegenheit 
und Feigheit. — Immer eine Möglichkeit nachzuweisen für 
die Annahme, die man macht. — Oft ist das Verderbniss so 
verwickelt, so desperat, so schwer zu übersehen, dass nur 
Eins hilft: scharfe Erwägung dessen was noth wendig stehen 
muss, oder — wo mehrere Gedanken möglich — stehen 
kann; Vergleichung mit Vorhergehendem und Nachfolgendem. 
Dieser Satz führt unglaublich weit. Das so Gefundene zu- 
sammenzuhalten mit den überlieferten Spuren : und nun her- 
über- und hinübergeschlossen." 

Wenn aber die Schüler mit dem Lehrer zufrieden waren 
und auch ihre Zahl sich mehrte, so waren die Eindrücke^ 
welche der Heimkehrende empfing, ziemlich entgegengesetzter 
Art. Er fand, dass er während seiner Abwesenheit viel 
Terrain verloren habe. „Ein ungünstiges Geschick hatte eine 
Reihe sehr wackerer Mitglieder des Seminars auf einmal aus- 
treten lassen ; dadurch war der Zusammenhang der Tradition, 
durch die sich guter Geist und Methode forterbt, abgebrochen, 
und ein neuer Aufbau musste ganz von Frischem beginnen." *) 
Eben deshalb wohl jener Plan eines umfassenden encyclo- 



1) Seminarbericht IQ. Januar 1839. 



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Noth. 247 

pädischen Cursus. Den Anfängern musste vor Allem wieder 
Strenge gegen sich selbst beigebracht, sie mussten in den An- 
fangsgründen gesunder Hermeneutik befestigt werden. Aber 
die Macht des Hergebrachten, die schlechte Vorbereitung der 
Schulen, die sich immer aufs Neue geltend machte, erschwerte 
das Gelingen. Dabei das „mattherzige Provinzialschulcollegium, 
der geschworene Protector aller Mittelmässigkeit und flachen 
Popularität", und ein Oberpräsident (v. Merkel), der in bornir- 
tem Provinzialpatriotismus mit jedem Jahr engherziger wurde.^) 

Auch die alte Geldnoth ging wieder von Neuem an: 
eine Fluth von Forderungen stürzte über den Armen her.^) 
Auf welchen Boden sollte der junge Hausstand gegründet 
werden? Er sandte (am 3. März 1838) eine etwas desperate 
Vorstellung an das Ministerium, wofern in Breslau keine 
Mittel sein schmales Einkommen zu erhöhen vorhanden wären, 
ihn zu versetzen, nach Greifswald an Walch's Stelle oder 
nach Bonn, wo am 20. Februar Heinrich gestorben war. 
Trotz der „unmassgeblichen Bemerkung", welche der Curator 
hinzufügte, „dass eine Versetzung des Bittstellers ein für die 
Universität und insbesondere für das philologische Seminar 
höchst fühlbarer Verlust seyn würde" (7. März), erfolgte 
am 18. Juli der stereotype Bescheid, dass man „für jetzt ausser 
Stande" sei, die nachgesuchte Gehaltszulage zu bewilligen, da 
es dazu dermalen an geeigneten Fonds fehle," so dass der 
sonst immer so Hoffnungsvolle begann, fast kleinlaut zu 
werden, und seinem unsichem Schicksal mit wachsender Ver- 
stimmung entgegensah. Ein schwache Labung, von der sich 
nicht leben liess, waren die sehr freundlichen und anerken- 
nenden Zeilen, womit Nicolovius am 21. Mai und Job. Schulze 
am 23. Juni für die Schrift über die Alexandrinischen Biblio- 
theken dankten. Als einziger „Trost und Hort" blieb ihm 
noch der letztere, als der einzige, „dem es um die Sache zu 
thun ist, oder besser ausgedrückt, der der Begeisterung für 
eine Idee fähig ist, aber zweitens auch der einzige, der sich 
menschlicher Weise näher treten lässt, während kein anderer 
den Menschen, sondern immer nur den vornehmen Mann, 

1) An Graffunder 22. April 1838. 2) An Pernice Februar 1838. 



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248 Heirath. 

den hohen Vorgesetzten, den geschäftsführenden Beamten 
oder Staatsmann zeigt." ,jMeine Hingebung an ihn," schreibt 
er,*) „ist unwandelbar, auch wenn er mich ausschilt," (denn 
wirklich hatte er jene Eingabe etwas übel genommen) „sollt' 
ichs auch einmal nicht verdient haben. Fallen lässt er glaub' 
ich einen honetten Kerl niemals." 

Eine Gelegenheit zu einiger Verbesserung seiner ökono- 
mischen Lage schien dem Bedrängten durch die Erledigung 
zweier Stellen an der Universitätsbibliothek in Folge von 
Wachlers und Unterholzners Tod geboten zu sein. Für das 
Oberbibliothekariat wurde u. A. zunächst an Jakob Grimm 
gedacht, der durch den Göttinger Conflict um seine dortige 
Professur gekommen war. Auf Zureden seiner Freunde be- 
warb sich R. um die zweite Bibliothekarstelle, erklärte sogar, 
wenn es nicht anders sein könne, sich mit einer Custoden- 
stelle begnügen zu wollen.^) Doch blieb dieses Gesuch aus 
guten Gründen unberücksichtigt. 

Unter solchen Auspicien schloss das Brautpaar an Göthe's 
Geburtstag (28. August) 1838 seinen Ehebund: die Trauung 
wurde in dem anmuthigen Trebnitz bei Breslau vollzogen. 
Der Gemahl führte seine junge, schöne und geistvolle Frau 
über Dresden in die sächsische Schweiz, zu den Freunden in 
Leipzig, Halle, Schulpforta, Jena, in das Erfurter Elternhaus, zu 
den Verwandten in Berlin, Stettin, Frankfurt a/0., wo sein 
einziger Bruder als Kaufmann lebte. In Leipzig verhandelte er 
mit G. Hermann, der ihn mit gewohnter Güte aufnahm, über 
die Plautusausgabe.') Leider trübte bald nach der Heimkehr 
ein schwerer Schlag den Himmel des jungen Paares, da R.'s 
geliebte Schwester, die er so blühend verlassen hatte, am 
16. November im Wochenbett starb. Er schrieb an den 
Schwager:*) „Selbst jedem Tröste unzugänglich bin ich gestern 
und vorgestern halbe Tage lang im Felde herumgegangen, 
weil mir das Herz springen wollte zu Hause." 

Indessen bereitete sich die wichtigste Wendung in dem 
Schicksal unsres Freundes vor. Am 12. September starb 

1) An Graffunder 28. Mai 1838. 2) Eingabe vom 11. Juli 1838. 
3) An Stenzler 12. September, 7. October 1838. An Hermann 10. Fe- 
bruar 1839. 4) Brief ohne Datum, erhalten den 25. November. 



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Johannes Schulze. 249 

Ferdinand Naeke in Bonn. Die Wiederbesetzung seines Lehr- 
stuhles wurde von der Regierung mit Recht als eine Lebensfrage 
betrachtet, weil auf dem Bonner Philologen das ganze Rhei- 
nische Schulwesen beruhte und von ihm zugleich eine ge- 
wisse Vermittelung der katholisch-protestantischen Reibungen 
in Beziehung auf Schulverhältnisse erwartet wurde. Der 
einflussreiche Referent für üniversitätsangelegenheiten, Geh. 
Rath Johannes Schulze, hatte die üeberzeugung, dass Nie- 
mand besser nach Bonn passe als R. Seinem Andenken gebührt 
die offne und nachdrückliche Anerkennung, dass es nicht die 
Einsicht der Facultäten oder üniversitätsbehörden gewesen 
ist, welche eine Kraft, die zum Lehren wie Wenige ge- 
schaffen war, in die ihr gebührenden Bahnen rief, sondern 
dass der gesunde sachliche Blick jenes Mannes, welcher in 
mehr als vierzigjähriger Wirksamkeit mit hingebender Be- 
geisterung für echte Wissenschaft und umfassendem Ver- 
ständniss der Menschen wie der Verhältnisse die Blüthe der 
preussischen Hochschulen und durch sie der Gymnasien, so 
viel an ihm lag, gefördert und aufrecht erhalten hat, der 
eigentliche Begründer und bis zuletzt der verständnissvollste 
Pfleger von Ritschl's rühm- und segensreicher Lehrthätigkeit 
geworden ist. Zweimal hat er denselben gegen die Wünsche 
der akademischen Körperschaften an Stellen gesetzt, welche 
vorzugsweise geeignet waren, seine eigenthümlichen Gaben 
voll zu entwickeln: der Erfolg hat sein Vertrauen nicht nur 
auf das glänzendste gerechtfertigt, sondern in ungeahnter 
Weise überflügelt. Aus dem fast väterlichen Verhältniss 
des hochstehenden Gönners zum aufstrebenden jungen Schütz- 
ling (wie oft wird er nach seiner Art ihn „liebes Kind" ge- 
nannt haben), erblühte mehr und mehr eine aufwachsender 
Bewunderung der grossartigen Leistungen desselben und gegen- 
seitigem Verständniss der Naturen beruhende Freundschaft, 
die bis zum Tode des Aelteren auch . in vertraulichem 
Briefverkehr gepflegt ist.^) 

1) R. an Joh. Schulze 31. Juli 1858: „Dem leiblichen Vater, der 
mich gezeugt, und dem geistigen, der mich zum Philologen gemacht, 
hat meine Empfindung seit drei Jahrzehnten Sie als den dritten Wohl- 
thäter meines Lebens gesellt/* 



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350 Bonner Professur. 

Von allen Seiten stiess die Absicht des einsichtigen 
Gönners auf Widerstand. Im Ministerium dachten Andre 
in erster Linie an C. Fr. Hermann, der damals in Marburg 
eine sehr geschätzte Wirksamkeit ausübte, in zweiter u. A. 
an Lehrs. Die Facultät schlug ausser dem erstgenannten 
unter Andren (wie Madvig, Haase) Reinhold Klotz vor. Der 
Curator Rehfuss setzte sich mit Hartnäckigkeit auf den katho- 
lischen extraordinarius Franz Ritter. Namentlich auch in 
Berlin fehlte es nicht an solchen, welche R.'s Berufung nach 
Bonn weder wünschten noch billigten. Dem Minister, so 
grosse Stücke er sonst auf ihn hielt, war er noch zu jung. 
Andre machten den eben so bequemen als wohlklingenden 
Grundsatz geltend, „man dürfe nicht eine inländische Univer- 
sität zu Gunsten einer andern berauben^^: da R. einmal in 
Breslau an seiner Stelle sei, so solle er auch in Breslau bleiben. 
Selbst Welcker hatte dieses Princip, dessen Durchführung nur 
die Verknöcherung der akademischen Lehrkörper zur Folge 
haben würde, in seinen Anträgen geltend gemacht. Dass der 
Breslauer Curator ihn für unentbehrlich erklärte, war ganz 
in der Ordnung. Noch im October war R. ganz desperater 
Stimmung: nach den Erfahrungen des Sommers hatte er, wie 
er schreibt,^) ein Gelübde gethan, „nie wieder in das Bettelhorn 
zu stossen^^ und abzuwarten, ob man ihm etwas anbiete. 

Wirklich erging im December ein Ruf zunächst an 
0. Fr. Hermann, aber in einer Form, welche denselben zu 
sofortiger Ablehnung bewog. Trotzdem hegte R. noch um 
Weihnachten nur geringe Hofl&iung, hatte sich vielmehr in 
Gedanken schon auf sein Verbleiben in Breslau eingerichtet, 
als am 3. Januar 1839 das vom 24. December datirte Be- 
rufungsschreiben eintraf, ein köstliches Weihnachtsgeschenk. 
„In Rücksicht auf' seine „bisherige erfolgreiche und verdienst- 
liche Wirksamkeit*' erklärte sich das Ministerium geneigt, 
ihm die Naeke'sche Professur zu übertragen. In der Eigen- 
schaft eines ordentlichen Professors der classischen Philologie 
und der Beredsamkeit wurde ihm eine jährliche Besoldung 
von 1100 Thlrn., für die Mitdirection des philologischen Se- 
minars die etatsmässige jährliche Remuneration von 75 Thlrn. 

1) An Stenzler 7. October 1838. 



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Welcker. 251 

geboten. Für den Fall der Annahme, über die er sich ;,bald'* 
zu erklären hatte, sollte er sich so einrichten, dass er un- 
mittelbar nach dem Schlüsse des Wintersemesters abgehen 
könne. Unter so überraschend günstigen Bedingungen er- 
schien ihm die Zusage selbstverständlich. Auch sah er in 
dem Wechsel eine Erfrischung, die zugleich für seine wissen- 
schaftliche Förderung wohlthuend sein werde. Schon am 
8. Januar erklärte er dem Minister die Annahme des Rufs, 
zugleich machte er dem Decan Anzeige von seinem Ent- 
schluss. Die Breslauer Facultät und der Curator thaten zwar 
sofort energische Schritte, das Verbleiben des hochgeschätzten 
Collegen in Breslau unter gleichen Bedingungen vom Minister 
zu erbitten. Eine von Solineider entworfene, am selben Tage 
einstimmig beschlossene Vorstellung ging, vom Curator be- 
fürwortet, am 18. nach Berlin ab, hatte aber, wie auch wohl 
erwartet wurde, keinen Erfolg. 

Auch meldete R. selbst am 19. Januar 1839 seine bereits 
von den Zeitungen angekündigte Berufung an Welcker, ohne 
jedoch die Sache als bereits völlig entschieden hinzustellen. Ge- 
wiss war es aufrichtig gemeint, wenn dieser am 30. desselben 
Monats den neuen Collegen versicherte, dass er unerachtet der 
verschiedenartigen Anträge sehr willkommen sein werde. Schon 
mancherlei freundliche Berührungen in Briefen waren seit 1833 
vorausgegangen. Mit Grund durfte Welcker auf ein entgegen- 
kommendes Verständniss seiner Richtung hoffen. Als R. sein 
Interesse an den Arbeiten des sinnigen Forschers über den 
epischen Cyclus warm geäussert hatte, erwiderte derselbe: 
„Wenn etwas ausser der Sache selbst mich zur Vollendung 
mancher, in sich zusammenhängender Arbeiten nach derselben 
Richtung hin, ermuntern kann, so ist es das Eingehen von 
Kritikern und Alterthumsfreunden Ihrer Art, von Männern, 
die historische und sprachliche Gelehrsamkeit ehren und be- 
sitzen ohne das ideelle Gepräge der edleren Producte des 
Alterthums zu versäumen und unterzuordnen.'^^) Als dann 
die italiänische Reise näher rückte, sprach er aus, wie grosse 
Hoffnungen er auf die wissenschaftliche Ernte setze, welche 
R. heimbringen werde. „Es ist ein seltenes Glück für Sie, 

1) 3. Februar 1836. 



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252 Versetzung. 

dass Sie in dem Alter, wo man überhaupt am liebsten and 
am erspriesslichsten Italien kennen lernt, mit den allgemeinen 
Zwecken einen so bedeutenden, so viel versprechenden und 
so wohl vorbereiteten besondren verbinden können, und für 
den Dichter (Plautus) ist das Zusammentreffen Ihrer Beise 
und Ihrer Vorbereitungen nicht minder günstig."^) In Göttingen 
(1837) hatten sich dann beide zuerst persönlich kennen gelernt. 

Den glücklichen Abschluss der Verhandlungen mit dem 
Ministerium bezeichnet ein Schreiben Joh. Schulze's vom 
25. Januar mit der Meldung, dass er ,piach sorgfältiger Be- 
rücksichtigung aller betreflfenden Verhältnisse für räthlich er- 
achtet" habe, R.'s Versetzung nach Bonn in Antrag zu bringen. 
Er hoffe, dass es demselben gelingeniwerde, „die von den Herren 
Heinrich und Naeke gegründete philologische Schule nicht 
nur zu erhalten, sondern auch noch zu einer höheren Blüthe 
zu führen." Zugleich wird er aufgefordert „vertraulich zu 
sagen", was er „für nöthig erachte, um das philologische 
Studium auf der Breslauer Universität in seinem bisherigen 
Flor zu erhalten."^) 

So hatte denn der Dreiunddreissigjährige doch noch ver- 
hältnissmässig früh genug eine akademische Stellupg er- 
rungen, welche nicht nur versprach, ihn der kleinlichen 
Sorgen um das tägliche Brod zu entheben, sondern seinem 
Genius eine Bahn eröffnete, auf der er sich voll entwickeln 
und die gereifte Kraft entfesseln konnte. Aus diesem Ge- 
fühle quoll ^ein überfliessender Dank an das Ministerium. 
Auch Moritz Haupt, damals Docent in Leipzig, welcher in 
warmen Worten seine Freude aussprach, dass die Regierung 
lieber an R. gedacht habe, „als an den hiesigen", war der 
Meinung, „ein Thüringer müsse sich am Rhein besser be- 
finden als in Halbpolen".') Etwas skeptisch und mehrdeutig 
dagegen klang des archäologischen Onkels Panofka frommer 
Wunsch,*) Eirene, welche sich an der rheinischen Grenze wieder 



1) 19. April 1836. 2) Es war eine ungewöhnliche und uner- 
wartete Gunst, dass eine k. Cabinetsordre vom 29. Januar eine Um- 
zugsentschädigung von 300 Thlrn. gewährte. Das officielle Versetzungs-^ 
decret datirt vom 14. Februar. 3) An R. 21. Januar 1839. 4) 22. Ja- 
nuar 1839. 



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. Letzter Seminarbericht. 253 

eingestellt; möge das junge Paar mit Plutos im Arme in 
Bonn empfangen. 

Wir übergehen die kleinen Misshelligkeiten, welche sich 
an die Verhandlungen über den Nachfolger in Breslau 
knüpften. Ritschi war im Interesse der Sache und im Ein- 
verstandniss mit Schneider der Meinung, dass ein tüchti- 
ger junger Philologe an seiner Statt für die Leitung des 
Seminars von aussen zu berufen sei. ^) Er dachte an Sintenis 
(der aber erklärte bei der Schule bleiben zu wollen), an Sauppe, 
Bergk, Schneide win, Lehrs. An keinen der Vorgeschlage- 
nen gelangte ein Ruf. In seinem letzten sehr eingehenden 
Seminarbericht*) fasste der Scheidende noch einmal die 
Summe seiner Erfahrungen, Anschauungen und Ueberzeugun- 
gen mit offenem und lebhaftem Ausdruck zusammen. Dieses 
Actenstück ist vorzüglich geeignet, unsre Kenntniss von 
der Methode und den Grundsätzen des jungen Breslauer 
Seminardirectors zu ergänzen. Namentlich über den uner- 
setzlichen Werth persönlicher Einwirkung auf den Einzelnen 
als frei gesuchter und gern gewährter Ergänzung der amt- 
lichen Unterweisung dachte der Schüler Reisigs, welcher dem 
Umgange mit seinem Meister so viel verdankte, bereits da- 
mals ganz ebenso, wie er in der Folge auf empfänglicherem 
Boden so glänzend durch die That bewährt hat. Es war ihm 
„zur immer bestimmteren Erfahrung und Ueberzeugung ge- 
worden, dass, wie überhaupt der persönlich-moralische Ein- 
fluss auch auf die Betreibung der Wissenschaft der entschie- 
denste und bedeutendste ist, so insonderheit die Anregung 
des Privatverkehrs noch wirksamer und fruchtbarer flir die 
jungen Leute sei, als die öffentlichen und amtlichen Seminar- 
übungen selbst, ohne die jene Anregung freilich gar nicht 
gedacht werden kann, und wodurch sie erst Mass, Form und 
Regel erhält. Aber jene Privatannäherung ist nie zu er- 
zwingen, sondern muss Sache des freien Vertrauens sein; 
gewaltsame Herbeiführung — wenn selbst Neigung zu solcher 
Aufdrängung sich herabzulassen, vorhanden wäre — gäbe leicht 
zu Missdeutung und Misstrauen Anlass, erscheint dem in 

1) Ah Pemice 4. Februar, an G. Hermann 10. Februar, an Lehrs 
7. September 1839. 2) 10. Januar 1839. 



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254 Letzter Seminarbericbt. • 

diesem Punkte ziemlich empfindlichen Studierenden leicht als 
Beschränkung seiner Freiheit und Selbständigkeit." Er be- 
richtet, dass er zur Ergänzung der Seminardisputationen 
jedesmal; wenn ein Gegenstand in der bestimmten Zeit nicht 
hatte erschöpft werden können , noch besondre Privatbespre- 
chung eintreten Hess, die sich ihm mehr und mehr als 
fruchtbar erwiesen hätten, „indem schon der Gebrauch der 
lateinischen Sprache im Seminarium den Ungeübten ein klares 
Verständniss erschwere, ausserdem auch Irrthümer und Miss- 
griflPe in Gegenwart andrer Commilitonen weniger willig zu- 
gegeben werden." Denn dort lasse er den Gebrauch der deut- 
schen Sprache nur ausnahmsweise eintreten, wenn es darauf 
ankomme, „in Fällen besondrer Unfähigkeit, Schwerfälligkeit, 
Verkehrtheit einen einzelnen Seminaristen durch Beschämung 
zu strafen": was noch immer gute Wirkung gethan habe. In- 
dem er jeden Zögling seines Seminars mit meisterhaftem 
Griflfel charakterisirt,^) auch was von der Zukunft des Ein- 
zelnen zu erwarten sei, unter Umständen andeutet, nimmt er 
Gelegenheit, auch über die Gefahren der Selbstüberschätzung, 
welche zu leichtsinnigem Betreten der akademischen Lauf- 
bahn führe, ein kräftiges (freilich vergebliches) Wort an das 
Ohr der Regierung gelangen zu lassen. „Ein Unglück aber 
ist es, wenn Leute von so mittelmässigem Standpunkte ihre 
Talente und Kräfte dergestalt überschätzen, dass sie sich der 
akademischen Laufbahn widmen zu können vermeinen . . . 
Es kann ein junger Mann durch angestrengteste Arbeit-... 
zu einem gewissen Grade philologischer Routine, zu Littera- 
turkenntniss und einer äusseren Geschicklichkeit gelangen, dass 
eine Facultät, ohne hart zu sein, ihrerseits ihm die Geneh- 
migung seiner Habilitation nicht wohl versagen kann; und 
dennoch kann die Kenntniss der Seminardirectoren von ihm 



1) Zum Beispiel: „H. ist ein leichtf aasiger Franzos, ein heiteres 
und gewandtes Gesellscbaftsmänncben, eine helläugige Einderseele, die 
mit grosser Unschuld und Unbefangenheit in die Welt hineinguckt. 
In der innigsten Uebereinstimmung mit dieser Persönlichkeit steht sein 
wissenschaftliches Treiben; er ist zwar nicht ohne Lernbegierde, aber 
die Oberfläche der Dinge genügt ihm, strenge Anforderungen an sich 
selbst zu machen ist ihm nie eingefallen." 



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Letzter Seminarbericht. 255 

einen sichern Massstab dafür gewähren^ dass es nie gelingen 
werde, angebomen Mangel an Klarheit der Gedanken und 
an gründlicher Sprachkenntniss zu überwinden. Der Univer- 
sität können solche schon im Voraus als verunglückt zu 
bezeichnende Versuche nur zur drückenden Last werden, und 
im eigensten Interesse derer, die sie beginnen, wäre ihre 
Unterlassung dringend zu wünschen. Der einzige der seit 
sechs Jahren durch das hiesige Seminar gegangenen jungen 
Männer, der nach des unterzeichneten Ueberzeugung bei fort- 
gesetzter Entwickelung sich zu dem Standpunkte hinaufarbeiten 
konnte, um einmal das Fach der classischen Philologie an 
einer Universität zu vertreten, wäre MarkschefFel gewesen; 
allein er begehrte gar nichts Andres, als ein tüchtiger Schul- 
mann zu werden, und der Unterzeichnete war weit entfernt, 
ihn darin irre zu machen, da den Schulen heutigen Tages mehr 
als je Männer von gründlicher classischer Bildung noth thun." 
Der Hauptaccent dieses Breslauer Schwanengesanges war 
aber auf einen oft beklagten Uebelstand gelegt, welcher das 
Gedeihen der philologischen Studien in Breslau und die be- 
friedigende Ausbildung insbesondre der gegenwärtigen jungen 
Generation des Seminars hindere , dass nämlich „die neu ein- 
tretenden das Schicksal fast aller jetzigen Abiturienten schlesi- 
scher Gymnasien theilten, eine mangelhafte, oder doch sehr 
mittelmässige Schulbildung, namentlich in den classischen 
Sprachen, zur Universität mitzubringen,^^ daher eine Erhebung 
aus eigener Kraft nicht wohl von ihnen zu erwarten sei. 
Diese Bemerkung machte auf den Minister solchen Eindruck, 
dass er sie dem Breslauer Provinzial-SchulcoUegium mit- 
theilte und demselben aufgab, im Fall der Uebereinstimmung 
„wohlmotivirte Vorschläge" zur Besserung des berührten 
Uebelstandes zu machen.^) Jene höchst empfindliche Behörde 
schüttete dann freilich in einem langen, aus der Feder Menzers 
geflossenen Bericht^) die volle Schale ihres wolil schon lange 
genährten Missvergnügens nicht über, sondern hinter den bereits 
aus der Provinz geschiedenen Ankläger aus. Indem sie seine 
Aeusserung als eine „übereilte" bezeichnete, beschwerte sie 
sich nachträglich, dass „die Forderungen des p. p. Ritschi zu 

1) Erlass vom 31. März 1839. 2) 11. Juni 1839. 



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256 Replik. 

weit in das dem Gymnasialzweck entfernte Gebiet der philo- 
logischen Literatur und wissenschaftlichen Metrik, nach der 
stricten Observanz einer neueren Schule, sich erstreckt hätten." 
Die neueste Metrik habe kein andres Ergebniss für die Schulen 
gewährt; als dass die Eingeweiheten zwar viel von der Basis 
und Anakrusis, von der Thesis und Arsis, von proceleus- 
matischen, dochmischen und andren Versarten zu sagen wissen, 
aber die Kunst Verse zu machen, die sonst vermittelst der 
alten einfachen Metrik auch wohl schon Schülern beigebracht 
wurde, selbst nicht ausüben." Hierauf eine hitzige Philippica 
über die neue philologische Lehrmethode, welche die Mehr- 
zahl der Schüler nur mit Ekel und Widerwillen gegen die 
alten Sprachen erfülle, das leichte Verständniss und die ge- 
läufige Anwendung des lebendigen Wortes ungemein er- 
schwere, mit dem schlagenden Hinweis, „dass weder die 
Römer das Griechische, noch die Germanen und Slaven des 
Mittelalters das Lateinische verstehen, sprechen und schreiben 
gelernt haben würden, wenn in ihren Schulen diese Methode 
geherrscht hätte." Nur wenn auch die alten Sprachen wieder 
„in der natürlichen Weise, wie von jeher Sprachen erlernt 
worden sind"/, „ohne die Spitzfindigkeiten und Künsteleien" 
des „modernen Alexandrinismus" mit der Jugend geübt wür- 
den, sei eine Besserung zu hoffen. Und dieser Hofl5iungs- 
blick ist auf den Nachfolger, Ambrosch, gerichtet, welcher 
gleiche Wünsche hege und gewiss bemüht sein werde, die 
Verwirklichung derselben bei Anleitung der künftigen Gym- 
nasiallehrer nach seinem Theile zu befordern. Man sieht; 
die Bestrebungen der eben verflossenen Periode, den Lehrer- 
stand Schlesiens und Posens auf die Höhe der Wissenschaft 
zu heben, hatten sich bei den Leitern der Praxis keines Bei- 
falls zu erfreuen gehabt. Mit der Genügsamkeit eines be- 
quemen Banausenthums sahen sie in handwerksmässiger Zu- 
richtung des Schulmeisters das einzige Heil, und in der Wal- 
lung gekränkter Eitelkeit machten sie den Vertreter der 
Wissenschaft, welcher ihr einen weiten Horizont und freie 
Bahnen öfl&iete, welcher in hingebendem Idealismus die Geister 
zu wecken und die Gewissen zu schärfen bemüht war, ver- 
antwortlich für das Unheil, welches von jeher durch Pedan- 



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Abschied. 257 , 

iismus und Einseitigkeit ungeschickter Pädagogen auf Schulen 
erzeugt worden ist 

Auch liess sich der einsichtige Joh. Schulze durch 
solcherlei Declamationen nicht in-e machen, und beruhigte 
seinen Schützling, der von dem hinter seinem Rücken aus- 
gebrochenen Sturm gehört hatte, mit folgenden Zeilen:^) 
„Wegen Ihres Seminarberichts lassen Sie sich keine grauen 
Haare wachsen; das Ministerium wusste und weiss ihn zu 
ehren und die Mittheilung desselben an das königliche Pro- 
vinzial-Schulcollegium in Breslau, welche mir im Interesse 
der Sache nöthig schien, wird gewiss gute Früchte tragen. 
Ist die Vorliebe der Schlesier für Alles, was in Schlesien ist, 
durch den Inhalt Ihres Berichtes in etwas verletzt worden, 
so darf Sie dies nicht weiter bekümmern: minima non curat 
praetorJ^ 

Besser als das SchulcoUegium wussten die Schüler das 
Verdienst ihres Lehrers zu schätzen. Dies bewies einleuch- 
tender als der solenne Fackelzug, welchen die Studenten 
dem Scheidenden brachten, die Widmung einer gediegenen 
lateinischen Abhandlung über die Responsionen bei Ari- 
stophanes, verfasst von Robert Enger, dargebracht von 
34 Seminarmitgliedem, sowohl gegenwärtigen als früheren 
seit Beginn der Breslauer Periode. Mit dem zutraulichen 
Ausdruck der Freude, dass der verehrte Lehrer nunmehr in 
bessere Umstände komme, verbindet die vorausgeschickte 
Ansprache das Bedauern, dass es den Unterzeichneten um- 
gekehrt ergehe, indem sie eines Leiters und Freundes be- 
raubt würden, wie er nur Wenigen gegönnt sei. Sie rühmt 
in kurzen schlichten Worten, wie er verstanden habe. Jedem 
den richtigen Weg zu zeigen, Anlage und Neigungen der 
Einzelnen zu durchschauen, die Strebsamen zu unterstützen, 
mit welcher Güte er die Rathsuchenden jederzeit aufge- 
nommen, belehrt, in jeder Weise gefördert habe. 

Freilich die bedeutendste Frucht hatten die sechs 
Breslauer Jahre mit ihrer italiänischen Episode ihm selbst 
eingetragen. Sie hatten seine allseitige Ausbildung in 

1) An R. 31. Oetober 1839. 

»tbbeck, F. W. Ritschi. 17 



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258 Ergebniss. 

der Wissenschaft wie im Verständniss der Kunst, in der 
Eenntniss des Lebens und der Welt zur vollen Reife ge- 
bracht. Auf sprödem Arbeitsfelde hatte er in durchgrei- 
fender Thätigkeit seine Kraft gestahlt, Ziel und Methode 
seiner Lehre festgestellt, und die Bedürfnisse der Universität 
sowie der Schule gründlich beobachtet. Endlich hatte er 
sich einer grossen wissenschaftlichen Lebensaufgabe und einer 
Quelle der Forschung bemächtigt, welcher ungeahnte Schätze 
zu entheben ihm vorbehalten war. 



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Beilagen. 



17* 



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Zu S. 3. Das Adelsdiplom ist abgedruckt in dem Buche 
„der so nöthig als nützlichen Buchdruckerkunst und Schrift- 
giesserey zweyter Theil" (Leipzig 1740) S. 27 — 33, eine vom 
Comes Palatinus Maximilian Joseph von Minzenried zu Wien 
1717 ausgefertigte Confirmation und Erneuerung des adligen 
Standes und Wappens für die Gebrüder Theodoricus Rudolf 
(Stadthauptmann in Erfurt) und JSieronymus Philipp Ritschel 
von Hartenbach, sowie für des ersteren drei Söhne Emanuel 
Rudolph, Johann Rudolph und Johann Wilhelm. Schon 
der Gross vater von Theod. Rudolph, Namens Georg, war wegen 
kriegerischer Verdienste in den adligen und Freihermstand er- 
Ijoben worden; der Sohn desselben, Christoph, ist in 14 Haupt- 
schlachten und Treffen gewesen, und hat sich in Kriegsdiensten 
des Kaisers wie andrer Potentaten viel „meritiret gemacht". Eine 
Adelsbestätigung für letzteren, vom Kaiser Rudolph II., de dato 
Prag 1581, worin dessen Wappen mit einer Krone über dem 
Helm vermehrt wird, soll sich im Kais. Reichs-Hofarchiv zu Wien 
befinden. Obengenannter Johann Wilhelm (1705 — 1761), Buch- 
drucker in Erfurt, verheirathet mit Friderike Tennemann, 
Tochter des Diaconus und Gymnasialprofessors T. in Erfurt, war 
unsres Helden Urgrossvater. Dessen Sohn, Georg Wilhelm, 
wird noch auf seinem Leichencarmen mit vollem Namen genannt 
Das in obengenanntem Buche (Tab. IV zu p. 27) abgebildete 
und S. 30 beschriebene Wappen stimmt mit demjenigen überein, 
welches die Familie noch gegenwärtig führt. 

. Zu S. 11. Den Geburtstag Spitzners, den 31. Oct. 1824, 
feierten gedruckte lateinische Distichen, nicht ohne Fehler, welche 
R. später in seinem Handexemplar verbesserte und mit der sub- 
scriptio versah: Vettern me hoc Carmen non fecissef Der Titel 
lautet: r 

Diem natalem Frcmcisci SpU^neri praec&ptoris plurimum vene» 
randi pio gratoque animo celebraiwri ohttUenmt 

Frid, Gull, Bitschi Eduardtts Brauer 

Constantinus Schmalfuss Thancmar Seyferth 
Leopoldus Weher Franciscus Otto 

Mauritius Niese Alexander Schmalfuss 

Henricus Schoenefeld, 
Vitehergae d. XXXI. Octöbr. CIOIOCCGIV (so!) corrigirt XXIV. 



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262 

Dem Amtsantritt des Subrectors Job. Görlitz gilt ein 
andres Carmen, gleichfalls in lateinischen Distichen: Yiro amplis- 
simo dodissimo loamii Goerlitz mhconrectoris et dodoris superiaris 
mtmus in inclyto Lyceo Wittenbergensi rite auspicato d. d. d. öbvia 
stttdiosae iuventtUis pietas interprete Fr id. Guil, Bitschi, Thuringo. 
Wittenbergae, d. XIV. Januar. 1825, Als „Noth- und Zwangs- 
gedicht bei. Matthey's Abgange von FWR, 1824" ist von dem 
Verf. ein Abschiedsgedicht an vier Wittenberger Abiturienten be- 
zeichnet, gereimte Strophen in deutscher Sprache, nüchtern und 
etwas bombastisch. Erhalten ist auch ein Geburtstagscarmen 
für den Vater: Fatri desideratissimo diem natalem LIIL pio 
gratoque animo gratulatur Fridericus Guilielmus BvtsM, stttdiosus 
phüölogiae Hdlensis. Hälae Saxonum, a. d. Till. OoA. ItU. a. 
CIOIOCCCXXVI. 

Da das im Text erwähnte griechische Epyllion auf die 
Schlacht bei Breitenfeld und die lateinischen Distichen für 
Görlitz im fünften Bande der opuscula ihren Platz gefunden haben, 
so gebe ich hier als Proben dieser jugendlichen Muse 1) die AJb- 
schiedsworte der Antigone in griechischen Distichen (1822 : 
vgl. S. 11); 2) initia musices et poeseos apud Graecos 
(vgl. S. 17); 3) das oben erwähnte GeburtstagsCarmen für 
den Vater. 

TCu ß(i|j xaip€iv \ifei 'Avtiyöv»i (cocpoKX. dvxiT. ct. 883 sq.)- 
*Q Tt!»|LAßoc CTUT€pöc, Kttl v^pTCptt KcOOctt "(aiiyc, 

OIkoc deicppoupoc, xöv Z6(poc djiicplc ^x^i' 
Ol ye&Tr\y öhöv eljui', öpdav unoOc t€ <p(Xouc xe, 

Oöc irXeiCTOUC b^x^^cii TT€pC€<p6v€ia ö6|lioic. 
TTpüLixa TraxiPip T^p ^|laöc, |LAd\* drrexOiPic näci öeoiciv, 

"QXex*, ^n' diLAnXaKiijc öiLAjuiax* dpaEd|Li€voc. 
Aöxdp Irreix* dXoxoc, |li/ixtip 6' d|LAa, |LAaivd6i XOcci;i 

"Hv &Ti]v cxuY€pi?|v TTÖXX' öXo(pupa|Lidvii 
AeuToXdov ßpöxov %ax* d<p' öipnXoto |LA€Xd6pou' 

^v%i\ ö' de *At6iiv Cpx^T' dTroirxa|Lidvii. 
Oö hr]p6v |LA€x^Tr€ixa Kac(Yvr]xoi Kai öiraxpoi, 

Oöc |L4(a |LAOi iLAi^xiiP T^Waxo xiiXuT^xouc, 
"'AXX/)Xoic Htcpdccci (pövov xal Kfjpa xiO^vxec, 

*€Ha(<pvT]c Kaxdßav öiöiii' 'Atbao iLxdXav. 
NOv b' tf\h ^cxdxT) eI|LAi, iiAÖpov netcouca KdKicxov 

(TTplv t' ^paxoO ßiöxou iiA^xpov dv ^Eikö|laiiv) , 
AeOccouc' dnaiLAdxou v^axov <pdoc 'HcXtoio, 

AeiX/)! xfjv aöxVjv ÖKpuöcccav öööv 
OOk^x' ^<pu|Livrie€tc* ^TriVU|L4<pi6(0lC (>|Li€va(oic, 

OÖx€ xpocpf^c iraiöujv, oöxe xuxouca xdiiAOu. 
'AXXd |LAOi dXOoiicij indXa ^Xirexai öXki|liov i^xop 

(0Ö6' ^Xirlc K€V€i\ O^XHei iyii\v KpahiY\v) 



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263 



'Acirad»! ila^v Traxpl, <p(X»i bi t€ yMyzipi kcövQ 

"HHeiv, co( ö* aÖTtfi, ööc|LAOp* döcXcpd, qpiXil, 
'T|LA€ac olKTpd Oavövrac tirel X€ip€cci Xöccca, 

Ka( t' ^ttI cifi KaOapdc TU|LAßip IhwKa xodc. 
'Av6' uDv vöv, TToXOv€iK€C, ^|lioI Kpax^p' dX^c' örriccu), 

*lvax(ric KoOp»ic rrdvOei öinoiÖTara- 
El Kai dOq)pov€C ävbpec IrraivoOciv xdöe IpTci, 

Otc t(|la»ic* dxacpov cöv ö^iiiac alvoTraOrjc. 

0<)bi Y^Pi O06d K€V €l xdKVUJV |LAl^T»lp TTOX' dxOxOlIV, 

Oö6\ el i[xoif€ ii6cic Tir|KeTO, XuTpd Oavibv, 
'IcTUi Zeuc, d^Kirn ttoXitiöv |la6x0ov ÖTr^crr]v 

Tot6v6', dvxl ß(ou ttötilaov ^XoOca KaKÖv. 
'H|L4^v dW|p Kd ^01 dXXoc ^y\v, npordpoio Oavövxoc, 

Mhi Kai il aÖToO r^Kva q)UT€u6|LA€va. 
M»iTpö<; b' €lv 'Atbao K€K€u6u(nc ihi naxpöc, 

Tic, TTÖÖcv dv ßXacTot K€bvöc d6€X<p6c ^|Liol; 
Tolip bi\ pa vö|Liiji c€ c€ßacca|LA^VT] |la^t' d|LiapT^v 

ToÖTOic, Kai ToX|LAäv TÖXiLAara belv* tbÖKOUv 
Tu)v 6' ?v€k' dpxöc dvfjp, <h dbeXqpeioO ila^voc /|0, 

OÖTUI d€lK€(l) VOV Tr€p(eCTr€V ^|LAd* 

TßpiCT/|c, dceßi^c, de€|Li(cTia bcivd t€ el6ij(ic, 

OÖT€ ßpOTUIV öclbUJV, OÖT€ ÖcOlIV T€ VÖ|L10UC* 

"Oc |LA€ (plXuiv TfdvTUiv |L4dX' ^pi^M^v "Aiöoc ekui 

Zdicav npöc v€KpoOc ^b* 'Ax^povx' dirdtei. 
Kai liva bi?i Trapaßdca Oeuiv aleiTevcrduiv 

'Aqppodrvij C€|lavi?iv, alxlii €1|laI, 6(k»iv; 
'AXXd t(v' cldxi xpi^ M* ^ci6€lv jmaKdpuiv dXeiuprjv; 

"H t(v' ^Tttipclnv Hu|LA|Liaxlnv T€ KoXdv; 
Aucccßlriv Tdp ^X"', ti?|v eöceßiriv ceßkaca, 

'Avbpuiv Trp6c Toltüv xoia iraOoOca KaKd. 
'AXX' €l |LA^v xdbe ^pTa Oeotciv ^/jvbavev aöxolc, 

IuTTvuü|L4r]v ^xöpotc 6ijüco|la€v d|L4TrXaK(ric* 
€1 6* öt' d|LAapxdv€i aCixöc dvaEj |lii?| TrXelova irdcxi^, 

"H |la' dMKuic Ipbij |Li^p|Liepa beivd, Kpduiv. — 
Oi|Lioi! — tnoxpOvci qpOXaKac |LidXa KapxcpoOO^iouc ! 

0eö! -— XÖTOC €!p»ixai höxilaou ö6* ^TT^Tdxu)! 
Xatpd |Lioi, ^TTxamiXou 0/|ßiic rraxpiiiiov dcxu, 

Xalp€ |LAdX' *Avxiy6vi3, rraxplc dpoupa qpiXr]! 
Mvir|cax€, KaXXixdpou 0ir|ß»ic ^YX^pio* dvbpec, 

Koöpai 6' äßpOKÖfiai, inv/jcax* ^fioO <p0i|LAdvric ! 
^'H xdxa xaXKobdxoici Kaxa2€Ux6if|CO|LAai aöXatc, 

TTexpaioic becno%c* o<)bi irox' il "AXbew 
'Avv€!|Liar xCJi b" öjuijuii \iy\u x^^P^iv iiidXa ndciv, 

AOcjuiopoc alvojüiöpifi Knpl öajmaccajLidvri. 

neTTodiKa kv ^Eptpopbiq. 1822. 



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264 



Initia musices et poeseos apud Graecos}) 
Adspirate, precor; dubia nova carmina fundam 

Voce; favete meis dique deaeque modis! 
Nam veteris Latii dulci cdehräbimm ore, 

En, ad Germanam nomina vestra chelyn, 
Quos liquido quondam demissos cülmine Olympi 

Excepit grata terra heata sinu. 
Et subito spirat solito generosior ardor, 

Plenaque divino numine cuncta cälent. 
Vos etenim generi caelestia dona tulistis 

Humana: cantum, carmina, plectra, choros. 
A love prindpium; nam te, Coryhantes hahehant, 

Queis custadireni, tinnula sistra manu. - 
Nee mora: fert nectar super aequora nava palumbes, 

Mellaque, Dictaeis ohsequiosa sonis. 
Fertu/r et infracta puppi, Berecynthia maicr, 

Ad tua Neptuno littora iactus Atys 
Arma gravi sonitu, crepitantia cymbala süvis, 

Tympa/naque ad Phrygias rauca ferire tuhas. 
Nee te praeteream, genialis consitor uvae, 

Teque corymbifero concita turha Beo, 
Euoe, Bacche paterf referunt ad sidera montes, 

Et reboant bombis carnua cmva sacris, 
Subvchit^ aurigae quem tibia flectit Amoris, 

In sua frena fremens Bacchica plaustra leo, 
Ebrius et sequitur tarda Süenus asello: 

Püniceis moris tempora picta rubent, 
ScUicet iniectis nuper te vincula sertis 

Cogebant, docta promere voce melos. 
Mirantur quercus, laetaeque cacumina quassant, 

Nymphaque cum Faunis obstupet, ecce, procax, 
Ilaud aliter Satyr i, Panls lasciva caterva, 

Arguto buxo sicca läbella terunt, 
Maenaliique ferunt ad sidera summa magistri 

Laudes, cui sonitus reddit arunda novos» 
Quam primum instUuit, calamas compingere ccra, 

Fessaque sopivit fistula membra levis, 
Talis Philyrides querula perfecit Achillem, 

Qua perhibent curas attenuasse lyra, 
Talis et Aleiden docuit testudinis olim 

Threicius digitis fila movere Linus, 
Vadit at infelix, nee habä sua praemia, vates 

Ad Sfygis, indocüi pectine caesus, aquas. 



1) Quo Garmine Vitebergae valedicebam a. 1825 Lipsiam abiturus. 
Omisi Arionem, 



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265 



Bircaeas cautes cithara resonante videres 

Tum muri in spedem sponte cotre stm, 
Qu£m quondam Ämphion dlvina condidit arte, 

Dum fugit Äonii pascua verna gregis. 
Denique tu salve, Musarum docte sacerdos, 

Non mihi sat dignis concelebrande modis. 
Quem genuit, puros ubi fundit Pimpla liquores, 

Fovit et in casto Calliopea sinu. 
Uli cantanti stäerunt Symplegades altae, 

Bormivitqite ferae Cölchidis ipse draco. 
Illius ad chordas, pleäro m^dulante canoro, 

Flectitur et Stygiae lurida porta domus. 
Datque sonos vocale, quod Hebri völvitur undls, 

Indigna fractum flebile morte caput. 
Quid mirum? lauro CyUenius ipse virenti 

Praecinxit frontem: sie völuere Bii, 
Ple'ias Atlantis quem vix enixa moventem 

Äudivit propriae consona fila lyrae» 
Cuique cavis nondum concordunt carmina nervls, 

Obstupet armorum Phoebus honore nitens. 
Et simul invidiae stimuUs agitafur iniquis^ 

Dum placidos animos foedera iuncta tenent. 
Ex quo distinctus Parnaside fronde eapillos, 

Commovet a dextra mollia plectra manu. 
Instructamque fidem manus altera sustinet auro. 

Et niveo, dives quod tulit Indus ebur. 
Albentesque humeros saturata murice palla 

Induitur, splendent coccina vincla pedum. 
Taliter ingreditur, seu per iuga frondea Cynthi, 

Seu fert ad Patarae sancta vireta gradum, 
Seu celebrat choreas ad murmura grata fluenti, 

Olli pes Gorgonei nomina fecit equi, 
Semper ubi comtae, praesentia numina vatum, 

Pierides complent voce sodale nemus, 
IIls sese quondam conferre procadter ausae 

Sirenes^ Siculi monstra dolosa maris. 
Frangitur at vanus, tulit et sua praemia, fastus: 

Non alis repetunt, victa caterva, viam, 
Artibus Oechälius Thamyris superatus iisdem 

Orba bipartita lumina luce dolet 
L'ucis egens etiam fessum re^creavit TJlixem 

Bemodocus, su^avi voce lyraque potens. 
Qua Paphiaeque faces, Martisque sonabat amores, 

Vulcanique iras, et genus omne Deum, 
Phemius ut memorat Troiani sanguinis undas, 

Ut subito dociles obstupuere proci. 



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266 



Äc quihm insanus placuU locus atgue cachinnus. 

Hos referunt hlandis incaluisse sonis. 
Nos quoque Castdlidum consortia grata tenebant, 

Nos quoque Grynaei mu/nera hlanda Bei. 
Culus — nam Parcae prohibent — intrabimm, elim! 

Non umquam reduci limina sancta pede. 
Ergo supremum, quod vix traho lugubris ore, 

Äccipias nostrum, iam sclwla cara: Vale, 
Vosque sacerdotes industria turha Mmervae, 

Tristia rvwnc poscunt fata: Valete mihi. 
Pro vestro studio, pro sedulüate lahoris, 

Quis pro tot meritis praemia digna ferat? 
Postremam Vobis, iuvenes, nu/m dico salutem, 

Este, precor, memores tempus in onme mei. 

Geburtstagscarmen für den Vater. 
Si possem, quondam veluti gern prisca Deorum, 

In varias transire figuras: 
Sublimi peterem Thuringia rura volafu, 

Nubilibusque et flatibus Euri 
Certans, turrigeramque deine delapsus in urbem^ 

Hac festa, suavissime, luce 
Testarer, non ficta, pater. Tibi gaudia mentis, 

Fundens blandimenta precesque, 
Fällor? cm e turri video nufantia signa, 

CampoMa laetum resonante? 
Templaque solenni cultu sertisque decora. 

Et multo redolentia flore? 
Teque celebrantem sanetos loannis honores, 

Ämpla circumstante Corona? 

Fallor! mendad me lusit imagine Phoebus, 

Pierides lusere sorores! 
Me procul a patriis Laribus tenet extera terra ^ 

Salae ripa virens sinuosae. 
Unde haec missa Tibi fert parva tabdla salutem, 

Fida animi Unguaeque ministra; 
Fertque pio, verax, ardentia pectore vota, 

Ntmcia, queis utinam faciles se 
Dent superi! vitae per plurima lustra beatae 

Stamina deducant Tibi Parcae f 
Prodiga Te cumulet foecu/ndo Copia cornu, 

Quae Te munera cuncta iuvabu/nt! 
Non Divis renuentibus haec felix ero — si Tu 

Me numquam cessabis amare. 

Metr. Horat. Od. L 7. 



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267 

Zu S. 17. Testimonium maturitatis. 

Fridericus Guilielmus Ritschi Megälo-Yargula-Thurin- 
gus, natus patre Friderico Ludovico Ritschi Erfurtemi, nu/nc 
eadem in urbe ad aedes D. Joarmis heneficiorum per Christum 
huinano generi ohlatorum teste et praedicatore , per Septem et quod 
excurrit annos puhlicae magiMrorum fuit traditus institutioni. Nam 
nondum e pueris egressus civitatis patriae adiit gymmisium, tmde 
in novum, quod Regia • liheralitate anno hujus saeculi XX Erfurti 
est conditum gynmasium translatus, per quaüuor annos, quorum 
tres postremos classis primae fuit civis, litter arum studiis sese 
exercuit. Hinc ad nos venit et dignus judicatus, qui in supe- 
riorem primae classis ordinem redperäur, inde a die X mensis 
Maß a. CIOIOCCCXXIV usque ad diem XXIY mens. Marl a. 
CIOIOCGGXXV in hac nostra artium liberalium palaestra ad 
humanitatis disciplinas incuhuit, Quod industriae curriculum ita 
confecit, ut mores ac vUam reprehendendi noMs raro locum 
rdinqueret. 

Ut enim Hesiodus, quae acceperis, eadem mensura jubet 
reddere, aut etiam cumulatiore, si possis, ita aequalihus volunta- 
tem ac gratiam semper studuit remetiri et remwnerari. 

Tum vero et magistrorum ac legum auctoritatem ohservantia 
quadam coluit, et officiis sibi demandatis pro virili parte satis- 
fedt. Quare de eo solo videtur admonendus, ut numquam ante 
animus iracundia occupetur, quam providere ratio potuit, quid inde 
Sit futurum, 

Neque ei naturae desunt instrumenta, neque umquam, nisi 
tenui prohiberetur valetudine, vacavit a bonarum litter arum trac- 
tatione atque usurpatione. 

Cußus alacritatis et docilitatis hoc ipsum possumus pro argu- 
mento ponere, quod ille, quum studio disciplinarum mathemati- 
carum, sive consilio, sive quod indolem ad harum obscuritatem 
minus idoneam putaret, intermisso longo a sodalibus relinqueretur 
intervällo, ubi ad pristinam sese revocarat assidultatem, et neglecta 
compensavit et sdentiam harum rerum satis laudabilem nobis com- 
probamt, nee ipsum physicorum, quatenus in scholis traditur, tatet 
doctrina, Historiam etiam et geographiam tum antiquiorum tum 
recentiorum temporum ac populorum egregia animi amplexu^ est 
söllertia. Deinde grammMicae Hebraicae initia bene intelligere 
coepit, neque Gallicae linguae prorsus est rudis atque inscius, 
Patrios autem scriptores, quorum Studium et opera nostrum ser- 
monem et emendavit et perpoUvit, ac varia dicendi scribendique 
gener a habet cognita, atque ipsi expedite et fädle procedit oratio, 
Benique in litteris Latinis ac Graecis, quarum suavitate inprimis 
tenebatwr, tantos fedt Processus, ut in his potissimum non ex- 
currere, sed evolare videretur, Accurata enim rerum grammati- 



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268 

'carvm instructus peritia, etiam in tantam Graecorum poetarum 
sese insirmavU famüiaritatem, ut versus ejus ipsius Homeri copiam 
atque ubertatem quasi redölecmt. Laune eleganter loguUur acpure 
et emendate scribit, dummodo operam adhtbuerU, ut se juvenüi 
quadam Ikentia et impunitate redundantem atque extra ripas dif- 
fluentem coerceat ac reprimat 

Quae quum ita sint, de ipso philölogiae et doctae antiquitatis 
Studium in academia primum Lipsiensi, deinde BcroUnensi am- 
plexuro, si valetudine integra et commoda fuerit usus, optima quaeque 
sperare licehit, 

Sed tametsi hreve ei apud nos fuit tempus ingenii declarandi 
atque augendi, tarnen et aUa facultatis ac doctri/nae nohis edidit 
specimina, et ea, quae pro venia äbeundi plene atque ornate scripti- 
tavit; nee minus ad ea, quae de variis discipUnis rogavimus, 
memoriter et tarn scienter respondit, ut in celeritate et contimiatione 
verbm-um vel numquam vel admodum raro adhaeresceret, 

QiM> quidem id est assecutus, ut qui ad ältiora in academia 
studia applicet animum, de communi consüii sententia inprimis 
dignus existimaretur, Idem vero hac tabula, cui et nomina 
nostra, qui de eo Judicium fecimus , subscripsimus singuli, et scholae 
sigUlum adjiciendum curavimus, non modo ipsi, sed aliis etiam 
testatum cupimus, 

L. S. 
Däbamus Wittenbergae d. XXIV, mens. 
Mart. a. CIOIOCCCXXV. 

D, NUzsch, Commissar, reg, 

D. Jungwirth, Synd. Civit. Viteb. 

Dr. Frandsc. Spitzner, Pr. et Beet, 
Gregor, €ruü, Nitzsch, Conredor, 
Car, Gust, Wunder, Subrector, 
Joh, Goerlitz, Subconr, 



Zu S. 29. 

L IL 

Gaudeamus omnes^ quos Bex in urbi qu^nti nunc 

Tenet BeroUnum: Auetor est splendorisf 

Luna ut sideribus, Begid praesentid 

Bminet sie urbtbus Generosi omnia 

Cunctis BeroUnum,^) Plena sunt ardoris: 



1) Ita cunctis i*rbibus Praestat B, m, 1, 



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269 



III. 
Bex virorum cingitur 

Splendida Corona, 
Servatorum patriae; 
Äddit laudi hellicae 
Alma pacis dona. 

IV. 

Flora honos artium: 
Testes Tttonumentaf 
Litterarum florihus 
Nutrimentum spiritus 
Quaeritat iuventa. 

V. 

Summum decus incolae, 
Prohi humanique! 

Quibus amidtia, 

Candida laetitia 
Curae est cordique. 

VI. 
Dignae horum laudes sunt 

Poetarmn ore; 
Fugiente de die 
Sciunt horam carpere 

Geniali more. 



vn. 

Lautas inter epidas, 
Inter vina mera,^) 

Ihdcibus sermonibm 

Et facetis salUms 
Gatident nocte sera.^) 

vin. 

Sic Beorum optimos 

Pie vener antur: 
Musas et Äpollinem, 
Vimgue Bacchi sähibrem 

Strenue sectantur.^) 

IX. 
Colunt Amicitiam, 

Suavem Comitatem; 
Si quis hospes venerit, 
Laudet, quum redierit, 

HospUalitatem, 

X. 

Impar poetiUae vox 
Est concelehrandis 
Tantis heneficiis. 
Tot tantisque merUis 
Merito laadandis. 



XI. 



Vivant omnes boni, quos 

Tenet Berolinum! 
Vivat hospitalitas, 
Vivat et hüaritas, 

Vivat Berolinum! 
„Der Vater wii'd gebeten, sich es von der Mutter übersetzen 



zu lassen." 



Zu S. 34. lieber Reisigs Leben und Wirksamkeit habe 
ich aus folgenden Quellen geschöpft: Nekrologe auf Reisig von 
Ferd. Ranke im IntelHgenzblatt der Leipziger AUgem. Lit. Ztg. 
1829 Februar; von Ludwig Pernice ebenda 1832 Februar. 
Hermanni Paldami narratio de Carolo Reisigio Thuringo. 
Gryphiswaldiae 1839. Stern: zur Charakteristik Reisigs, Hal- 
lische Jahrbücher III 1840 S. 62 ff. Ritschi im Conversations- 



1) Inter bona vina m. 1. 
precantttr m. 1. 



2) Genio indulgent m. 1. 3) Omnibus 



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270 

lexicon der neusten Zeit und Litteratur. (Leipzig, Brockhaus) HI 
1833 Artikel: Reisig, signirt: 88. Vgl. ferner Goethe, Tag- 
und Jahreshefte, in der Ausgabe von 1840 Band 27 S. 371. 
382. G. Hermann praef. ad nubb. p. XVI ed. 11. und nova 
acta soc. graecae I 1, praef. p. XXV. Fr. Haase, Vorrede zu 
Reisigs Vorlesungen über lateinische Sprachwissenschaft 1839 
Vorr. S. V ff. Ad. Stahr: ein Jahr in Italien. IE 397 ff. 
G. Kiessling: Moritz Ludwig Seyffert S. 6 ff. Derselbe: Ge- 
dächtnissrede auf Ferd. Ranke. 1876. S. 4 f. Demselben ver- 
danke ich handschriftliche Aufzeichnungen zur Charakteristik 
Reisigs. Benutzt ist noch ein Brief von Sintenis, dem begei- 
sterten Hermannianer, an R. (mit dem er wohl aus der Leipziger 
Zeit befreundet war), geschrieben nach dem Tode Reisigs (ohne 
Datum). Einen Brief von Reisig an H. Voss vom 12. Juli 1821 
hat Pansch im Programm des Eutiner Gymnasiums 1864 S. 13 f. 
herausgegeben. Briefe an Reisig von G. Hermann (ein langer 
lateinischer vom 5. Septbr. 1812) und von Jacobs (11. Februar 
und 24. Juni 1826) haben sich in den Correspondenzbänden des 
Ritschrschen Nachlasses gefunden. Die Kehrseite des Reisig' sehen 
Charakters macht besonders Schäfer zu Plutarch IV p. 399 und V 
geltend, auch in Briefen an Ritschi vom 8. October 1829 und 
1. Januar 1830. In der sehr anmuthigen und liebenswürdigen 
Erzählung G. Hermanns , welche in den acta soc. gi'aecae 1 1 praef. 
p. XXV zu lesen ist, wird doch neben den Schwächen des Tem- 
peramentes die edle Natur des Mannes anerkannt und seine 
geistige Bedeutung sehr hoch gestellt, nicht nur durch die 
Vergleichung mit F. A. Wolf (^ingenio vita fato tam similis 
F. A. Wolfio, ut non viderim homines qui inter se similiores 
essent'), sondern noch mehr durch die Schlussworte: ^sperabam, 
si multorum hominum mores vidisset et urbes , didicissetque non 
esse errare turpe, si sine turpitudine erraretur, magnum fore 
lumen litteris et eximium omamentum patriae.' Von den zwei 
Schülern, denen Hermann bei Beginn des Krieges entgegen- 
gesetzten Rath ertheilte, welchen sie grade umgekehrt befolgten, 
war Reisig der eine. Von der Entstehung der Pseudonymen Aus- 
gabe des Xenophontischen Oeconomicus erzählt G. Hermann opusc 
IV 347 sqq. 

Zu S. 40. Ein von Ritschi schon in Leipzig 1825 im 
October angelegter Band Adversaria (alphabetisch geordnet) ent- 
hält Reisiges che Bemerkungen aus den Vorlesungen zur Midiana, 
zu Aeschylus' Prometheus, zu Aristophanes' Wolken imd Fröschen, 
zu den Horazischen Satiren, zu Tibull. Ausserdem finden sich 
darin Notizen aus den Vorträgen von Hermann über Aeschylus' 
Sieben und über die Perser, sowie über Pindar, von Sei dl er 
zu Aristophanes' Vögeln und Fröschen, zu Euripides' Hippolytos, 



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271 

Iphigenia von Taurie, Elektra, Troerinnen, zu Theokrits Adonia- 
ZDsen, zu Thukydides; von Bei er zu Cicero de officiis, von 
Spitzner zu Homer; endlich auch eigne Obsersationen. Aus dem 
Privatissimum Reisigs mag wohl die unter seinem Namen ver- 
zeichnete nicht geringe Anzahl von Bemerkungen zur lateinischen 
Stilistik und Sjoionymik, in lateinischer Sprache (nach Art der 
Atticisten gefasst), stammen. Auch manche Conjectur Reisigs, 
mit oder ohne Begründung, ist verzeichnet, z. B. zu Cicero Acad. 
post. 1 1, 2: ^habeo opus magnum in manibus, quod iam pridem 
ad hunc scripsi — me autem dicebat — , quaedam institui/ 
Ein langer lateinischer Passus handelt über Platonische Philo- 
sophie und Schreibart; eine andre Bemerkung verräth, dass der- 
selbe den dialogus de oratoribus dem jüngeren Plinius zuschrieb. 
In einem andren Bande findet sich ebenfalls mit Reisig's 
Namen eine Anzahl interessanter Aphorismen zur Methode der 
Kritik. Hier wird zum Theil auf Vorlesungen des Lehrers, wie 
die zu Demosthenes' Midiana, zu Sophokles' Philoktet, verwiesen. 

Zu S. 44. Augusto Hermanno Niemeyero \et\A. Jacöhsio 
I Viris Amplissimis \ mihi summe venerandis \ Sälutem \ Fridericus 
Guilelmus mtschd , Erfurtensis, \ studios, jphilöl. Hai, \ Inest vitae 
ac studiorum adumhratio. 

Cum difficüe est per sc, de semet ipso dicere: cavendum est 
enim, ne aut nimium aut parum dicere videare; tum difficillimum 
est, de vita sua ad tales perscribere Viros, qui totam vitam in 
explorando et cognoscendo animo humane consumpserunt: veren- 
dum enim est, ne ülorum Virorum iudicio impröberis, Quibus 
difficultatibics ut me äliqua ex parte expediam, rem ita instituam, 
ut, quicquid de vita mea dignum visum fuerit memoria, quoad 
fieri poterit ingenue et sincere describam; sicubi autem de viris 
quibusdam vel institutis iudicandum mihi esse videro, aperte quidem 
et integre, sed modeste tamen et temperanter, quid sentiam, dicam, 
Commodissime autem omnis videtur vita trifariam posse distribui; 
ita quidem, ut prima pars compledatur vitam rusticanam, altera 
urbanam, tertia hosce paucos armos, quibus in academia ad huma- 
nitatis studia incubui. 

Etenim me Vargulae, vico haud ita longe ab JErfordia Thu- 
ringorum sito, anno huius saeculi sexto e Ferdinanda Ludovica 
matre in lucem editum suscepit parens Fridericus Ludovims, Ac- 
cidit enim, ut eo ipso, quo solem/nia paschalia agebantur, die ex 
aedibus sacris, ubi modo beneficiorum per Christum humano generi 
oblatorum publicam m^ntionem fecerat, redux meis pueruli recens 
nati exciperetur lacrimis. Ab initio autem aetatis ut honestatis 
pietatvique sensu inibuerer, sedulo curavit mater. Etsi enim tan- 
tum abest, ut religionis nostrae sacrae praecfptis me informare 
neglexeiit pater, ut ab his ipsis, uti par est, in puerorum tenelUs 



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272 

animis erudiendis ordiundum esse existimarit; tarnen nesdo gui 
factum Sit, ut patris scfiolis minus libenter interessem, a matris 
vero ore penderem lubentissimo animo. Credo autem ems rei hanc 
fuisse caussam, quod iUius institutio ducem sequeretur mentem et 
rationem, huius autem suavissimi serm^ones dtUdssimaegue fabulae 
afficerent sensum; videntur enim, guae pueris traduntur, fa^ius 
iuvemtibus se insmuare ammis, si ifa comparata eorum forma est, 
ut sensum magis commoveant, guam mentem exerceant, Itague a 
prima aetate semper ea summo mihi fuerwit öblectamento , guas 
poctica guadam virtute animum aUicerent atgue tenerent; guae 
animi studia mirum guantum adauxit aluitgue locorum in iUa . 
regione amoenitas, liberumgue, guo per duodedm amios dies noc- 
tesgue frui licehat, coelum, Ut vero Utterarum elementis erudirer, 
guantum ei per sacerdotii munera licebat, dUigentissime ipse operam 
dedit pater, Qui guod me nöluit scholae paganae disdplinae tradere, 
sed hunc in se suscepit ipse laborem, optime de me meritus est. 
Eius autem institutionis nu/nc intelligo eam fuisse viam ac rationem, 
guae haud sdo an adeo sit luhrica, ut summa opus häbeat cautione, 
Ego enim cum paene inexpugndbüi joervicacia ahhorrerem ab Om- 
nibus iis, guae unius memoriae ope cognoscuMur , nee nisi ediscmdo 
perdpiuntur: (qua exerdtationis raritate factum est, ut memoria, 
ceteroguin satis tenax, tardior mihi sit ad verba eo guo scripta 
sunt ordine ediscenda, nisi vidssim hoc naturale Vitium iUud 
ediscendi odium procreavit:) pater huic meo fastidio nimis indul- 
gens permisit, ut guicguid addiscerem, discerem usu. Itague ut 
exemplo rem illustrem, ipsa grammaticae rudimenta nunguam me- 
moriae mandavi;sed posteaguam ea diuturna nee ungudm inter- 
missa exercitatione animo m£0 sensim ac pedetentim sie informa- 
veram, ut, guotiescmtgue me fu^eret aliguid, egT> evolverem illico et 
consulerem libros grammaticos, tandem satis accuratam mihi paraveram 
harum rerum cognitionem, Videtur autem haec erudiendi ratio non- 
nisi tum probari posse, si disdpulus Utterarum amore ipse captus 
volvmtario studio ac diligentia severioris disdplinae dam/na compensat; 
ex guo conseguitur, e publids ludis litterariis hoi'um, gui usu omnia 
disd volunt, rationem prorsus esse removendam et excludendam, 
guoniam in Ms negue uniuscuiusgue singularis indoles tam düigenter 
potest observari et tam sincere cognosd, nee, etiamsi possit, ille disdpu- 
lorum delectus häberi imstitutiormgue inaegualitas videtur posse admitti. 
Sed ego hac quidem via eo progressus eram in litteris, ut, 
cum patri verbi divini ad aedem JD. Augustini, guae Erfordiae 
est, ministri munus mandatum esset, ego duodedmum agens an- 
num secundo gymmmi Erfordiensis ordi/ni adscriberer.^) Omnino 



1) Die scheinbar abweichenden Angaben in unserem Text S. 5 f. 
sind den eigenhändigen Aufzeichnungen in Ritschis Gedenkbuch ent- 
nommen. 



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273 

auiem srngulari Bei heneficio factum est, ut et, antequam e pueris 
egressus essem, vUam ruri transigerem tUi simplicem et pur am, 
ita vacuam curis; et, simulac excederem ex ephebis, idem ego 
migrarem in urhem. Buri enim cum nihil fere nossem praeta- 
rusticae vitae felicitatem, cuius etiamnum saepenumero gratissimam 
apud me renovare soleo memoriam, iam in urbe varia ac diversa 
hominum studia, mores, ingenia, vitaeque et rerum omnium diver - 
sissimam speciem et hahitum cognoscere coepi. Quam dissimilitu- 
dinem ut initio mirabar, ita eadem mox assuetus iam animum 
paullulum attendeham ad aeguälium consilia et artificia obser- 
vanda et inter sc comparanda. Gymnasü aufem ipsim conditio 
eo tempore erat tristissima; praeceptorcs . enim maximam partem 
annis et viribus erant defecti, et propfer exiguam, quam accipie- 
bant, mercedem dulcissimo erudiendae iuventutis munere non sine 
summo taedio summaque ßmgebantur morositate; accessU, quod 
eorum doctrina ab hoc nostro litterarum splend^yre longo reUnque- 
batur intervällo. Itaque non est, quod mirenmr, illius scholae 
alumnos importunissima effrenatione et propemodum turpi pekt- 
lantia animique ferocia, nee minus incredibUi desidia litterarumque 
ignorantia paene inclaruisse; haec enim disciplinae intermissionem 
fere comitatur, Quae cum ita essent, sane non multum ego pro- 
fecissem, nisi tanto laudis studio tantaque honoris cupidine essem 
stimulatus, ut brevi onmes superarem; quod quam parum fuerit 
difficüe, ex his, quae antea dixi, potest existimari In hac cmtem 
rerum conversione quid putatis accidere potuAsse vel exoptatius vel 
opportunius, quam ut biennio a me ibi exacto Regis sapientissimi 
mu/nificentia cum relicuarum scholarum Borussicarum tum gym- 
nasii Erfurtensis et forma et universa ratio mutaretur atque emen- 
daretur, utque complures viros, ingenii, doctrinae, dignitatis laude 
florentes, Erfordiae litter as docere iuberet eorum virorum prudentia, 
qui Eegi nostro a supremo civitatis consüio sunt. In quibus mihi 
inprimis nominandus est Franciscus Spitmerus, Lycei, quod ipsius 
consilio et industria Vitebergae floret, eo usque moderator; cuius 
viri, quemadmodum erudüionis ubertate iudiciique aeumine inter 
doctissimos quosque cor^picui, ita animi *candore morumque pro- 
bitate omnibus bonis comprobati, de me merita et in me benevo- 
lentiam satis collaudare longum est; cui quanquam gratia a me 
referri tarda non potest, quanta debetur, hdbcnda tamen, dum 
vivam, tanta est, quantam maximam animo meo capere possum. 
Primum autem huie rerum grammaticarum sdentiam debeo sat 
aecuratam; quae quanti sit facienda et quantum habeat momenti 
ad quodvis litterarum genus adiuvandum et in vera nee infucata 
hice collocandum, nulla aetaie planius et düuciditis est inteUectum, 
quam hac nostra. Deinde vero mihi idem dux et auctor fuit ad 
optimarum litterarum artiumque aestimationem non e vulgari con- 

Ribbeck, V. W. BitschL 18 



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274 

suetudine ducendam, sed ex ideis ratiani a natura insUis (guas 
diamt philosoph4) hauriendam. Omitto alia, velimque omütere 
possim etiam hoc, quod ab Ulo prudentissimo ceteroqfiin viro parum 
factum est prudetUer, lue enim et relkm collegae cum in qua- 
dam voUmtatum dissensione atque discordia tcmtum non aperta 
essent, cuius exponere caussas nee ad me attmet wßc est hums 
loci, Spitmerus quandam sübi paravit factionem disciptdorum, gut 
eius rebus studiosissime faveremus, eius caussam pro nostra habe- 
remus, eiusque patrocinio freu plus nohis, quam decebat, sumeremus, 
nonmmquam etiam paullo insölentius nos gereremus in relicuos 
praeceptores, 

Praeterea autem in historiae studio operam et otium coUa- 
cavi meum, a cmus me suavitate nee molesta isla ac taedii plena 
dictandi consuettido plane potuit deterrere. In mathematids autem 
disdplvnis nonnisi tcmtum versatus sum, qumitum sufficere posse 
arhitrabar ad superandum examen, Atque, quoniam a naturae 
instrumentis non sum plane destitutus, mathematico autem studio, 
quanquam plus semel om/nium virium contentione ad id incumbere 
coepi, numquam vd sum delectatus vd multum profeci, non pos- 
sum non mihi persuadere, alias homines ad haec studia cölenda 
natos et aptos esse, alias natura sua ab iis abhorrere. 

Etsi autem per tres, et quod excedit, cmnos e primi ordinis 
civium numero fueram, tarnen ubi Spitznerus, quippe cuius sin- 
gularem virtutem minoris, quam par erat, aestima/rent, summa 
iuventutis Erfurtmsis detrimenta in patriam rediit urbem, imrifico 
meo erga iUum amori non potui non id tribuere, quin ipse cum 
sequerer, Huc accessit, quod Spitzneti prope paterna benignitas, 
a lucri studio äliemssima, in suam me receptum domum plane 
filii loco habuit, Itaque etiam Vitebergae eius viri et utilissima 
institutione et quotidiana consuetudi/ne , qua saepe ex u/nius horae 
coUaquio plus fructus percepi quam ex publicis scholis per in- 
tegram hebdomadem, verum paullo severiori disdpUna per unum 
ammn 'ums sum. Nam qua maiore fuerat JSrfordiae lemtate et 
indulgentia, eo magis eundem mir er e Vitebergae summa fuisse 
auctoritate disciplinaequt severitate. Nimirum sie üle, ut puta, 
consueverat, ut sua potestas nullis circumscripta esset termims; 
quodsi Erfordiae nan alius cuiusdam imperio subiectus fuisset, 
non labefactasset intempestiva quadam lenitate discipUnae öbsequiique 
rigorem. 

Bite autem facta ea exphratione, qua, quantam sibi qmsque 
litter arum in scholis tradi sölitarum paraverit cognitianem, appa- 
reat, ego „imprimis dignus" iudicatus sum, qui ad altiores artes 
disciplinasque in academia colendas animum applicarem meum. 
lam cum certum aliquod de studiorum genere, ad quod me con- 
ferrem, capiundum mihi esset consüium, certissimum quidem m4hi 



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275 

erai ühid, ui ne unquam deessem doctae (mäquUatis investigationi, 
praestcmtissmarumque Graeciae Latiique monumentontm, quorum 
in me transiU amor e düectissimo praec^tore, sempiternae tracta- 
tioni; attamen, quomam äiam parentum meorum si non iusso, at 
optato certe scUisfaciendum esse existimäbam, in theologicis guogue 
disciplinis versari apud me constUuL Quem studiarum cursum, 
animo conceptum, in Lipsiensi litteramm universitate per duo 
semestria spatia tenuL Lipsiam autem adeundi copiam mihi 
fecercU idem üle SpUznerus, qui me dLiqmt viris haud mediocris 
et dignitatis et audorUatis, apud guos plurimum valebat, commmi- 
daveraf. Qua üle re innumeris de me meritis quasi cumulum 
addiäit Hoe enim pacto W/ud mihi contigit, quod dudum in votis 
häbueram, ut Godofredo Hetmanno duce atgue magistro ad hasce 
litter as incumberem; qui ex quo etiam sodetatis Qraecae, quae 
auspiciis eius fdidssimis floret, sodalem me esse voluit, dici vix 
potest, quantum sti^ia mea excitaverit atque accenderit Eistoricis 
autem scJwlis interfui Poelitii, pküosophids Krtigii, cuius et per- 
spicuitate et accurata rerum investigatione mirum in modum sum 
allectus; tU nihil esset, quod in eo desiderarem, nisi oratianis 
quandam fervidiorem vim incüatioremque impetum; genere enim 
dicendi lUitur arido et paene ieiimo, Ut autem, quae in Her- 
manne mihi displicuerint, venia Vestra, Ämplissimi Viri, libere 
et candide profitear, sie hahete. Nam primum üle sibi ipsi, Ut- 
teris, viris doctis, denique omnibus äliis magis vivit, quam suis 
discipulis; quod intelUgibur ex eo, quod et hos a suo famüiari 
usu et consuetudine solet prohibere, et publieis seholis parum im- 
pendit studii et operae, id quod dolmidum est maxime, Alterum 
est, quod non facüe patitur sibi repugnari, etiumsi ratione contra 
ernn dicas; quod nescio, an non ultimum Vitium sü in praeceptore. 

Alias notmullos, quorum ums sum imtituiione, ne muUus sim, 
süentio praMermitto, Hoc autem semestri ineunte in hoc litter arum 
me contuli quasi emporium, studiorum cursum, si Deus iuverit, 
ibi absoMurus. Haec autem Fridericiana academia quomodo ex- 
spectationem meam non sustirmerU, sed mülto vicerU, exponere 
fusius non videtur huic loco esse conveniens. 

Sed qui ipse in iuvenüibus mentibus erudiendis futuram vitam 
consumpturus est, cum non scU egerU, si optimis artibus a/nimum 
excoluit swum: nam et teneram iu/venMem educandi erudiendique 
praecepta audiat oportet, et litteras tradendi ipse faciat periculum: 
Vos, Viri Ämplissimi, hisce precüms appetlo, ut, si fieri possit, 
in eorum me accedere societatem vdUis, qui et Vestra utuntur in- 
stüutione, et ducibus Vobis varii gmeris exercitationibus infor- 
mantur, Quodsi votis meis satisfacere et potuerUis et volueritis, 
Vobis quaeso persuadete, m£ nunquam non facturum esse, ut ta/nta 
Vestra benevolentiu me non indignum praebeam, gratissimoque semper 

18* 



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276 

ammo futurtim esse nominum Vestrorum splendidissimontm cul- 
torem observcmtissimum, 

Scribeh, Halae, prid. Calmd. Sepiemhr. a. CIOCCCXXVI. 

Zu S. 45. Bruchstück aus einer Hallenser Oppositionsrede 
Bitschis. 

JDeinde nonpossum tibi non repugnare in eo, quod dicis Graecos 
in conviviis non nimis potasse, Quod certe probatum a te nullo 
modo est. Nam in ipso Piatonis Symposio legitur, Alcibiudem 
capax et amplum poculum afferri iussisse, Deinde eliam proximo 
hestemo die convivas cum maxime bibendo indulsisse düiicide narrant 
Pausanias et Äristophcmes p. 170. Qui profecto non hmtarentur 
ceteros ad modice bibendum, si verum esset guod tu dicis, non nimis 
potare solitos esse Graecos in conviviis, nam quorsum eo pacta opus 
est hortatione? Negue Xenophontis verba ita sunt comparata, ut ea 
tuam confirment sententiam. Nam prinmm ibi quoque monetur de- 
mum a Socrate, ne nimium bibant; deinde autem ne hoc quidem 
fieri vetat, sed cum dicat, hoc vult: saepiuscule ut infundantur 
vina eaque sensim ac paullatim htbantu/r, nee vero nimium simul. 

Zu S. 55. Von der naiven Offenherzigkeit der oben mit- 
getheilten Selbstbiographie mit ihren für den Zweck berechneten 
pädagogischen Betrachtungen sticht die mehr feierliche Eleganz, 
mit welcher der Doctorand seinen Lebenslauf schildert und 
die Gefühle seines Dankes ausdrückt, bemerklich ab. 

Vita 
Friderici Guüelmi BUschelii. 

Vargulae, vico prope Erfordiam TJmringorum sito, me anno 
huius saecuU sexto e Ferdinanda Ludovica matre in luceni ediium 
suscepit parens Fridericus Ludovicus, qui ibi sacra faciebat et 
libros divinos interprääbatur. Ab imtio autem aetcUis ut honestatis 
pietatisgue sensu imhuerer, curiose daboravit mater: lUterarum 
autem elementis et postea humanitatis studiis pater me erudivU, 
tam sapienter ad docendi viam ac rationem, ad fructum autem 
meum tam utiliter, ut, posteaquam patri verbi divini ad aedem 
D, Äugustiniy quae Erfordiae est, ministri munus numdatum esset, 
ego duodedm annorum puer seewndo gymnasii JSrfordiensis orämi 
non sine lauäe adscriberer, Ubi biennio exacto cum plurimarum per 
terras Borussicas scholarum et forma instauraretur et ratio emendare- 
tur, nonpotuU quicquam accidere vd exoptatius vd qpportunius, qtumi 
ut Frandscum Spitmerum, lycei, quod eius consüio et industria Vite- 
bergae floret, eo usque moderatorem Erfordiae litteras docere iuberet 
eorum virorum prudentia, qui Sapientissimi Borussorum Begis a 
si4pr€mo civitatis consüio sunt. Ulius enim viri ego tum instihüione 



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277 

ei cohortaüone, tum exempli invUamento concUatus ad tantum sum 
litter arum antiqxiarum amorem, ut in his potissimum decernerem 
vUam consumere meam et quasi sedem ac domicilium cöllocare 
perpetuum. Erfordiae autem tametsi per tres et quod excedit annos 
in primi ordinis sodälihus fueram, tarnen ubi Spitznerus ille a/nno 
huius saeculi XXIV, summo adolescentium Erfurtensium detrimento 
in patriam urhem revertehatur , ego-non duhitam singulari meo erga 
iUum amori tantum tribuere, ut cum eo VUehergam migrarem. 
Ubi et Spitzneri severior mc disciplina coercuU, et masima bene- 
völentia mm reliqu/yrum magistrorum devinxit, tum Gregorii Nitzschii, 
qui nunc Chilonii Utteras docet, Exacto igitur scholastico curri- 
culo posteaquam Iwnorifico praeceptorum testimonio ^^imprimis 
dignus'* iudicatus er am, qui ad academica siudia capessenda acce- 
derem, Lipsiam m^c contidi amu> CIOIOCCCXXV, Ab initio autem 
cum in iuris scientia constUuissem operam cöllocare meam: invi- 
tahat enim spes caussarum suhtiliter et diserte agendarum: tamen 
illud consUium ut abiicerem effecit doctorum quorundam, ut tu/nc 
certe videbatur, vd inertia vel idu/nitas, Itaque pristina me anti- 
quitatis consuetudo vocäbat ad Godofredi Hermanni scholas: quibus 
tametsi non sine magna oblecfatione interfui, tamen Studium quidem 
in Ulis litteris posui nulluni, Sed cum uno ferme anno praeter- 
lapso discessum pararem, pudor animi quidam in caussa fuit, ut 
pristina assiduitate revocata tidem Uli Hernumno ingenii facultatem 
qualemcwnque comprobare cuperem: quo factum est, ut ab eo in 
Sodetatem Chraecam redperer, quae eximia laudis fama lApsiae 
floret, Igitur antö hos tres et quod ex-currit annos in inclytam 
licmc academiam Fridericiam migravi quamvis renitente patruo, qui 
cum magna esset apud parentes meos auctoritate, Berölinensem lit- 
terarum academiam vehementer Ulis commendaret. Mei autem con- 
silii salubritatem egregie comprobavit eventus, Etenim alterum 
hoc Studiorum spatium ita consumpsi, ut praeterlapsi temporis 
recordationem quantacunque fieri passet mrium contentione et mentis 
industria delerem, Cuius industriae constantiam incredibüiter cor- 
roborarunt virorum quorundam in hoc academia clarissimorum be- 
nevolentiae ^documcnta multifariam Uberaliterque in me collata, 
Neque enim satis praedicare possum insignia de me merita quat- 
tuor professorum celeberrimorum , T, G, Voigtelii, A, Jacobsii, 
M, H, E. Meieri et Caroli Beisigii: quorum cum voluMatis pro- 
pensitas in me fuerU nmxima, tum litterarum institutio fructuo- 
sissima fuit atque saluberrima, Nam gratissima memoria prosequi 
nunquam desinam utilissimas et scribendi et disceptandi et inter- 
pretandi exercitationes , quibus ingenia adolescentium informantur et 
expoliuntur in publicis Ulis institutis, seminario tum phUologico tum 
paedagogico et societate historica, Atque quoniam mentio est iniecta 
phüologici seminariiy laudandus mihi praeter cum, quiprivatis etiam 



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278 

et sermonihus saepenumero me edocuit et consUiis affatim ohligavit, 
Cl, Meierwn^ iuvenUi ille senex vigore Schuetzius est, vir amnium 
ore lauäatissimus. Utriusque autem in me kumcmitatem licebai etiam 
eo cognoscere, quod hibUothecae umm petenti mihi neutrius tmquam 
defuit vohintas, Sed in eo genere dici nequit, quantäm studiorum 
adiutricem naetus sim Gl. Voigtelii liherälüatem plane smgularem, 
qui cfwm mtUtis modis utüitatibus meis prospexit prope patema he- 
nevolentia, tum hiblioihecae regiae per aliquot annorum spatium, 
copiam mihi fecit largissime. Quorum heneficiorum memorlam nuUius 
unquam temporis öblivio aholere poterit. Omnino enim, ui dicam 
quod sentio, longe super avit virtutem qualemcmhque meam et existi- 
matio et henignitas tum illm^um virorum tum Ictorum quorundam 
in hac urhe iUustrissimorum , quorum nomina celeherrima non sine 
mirifico vel amoris affectu vel venerationis sensu cogito. 

Sed nunc quoniam Beisigii redintegranda est memoria im- 
fnortalis, quanto me putatis desiderio teneri viri incomparabüis, 
qui per qumque semestria spatiä tum publicarum scholarum oppor- 
tu/nitate, tum privata sermonum consuetudine Uheralissimorum tarn 
praeclara et voluntate et facultate de salute mea meritus est, gra- 
viter instituendo, humanitet^ cohortando, severiter corrigendo, sim- 
pliciter laudando, ut, etsi gratiam eius manihus videor referre posse 
nullam, häbenda tamen mihi ad extremum vitae spiritum tanta sif, 
quanta maxima ah homine homini p(ftest deheri. 

Horum igitur atidoritate magistrorum gravissimorum instUutus 
sum ad philologiae studia, cognovique disciplinarum philologicarum 
rationem ac fines, artis grammaticae fundamenta philosophica, Un- 
guarum tum G-raecae tum Latinae rationes grammaticas, veteris 
memoriae historiam et instituta eivüia. Praeterea scholas frequen- 
tavi, quae in explicatione versahantur et interpretatione praestan- 
tlssimorum antiquitatis monumentorum. Neque unquam intermisi, 
quandocunque occasio praehehatur, dicendi scribendique exercita- 
tiones. Denique prqpter pMlosophiae Studium audivi J, Gr. Gru- 
herum et G. W. Gerlachium, viros laude mea longe superio- 
res, de gravissimis quihusque lods disciplinarum phüosophicarum 
disputantes. 

Etsi autem ex illorum scholis Aantum fructum percepi cumulate, 
quantus maximus percipi potest, tamen ex longo inde tempore sie mihi 
persuasi maiorem etiam privaiae industriae^ vim esse in omni stu- 
diorum genere, Itaque etsi in eo usquequaque elahoravi, ut 
quantam possem cunque tenerem studiorum aequahilitatem: tarnen 
in hac et vitae hrevitate et in genü imhecülUate diu est, ex quo 
communem esse mortalium ßondicionem intellexi illam, ut aut in 
multis aUquid, aut aliquantum in pauds proficiamus, Quae qui- 
dem cogitatio sola me saepe propemodum desperantem consolata 
est, uhi vel artium disciplinarumque amplUttdo vel magnorum. 



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279 

qude animo nieo contemplabar , exemplorum eminentia ab consüii 
persevercmtia ahstcrrebaL Quapropter etsi ex animi mei smtentia 
eorum detestor incredibüem perversitatem, rationis prof^sus expertem, 
qui ipsam phüologiam angustissimis finibus terminare consuertmf, 
tarnen meorum quidem studiorum ratio qttod adJiuc ea fuU, ut 
mallem in una parte, si modo possem, prima conseqtii quam 
secunda tertiave in multis, id neqitaquam turpe mihi di^co, Quan- 
quam ülud videtur iure posiulari posse, ut, etiamsi singula 
quaeque explorata non Iiäbeas, tarnen praecipua qttaeque eapUa 
generis cuiusque animo comprehendas. Itaque cum ad hoc usque 
tempus u^quequaque enitendum esse censuerim, tum in posterum, 
ut, quantam possim plenissimam unius cuiusque disciplinae cog- 
nitionem consequar, ad extremam, siquidem contigerit mifii, senec- 
tutem eläboraho studiosissime. 

Zu S. 55. Promotion. Das Gesuch an die Facultät lautet: 
Ämplissimo Phüosqphorum Ordini Äcademiae Fridericiae S. P. B. 
Fridericus RUschl, 

Summos in philosophia honores uit antiquo ritu maiorum con- 
sequsrer, perscripsi hos, quos Vestris nunc iudiciis, Viri Ämplis- 
simi et imprimis Veneräbiles, committo commentarios, Qui si Vestris 
sententiis non improhäbu/ntur , ut in aedihus Becani maxime Spec- 
tabUis et ingenii facultas mei et lUterarum quäliscunque sdentia 
exploretur a Vobis peto reverendissime, Praeterea quoniam commen- 
tarios ülos nunc non licuit typis exscriptos divulgare: licehit autem, 
ut spero, uherioribus aliquot capUtbus insigniter auetos edere pro- 
pediem: venia mihi detur velim sententias quasdam controversas, 
praeter consuetudinem explicatius propositas, Vestra auctoritate 
publice defendi. Ceierum et brevem de vita mea narrationem et 
testimonia his Utteris adieci, qime fere expetu/ntur de studiorum 
curriculo academico, alterum de Lipsiensi, de Halensi alterum, 
Valete, Scribebam Halis Saxonum a. d. VIII Cal. Jul, a. 
CIOIOCCCXXVIIIL 

Es wird zur Charakteristik des damaligen Doctorexamens 
sowie der Examinatoren nicht uninteressant sein, die Vota der 
letzteren hier mitzutheilen. 

Grub er: „Der unterzeichnete Decan legte . . . zuerst 
Fragen über das Wesen und die verschiedenen Gattungen der 
Poesie vor. Der Candidat beantwortete dieselben genügend und 
zeigte , dass et selbst über diesen Gegenstand gedacht habe. Die 
bei dieser Gelegenheit aufgeworfenen litterarhistorischen Fragen 
beantwortete derselbe ebenfalls zu völliger Zufriedenhieit." 

Schütz: „Da der Candidat, Hr. ßitschl, einige Jahresich 
als Mitglied des philologischen Seminarii vorzüglich ausgezeichnet 



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280 

hat, so habe ich ihm als Director, da ich mich mit dem Herrn 
Condirector, Hrn. Professor Meier, so vereinigt habe, dass ich die 
lateinische, Er die griechische Sprache und Litteratur in den 
Uebungsstunden des Seminarii betreibt, in dem heutigen Examine 
den 4ten Brief von Horaz des ersten Buchs ad Albium Tibullum 
vorgelegt, und sowohl in Absicht der historischen Punkte, als 
der Auslegung, und der Kritik der Lesarten, auch einiger meiner 
Conjecturen, die ich nächstens in einem Programm vorzutragen 
gedenke, seinen mir schon sonst bekannten Fleiss, Geschicklich- 
keit, Sprachkenntniss zu meinem Vergnügen aufs neue bestätigt 
gefunden." 

Voigtel: „Bei der Unterredung über Geographie und Ge- 
schichte wurde besonders auf die alte Rücksicht genommen, da 
sjch der Candidat vorzüglich mit der classischen Philologie be- 
schäftigt hatte. Demnach wurden die geographischen Systeme 
der Alten untersucht, und Zeiträume nach den Fortschritten be- 
stimmt, welche die Wissenschaft gemacht hatte. Der Candidat 
zeigte überall eine grosse Belesenheit und ein reifes ürtheil. 
Hierauf ging man zur Chronologie über, namentlich zu den Jahr- 
formen und Acren der Griechen , welche der Candidat richtig und 
fertig bestimmte, üeberhaupt legte er auch hier so gründliche 
Kenntnisse an den Tag^ dass ich in Rücksicht auf sein Examen 
den Beisatz auf dem Diplom : summa cum laude empfehlen 
würde." 

Meier: „Der Unterzeichnete hat mit dem Candidaten nur 
über mehrere Punkte seiner Dissertation de Ägathone gesprochen 
und hat davon Gelegenheit genommen, auf verschiedene zur Phi- 
lologie gehörige Disciplinen überzugehn. Nicht bloss aus diesem 
Gespräche, sondern aus mehrjähriger Bekanntschaft hat sich mir 
das Urtheil gebildet, dass dieser Candidat einer der würdigsten 
sei, dem die Facultät ihre höchste Würde geben kann. Denn 
ein nicht gemeines Wissen — wiewohl in manchen Zweigen be- 
schränktes — verbindet er mit der Fähigkeit, sich, was ihm 
noch fehlt, anzueignen, dabei ein sehr gesundes Urtheil, einen 
uicht gewöhnlichen Scharfsinn und eine besondere Fertigkeit für 
den lateinischen Stil. Ich bin daher der Meihung, dass auf dem 
Diplom seiner Dissertation das Epitheton ingenlosa et docta ge- 
geben und von seinem Examen gesagt werde: examen cum laude 
summa superasse,*^ 

Tieftrunk: „Ich habe den Herrn Candidaten auf mehrere 
Anfragen über die allgemeine Sprachlehre sehr gut befunden und 
stimme den vorigen votis im Uebrigen bei." 

Zu S. 56. Doctordiplom. Äuspiciis sapientissimis fdi- 
clsslmisque \ augustissimi et potentissimi principis ae dmnini \ 



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281 

— Friderici WUhelmi III, \ — academiae Friedericianae 

Halensis proreciare magnifico \ viro perülustri | Christiano Friderico 
Mühlenbruch \ — — perülustri academiae directore \ Friderico 

Augusto Schmelzer \ ex decreto amplissimi philosophorum 

ordinis \ promotor legitime constitutus \ Joannes Godofredus Gru- 
ber viro ornatissimo ac doctissiino \ Friderico Gu'dielrm 

Ritschi I Vargülano Thuringorum \ seminariorum regiorum philo- 
logici seniori paedagogici atque societatis historicae sodali \ post- 
quam commentatione exhibifa docta et ingeniosa \ qua historia 
critica' tragicorum Graecorum posterwrum inchoatur \ itemque \ 
examine in eonsessu ordinis summa cum laude superato | item \ 
schedis criticis magno plausu publice defensis \ ingenium acerrim^ 
littcrarum artiumque studio excultum subacti iudicii acumen soli- 
daeque eruditionis copiam \ ' ordini luculentissime comprobaverat \ 
doctoris philosophiae et aa, IL magisiri gradum \ iura privilegia et 
immunUates \ die XI, tnensis lulii A, S, CIOIOCCCXXIX \ rite 
contulit. — — 

Zu S. 58. Agathou. Im Schreiben an die Facultät vom 
4. August 1829 werden die für den Verfasser unerschwinglichen 
Kosten als Grund angegeben, warum nicht das Ganze gedruckt 
sei. Auf den Wunsch des Verlegers geschah es, dass auch von 
der Habilitationsschrift zunächst nur ein Theil {de Agathonis tragici 
aetate == opusc. I 411—436) publicirt wurde: praef.p. III. Warum 
die übrigen bereits gesetzten Abschnitte der commentationes Aga- 
thonicae auch später unterdrückt geblieben sind, fand der Verf. 
nach 37 Jahren (opusc. I 412 Anm.) zu erklären für über- 
flüssig. 

Im Nachlasse R/s, in einem Convolut, Agathonica über- 
schrieben, haben sich noch die von ihm selbst revidirten vier 
ersten Correcturbogen der ursprünglichen Druckschrift gefunden. 
Sie enthalten die ersten neun Capitel und einen kleinen Theil 
des zehnten. Es wird nicht ohne Interesse sein, wenigstens aus- 
zugsweise den Inhalt der nicht veröffentlichten Abschnitte kennen 
zu lernen. Im ersten Capitel (p. 1 — 4) giebt der Verf. an, dass 
er den Plan zu einer umfassenden Darstellung der nach- 
euripideischen Tragödie gefasst habe: quaUs inde ab Euripide 
poetarum vel inertia vel perversitate mm cum patriae ruina facta 
est — sc. Graeca iragoedia — accuratius quam quisquam adbuc 
instituit exponere. Die Begeisterung für die höchsten Meister- 
werke schliesse nicht das Interesse für die Talente zweiten und 
dritten Ranges aus, deren Studium für das Verst^ndniss der 
griechischen Tragödie, in ihrem historischen Entwicklungsgange, 
nicht nur genussreich, sondern auch höchst fruchtbringend sei. 
Auch aus Fragmenten lasse sich das Bild eines Dichters oder 



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282 

eines Kunstwerkes wiedergewinnen, wie dies am umfassendsten 
Welcker gezeigt habe cura In fragnhentis Aesctiyliis posUa, quae 
quanquam non vacat vUUs quihusdam ingenil, tarnen Utteris nostro 
quidem iudicio valde fmt saliUaris. Die Aelteren (wie Gyraldus, 
Vosöius, Pabricius u. a.) seien blosse Sammler gewesen: auoh in 
der Beschaffung und Zubereitung des Materials müssen sie durch 
Gründlichkeit überboten werden: etenim cum itsqueqttaque veris- 
simum ülud sit, tum huc accommodatum est imprimis, non passe 
de re quaquam generatim atgue universe iudicari, nisi singula 
quaeque perspecta häbeas et explorata: quo in gener e vis insignis 
cemitur in subtili temporum investigatione, quae ut luxhisto- 
riae merito appellata est, ita immerito a quibusdam hodie contem- 
nitur, Worte, die auch in die Vorrede der Habilitationsschrift 
(opusc. I p. 412 Anm.) aufgenommen sind. Da die Fülle des 
Stoffs vorläufig Beschränkung auf einen einzelnen Dichter ge- 
biete, habe er als den interessantesten Agathen ausgewählt. 
Die übrigen denke er dereinst in ähnlicher Weise, nur ausführ- 
licher, zu behandeln wie Meineke die Komiker in seinen Quae- 
stiones scenicae. Caput II (p. 4 — 8): Kurzer üeberblick über 
die antiken Quellen für Leben und Kunst der griechischen Dramen- 
dichter, insbesondere der Tragiker und speciell Agathons. Aus- 
führlicher wird der Artikel NaücuüV bei Hesychius besprochen, 
nach Anleitung von proverb. Vatic, Cent. 11 96 p. 297 ed. Andr. 
Schott (= Append. prov. III 1 p. 435) der Name 'ATCtOujv 
entfernt, die Lücke ergänzt ((XTaBibec — so — (XTaGÜJv), am 
Anfang aber mit Beseitigung auch des Cratinus vorgeschlagen: 
Naücuüv [Nau]KpdT€r övo|uiaTOTroiTicic (oder ibvojLiaTOTroiTicav) 
TÖ Naijcuiv Trapct Tfjv vaöv Kai tö [NauKpoiTTic irapa tö] vau- 
Kpareiv. Caput III (p. 8 — 17): Beseitigung verschiedener 
Irrfhümer: dass es auch einen Komiker Agathen gegeben, dass 
der Tragiker Agathen auch Komödien geschrieben habe (vgl. 
sent. controv. I: florente Ätheniensium re publica nullius umquam ' 
poetae in tragoedia simul et comoedia opera versata est). Her- 
stellung des Scholions zum Platonischen Symposion p. 172 A mit 
dem Citat f ApiCTO(pdvouc fTipujTdbri, ohne Kenntniss des be- 
stätigenden Lucianscholions. Kurze Musterung angeblicher Ueber- 
läufer aus einer der beiden Dramengattungen in die andre: ^ed 
Universum Jiunc locum, in quo miror neminemdum diligentius esse 
versatum, paucis tantum hie licuit significare, olim fortasse licebit 
prorsus transigere, üeber Timokles, den ältesten, der nach be- 
stimmtem Zeugniss sowohl Komödien als- Tragödien geschrieben 
haben soll. Seine Zeit wird (p. 13) durch Combination be- 
stimmt: die Verspottung der Söhne des Chaerephilus durch T. 
(in den iKdpioi) gehört in das Jahr OL 113, 1. Ausführliche, 
bei aller Höflichkeit etwas spöttische Widerlegung des seltsamen 



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283 

Einfalls von Meier, der in den Worten des Aristophanesscholiasten 
zu den Fröschen 84 (outoc bfe dTaOoc fjv töv xpÖTrov Kai TfjV 
TQanelav XaiiiTrpöc) ein Bruchstück aus einer Komödie CuüKpdTric 
bibdcKaXoc (KU)|uiqjboTroiöc toö Cumpdrouc bibacKdXou) zu er- 
kennen glaubte: töv xpÖTTOV dTaOöc Kai TfjV ipdireCav Xainirpöc — ! 
Caput IV (p. 17 — 19). Heimath und häusliche Verhältnisse des 
Dichters; vom Samier Agathen, dem Geographen; Ausfall auf 
die in der Bibliotheca Sicula niedergelegte ^vita Agathonis' des 
Palermitaners Antonio Mongitor (Hsta mihi hihliotheca visa est 
cloacae instar esse, turpissimorum vitiorum sordibus conspurcatae^), 
wo der Dichter für einen Leontiner ausgegeben wird. Es folgen 
die publicirten Capitel V — VII (p. 19 — 41), das eigentliche 
morceau de r^sistance. Caput VIII (p. 42 — 50) erörtert die 
Bezeichnung des Agathen als KaXöc (Gebrauch und Bedeutung 
dieses Beinamens) und die Spöttereien der Komödie. Caput IX 
(p. 51 — 63) untersucht amores Agathonis (seine vermeint- 
lichen Liebhaber und andre Freunde). Von caput X liegt im 
Druck nur der Schluss des vierten Bogens vor (p. 63 f.), der 
Rest der ganzen Abhandlung aber ist sowohl im Concept als in 
der fast druckfertigen Beinschrift erhalten. Die im zehnten 
Capitel behandelte Frage: quando primum in publicum tragoedia- 
rum certamen descenderit (Agathon) führt wieder in verwickelte 
Combiuationen. Zwar scheint sich aus Athenaeus ohne Weiteres 
Ol. 90, 4 als Jahr des ersten Auftretens zu ergeben, da aber 
ein Scholion zu Aristophanes angiebt, dass Agathon drei Jahre 
vor Aufführung der Thesmophoriazusen begonnen habe auf- 
zuführen, so entsteht die Frage, wann diese Komödie auf die 
Bühne gekommen sei. Die Lösung des Widerspruchs ist in sent. 
controv. VII durch die Emendation eH (= ^') Trpö toutou eieciv 
statt Tpiciv (= r) angedeutet. Auch sent. V und VI sind dieser 
Untersuchung entnommen. Das Schlussresultat (Aufführung der 
Thesm. OL 92, 2) ist in der Anmerkung zu opusc. I 429 kurz mit- 
getheilt mit der Angabe, welche zu den hinterlassenen Vorlagen 
nicht stimmt, dass diese Frage in eo capite, qmd enarrandis 
Aristophanis cavillationibus destinatum erat, d. h. im 8ten, be- 
handelt worden sei. In den gedruckten Bogen findet sich nur 
am Schluss dieses Capitels die anticipirende Bemerkung: quippe 
primum in certamen descendit septimo anno post Olymp. LXXXIX. 
annum 1„ quo acta est Nuhes. Es wird femer gezeigt, dass zu 
der Stelle im Symposion, wonach des jungen Agathon Euhm vor 
mehr als 30,000 Hellenen offenbar geworden sein soll, die An- 
gabe des Athenäus nicht passt^ dass er an den Lenäen bekränzt 
sei. Letztere aber wird gegen Plato aufrecht erhalten, da dieser 
nicht gezwungen war, sich an Thatsachen ängstlich zu binden. 
Dagegen wird nachgewiesen, dass ein Gastmahl des Agathon 



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284 

wirklich stattgefunden habe, oder vielmehr ein doppeltes, zwei 
Tage hintereinander, am ersten, und zwar am Tage nach dem 
Siege (vgl. Sympos. 175 E. Ttpiuriv), die offiziellen ^iriviKia (Sym- 
pos. p. 173 A. wird t^ ucxepaiqt f| fj gegen Wyttenbach in 
Schutz genommen)^ am zweiten das von Plato verewigte. In 
einem Schlusscapitel werden herkömmlichermassen die itt)rigen 
Träger des Namens Agathon bei Griechen und Römern durch- 
genommen, nachdem schon oben von dem Lesbier und dem Samier 
die Rede gewesen ist. So wird schol. Soph. Trachin. 639 (= fr. 
ine. fab. 1 7 bei Nauck) dem Historiker Agathon und zwar seiner 
Schrift Ttepl TroTajLiUJV zugewiesen. Das Schlusswort verspricht 
für den zweiten Theil eine Darstellung der poetischen Leistungen 
Agathons: de arte tum poetica ttim scenica exponer e, qualis Ag'is 
Ingenio evaserit, ipsorumque artis monumentorum quasi effigiem 
adumbrare quandam ex tragoediarum reliquüs tum emendatis iUu- 

stratisque tum via ac ratione dispositis. '- namque in promptu 

suM om/nia: quaedam etiam chartis mandata: inchoatum opus brevi 
fortasse licebit äbsolvere, 

Anfänge der Fortsetzung zum Behuf der Breslauer Habili- 
tation vom Jahre 1833 (vgl. S. 142 f.) liegen in verschiedenen 
Fassungen vor. R. wollte damals de tragoedidrum deperditarum 
fragmentis schreiben, und zwar mit Excursen: si quid possit vd 
e vita poefae vel ex arte peti, quo lux ipsis dus (sc. Aga- 
thonis) verbis ofpimdi videatur, id non ilUheraliter exproma- 
mus, aliquando etiam Uberius exspatiando studiosius illustremus. 
Er ging aus von der im zehnten Capitel der älteren Schrift 
erörterten Frage, wann Ag. zuerst aufgetreten sei, dessen 
Wortlaut er in etwas kürzerer Fassung, .wie es scheint, wieder- 
geben wollte. 

Der noch unausgebeutete Rest der sehr umfassenden Ad- 
versarien zeigt die Fülle der Gesichtspunkte und die Sorgfalt 
der Forschung , welche den übrigen Theilen der Arbeit, nament- 
lich dem Abschnitt Me arte Agathonis' zu Gute kommen sollte: 
die Neuerungen der Musik, die Eigenthümlichkeiten des Stils, 
die Einwirkungen des Gorgias und Prodikos, die Parodien bei 
Aristophanes sollten untersucht werden. Mit reichem, nach allen 
Seiten weit ausgreifendem Commentar waren die Fragmente be- 
dacht; z. B. fr. ine. fab. 11 N. Die Discrepanz zwischen Athe- 
naeus (TroioOineOa) und Clemens (fiTOiijaevoi) führte auf die Fragen, 
wer von beiden genauer citire, wer Citate den eignen Worten 
zu accommodiren pflege, wem von beiden nach dem Zusammen- 
hang seiner Rede leichter Accommodation zuzutrauen; ob f]T€Tc0ai 
oder TTOieicOai dem Sinne angemessener sei. Femer sollte hier 
(wegen der homoeoteleuta TTOioOjLieOa — eK7rovoü|Li€8a) Anlass 
genommen werden die Behandlung des Reims in Versausgängen 



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286 

der griechischen Dramatiker zu untersuchen. Auch zu den übrigen 
nacheuripideischen Tragikern waren ähnliche Sammlungen be- 
gonnen. Femer finden sich« Platonica zu Alcibiades IL, Oorgias, 
Protagoras, Symposion. 

Eine mit den Buchstaben A. T. unterzeichnete Recension 
des Agathen von Eiessling steht in den Ergänznngsblättem der 
Jenaischen Allgem. Litt. Zeitung des Jahres 1831 Nr. 92 p. 345/9. 
Dass jener der Verf. war, beweist sein Brief an R. vom 2. De- 
cember 1831. An demselben Tage schickte K. das zwei Bogen 
starke Manuscript nach Jena, am 8. meldet Eichstädt an R. die 
Ankunft einer Recension. Sie ist streng sachlich gehalten, be- 
grüsst die Schrift als den „Anfang zu einer gründlichen und 
wissenschaftlichen Behandlung der Geschichte der griechischen 
Tragödie", weist die verschlungenen Fäden der Untersuchung nach, 
wobei ein Uebermass von Sorgfalt in der Widerlegung fremder 
IiTthümer in chronologischen Fragen gerügt wird, polemisirt 
endlich gegen einzelne Aufstellungen. In den Anmerkungen 
zu opusc. I 411 ff. hat R. jene Recension nirgends erwähnt noch 
berücksichtigt, namentlich auch nicht den Gegenvorschlag zur 
Emendation der Athenäusstelle p. 13 = 424, da er das Haupt- 
resultat nicht berührt. Eine andre Recension von Dübner in 
Jahn's Jahrbb. 1832 Band VI. p. 327. Vgl. Krüger in Clintons 
Fast. Hellen, p. 442. 

Zu S. 57. Die schedae criticae wieder abgedruckt in 
den opuscula I p. 702 — 743 (vgl. 842), mit der Bemerkung: 
ceterum de his potissimum velut tirocinii rudimentis vix est quod 
moneam multa me hodie, si res integra esset, longe äliter institutu- 
rum esse, omnia an fern aliquanto et hrevius et modestius, Sed S 
T^Tpacpa, fifpaq>a. 

Zu S. 65. Wir geben hier und im Folgenden Auszüge aus 
den Original heften jener Zeit, soweit sie zur Verdeutlichung der 
Lehrweise und des damaligen wissenschaftlichen Standpunktes 
dienlich und interessant erscheinen, selbstverständlich ohne jede 
Kritik der einzelneu Ansichten und Aufstellungen, an deren Be- 
richtigung bei jeder Wiederholung von dem Verfasser selbst un- 
ablässig gearbeitet wurde. Sämmtliche Hefte sind in der ersten 
Anlage äusserst sorgfältig, auch im Stil, ausgearbeitet. Am 
Rande, auf besondren Zetteln, eingelegten Blättern finden sich 
neben zahlreichen Notizen inmier von Neuem wiederholte Versuche 
möglichst scharfer Formulirung, straffer Gliederung, Bemerkun- 
gen der Selbstkritik zur Beachtung für die Zukunft. Das Horaz- 
heft hat dreimal (1829/30, 1836 und 1839) gedient. Metrische 
Uebersetzungen liegen vor zu den zwölf ersten Oden des 2. Buches. 
Nach einer hübschen Charaktepstik des Horaz als Mensch und 



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286 

Dichter werden die Ausgaben besprochen. Bentley's Verdienst 
wird gebührend gewürdigt. „Dass er sich mehr als einmal ge- 
irrt habe, wird Niemand läugnen: aber dies ist das Loos jeder 
freien Geistesthätigkeit, die keine bloss mechanische ist Die 
Kritik namentlich ist dem Irrthum vielfach ausgesetzt, ja die 
Wahrheit selbst, deren Erforschung ihr Endziel ist, ist überhaupt 
immer bloss eine relative. . . . Lehrreicher die irrtiiümliche Kühn- 
heit als Andrer ungelehrte Bescheidenheit.^^ In der Untersuchung 
der Chronologie wird die Ansicht empfohlen, nach welcher die 
beiden ersten Bücher der Oden zusammen, vor dem dritten heraus- 
gegeben sind (nicht vor 733), natürlich frühere Abfassung der 
einzelnen Gedichte vorausgesetzt. Zu carm. II 1 mox tiM 
puhlicas res ordinaris hat Baxter bemerkt » es sei eine *enal- 
lage personae', indem H. eigentlich damit den Augustus meine. 
„Das ist grade als wenn man sagte: von allen Ausgaben des 
Horaz ist die beste die Baxtersche, und damit nämlich meinte 
etwa die Bentley'sche." Die dritte (später von Peerlkamp athe- 
tirte) Strophe von 11 4, die man leicht für ein müssiges Plick- 
werk ansehen könnte, wird gerechtfertigt unter dem Gesichts- 
punkte, dass die Bezwingung der feindlichen Schaaren und der 
Fall des Hector in Contrast gestellt werden mit der Leidenschaft 
des Agamemnon, um die unbezwingliche Macht der Liebe dar- 
zustellen. „Mitten im Siegesjubel, als der Atride die Frucht zehn- 
jähriger Mühseligkeiten erntete, konnte sein Herz von Liebe zu 
einer Sclavin gefesselt werden." Die letzte Strophe von II 5 
wird getadelt als müssiges Anhängsel, sei es nun, dass dieser 
Fehler dem griechischen Dichter zur Last falle oder dem Horaz 
selbst. Mit grösserer Zuversicht könnte die Vermuthung der ün- 
echtheit vorgetragen werden, „wenn sich in der Sprache selbst 
eine Bestätigung dafür fände; allein diese ist allerdings vollkommen 
horazisch." Peerlkamp hat auch diese Strophe gestrichen. Mit 
II 7 endigt die Interpretation, „um den befriedigenden Absdiluss 
dieser nicht durch die weniger interessante, welche folgt, zu zer- 
stören." 

Zu S. 66. Das Heft über Metrik ist begonnen im Octbr. 
1829, immittelbar vor Eröf&iung des Semesters (2. Nov.), geschlos- 
sen am 13. März 1830. Mit successiven Verbesserungen, Anmer- 
kungen, Zusätzen, Beilagen versehen hat es noch bis in die Bonner 
Zeit, bis in die fünfziger Jahre hinein gedient; ja es hat sogar 
noch bis in die letzten Leipziger Jahre eine Grundlage der Vor- 
träge gebildet. Ich gebe im Folgenden einige Excerpte, welche 
dem Kenner eine Skizze der ursprünglichen Anlage bieten können, 
natürlich auch hier mit Ausschluss jeder Kritik im Einzelnen, und 
ohne zu wiederholen was bereits^ im Text gesagt ist 



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287 

Hegelianisirende Einleitung. Wie in d^ Philosophie, so in 
der Kunst muss der Entwicklungsgang ein yöllig naturgemässer 
sein und in einer nothwendigen inneren Stufenfolge vor sich 
gehen, so dass die letzte Stufe der Höhepunkt ist und zugleich 
die Summe aller früheren in sich schliesst. Die Geschichte 
der Metrik also wird die Metrik selbst ergeben, der Gang der 
Darstellung aber wird zusammenfallen mit der Geschichte der 
Poesie, Die beiden Hauptwurzeln aller Rhythmen sind 1) der 
dactylische (fallend, grader, %-Takt), 2) der iambische 
(steigend, ungrader, dreitheiliger Takt). „Alle Zweige des dacty- 
lischen Stammes haben ein ideales Element, das mythische (Epos, 
Elegie, Lyrik); alle Zweige des iambischen haben zum Ob- 
ject nicht mehr das Unendliche und Unbegrenzte der sagenhaften 
Erinnerung, sondern die endliche und bestimmte Umgrenzung 
lebendiger Gegenwart: gesammte dramatische Poesie, nur dass 
die Tragödie in einer eigenen Art den alten Sagenstoff wieder 
aufnahm und beiderlei Elemente sich durchdringen Hess." Das 
schöpferische Genie des Archilochus brachte zuerst Mannig- 
faltigkeit der Versformen auf. — — — Metrische Gesetz- 
mässigkeit gilt in der attischen Komödie nicht minder als in 
der Tragödie. „Ehe man dies nicht zur vollsten Ueberzeugung 
gebracht hat, wird man weder in der Erkenntniss de^ Metrik 
noch in kritischer Textesbehandlung einen freien und richtigen 
Standpunkt einnehmen.^' Die Unregelmässigkeiten modellier, selbst 
der besten Dichter, sind in keiner Beziehung massgebend für das 
Alterthum. Ein Beispiel, dass dieser allein wissenschaftliche 
Standpunkt noch nicht überall anerkannt ist, liefert Welcker in 
Bonn, ein „in andren Theilen hochachtbarer Alterthumsforscher.^' 
Die Concinnität der antistrophischen, proodischen, mesodischen, 
epodischen Yerschlingungen auch in ganzen Beihen einzelner 
Verse wird hei-vorgehoben , das Sonett zur Vergleichung heran- 
gezogen, und Reisigs Verdienst in der Nachweisung solcher 
Figuren anerkannt. „Es lässt sich behaupten, dass man in der 
Aufsuchung solcher Concinnität bei Aristophanes nicht leicht zu 
weit gehen könne.*' Es wird auf die wiederkehrende musicalische 
Begleitung und die entsprechenden Bewegungen des Chors als 
Mittel hingewiesen, die Auffassung jener Concinnität zu unter- 
stützen. Als gleichlaufend mit der metrischen Responsion wird der 
Gleichklang und die Uebereinstimmung der sprachlichen Form 
9Xi den correspondirenden Stellen von Strophe und Antistr. her- 
vorgehoben (Reisigs Conjectanea). Das attische Drama und die 
Parabase der attischen Komödie bezeichnet den Höhepunkt der 
metrischen Kunst. In der neueren Komödie nimmt, wie die 
Poesie selbst, so auch der Bau des Trimeters immer mehr „eine 
gewisse langweilige Ernsthaftigkeit an, die dem Wesen der 



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288 

ächten Komödie ganz iind gar nicht angemessen ist, so dass die 
Verse des Menander sich fast in nichts unterscheiden von denen 
des Euripides." Umgekehrtes Verhältniss: „die entartete Tra- 
gödie des Euripides nähert sich schon der Komödie, und die 
entartete Komödie geht wieder zurück zur Aehnlichkeit der 
Tragödie." 

Nachdem die Kunst der Metrik bis zum politischen Verse 
und der Herrschaft des Wortaccentes begleitet ist, geht die Vor- 
lesung auf die Metrik als Wissenschaft über, bestimmt ihre 
Stellung in dem antiken System der musischen Künste, geht die 
antike Litteratur der gesammten Disciplin (Rhythmik, Harmonik, 
Musik inbegriffen) und die Arbeiten der Neueren durch. Lob 
Bentley's. Dem äusserlichen Inductionsverfahren der neueren 
Engländer (Dawes, Elmsley, zum Theil auch Porson) wird nur 
bedingte Berechtigung zuerkannt. Warmes Lob für Reiz, „der 
seine genaue Kenntniss der Metiik bekundet hat durch seine 
Ausgabe des Rudens. Was ihm aber in der Geschichte der 
Metrik eine Stelle verschafft, ist der Ernfluss, den er durch 
Privatmittheilung auf Fr. A. Wolf und durch Lehre und Unter- 
weisung von Jugend an auf Hermann ausgeübt hat" — — 
„Was Archilochus fttr die künstlerische Ausbildung der Metrik 
gewesen ist, das ist Hermann für ihre wissenschaftliche Be- 
gründung geworden, und wie jener von den Alten selbst der 
Vater der Metrik als Kunst genannt wurde, so muss Hermann 
der Vater der Metrik als Wissenschaft heissen. Erst seit H. ist 
die Noth wendigkeit zum Bewusstsein gekommen, dass ein Her- 
ausgeber oder Bearbeiter eines alten Dichters Kenntniss von der 
Metrik haben müsse, eine Anforderung, welche man früher weder 
an sich noch an andre zu machev gewohnt war." (Schlagendes 
Beisp. : PoUux von Hemsterhusius.) Getadelt wird H.'s rücksichtsloses 
Vertrauen auf die Sicherheit seines subjectiven Gefühls fttr schönen 
Rhythmus, wie es sich namentlich im letzten Theil der Elementa, 
wo von Strophenbau und antistrophischer Responsion die Rede, 
geltend mache, und in der seltsamen Erfindung der iambi ischior- 
rhogici. Sehr ausführliche Widerlegung der Apel sehen 
Theorie, namentlich der Statuirung l) einer drei- und vier- 
zeitigen Länge, 2) der Pausen, die nur am Ende katalektischer 
Reihen angenommen werden. Während der Takt in modernem 
Sinne der antiken Musik imd Rhjrthmik abgesprochen wird, findet 
sich ein Analogen desselben in der dYUJtT) pu6|LiiKri, im Tempo. 
„Das vollständige Gleichmass des Rhythmus, wie es durch unsern 
Takt erreicht wird, war der alten Rhythmik, der zum Behuf der 
Poesie auf Sprache angewendeten^ durchaus fremd; trat aber in 
gewisser Weise (annäherungsweise) augenblicklich ein, sobald 
solcher sprachliche Rhythmus in Musik gesetzt wurde. Nicht 



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289 

soll ja die Sprache der Poesie Musik selbst sein", sie ist nur An- 
näherung an Musik. „Nur ein Analogon der rhythmischen Ver- ^ 
hältnisse der Musik bietet daher die Sprache^ im Ganzen ge- 
nommen bloss das einfache YerhSltniss der Einheit und der 
doppelten Einheit des Masses/^ Grade so bei uns Sprach- und 
Musikrhythmus nicht zusammenfallend. 

Disposition der Haupttheile: I. systematischer Theil, 
IL h i 8 1 r i s c h e r. In letzteren gehört die Darstellung griechischer 
Musik, „so weit sie zum vollkommenen Yerständniss der Metrik in 
ihrem historischen Entwickelungsgange erforderlich ist, und das ist 
mehr als man gewöhnlich meint/^ Der I. Haupttheil zerfällt wieder 
in zwei Abschnitte : 1 . Allgemeiner oder rationeller Theil, der 
die allgemeinen Gesetze enthält (dieser wieder muss künftig als 
Unterabtheüung die metrische Prosodie geben); 2. specieller 
Theil oder usueller, die Anwendung der allgemeinen Gesetze im 
wirklichen Gebrauch. Dieser zweite Theil handelt 1) von der 
podischen, 2) von der stichischen Composition. Hierauf 
folgt „Darstellung der Grundsätze der Metrik". • Allgemeiner 
TheiL Gesetz des Rhythmus (der Aufeinanderfolge der Zeit- 
abtheilungen) ist Harmonie, Einheit in der Mannigfaltig- 
keit, Gleichheit im Mass der Zeitabtheilungen (in der Commen- 
surabilität) bei Verschiedenheit (gefälliger Abwechselung) ihrer 
Qualität. Der Böckhsche Satz, Rhythmus bestehe im Gleichgewicht 
von Arsis und Thesis, wird insoweit zugegeben, dass an Stelle 
des Gleichgewichtes der Begriff „Proportion" gesetzt wird. Der 
Unterschied der Bentleyschen Terminologie von Arsis und Thesis 
von der der meisten alten Metriker wird nachgewiesen. Die 
Hermannsche Anakrusis unnöthig, aber wegen allgemeiner Aner- 
kennung beizubehalten. Sehr vollständig werden die metrischen 
Einzelfttsse durchgenommen; die Existenz des Antispast wird ver- 
theidigt. „Der Charakter solcher doppelarsischen Füsse in der 
Rhythmik lässt sich vergleichen mit den Dissonanzen in der 
Musik: wie hier die Harmonie, das Consoniren, momentan auf- 
gehoben wird, so dort die rhythmische Bewegung, daher auch 
jene Füsse äppuO|aot genannt werden. Wie die Dissonanzen nicht 
für sich bestehen können, sondern aufgelöst werden müssen in 
Consonanzen, so grade auch die ttööcc äppuO|aoi; einen Vers 
aus lauter Antispasten giebVs nicht. . . . Gedichte in fortlaufenden 
Baccheen kennen nur die harthörigen Römer . . . Aus demselben 
Grunde werden die lonici vertauscht mit iambischen und trochäi- 
schen Dipodien." Die irrationale Länge erscheint im dactyli- 
schen Hexameter und in den kyklischen Anapästen (aus ihrer 
Natur folgt die Unauflösbarkeit), im stellvertretenden Spondeus 
für lambus oder Trochäus: die irrationale Kürze im stellver- 
tretenden Anapäst für den lambus in der Komödie. Die An- 

Kibbock, F. W. BitschL 19 



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290 

Wendung, welche Hermann yom trochaeus semantus gemacht hat, 
ist sehr unsicher: in mehreren der von ihm angeführten Bei- 
spiele ist es offenbar eine Basis. Der Unterschied von stei- 
genden und sinkenden Bhythmen in der Bentley-Hermann- 
sehen Theorie wunderlicher Weise ganz aufgehoben, indem er 
nur letzteren anerkennt. Unbegreiflich wie grade er, der sich 
zuerst gegen das bloss metrische Schematisiren stemmte, hierin 
ganz und gar in die geistlose Manier der Grammatiker zurück- 
gefallen ist. „Auf dem Papier stehts freilich, aber für das Ge- 
fühl kann die wesentliche Grundyerschiedenheit des Charakters 
beider Bhythmen durch solche Künsteleien nicht aufgehoben werden. 
Mit demselben Rechte kann man die Identität der lonici, Anti- 
spasti, Choriambi behaupten." Die Böckhsche Lehre über die 
Messung nach Einzelfüssen oder nach metra (Dipodieen) 
ist einseitig, und ermangelt des Principes. Vielmehr: alle ein- 
fachen rationalen Bhythmen werden nach metris gemessen, alle 
abgeleiteten dagegen^ sowie die irrationalen, d. h. mit irrationaler 
Arsis, nach einzelnen Füssen. Grund: da die einfachen Füsse 
nur 6ine Arsis haben, die abgeleiteten dagegen eine doppelte, 
nämlich eine Haupt- und eine Nebenarsis, so wird durch die 
Verbindung zweier einfacher Füsse ein Ebenmass erreicht; eine 
Gleichmässigkeit tritt ein zwischen einem zusanmiengesetzten Fusse 
und einer Dipodie, da diese ebenfalls das rhjrthmische Verhält- 
niss einer Haupt- und einer Nebenarsis hat. Diese metrische 
Gleichmässigkeit ist aber Erfordemiss für den musikalischen Vor- 
trag, in welchem die gleiche Zeitdauer durch die ÄTUif^ ^uÖM^^^H 
bewirkt wird. So erklärt sich, wie ein und derselbe Ausdruck, 
ILi^Tpov, bald für einen bald für zwei Füsse gebi-aucht wird, in- 
dem die Zeitdauer beider Arten ganz dieselbe ist. Eine besondre 
Klasse für sich machen aber die beiden irrationalen Bhythmen 
aus, der flüchtige Dactylus und der cyclische Anapäst. Denn 
da in ihnen die Arsis eine von den rationalen Bhythmen ganz 
verschiedne Geltung hat, so sind sie mit diesen gar nicht com- 
mensurabeL Darum werden weder die epischen Hexameter noch 
die cyclischen Anapästen bei den Tragikern nach metris oder 
Dipodien gemessen , sondern nach einzelnen Füssen. Wie es aber 
einen von den cyclischen Ana|)ästen ganz verschiedenen Anapäst 
giebt, der wirklich nach metris gemessen wird (Systeme der 
Tragiker), so müssen ebenfalls dactylische Dipodieen in der 
lyrischen und dramatischen Poesie angenommen werden. Dass 
die Grammatiker solche Dactylen nicht anerkennen ; dies kömmt 
bloss von ihrer einseitigen Betrachtung des heroischen Hexameters, 
da sich auf diesen neben einigen wenigen andren der gebräuch- 
lichsten Versarten der Kreis ihres metrischen Wissens zu be- 
schränken pflegt. Die Hermannsche Basis wird als Thatsache 



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291 

anerkannt, aber sämmtlicbe Erklärungen, sowohl die der Reihe 
nach von Hermann probirten als auch die Ansicht Böckhs mit 
schlagenden Gründen als willkührlich und widerspruchsvoll nach- 
gewiesen. „Nach meiner Ansicht erklärt sich der Wechsel des 
Rhythmus in den Silben der Basis, durch Annahme derjenigen 
Gattung des Vortrags, welche bei uns Becitativ heisst, bei den 
Alten TTapaKttTaXoTil." Bei der Definition des Verses wird 
gegen Böckh gezeigt, dass die Dauer des menschlichen Athems 
mit demselben Rechte hierzu in Beziehung gesetzt werde wie 
von den alten Technikern zur Bestimmung der Sätze und Perio- 
den in Prosa darauf Rücksicht genommen sei; und nach jenem 
Princip werden die Vorschriften der Alten über die grösste Aus- 
dehnung von Reihen gerechtfertigt. 

Bei Erörterung des Begriffs eines metrischen Systems 
nach Hermannschem Sprachgebrauch spricht sich R. über die 
Böckhsche Theorie aus, wonach ein oder mehrere^ eng unter sich 
verknüpfte, von andren abgetrennte, vollzählige oder katalektische 
Reihen 6inen Vers bilden, und dass am Ende eines Verses nie- 
mals Wortbrechung stattfinde. Er^ findet, dass der Differenz- 
punkt eigentlich auf einen Wortstreit hinausläuft. Der bekannte 
Spruch des Hephaestion ttSv |Li^Tpov €ic reXeiav TrepaTGOxai 
X^Hiv habe unbedingte Wahrheit für unverknüpfte Verse, gelte 
aber nicht für verknüpfte (Systeme). Auf einer Observanz, nicht 
auf einem in der Natur des Rhythmus begründeten Gesetz beruhe 
es, dass in den anapästischen Systemen der griechischen Drama- 
tiker die versus dimetri fast ohne Ausnahme mit einem vollen 
Worte schliessen; es sei dies als eine regelmässige Caesur an- 
zusehen. Das Richtige fand auf den ersten Griff schon Bent- 
ley (zu Horaz carm. III. 12). 

Zu den verfehltesten Capiteln der Hermannschen Elemente 
wird das über die Cäsuren gerechnet, „indem in einer Menge 
spitzfindiger und dabei ganz willkührlicher Distinctionen alle 
Klarheit untergeht.^* Die Definition, Cäsur sei das Zusammen- 
treffen des Schlusses einer rhythmischen Reihe mit dem Schluss 
einer Wortreihe, sei entweder zu eng oder zu weit, je nachdem 
was man hier unter rhythmischer Reihe zu verstehen habe. 
Ohne Zweifel sei die auch von Böokh vertheidigte Ansicht die 
richtigere, wonach Cäsur in der Durchkreuzung des metrischen 
und des sprachlichen Rhythmus bestehe, doch passe sie nicht 
für diejenigen Einschnitte, welche an das Ende einer rhythmischen 
Reihe fallen. Wenn Böckh dieselben mit dem Namen öiaipecic 
bezeichne, so weiche er insofern von Aristides Quintilianus ab, 
als dieser nur solche Abschnitte mit diesem Namen belege, welche 
den Vers in zwei vollkommen gleiche Hälften zerlegen. Auch 
die Reizsche Unterscheidung von caesura metrica (= diaeresis 

19* 



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292 

im Böckhschen Sinne) und c. podica sei einseitig, indem sie die 
eigentlichen Fusscäsuren ausschliesse. ,,Alle diese schwankenden 
Urtheile sind entstanden, weil es an einem Princip fehlte. Das 
allein wahre Princip ist aber kein andres als die Verbindung der 
Mannigfaltigkeit mit der Einheit. Die Cftsur ist nämlich das- 
jenige, wodurch der Einheit des Verses die Mannig- 
faltigkeit verliehen wird. Schon hieraus erklärt sich, warum 
von Verscäsuren, im Ganzen genommen, nur die Bede ist bei 
periodischen Reihen, bei den metris simplicibus, nicht hingegen 
bei den compositis, wie bei den meisten lyrischen Versen, da 
diese durch den Wechsel der Rhythmen schon an und für sich 
das Erforderniss der Mannigfaltigkeit besitzen." In den sim- 
plicibus wird dagegen die Mannigfaltigkeit erst dadurch ge- 
wonnen, dass dem metrischen Rhythmus der sprachliche wider- 
strebt, und so gleichsam eine Disharmonie entsteht, die sich erst 
mit dem Schluss des Verses auflöst. Daher die Verse, in welchen 
der Wortrhythmus mit der Vershälfte ganz gleichen Schritt 
hält, schlecht sind. ... Je grösser die Mannigfaltigkeit, desto 
schöner der Vers," daher das Hauptgesetz, dass der Vers durch 
die Cäsur nicht in gleiche Theile zerlegt werde, und die An- 
wendung desselben, dass die akatalektischen Verse nicht in der 
Mitte die Cäsur haben können, wohl aber die katalektischen. 
Der dactylische Hexameter als ein katalektischer Vers sollte 
zwar als solcher nach dem dritten Fuss die Cäsur haben können, 
„aber einestheils wäre der Unterschied beider Hälften unmerk- 
lich, andemtheils tritt hier eine zweite Anwendimg des obigen 
Hauptgesetzes ein, dass nämlich nicht die zwei Theile des Verses 
beide mit der Thesis oder beide mit der Arsis schliessen: wieder 
zu Vermeidung der Einförmigkeit." [Am Rande mit rother Tinte : 
„NB. beim Hexameter ist aber die trochäische Cäsui* des dritten 
Fusses auch zu berücksichtigen (die vielleicht sogar als die 
regelmässigere gelten muss)." Mit Blaustift später: „Alcäischer 
Vers? Sapphischer?"] Nicht widerspricht der vorgetragenen 
Theorie der Pentameter, da er nicht aus einem periodisch 
fortlaufenden Rhythmus besteht, sondern aus zwei ganz geschie- 
denen Theilen, und in der Mitte eine Katalexis hat, also auch 
die damit verbundene Pause, nicht aber eine eigentliche Cäsur, 
vielmehr nach dem Sprachgebrauch des Aristides eine biaipecic. 
„Uebrigens braucht ein Vers nicht bloss eine einzige Verscäsur 
zu haben, abgesehen von den Fusscäsuren. . . . Wie Haupt- und 
Nebenarsis, so Haupt- und Nebencäsur; die eine herrscht über die 
andre." 

Auf der Rückseite des Heftes: „Ad notam! Ein reiches 
Feld der Nacharbeit für diese Vorträge bietet der zweite oder 
besondere Theil, vomemlich fttr Texteskritik. Denn wenn sämmt- 



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293 

liehe von Hermann angeführte und behandelte Beispiele kritisch 
erwogen werden, findet sich wenigstens für die Hälfte derselben 
Gelegenheit zu abweichenden Meinungen und eigenen Emenda- 
tionen." Auch der zweite (usuelle) Theil ist vollständig bis 
auf den Wortlaut ausgearbeitet, in reichen Details, durchweg 
kritisch begründend, die Geschichte jedes einzelnen Metrums mit 
der Darstellung seiner Gesetze in fruchtbarer Verbindung zusam- 
menfassend. 

Auf einem alten Gedenkzettel sind zu lesen (im Anschluss 
an das erste Heft): „Bemerkungen für die Zukunft. Accedat 
Darstellung der griechischen Musik, Darstellung der metrischen 
Prosodie (dahin gehört auch eine vollständige Behandlung des 
Digamma — dahin gehört das Verhältniss des Accents zur Pro- 
sodie); ausgeführte Darstellung des metrischen Entwicklungs- 
ganges bei den Römern. — — Die Lehre von der syllaba an- 
ceps wird sich noch weit concinner darstellen lassen. — — In 
die Geschichte des metrischen Entwicklungsganges Ifet Manches 
einzuweben noch, z. B. Basis; Paracataloge ; Hipponax, Phrynichi 
tetrametri, Epicharmus. — — Seidlers Heft habe ich in den 
meisten Fällen gar nicht Zeit gehabt nachzusehen." 

Allerhand lose Blätter aus dem Jahr 1829 enthalten Stu- 
dien zur Metrik: z. B. Tabellen über die Auflösungen im 
iambischen Trimeter. „Wohl zu berücksichtigen ist, welche 
Aufeinanderfolge kurzer und langer Sylben das Wort hat, dessen 
Ende in den aufgelösten Fuss hinüberschlägt." Gedanken über 
die allmählige Entwicklung der strophischen Composition, über 
die Herleitung der Asynarteten, über das anakreontische Mass 
(dass es zum ionischen, nicht zum iambischen oder choriambischen 
Metrum zu rechnen sei) ; Schlagworte für eine Vorrede oder Ein- 
leitung zu dem Buch über „metrische Kunst." 

Zu S. 77. Besser als alle Umschreibung werden dem theil- 
nehmenden Leser einige aus der Stimmung des Augenblicks her- 
ausgequollenen Ergüsse der Feder die damalige Empfindungs- 
und Ausdrucksweise unseres Freundes vor Augen stellen. 

An Niese. Halle, den 9. August 1828. „Lieber Freund! 
Die Grossmuth, mit der Du mir Entschuldigung und Rechtfer- 
tigung schenkst, hast Du mir diesmal vergeblich an den Hals 
geschmissen; wie kannst Du mir etwas schenken, was nicht ist? 
denn ich habe keine Entschuldigungen. — Nicht wahr, diese 
Klügelei ist eines Gorgias und Prodikus, oder eines Eleatikers 
würdig? — Aber was Dich betrifft, so hast Du wahrlich eine 
gute Art, die Leute los zu werden. Einem, der eben im Be- 
griff ist, seine Schuld abzutragen, sagen zu lassen: er solle jetzt 
noch nicht schreiben, sondern warten, bis man ihm durch einen 



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294 

neuen Brief dazu Erlaubniss gegeben habe! und mit diesem ver- 
heissenen Briefe 3 — 8 — 10 — 14 Tage zu warten! nein! 
3 volle Wochen! Wahrhaftig, diese Impertinenz kannst Du schrift- 
lich gar nicht wieder gut machen; Du musst nothwendig zu An- 
fang Eurer Ferien nach Halle kommen, und daselbst Bathhaus- 
gasse Nr. 247 so lange oder so kurz bleiben als Du willst und 
kannst; ich bleibe bis in die Mitte Septembers hier, um Euch 
zu erwarten; denn dass Schmalfuss gar nicht so penibel ist, als 
Du, lässt sich erwarten; kannst Du mit nach Erfurt kommen, 
bon! wo nicht, so ist nicht zu helfen. Aber Halle kann Dir 
nimmermehr erlassen werden! Was soll es denn sonst werden, 
wenn Du nicht jetzt auf einmal einen courageusen Entschluss 
fassest? Was der Mensch will, das kann er, — Leibspruch des 
Professor Petri in Erfurt, der, da er nie etwas gekonnt hat, 
vermuthlich nur nie etwas gewollt hat. Von Anbeginn der Welt 
an bis auf die Zeiten der Revolution, unter allen Zonen, unter 
jeder Menschenklasse und — Race, in jeglichem genre mensch- 
licher Thätigeit, existiren die glorreichsten Exempel, wie durch 
menschliche Willenskraft die Macht des Zufalls gebrochen, die 
Widerwärtigkeit hindernder Umstände bewältiget und in den Dreck 
getreten worden ist, und Du wolltest, Du könntest einen Augen- 
blick anstehen, den Eingebungen Deiner bessern Natur zu folgen, 
Du wolltest Dich dazu hergeben, die Weltgeschichte und Deinen 
dereinstigen Biographen um einen so brillanten Charakterzug zu 
bestehlen? — Na, nun hab* ich Dir das Herz warm gemacht, 
ich habe mich aber auch ganz wai-m geschrieben, und merke nun, 
was der Tropus besagt: das Feuer der Beredtsamkeit. Ich kann 
Euch gar nicht sagen (ich meine jetzt Schmalfussen mit), was 
ich oft für entsetzliche Stunden habe: ausser so vieler Schwere- 
noth, die mir den Kopf herüber und hinüber reisst, habe ich oft 
eine so fürchterliche Leere einige Spannen tiefer; heirathen kann 
man doch einmal jetzt noch nicht: da denke ich denn allemal 
erst nach Erfurt und dann an Berlin. Und das wirkt alles um so 
tiefer bei mir, da ich es ganz in mich zurückdrängen muss. Mit 
jedem Jahre wird man dazu unföhiger, Freundschaften zu schliessen; 
wenigstens mache ich die Erfahrung an mir: und nun gar ex 
abrupto sich einem in die Arme zu schmeissen, wie einer Dirne, 
wie es manche Romanhelden thun, wenn sie sich kaum zum 
ersten Male in die harmonische Physiognomie geguckt haben, — 
das ist mir ganz unausstehlich. Fortgesetzten Umgang und lange 
Bekanntschaft halte ich für Bedingung eines vertrauten Verhält- 
nisses: wenn gleich ich aber die Freundschaft somit aus einem 
Gewohnheitsverhältniss hervorgehen lasse, so wird man mich 
doch keineswegs dergestalt missdeuten, als hielte ich sie mit 
demselben für identisch. Ich bin ins Schwatzen gekommen; was 



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295 

ich eigentlich sagen wollte, ist das: da der liebe Gott Halle 
glücklicher Weise an einen Ort gesetzt hat, der einem von Berlin 
nach Naumburg, Hesserode, Thallwitz Beisenden nicht nur nicht 
vom Wege ab, sondern grade vor der Nase liegt> so ist meines 
Erachtens der grösste Theil Deiner Bedenklichkeiten schon ge- 
hoben." 

Halle, den 1. October 1829. „Und nun — ja was nun? 
von mir wirst Du bei Lancizolles genug gehört haben; und von 
Dir — Dich von Deinen düstern Grillenföngereien zu heilen habe 
ich auf schriftlichem Wege wenig Hoffnung; mündlich will ich 
mich beinahe anheischig machen ein glücklicher Arzt zu sein. 
Ich glaube sehr klar in Deine ganze Gemüthsverfassung hinein- 
zugucken, da ich die bittere Schule der Selbstunzufriedenheit 
und geistigen Verzweiflung selbst durchgemacht habe. Zwar weiss 
ich nicht, ob's bei Dir tiefer sitzt; doch sagst Du ja ein paar 
Mal, ich nähme vielleicht die Sache ernster und bedenklicher, 
als sie sei. Das will ich aber keinesweges: denn, um bei Deiner 
recht treffenden Darstellung zu bleiben, die gute Hälfte rächt 
sich gewissermassen an der inertia der andern durch Bitterkeit 
und Uebertreibung in Spott und Hohn, und gefällt sich darin, 
und findet eine Art Befriedigung daran. Aber höre, ein bischen 
Selbstgenügsamkeit thut doch gut, und wenn man sich dazu 
nicht erheben (oder erniedrigen) kann, eine materielle Apathie, 
etwas genialer (ohe!) Leichtsinn etc. Hätte ich das nicht, ich 
liefe lieber heute als morgen in die weite, weite Welt hinein, 
und verbrennte vorher Bücher und Papier, und dächte an nichts 
mehr und möchte in tiefen Zügen aus dem Lethe trinken. Weiss 
Gott, man sollte manchmal wünschen, ein Bauer geworden zu 
sein oder so etwas: so mit Angst und Trostlosigkeit kann einen 
ja die Grösse, die Unermesslichkeit der zu durchlaufenden Bahn 
erfüllen, und die unnahbare Ferne des Zieles und die mensch- 
liche Schwäche. Und täglich erweitert sich noch zum Unglück 
der Gesichtskreis! Du siehst, ich komme unvermerkt in dasselbe 
Thema hinein: aber man kann sich mit gutem Willen drüber- 
wegsetzen und dieser Leichtsinn ist Pflicht gegen sich. Die ver- 
wünschten Ideale, und dass man sich immer an diesen misst, 
statt auch einmal zu seinem Tröste das tieferstehende an sich! 
Erinnere Dich einmal, wie Du mir bei unserm letzten Abschiede 
auf der Hallischen Chaussee den Trübsinn ausredetest und mich 
verwiesest auf das nächste Wiedersehen, wo alles überstanden 
und alles anders sein würde zu meiner Freude. Deine Prophe- 
zeihung ist wahr geworden: ich bin wahrhaftig, glaub' ich, kein 
schlechterer Prophet, und führe Dich mit einem Zauberschlage 
in das Elysium von etwa 1831. Denk einmal, wenn wir uns 
da wieder sprechen werden! Vorher wird nun zwar von keinem 



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296 

Eljsium, aber doch, iim in einem Bilde zu bleiben, yon der 
ruhigen besänftigten Wasserfläche des Hafens die Bede sein 
können, wo die rings umschlagenden Wellen nicht mehr ängsti- 
gen und die noch ängstigendere Angst vor fernen Möglichkeiten, 
imd wer weiss was für Gefahren, die nimmer sind. Findest Du 
denn meine öfter belobte Lebensphilosophie nicht mehr praktisch ? 
— Nimm Dich noch einmal tüchtig zusammen, und Du kriegst 
den alten Karren doch durch das Dreckloch durch, wie ich un- 
zählige Male auf dem Harze, und dann ist^s gut, und wenn auch 
im schlimmsten Falle ein paar Nägel und Riemen kaput gehen, 
was schadets!? man ist doch durch. Wer fragt danach? Wäre 
ich an Deiner Stelle gewesen, ich hätte mir nicht halb so viel 
Bekümmernisse gemacht, als ich mir — auch noch unnöthig — 
gemacht habe. Ich war viel schlimmer dran. Ich glaube nicht, 
dass mich so bald nun wieder etwas damiederschlägt: die Er- 
fahrung setzt sich allmählig fest, dass alles geht und am Ende 
besser als man je gedacht. Und dass das bei Dir eben so sein 
wird, und dass Du mir das noch einmal gestehen wirst — dar- 
auf will ich alles verwetten. Um was willst Du wetten? Wenn 
man so gar viele Bedenklichkeiten von aussen her und so viele 
Rücksichten nach aussen hin nimmt, so muss man verkümmern 
oder verhärten. Ich habe über mich und mein Leben imd sein 
Ziel ganz andre Gedanken gekriegt als sonst — wenn's keine 
Täuschung ist — und komme von allen so gar weit ausgrei- 
fenden Bedenken zurück, und glaube kaum, dass der Hang und 
Drang nach einer gewissen äussern Anerkennung imd solchem 
nichtigen Glanz die innere Ruhe imd den Frieden meines Still- 
lebens stören wird, was man sich — sollt' ich meinen — bei 
allem Geräusch^) seines Standpunktes immer wird bewahren 
können. Diese Ferien haben einen unübersehbaren Einfluss auf 
mich gehabt — aber ich will nicht vorgreifen. Mündlich mehr. 
Jetzt zu Tische. Hernach will ich einmal überlesen: ich bin 
neugierig, was ich in dreiviertel Stunden in einem Zuge für Ge- 
danken aufs Papier geschmissen habe: vermuthlich nicht gehauen 
und nicht gestochen." 

Zu S. 78. Den erwähnten Erankheitsanfall beschreibt 
der Patient seiner Mutter am 28. Novbr. 1832 folgendermassen: 
„Meine liebe Mutter! Wenn ich damit anfange, dass ich diesmal 
auch ein bischen krank gewesen bin, so bestärke ich Dich da- 
durch zwar in dem Aengstlichkeitssystem, von dem ich Dich 
neulich erst abzubringen bemüht gewesen bin; gleichwohl will 
ich's doch nicht verhehlen, weil Dich sonst die vermuthete Ver- 

1) So. 



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297 

heimlichung künftig noch ängstlicher machen würde. Ich sagte 
Dir neulich, dass ich ein vorübergehendesi Uebelbefinden meist 
den andern Tag wieder vergessen hätte; und so ganz leicht war's 
denn auch diesmal nicht. Ich weiss nicht, war es heute oder 
morgen vor acht Tagen, als ich Deinen Brief frühzeitig am 
Morgen erhielt, zugleich mit seinem höchst dankenswerthen In- 
halte. Den ganzen Morgen war ich wohl auf, wie die ganzen 
Tage vorher, hatte auch weder das kleinste Vorzeichen gespürt, 
noch, so viel ich auch nachdenken mag, mich irgendwo etwa 
nicht in Acht genommen , sondern grade durch Warmhalten gegen 
mögliche Erkältung mich fortwährend aufmerksam geschützt. 
— — — Jenen Morgen nun (es war am Donnerstag) arbeitete 
ich auf dem Stuhle, stand öfter auf nach Büchern, als ich etwa 
zwischen 10 und 11 Uhr auch wieder einmal schnell aufstehen 
will, aber augenblicklich auf den Stuhl zurücksinke, weil ich 
mein ganzes linkes Bein nicht bewegen konnte. Mit grosser Mühe 
schleppe ich mich unter stechenden Schmerzen in den Sopha- 
Winkel, und bleibe daselbst in ganz krumm zusammengekauerter 
Lage etwa zehn Minuten, dann versuche ich aufzustehen, aber 
vergeblich. Trotz vielföltiger Anstrengung bringe ich's in zwei 
Stunden nicht dahin, entweder grade oder krumm mich vom 
Sopha zu erheben, um* nur schellen zu können. Nur mit dem 
rechten Arm konnte ich ein Buch fassen, das ich auf dem Fuss- 
boden fast zerschlage, damit es Grunerts hören sollen: aber die 
sind nicht unter mir. Mir wurde allmählig bange, es könnte eine 
Lähmung oder die Gicht oder gar ein Schlagfluss sein (was die 
Leute auch in der Stadt gesagt haben): bis ich endlich durch 
den Bedienten des Professor Heffter erlöst wurde — eher war 
zuföllig Niemand in meine Stube gekommen — der mir eine 
Einladung auf Freitag Abend bringen sollte. Erlöst dadurch, 
dass ich ihn wenigstens nun nach dem Mädchen klingeln lassen 
konnte. Indess ich immer meine Stellung noch nicht ändern 
konnte, holt die den Doctor (noch dazu einen falschen), und der 
ordnet gleich an, dass ich ins Bett, aber auf dem Sopha, soll. 
Ich lasse mich, weil ich selbst aus eigner Kraft mich unver- 
mögend fühlte, von Starke, dem treuen Stiefelwichser, den ich 
gleich hatte holen lassen, lierzhaft angreifen und umfassen, und 
unter unsäglichen Schmerzen aus der sitzenden Stellung in eine 
halb liegende ins Bett bringen, wobei es war, als wenn das 
Rückgrat zerbrechen sollte. Im Bett trat nun der Schmerz aus 
dem Hüftgelenk allmählig tiefer und nahm das ganze Bein ein 
bis zur Wade, so entsetzlich, wie ich nicht leicht Schmerz ge- 
habt habe, ordentlich krampfhaft, dass mir das Bein wie taub 
und stockig wurde. Dieser Hauptschmerz wurde gehoben da- 
durch, dass mir Nachmittag um 5 Uhr etwa 20 Schröpfköpfe 



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298 

gesetzt warden, das ganze linke Bein entlsuig. Aber bewegen 
konnte ich mich noch 24 Stunden lang keinen Zoll breit ans 
der Lage, wie ich einmal im Bette lag, was schrecklich lang- 
weilig wurde, unausgesetztes Schwitzen, drei Tage und drei 
Nächte durch, besonders aber Gesundheitstaffet, worein mir das 
ganze Bein gewickelt wurde, brachten mich dahin, dass ich 
Sonnabends, wenn auch mit grosser Vorsicht, ganz zusanmi^i- 
gebückt und von zweien gehalten wieder einmal durch die Stube 
gehen und mit dem linken Fusse auftreten konnte. Seitdem 
geht's nun jeden Tag besser." 

Zu S. 79. Musik. Aus einem Begleitbrief zu der Abhandlung 
über Canticum und Diverbium (1871) theilte mir Lehrs folgende 
Stelle mit: „Man muss sich zwar fürchten Ihnen etwas zu 
offeriren, worin auch Musik vorkommt, die heutzutage alle Welt 
beleckt." (Lehrs'scher Ausdruck.) „Indess darf ich von mir wenig- 
stens sagen, dass ich früher Violine gespielt als die griechischen 
Buchstaben gelernt habe, und früher des Sonntags in meines 
Vaters Kirche die Orgel gespielt zum Gemeindegesang, als mir 
ein griechischer Euripides oder Sophokles in die Hände kam. In 
aller Bescheidenheit habe ich also, auf Grund solcher unverlier- 
barer Beminiscenzen (die übrigens auch noch auf spätere Jahr- 
zehnte ihre praktische Wirkung in die Feme bethätigt haben), 
diesmal einige musikalische Anschauungen zu verwerthen unter- 
nommen*^ u. s. w. Worauf Lehrs am 15. Octbr. 1871 erwiderte: 
„Ich stecke eben ein wenig in Byzantinern und bin um so mehr 
der üeberzeugung voll, dass jede Sache ausser ihrem offenen 
Sinne noch einen geheimem, allegorischen im Hintergrund habe. 
Also wenn Sie icTopiKUJC so früh Violine gespielt, so bedeutet 
das dXXriTOpiKaic, dass Sie einst in einer grossen Wissenschaft 
die erste Violine spielen würden, mit einer Sicherheit und An- 
ziehungskraft, die alle sinnigen Naturen stets auf das Höchste 
erfreuen und befiiedigen würde." 

Zu S. 79. An Niese 22. Dec. 1832. „Was willst Du von 
mir wissen und meinen Arbeiten? Ich mache fortwährend Vor- 
bereitungen zu Plautus, Harpokration , Stephanus, Poilux, wobei 
mir viele neue Gedanken kommen. Aber solche Vorarbeiten 
sind so weitschichtig, und bei aller ihrer Nothwendigkeit kömmt 
doch für den Augenblick nichts heraus dabei. Becensionen, 
anonyme, habe ich auch' allerhand gemacht, Auto — und Allo — 
oder Hetero — . Italienisch macht mir täglich mehr Freude. 
Die CoUegien betreffend, namentlich historische wie Geschichte 
der Poesie, so sehe ich deutlichst ein, dass, wenn ich sie mit 
Freude wieder lesen soll, ich Alles umarbeiten und fast soviel 



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299 

Zeit aufwenden muss wie bei der ersten Entwerfung. Im Ganzen 
aber kann ich nicht anders als gestehen, dass ich gar nicht 
consequent fleissig gewesen bin, sondern mich sehr mit Allotriis 
zerstreut habe. Musik hat die Philologica dermassen überwuchert, 
dass ich mich bald entschliessen muss dem Dinge ernstlich Ein- 
halt zu thun. Wenn Du*s ganz für Dich behalten willst, so 
musst Du wissen, dass ich ganze Tage damit zugebracht habe, 
Lieder zu componiren. Wenn Du bei mir wärst, solltest Du 
gleich eins hören und von dem Componisten selbst in seine Ab- 
sichten hineingeführt werden." 

Zu S. 82. Das eigenhändige Heft über lateinische Gram- 
matik vom Sommer 1831 (geschlossen am 22. August) ist, 
nach Randbemerkungen zu seh Hessen, noch in den fünfziger 
Jahren, wenigstens zum Theil mit benutzt worden. Die Ein- 
leitung giebt 1) ein System der Grammatik als Wissenschaft, 
2) Geschichte der Bearbeitungen, „nicht als bibliographischen 
Notizenkram, sondern als Nachweisung des Fortschrittes der 
Leistungen, Charakteristik der verschiedenen Bichtungen, deren 
vorhergehende immer die folgende bedingt, beginnend mit einer 
Skizze der grammatischen Studien der Römer, fortgeführt durch 
die Philologenschulen der neueren Jahrhunderte." Wo Verfasser 
auf die neue Richtung der Sprachvergleichung kommt, schreibt 
er, dass nach seiner „innerlichsten üeberzeugung, wer sich gegen 
die Anerkennung dieses Studiums verschliesse, die Bedeutung 
unsrer Zeit für sprachliche Erkenntniss überhaupt gänzlich ver- 
kenne. Er bedauert, es „in der speciellen Kenntniss des Sanscrit 
im gegenwärtigen Augenblick nur zu einer unvollkommenen Stufe 
gebracht" zu haben, „weil es in früherer Zeit an aller Gelegen- 
heit mangelte, blosses Privatstudium aber schon wegen der Kost- 
barkeit der Hülfsmittel zu abschreckend sei." Desto dringender 
legt er seinen Zuhörejn dieses Studium ans Herz, „zumal da 
unsre Universität jetzt so glücklich ist, die Gelegenheit zur Er- 
lernung zu bieten , wie sie nicht einmal alle preussischen Univer- 
sitäten^haben." Er wolle in seinen Vorträgen wenigstens die 
Resultate der vergleichenden Sprachforschung in Anwendung 
bringen. Beckers Organismus wird noch als das Gediegenste in 
der Gattung der systematischen Grammatik gepriesen. 

Auf jene litterarhis torische Einleitung folgt : Geschichte 
und Charakteristik der lateinischen Sprache, verbunden 
mit den methodischen Gesichtspunkten für Stil. Nachdem der 
Standpunkt nachgewiesen ist, welcher über die Ursprünge und 
Verwandtschaftsbeziehungen der lateinischen Sprache durch die 
einseitigen Bemühungen der classischen Philologie bisher ge- 
wonnen sei, wurden mit grosser Klarheit und Begeisterung die 



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300 

Ergebnisse der Sprachvergleichung mitgetheüt, und hierauf nach- 
gewiesen, wie dieselben in die auf andrem Wege gewonnenen 
Einsichten in die Vorgeschichte des Griechischen und Lateinischen 
eingreifen, dieselben berichtigen und den Gesichtspunkt erweitern. 
Im Eingange zur zweiten Periode betont die Vorlesung , dass 
Geschichte der Sprache nicht etwa nur ein interessantes Beiwerk, 
aus der Culturgeschichte entlehnt, sei, sondern recht betrachtet 
ein wesentlich ergänzender Theil der Grammatik, der darlege, 
wie die Sprache in allmähligem Portschntt das organische Ganze 
geworden sei unter Einwirkung der sammtlichen geschicht- 
lichen Verhältnisse, damit alle Einzelnheiten der systematischen 
Behandlungsweise sogleich in dem wahren historischen Zusam- 
menhange des Ganzen erkannt werden können u. s. w. Also 
seien zweierlei Betrachtungen erforderlich: l) Zusammenfassung 
der charakteristischen Eigenthümlichkeiten grösserer Zeiträume; 
2) die Summe dessen, was die einzelnen Sprachkünstler, die 
Schriftsteller, zur Bildung und Gestaltung geleistet haben. 
An solqhen Specialuntersuchuugen fehle es noch ganz, am wenig- 
sten sei bisher an Entwickelung der poetischen Grammatik ge- 
dacht. Die prägnant gefassten Andeutungen über Charakteristik 
der einzelnen Sprachperioden und ihrer Hauptrepräsentanten wur- 
den zugleich durch Winke und Excurse über die Nachahmung 
Einzelner durch Neuere fruchtbar gemacht, doch genügte diese 
Skizze dem Verfasser später nicht mehr. „Der ganze Abschnitt 
ganz aufs Neue zu verarbeiten", hat er notirt. 

Die Elementarlehre (Alphabet, Lautlehre, Accent und Quan- 
tität u. s. w.) geht über den herrschenden Standpunkt noch 
uicht grade hinaus. In der Flexionslehre dagegen macht sich 
das neue Princip historisch-vergleichender Forschung bereits sehr 
geltend. Eine sehr ausführliche Erörterung wird bereits dem 
ablativischen d gewidmet und davon Gebrauch gemacht zur Er- 
klärung des Begriffs und der Bildung der Präpositionen und 
Adverbien. Benutzt ist die Orelli'sche InJchriftensammlung. Die 
Genetivbildung des Plurals auf ium wird nach dem Reisigschen 
Gesetz (Vorles. S. 93) und den Verhältnissen der Accentuation 
bestimmt (tum haben nur die mehrsilbigen, deren paenultima im 
acc. plur. lang ist: freilich nicht völlig durchführbar). 

In der Syntax ist die Lehre von den tempora und modi, 
weil „mannigfaltiger und modificirter", in grösserer Ausführlich- 
keit vorgetragen als die Casuslehre. Für letztere werden die 
Grundgedanken der Schriften von Härtung und WüUner als Basis 
angenommen. Bei der Erklärung der Casus von philosophischen 
Gesichtspunkten auszugehen wird als ungeschichtliches VerÜEihren 
bezeichnet, so begründet auch übrigens eine solche Betrachtongs- 
art sei. Die Sprachforschung soll „nicht bloss das Wesen auf- 



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301 

fassen, sondern die Formen, in denen die Sprachen, die Völker 
jenes Wesen aufgefasst haben." Sinnliche Wahrnehmungen 
müssen aller Sprachbildung zuvörderst zu Grunde gelegen haben, 
nicht Verstandeskategorieen; alle Bezeichnung geistiger Wahr- 
nehmung ist metaphorisch. So sind die räumlichen Anschauun- 
gen als die einfachsten sinnlichen Wahrnehmungen das wahre 
Gebiet der ursprünglichen Casusflexion, und hieraus muss sich 
die nothwendige Zahl der casus obliqui ergeben. [Hier ist eine 
Beilage eingeschoben, „geschrieben zu Rossla den 3. August 
Abends 9% — 11 Uhr, 1831" über Begriff und Function der 
Präpositionen, Widerlegung der vulgären Ansicht, als ob die 
Casus durch dieselben „regiert" würden; des Einwandes, dass 
neben den Präpositionen die Casus als Raumbezeichnungen ent- 
behrlich sein würden („die Casus verhalten sich zu den Präpo- 
sitionen wie das Genus zu den Species") ; der Hartungschen Theorie 
von der Zersplitterung eines Wo-Casus in mehrere Nebenformen: 
vielmehr sei der ursprüngliche Luxus durch die philosophischer 
werdende Sprache mit der Zeit auf das Nöthige eingeschränkt, 
durchgreifender noch im Griechischen als in der lateinischen 
Sprache , welche in älterer Zeit sich losreissend den Ablativ bei- 
behielt.] Zu den allgemeinen Grundlagen der Moduslehre, mit 
denen das Heft abbricht („die besondre Ausführimg würde, um 
philologisch zu befriedigen, wenigstens noch einen Monat erfor- 
dern") kommt noch ein später geschriebener Zusatz von zwölf 
Quartseiten, schöne praktische Erläuterungen des classischen 
Sprachgebrauchs in der Anwendimg des Conjunctivs, des Impe- 
rativs, der Consecutio temporum, der Conjunctionen, überall 
grosse Lebendigkeit und Klarheit des Sprachgefühls. 

Nach Beendigung des ersten Curses nahm er sich vor das 
nächste Mal ein vollständiges Gebäude der Grammatik darzu- 
stellen, grosse Partien wie Wortbildung hinzuzufügen: „alle Fach- 
werke und Wände des Gebäudes müssen aber durch ein philo- 
sophisches und sprachvergleichendes Gerüste ihren Halt und Zu- 
sammenhang erhalten." Er notirt: „seltsamer Weise finde ich 
die XII Tafelgesetze nirgends zur lateinischen Grammatik be- 
nutzt, sowie den Arvalischen Gesang;" aber auf demselben Blatt: 
„Durchstudiren Schneiders ganze Elementarlehre, woraus unzäh- 
lige Aufschlüsse zu gewinnen." 

Zu S. 88. Ueber die Geschichte der griechischen 
Poesie liegt ein eigenhändiges, sehr ausgeführtes Heft vor in 
drei Abtheilungen: 1) Vorhomerische, homeiische, hesiodische 
Poesie. 2) Nachhomerisches Epos. 3) Griechische Lyrik. Der 
zweiten ist vorgeheftet: Einleitung in die griechische Litteratur- 
geschichte, in besondrer Paginirung, welcher sich Nr. 1 anschliesst. 



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302 

Auf eingeschossenem Blatt: ^1835 Novbr. Obgleich nur ^Epos', 
doch die Einleitung allgemeiner wegen des Planes, die griechische 
Litteraturgeschichte stückweise zu lesen/^ Chronologische An- 
gaben zu 1 fehlen übrigens; bei 2 nach jener Einleitung: „Ge- 
schichte griechischer Poesie. Fortsetzung. Winter 1830 — 31." 

Von der Geschichte der griechischen Lyrik als „Fort- 
setzung der Geschichte der Poesie" kam im Winter 1830/1 nur 
der Abschnitt über Elegie und iambische Poesie zum Vortrag, 
geschlossen den 1. März 1831; der zweite Theil, äolische und 
dorische Lyrik umfassend , ist begonnen in Breslau 1 8. Februai- 
1834, geschlossen 19. März 1834, vorgetragen in 19—20 Stun- 
den. Hiemach die Angaben auf S. 84 (vgl. 128) zu berichtigen. 
Das ganze Heft ist bis in die Bonner Zeit hinein vielfach durch- 
gearbeitet. 

Die Einleitung begann mit einer Erörterung über die 
welthistorische Bedeutung der griechischen Poesie und ihren 
Unterschied von der modernen. Indem der Verfasser die bis- 
hengen Versuche einer Charakteristik von Boileau bis auf Garve 
und Schiller durchgeht, erkennt er auch den besten derselben 
nur eine relative Wahrheit zu. Das im tiefsten Grunde unter- 
scheidende Moment zwischen beiden Richtungen findet er in der 
Religion und deren zum Theil unbewusster Einwirkung auf 
Anschauungs- und Gefühlsweise. Die Sehnsucht nach einer ver- 
lorenen Heimath, das Bewusstsein der Losgerissenheit von dem 
Göttlichen, das Bingen nach Auflösung des Widerspruchs zwischen 
der sinnlichen und geistigen Welt beherrsche das christliche 
Zeitalter; der Grieche lebe (vereinzelte Ausnahmen wie auch auf 
der andren Seite abgerechnet) im Gefühl vollkommener Harmonie 
mit sich selbst wie mit den Göttern. Die griechische Poesie 
habe in einer niedrigeren Sphäre die höchste Stufe erreicht, die 
moderne, welche ihrem Ideal immer nur durch Annäherung ge- 
nügen könne, bleibe auf einer tieferen Stufe stehen, aber in 
höherer Sphäre. Aus der Durchdiingung des gesammten Lebens der 
Griechen, auch des politische», von dem Princip der Kunst ergebe 
sich die nie erreichte künstlerische Vortrefflichkeit ihrer Poesie, 

Die Uebersicht über die Arbeiten sowohl der Alten als der 
Neueren auf dem Gebiete der griechischen Litteraturgeschichte 
brachte die Verschiedenheit der nacheinander zur Geltung ge- 
langten Gesichtspunkte und Methoden, den allmähligen Fort- 
schritt (sowie die gelegentlichen Bückschritte und Seitenabwei- 
chungen) zu deutlicher Anschauung, in ähnlicher Weise, wie es 
die Recension des Schöll'schen Werkes im Eingange fonnulirt: 
1) summarische Sammlung des biographischen Materials, haupt- 
sächlich durch Fabricius; 2) seit dem Aufblühen unsrer clas- 
sischen Nationallitteratnr angebahnte Auffassung der Littera- 



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303 

turgeschichte als einer Kette noth wendiger Entwicklungsprocesse, 
im Znsammenbange mit den übrigen geschicbtlichen Bedingun- 
gen imd Verhältnissen, zuerst begonnen, aber nicht durchge- 
führt von Fr. Schlegel; 3) die kritische Einzelforschung der 
Gegenwart, das chronologisch -biographische Material in Mono- 
graphieen durcharbeitend und combinatorisch ergänzend. Als 
Resultat der sehr eingehenden Musterung wird constatirt der 
Mangel einer umfassenden und ausgeführten Geschichte der 
griechischen Poesie nach dem Ideal des gegenwärtigen wissen- 
schaftlichen Standpunktes; doch werden mit grosser Auszeichnung 
Passows „Grundztige" genannt: das Bedürfniss würde befriedigt 
sein, wenn diese Bubriken in demselben Geist ausgefüllt wären, 
in dem sie aufgestellt seien. Gefordert aber wird „keine Bosen- 
kranzsche Geschichte der Poesie, sondern philologisch-kritische 
Darstellung". 

Nach einem Ueberblick über den erstaunlichen Beichthum 
poetischer Gattungen und Arten bei den Grieche^ wurde unter 
Hinweis auf die grosse Aufgabe unsrer Zeit, das ganze Alter- 
thum in seinem grossen Umfange in den Blick aufzunehmen, das 
durch den Verlust so vieler Werke zerrüttete Gebäude nach 
seinem Grundriss zu reconstruiren , das Bedürfniss von Frag- 
mentsammlungen und die Berechtigung daran sich schliessen- 
der Combinationen hervorgehoben. 

Die Darstellung selbst begann mit der mythischen (vor- 
historischen) Periode, in welcher Epik und Lyrik noch nicht 
scharf getrennt waren. Gleich an der Spitze die Bemerkung, 
dass sich von griechischer Poesie gar nicht reden lässt ohne auch 
die Musik imd wiewohl in untergeordnetem Grade auch die 
Orchestik (im weiteren Sinne als Geberdenspiel) mit einzu- 
schliessen. Ohne die sorgfältigste Verfolgung aller musikalischen 
Spuren sei es gar nicht möglich irgend ein Bild von den dich- 
terischen Leistungen dieser Periode zu gewinnen. 

Die älteste hellenische Poesie wurzele im Mythus, der seine 
Entstehung in der mythischen Zeit selbst gehabt haben müsse. 
So erkläre sich zum Theil, wie uns gleich am Eingange der 
griechischen Litteraturgeschichte eine so vollendete Erscheinung 
wie die homerischen Gesänge entgegentreten könne: denn Homer 
hatte schon eine überaus reiche, vollströmende Sagenquelle vor 
sich^ aus der er schöpfte. Ausführung und Beweis. Die Gegen- 
sätze Apollinischer Eitharistik und Dionysischer Auletik wurden 
gezeichnet, die Ueberlieferung über die ältesten Sängerschulen 
mit ihren Vertretern Ölen, Chrysothemis, Philammon, Thamyris 
kritisch beleuchtet, die besondre Stellung des letztgenannten gab 
Anlass zu einem Excurs über die Elemente der griechischen 
Musik, insbesondere über die Tonarten. Linos trat als Vertreter 



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304 

des Musencultus und des weich klagenden Liedes zur Lyra in 
Gegensatz zu der Apollinischen Sangweise. In der Darstellung 
des kyklischen Epos wurde gegen Wtillners Bedenken die 
Berechtigung combinatorischer Benutzung von Monumenten wie 
die tabula Iliaca in Schutz genommen; auch aus beschreibenden 
Nachrichten über alte Kunstwerke könne Gewinnst gezogen wer- 
den, z. B. aus der Beschreibung der Polygnotischen Gemälde in 
der Lösche bei Pausanias. 

Eine Specialuntersuchung über die hesiodische Dichter- 
schule, welche neben den kyklischen Homeriden sich ausgebildet 
und behauptet habe, wird gefordert. Als sehr zu beachten für 
die Feststellung und Sondenmg homerischer und hesiodischer 
Schule werden doppelte Verfassemamen (Hesiodus und Cercops, 
Eumelus und Arctinus u. s. w.) bezeichnet. 

Nach erschöpfender Aufzählung und Besprechung der ein- 
zelnen kyklischen Epen handelte der Verfasser über Begriff 
und Entstehung des Kyklos überhaupt. Er wies darauf hin, 
wie der Umstand, dass die kyklischen Gedichte sich an beide 
Seiten der Tlias und Odyssee eng anschliessen, worin offenbar 
Absicht der Dichter zu suchen, einen Beweis liefere für ursprüng- 
liche Einheit Homers nach Umfang und Gestalt. Die prosaische 
Zusammenstellung des Samiers Dionysius vereinigte den ge- 
sammten Inhalt jener Gedichte in einem epischen kukXoc, der 
nun für die Späteren, die Alexandrinischen sowohl als die römi- 
schen Dichter, die vielbenutzte Quelle wurde, ebenso wie die 
kyklischen Gedichte selbst die grosse Vorrathskammer für die 
Tragödie gewesen waren. So wurde in der mythischen Periode 
aufgeräumt und aus den Hüllen der Legende ein klares Bild der 
ältesten Richtungen, der gegenseitigen Kämpfe und Entwicklun- 
gen herausgeschält Eine besondre Stellung wurde den Sängern 
der Geheimculte, des Eleusinischen der Demeter (Pamphus, 
Eumolpus, Musaeus) und des Dionysischen (Oi'pheus) angewiesen. 
Orpheus bildet den Schlussstein der alten Sängerperiode, weil 
sich in ihm die verschiedenen Religionskreise wie in einem ge- 
meinschaftlichen Brennpunkt berühren. Das verkehrte Streben 
der Litterarhistoriker des Alterthums, durch Vervielfältigung des 
gleichen Namens, durch Erfindung von Genealogieen systemati- 
schen und chronologischen Zusammenhang zu erkünsteln, wurde 
bei dieser Gelegenheit lehrreich auseinandergesetzt. Das gänz- 
liche Stillschweigen Homers über Orpheus wurde aus der Be- 
schränkung der Orphischen Poesie auf das griechische Festland, 
vomemHch Böotien und Attica, und ihrer wenig volksthümlichen 
Natur erklärt. Die verschiedenen Phasen und Schichten unter- 
geschobener Orphischer Gedichte wm'den aufgezählt. Die Lobeck- 
sche Skepsis aber, welche jede Existenz Orphischer Hymnen 



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305 

leugne, wurde getadelt als über dus Ziel schiessend ^ dagegen 
der von demselben geführte Beweis der Unechtheit der erhal- 
tenen als musterhaft und abschliessend anerkannt. 

Von dem sogenannten Heraklidenzuge an, in Folge dessen 
die Stammesverschiedenheiten schärfer auseinandertraten und der 
Peloponnes dorisirt wurde, datirte E. den Beginn der zweiten 
Periode. Hier wurde die Untersuchung über die Anfänge des 
Epos aufgenommen: ei gehörte in seinem Ursprung den Achäem 
an und war Solisch wie die älteste Poesie der Griechen über- 
haupt. Parallel mit der Verbreitung des äolischen Volkszweiges 
nach Osten ging die Fortpflanzung äolischer Poesie vom Fest- 
lande nach Lesbos. Beweis , dass das homerische Epos 
achäisch war. Untersuchung über das Zeitalter Homers. Alles 
spricht dafür y dass die Entstehung der homerischen Gesänge als 
Erzeugnissen der Naturpoesie eine unmittelbare Folge des Troja- 
nischen Krieges gewesen ist, dass sie in die Periode fallen, wo 
die Griechen aus dem grossartigen Kampf eben heimgekehrt, ge- 
hoben von der Erinnerung ihrer Thaten, in behaglicher Euhe 
und frischer Begeisterung das Geschehene plastisch erzählten. 

Das europäische Griechenland ist es, wo Homer (nach sei- 
nen Schilderungen) recht eigentlich zu Hause ist. (Die geographi- 
schen Schilderungen geben den besten Prüfstein für die Treue 
eines Schriftstellers ab.) Grade in der Beschreibung der Um- 
gegend von Ilion zeigt sich Homer weniger genau. Geschichtliche 
Spuren. 

Die aus dem Peloponnes verdrängten Achäer übertragen 
zuerst die troische Sage an die Küste Kleinasiens, nachdem unter- 
wegs durch den vermittelnden Einfluss der thrakisch- pierischen 
Sängerschule die Olympische Götterwelt ihre Gestaltung empfan- 
gen hat. Sichtung der Angaben über das Vaterland Homers, 
Entscheidung für Sbiyma. „Die Person Homers läugnen heisst 
den Skepticismus auf eine Höhe treiben, von welcher überhaupt 
alles und jedes Geschichtliche kann zu Null gemacht werden.^^ 

Geschichte der homerischen Gesänge. Uebersicht 
der verschiedenen Ansichten über die Entstehung und Fortpflan- 
zung derselben. Vorgeschichte der Wolfschen Prolegomena. „Die- 
sem Werk . . . kann (ohne dass man zu viel sagt) eine welt- 
historische Bedeutung beigelegt werden, indem es eine Eeform 
verursacht hat, ähnlich wie etwa auf dem Gebiete der Philo- 
sophie Kants Kritik der reinen Vernunft." Die Eechte der wis- 
senschaftlichen Kritik in Sachen der historischen Disciplinen gegen 
hergebrachten Autoritätsglauben sind an einem grossartigen Object 
zum ersten Mal überzeugend durchgeführt worden. Analyse der 
Wolfschen Argumente. Einseitiger Standpunkt seiner Anhänger 
wie seiner Gegner. Eitschls Ansicht. Die homerische Hel- 

Bibbeck, F. W. Eitschl. 20 



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306 

densage, entstanden in der acbäischen Periode des Peloponnes, 
vor der Einwanderung der Dorier^ ging mit den Achäern oder 
Aeoliem in ihr neues Vaterland nach Eleinasien hinüber. Homer, 
der in keinem andren als dem äolischen Dialekt singen konnte, 
erfand, das bisher Vorhandene zu seinem Zweck benutzend, den 
durch beide Gedichte, Ilias und Odyssee, durchgehenden Plan. 
Hierfür doppelter Beweis. 1) a priori. Das Vermögen einheit- 
licher Schöpfung, ein hervorstechender Grundzug des gesammten 
hellenischen Geistes, zeigt sich am sprechendsten schon in der 
Mythologie (die Olympische Götterfamilie). 2) Nachweis der 
Einheit in beiden Gedichten. Der Zusammenhang in der Ilias 
nicht weniger innig als in der Odyssee, nur scheinbar loser und 
leichter durch die Fülle des Stoffs und den Eeichthum des 
Scenenwechsels. ünabweislich fest steht, dass das Grundmotiv 
der Ilias der Zorn des Achilleus und dessen Verherrlichung durch 
Zeus ist, der ihm Genugthuung giebt. Missverständnisse sind 
dadurch entstanden, dass man den Zorn des Achill nebst seinen 
für die Achäer so tragischen Folgen verwechselte mit der Person 
und den Schicksalen des Achill. In der Ausführung mussten 
natürlich die Folgen jenes Zornes, die Leiden der Achäer, in 
den Vordergrund treten, während das Motiv eine geheime Bolle 
spielt. Den Zorn konnte der Dichter nicht besser ausdrücken 
als durch schweigendes Grollen, wie später noch Aeschylus. In 
den ersten sieben Gesängen die Exposition. Das Charakteristische 
dieses Theils liegt in der Handlungs- und Sinnesweise des Zeus, 
der noch nicht mit Entschiedenheit auftritt, sondern, ganz tmter 
dem Bilde eines irdischen Eegenten gedacht, seine Absichten 
erst unvermerkt einleitet und sodann die Sache ihrem Schicksale 
und dem Wogenspiele der Leidenschaften der Götter und Men- 
schen zu überlassen scheint. Der zweite Act reicht vom achten 
bis zehnten Gesang, bis zum ersten Schritt, der zur Genugthuung 
des zürnenden Achill gethan wird, der Abbitte. Unvergleichliche 
Kunst der Charakteristik in den Eeden, g^nau berechnet auf die 
dereinstige Katastrophe. Dritter Act bis zum Tode des Patro- 
clus (XVin), dem Punkt, an dem sich der Uebermuth des Achill 
bricht. Er selbst muss es sein, der, als Hektor das griechische 
Lager stürmt, den ersten Schritt zu seiner eigenen Demüthigung 
thut, indem er den Patroclus in den Kampf ziehen lässt. Qn- 
entbehrlich sind hiernach noch zwei Acte: die Rache des Achill 
und die Versöhnung. Im vierten Act zugleich höchste Verherr- 
lichung desselben. Die ungewöhnlich rasche Entwicklung gegen 
den Schluss zeugt grade von dem hohen Kunstgefühl des einen 
Dichters. Diesen grossartigen, echt hellenischen Zusammenhang 
muss nothwendig Ein Dichter zuerst aufgestellt haben, unmöglich 
ist es ihn sich entstanden zu denken durch atomistisches An- 



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301 

setzen unabhängiger Gesänge verschiedener Dichter. Noch schärfer 
und deutlicher treten die Hauptacte in der Odyssee hervor: 
vier grosse Gruppen. Gesang vom abwesenden Odysseus (I — IV), 
vom heimkehrenden (V — XIII 92), vom Eache sinnenden (XIII 
93 — XIX fin.), vom Bache übenden und mit dem Volke aus- 
gesöhnten (bis XXIII 296). Der Gesang vom heimkehrenden 
Odysseus besteht aus zwei Theilen: l) Entlassung von der Ka- 
lypso und Aufnahme bei den Phäaken ; 2) der Apolog, kunstvoll, 
um die Einheit der Zeit zu bewehren, eingewoben. Im dritten 
Act 1) Odysseus bei Eumäus, 2) in seinem Hause. Bei Eumäus, 
wo sich Odysseus und Telemachus treffen, vereinigen sich die 
Fäden der früheren Doppelerzählung. Die Abgerissenheit, das 
Abspringende des Tons war hier unvermeidlich, weil eben hier 
die früher einzeln laufenden Fäden mit einander verschlungen 
werden mussten. Dass Alles in den homerischen Gesängen von 
Einem Sänger herrühre, sollte damit nicht bewiesen werden, 
vielmehr wurde ausdrücklich angenommen, dass die Grundlage der 
ursprünglichen Dichtung kleiner gewesen sei als jetzt. Grade 
das Auseinandersingen scheint die Hauptoperation gewesen zu 
sein, welche mit der ursprünglichen Dichtung vorgegangen sein 
rauss in den homerischen Sängerschulen. Die Aufstellung des 
Begriffs der Bhapsodien ist aber grade das verfehlteste in 
dem historischen Theil der Wolfschen Prolegomena. Eingehende 
Auffllhrung und Würdigung der Gründe, aus denen sich ergiebt, 
dass die Odyssee späteren Ursprungs sein muss als die Ilias. 

Fortpflanzung der homerischen Gedichte. Ithapso- 
den sind Stabsänger, nicht Zusammenflicker; nur eine besondre 
Classe derselben die Homeriden, ihr ältester Hauptsitz Chios. 
Daher die Aufkragung des ionischen Dialektes. Vielleicht war 
der Verfasser der Odyssee ein ionischer Dichter auf Chios. 
paipiubia (zu unterscheiden von der KiBapiijbia) ist eine Art des 
Vortrags, welche, soweit es das Wesen des poetischen Rhythmus 
zulässt, sich dem Gesdhge nähert, aber doch in der Modulation 
der Stimme eben so sehr vom wirklichen Gesang sich unter- 
scheidet wie in dem Hinzukommen einer Art von Gestikulation 
von der mimischen Action der Schauspieler. Die Einprägung 
des Textes konnte nur durch Vorsagen erfolgen, analog wie das 
Einstudiren der dramatischen Rollen. Gegen Wolfs Argumen- 
tation: Daraus, dass die homerischen Gedichte theilweise bei 
Festen und Gastmälem gesungen wurden, folgt mit nichten die 
ursprüngliche Entstehung in eben solchen theilweisen Abschnitten. 
Es ist eine wesentliche Eigenthümlichkeit der griechischen Epik, 
dass die einzelnen Theile eine gewisse Art von Selbständigkeit 
haben, welche auf den mündlichen Vortrag berechnet war und 
aus dem Bedürfniss desselben floss. Auch lässt sich die Durch- 

20* 



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308 

führung der Wolfschen Annahme in allen einzelnen Theilen der 
homerischen Gedichte nicht bewerkstelligen. 

Nach Maassgabe der geschichtlichen Wahrscheinlichkeit lässt 
sich die gesammte Ansicht vom Ehapsodengesange nur so stellen: 
Da die Ehapsoden allerdings selten mögen die homerischen Gedichte 
ganz haben vortragen können , was geschah , indem sie sich gegen- 
seitig ablösten, so ist es wahrscheinlich, dass öfter Einzelne, bald 
hier bald dort anfangend, verschiedne Partieen ausführten , so je- 
doch dass die Zuhörer immer genau wussten, welchen Theil des 
Ganzen der jedesmalige Vortrag bildete. Diese Gewohnheit des 
theilweisen Eecitirens konnte immer mehr in Aufnahme kommen, 
je mehr die schriftliche Aufzeichnung der Gedichte verbreitet 
wurde und diese in ihrem poetischen Zusammenhange nach der 
Eeihe weg gelesen werden konnten. Die weiteren Schicksale 
derselben, an die Namen Lycurgus, Solon, Pisistratus, Hippar- 
chus geknüpft, wurden unter fortwährender Kritik der Wolfschen 
Ansichten untersucht, wobei die Verdienste von Nitzsch als 
desjenigen, dem die höhere Kritik der homerischen Gedichte 
nach Wolf am meisten verdanke, warm anerkannt wurden. 
1) Verpflanzung aus Kleinasien nach dem Peloponnes durch Ver- 
mittlung Samischer Ehapsoden; 2) die (fälschlich dem Solon bei- 
gelegte,^) vielmehr dem Pisistratus und seinem Gehülfen Hippar- 
chus zuzuschreibende) Anordnung , dass die homerischen Gedichte 
an den Panathenäen durch die Ehapsoden Ü iJTToX/)ipeu)C vor- 
zutragen seien, d. h. nach Vorschrift, nicht nach Willkür, mit 
beliebigen Auslassungen und Zusätzen. Der correlative Begriff 
zu ii UTToXriipeuJC (vom Aufnehmen der Vorschrift) ist Ü utto- 
ßoXfic (vom Geben derselben). Schlussresultat: Die homerischen 
Gedichte existirten in jetzigem Einheitsplan von kurzer Zeit nach 
dem Trojanischen Kriege an, von dort an bis zum Anfang der 
Olympiaden wurden sie zu jetzigem Umfange erweitert und aus- 
gesungen in Sängerschulen durch Dichter; zu Anfang der Olym- 
piaden wurden sie schriftlich aufgezeichnet und bestanden, abge- 
sehen von einzelnen Interpolationen durch Ehapsoden, unver- 
ändert fort; Pisistratus, der sie weder zuerst niederschreiben 
noch zuerst sammeln Hess, sorgte nur fttr Aufnahme und Ver- 
breitung derselben in Athen. Eine kui'ze Uebersicht der Ge- 
schichte der homerischen Textkritik und Erklärung im Alterthum 
machte den Beschluss dieses Abschnittes. 

Die Darstellung der verwickelten Frage, Analyse und Grup- 
pirung der Hauptpunkte der Wolfschen Hypothese, der Ansichten 



1) Eandnote: „loh glaube doch, dass sich die Erwähnung des 
Solon bei Diogenes rechtfertigen und diesem das ÖTroßoXf^c-Gesetz vin- 
diciren lässt." Späterer Zusatz: „Sehr richtig gefühlt. 6/2. 36." Vgl. 
Alexaodr. Biblioth. 64 f. »» opusc. I 64 f. 



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'609 

seiner Anhänger wie seiner Gegner, der mannigfachen in die 
Hauptuntersuchung eingreifenden Nebenfragen wurde bei Wieder- 
holung derselben Vorlesung, namentlich im Jahr 1833 wesent- 
lich modificirt. 

Die Geschichte der Lyrik beginnt mit einer Classification 
der verschiedenen Gattungen nach Proclus, insbesondre mit 
der Unterscheidung von ji^Xoc und (|ibr). Episode: summarische 
Mittheilung des damals bereits geschriebenen, aber noch nicht 
gedruckten Artikels über Ode. (Vgl. S. 104.) Nach sehr aus- 
führlicher Besprechung der alten Terminologie geht der Vor- 
tragende zu der Frage über, wie die Lyrik der Griechen über- 
haupt sich nach und neben dem Epos bildete („nach Rosen- 
kranz*'). Die erste Periode, „ionischer Kunststyl", umfasste 
Elegie und lambus. Die Schlegelsche Periodisirung der ioni- 
schen Lyrik wird kritisirt. Innerhalb der Elegie werden un- 
terschieden die politische, die gnomische (parallel dem didak- 
tischen Epos), die erotische, die threnodische, als Nebenform die 
epigrammatische. Die Rechtfertigung dieser Eintheilung ging 
aus von dem Ursprung def Elegie. Ueber die Etymologie von 
?X€TOC heisst es: „am meisten für sich hat immer noch 1 1 X€T€iv, 
obgleich man nach der Analogie fXoTOC erwarten sollte." Zwischen 
der Bedeutung von ^Xetoc als Klagweise und der rein formellen 
Beziehung von ^XcTeiov auf das Distichon liege die Vermittlung 
in dem volksthümlichen Gebrauch der Grabinschriften, von wo 
aus dieselbe metrische Form durch Kallinos auf Kriegslieder 
übertragen sei. Das charakteristische Merkmal aber der ge- 
sammten elegischen Poesie sucht der Vortragende in der nationalen 
Eigenthümlichkeit der lonier. Die chronologischen Fragen über 
die Lebenszeit des Kallinos wurden das erste Mal nur kurz be- 
rührt. Die abenteuerliche Uebertragung der Wolf sehen Rhapso- 
denhypothese auf Kailinus und auf Tyrtaeus durch Francke und 
Thiersch, und des letzteren Hyperkritik verurtheilte R. auf das 
entschiedenste. • 

Für Theognis empfahl er den historischen Standpunkt der 
Betrachtung, wie ihn zuerst Welcker eingenommen, und wies den 
gegen ihn aufgetretenen Gegner verächtlich ab. Ausführlich 
stellte er die politischen Verhältnisse von Megara und die da- 
mit verknüpften Lebensschicksale imd Gesinnungen des Dichters 
dar. Nach Welcker erklärte er auch die Entstehung und gegen- 
wärtige Gestalt der Spruchsammlung. Dass bei der Durch- 
führung des voi^ jenem nach richtigem Gesichtspunkte begonnenen 
Versuchs, in relativer Annäherung den ursprünglichen Text wie- 
iderzugewinnen, im Einzelnen noch viel zu thun sei, hob er natür- 
lich hervor. Mit Begeisterung wurde das Genie des Archi- 
lochus gepriesen (nach den Ideen von Schlegel). Bei Hipponax 



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310 

findet sich die charakteristische Bemerkung: „Es ist aber überhaupt 
der Mehrzahl der Menschen nicht gegeben , die Entrüstung eines 
edlen Gemüthes über die Thorheit oder Schlechtigkeit der Men- 
schen zu verstehen, und Malice des Geistes, des Kopfes zu un- 
terscheiden von Malice des Herzens." 

Bei Gelegenheit der Sappho flocht R. einen Excurs über 
erdichtete Verwandtennamen in der Litteraturgeschichte ein. 
Welckers schöne Rettung der Dichterin vor den Verunglimpfun- 
gen der Komödie theilte er in lehrreicher Entwicklung mit. Bei 
Anakreon wurden die Beweisgründe, welche Mehlhorn gegen die 
Echtheit der sogenannten 'AvaKpeövxeia vorgebracht hatte, zu- 
stimmend erläutert. Der äolischen Lyrik schloss sich eine Be- 
sprechung der Skolien an. 

Den Uebergang zur dorischen Lyrik vermittelte eine 
bündige Charakteristik der drei griechischen Nationalstämme und 
ihrer Stellung in der lyrischen Poesie. Die Darstellung des 
Dorismus lehnte sich an Fr. Schlegel und 0. Müller an. Die 
Wahrheit der Geschichte von den Kranichen des Ibycus hielt er 
im Allgemeinen gegen Welckers „Hyperkritik" aufrecht. Lyrische 
Tragödien des Simonides nahm er mit Böckh an, und verstand 
theils Hyporcheme, theils Dithyramben darunter. Der Dithy- 
rambus als attische Lyrik machte den Beschluss. 

Zu S. 85. Als „Lebenswerke" verzeichnete R. in Halle 
nach gemessenen Fristen: Geschichte der Metrik 1832/3, Plau- 
tus 1833/4, Harpocration 1834/5, Stephanus 1835/7, Geschichte 
der Poesie 1837/9, Historia Gramm. Graec. 1839—1842. Etwas 
jünger, aus der ersten Breslauer Zeit, ist folgende modificirte 
Zeittafel: bis Ostern 1834 Entwickelung der Metrik, bis Ostern 
1835 Plauti Miles Tom. I, bis Ostern 1836 Harpocration. Dazu 
folgende Berechnung: V^ Jahr Metrik, ein Jahr Plaut. Tom. I, 
ein Jahr Harpocration, ein Jahr Reise, zwei Jahr Stephanus, 
1% Jahr Plaut. Tom. H. Summa: 7 Jahre = 1840 = 34% Jahr. 
Dann 3 Jahre Poesiegeschichte = 37% Jahr. Dann 3 Jahre 
Grammatikgeschichte = 40% Jahr. 

Zu S. 86. Eigenhändiges Heft: ^^Einleitende Vorträge zu 
Aeschylus' Sieben gegen Theben. Geschichte der grie- 
chischen Tragödie." Datirung aus späterer Zeit: „wohl 1830". 
Beilagen auf besondren Blättern stammen aus dem Wyiter 1835/6. 
Dazu ein Quatemio (gleichfalls eigenhändig) mit der Ueber- 
ßchrift: „Einleitung zu den Sieben" und dem Datum: „Breslau 
13. Mai 1833.** (Anfang der Vorlesungen: 15. Mai.) 

Vorausgeschickt (auf einem angeklebten Zettel von etwas 
späterer Hand) sind „Worte zur Verständigung", welche kurz die 
„Gesichtspunkte für die Behandlung" andeuten. 1) Es ist die 



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311 

Absicht ein zusammenhängendes anschauliches Bild von diesem 
Theile der griechischen Litteraturgeschichte, sowie ftlr das prak- 
tische Bedür&iss eine die Resultate der neueren Forschung zu- 
sammenfassende „Encyclopädie*^ derselben zu geben. 2) Ein 
methodischer Gesichtspunkt. „Nicht alle Resultate liegen fertig 
und unangefochten da, sondern natürlich über viele Punkte ein 
Meinungszwiespalt. Nun zwar nichts leichter als ohne Weiteres 
das eine anzunehmen, das andre zu verwerfen. Weil das aber 
fürs Studium nicht instructiv, da es auf selbstthätige Erkennt- 
niss der Gründe ankömmt, so soll — soweit es für den Stand- 
punkt passend ist — der Gang der Untersuchung vor den 
Augen der Zuhörer selbst geführt werden. Also zugleich ein 
praktisches Beispiel, wie nach der Ansicht des Vortragenden 
dergleichen Untersuchungen geführt werden müssen. Man sieht, 
dass der Standpunkt philologisch sein soll: was zu bemerken, 
um der Meinung zu begegnen, als solle von dem historischen 
Stoff nur eine allgemeine Uebersicht gegeben und in Umrissen 
von der Natur und dem Wesen der Tragödie geredet werden 
nebst Charakteristik der einzelnen Dichter und etwa ihrer Haupt- 
werke. Das bloss zu than wäre natürlich viel bequemer. Hier 
soll es keineswegs ausgeschlossen bleiben, aber die Darstellung 
soll mehr enthalten." Wir geben im Folgenden wieder einige 
Auszüge. 

Die Auffassung der Vorgeschichte und der Anfänge der 
attischen Tragödie, sowie die bei Pratinas eingeflochtene Charak- 
teiistik des Satyrdramas schloss sich selbstverständlich Welckers 
lichtbringenden Anschauungen an. Es wurde der wichtige Ge- 
sichtspunkt hervorgehoben, dass in der allmäligen Entwickelung 
der Tragödie der Fortschritt immer in der Blüthezeit des Neuerers 
stattfand und von dem älteren, überflügelten Kunstgenossen 
regelmässig angenommen wurde. 

Nachdem von den drei grossen Tragikern im Einzelnen ge- 
handelt, das wichtigste chronologische und biographische Material 
beigebracht, die äusseren Fortschritte , welche die Tragödie durch 
sie erfuhr, erörtert waren, machte eine allgemeine Schilderung 
derselben in ihrer vollkommen ausgebildeten Gestalt und eine 
Charakteristik der poetischen Eigenthümlichkeit der einzelnen 
Meister den Beschluss. — Die Lebensverhältnisse der 
Dichter wurden in eingehender Untersuchung nach den Quellen 
festgestellt. Die Unentbehrlichkeit exactester Untersuchung und 
Feststellung der chronologischen Daten für die Geschichte 
der griechischen Poesie, vorzüglich der attischen, wurde nach- 
drücklich betont, in methodischer Beziehung der Hermännsche 
Grundsatz empfohlen, in zweifelhaften Fällen von der Angabe 
des Todesjahres als der sichersten auszugehen. Als Geburtsjahr 



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312 

des Aescbjlus nahm B. Ol. 64, 4 an. Die verwickelte Frage 
über die Sicilischen Eeisen unterzog er einer sorgMtigen 
Erörterung, im Widerspruch gegen Böckh sowohl als gegen 
Hermann, mit Einflechtung namentlich einer kritischen Sichtung 
der Nachrichten über die verschiedenen Anklagen, welche den 
Dichter betroffen haben sollen. Er verwarf die Erzählung von 
der Wirkung des Eumenidenchors auf Weiber und Kinder, be- 
wies gegen Hermann, dass die Klage wegen dc^ßeia (Verrath 
der Mysterien) auf ganz andre Stücke als die Eumeniden ge- 
richtet war, nahm Welckers Erklärung an, dass ünmuth über 
die politischen Verhältnisse (Schwächung des Areopags) den 
Dichter bewogen habe Athen zu verlassen, verwarf Böckhs Hy- 
pothese, dass die Orestie.in der Abwesenheit des Verfassers in 
Athen aufgeführt sein könne, und kam zu dem Resultat einer 
dreifachen Sicilischen Reise des Aeschylus (Ol. 76 zur Stiftungs- 
feier von Aetna; Ol. 77, 4 nach dem Siege des Sophokles; Ol. 
80, 2 nach AufiPührung der Orestie); doch Hess er nachträglich, 
fragweise die Möglichkeit offen, dass die späte Ansetzung des 
ersten Sieges (Ol. 73, 4: marm. Par.) durch frühere Abwesen- 
seit (seit Ol. 70, 1) erklärt werden könne. Die Zahl der Dramen 
und Titel Hess er unentschieden. Bezüglich der Zahl der Schau- 
spieler wies er eine Stufenfolge nach, indem Aechylus zwar 
zuerst einen dritten einführte, der aber stumm blieb; Sophokles 
liess ihn reden, und nach seinem Beispiel auch Aeschylus in der 
Orestie. 

Sehr interessant war die Auseinandersetzung über den Um- 
fang des Aeschyleischen Chors. Es wurde zunächst nach- 
gewiesen, warum die Nachrichten bei PoUux von dem ursprüng- 
lichen Bestände des tragischen Chors aus 50 Personen (bis auf 
die Eumeniden) zu verwerfen sei: Thespis hatte den dithyram- 
bischen Chor nicht beibehalten; eine Menge von 50 Choreuten 
passte nicht zu den veränderten Bedingungen der Localität und 
des Spiels , zu der engeren Wechselbeziehung zwischen Chor und 
Schauspieler; die entschiedene Unrichtigkeit der Angaben von 
50 Eumeniden im Drama des Aeschylus. Hieran knüpfte R. 
Hermanns (von Böckh aufgegriffne) Entdeckung, dass im Aga- 
memnon 1344 ff. 15 einzelne Choreuten nach einander sprechen, 
wie 24 in den Vögeln 310 ff., und dass erst dadurch die Worte 
des Scholiasten zu Aristoph. eq. 589 ihr rechtes Licht erhalten. 
(Hierbei methodologischer Zusatz über die Hauptkriterien für die 
Annahme, dass nicht der ganze Chor oder der ihn repräsentirende 
Chorführer allein das Wort habe). Wie im Agamenmon, so 
musste auch in den Eumeniden der Chor aus 15 Personen be- 
stehen. Hier wurde auf das entschiedenste der ganz unantiken 
Vorstellung Blomfields, der sich auch Böckh noch zuneigte, 



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313 

widersprochen, als habe die Bestimmung der Choreutenzahl von 
der Willkür des Dichters abhangen können, die Vereinigung 
der religiösen Tradition mit den scenischen Anforderungen aber 
gewonnen durch den Grundsatz, dass eine angemessene Zahl von 
Nebenpersonen, Dienern oder Dienerinnen, den Hauptpersonen 
zugesellt gedacht werden: so drei Furien mit je vier Dienerinnen 
('Apai V. 417). 

Die Angabe, dass erst Sophokles die Zwölfzahl der Choreu- 
ten auf 15 vermehrt habe, wird gegen Böckh in Schutz ge- 
nommen, und in dieser Thatsache ein Kriterium der Zeitbestim- 
mung (nach Ol. 77, 4) für diejenigen Aeschyleischen Dramen 
gefunden, in welchen 15 Choreuten nach dem Muster des Sophokles 
auftreten, wShrend auch später der Dichter, wo es passend 
schien, auf 12 zurückgehen konnte, wie im Prometheus Xuöjuevoc, 
wo zu der geschlossenen Zahl der 12 Titanen kein proportioneller 
Zusatz möglich.^) Verworfen wird die von Welcker, Böckh, 
auch Hermann für die Schutzflehenden des Euripides angenom- 
mene VierzehnzahL Vielmehr bestand der Chor dieses Stückes 
aus fünf von den sieben Müttern, deren jeder zwei Dienerinnen 
beigegeben waren. Nämlich es gab ein doppeltes Mittel die 
Tradition an die Kunstconvenienz anzupassen: 1) Einschränkung, 
z. B. von 50 Danaiden auf 15; 2) Multiplikation, mit zwei in 
den Persern, mit 5 (oder 4) in den Eumeniden, Phorkiden, Ka- 
biren; mit drei in den Supplices des Euripides. Die Vierzehn- 
zahl entstand, wenn man den Chorführer nicht mitzählte. Herr- 
schaft der Siebenzahl in der Verszahl der Chorpartieen, beruhend 
auf dem antiken Princip der Conci'nnität, durch die antistro- 
phische Composition, die Gliederung in Halbchöre motivirt. Aber 
abenteuerliches Himgespinnst das Lachmannsche Gesetz. 

Innere Beschaffenheit des Chors und sein Vef- 
hältniss zur Handlung. Drei Classen, je nachdem der Chor 
in engerem oder weiterem Verbände mit der Handlung stand, 
mit der Geschichte der Tragödie fortschreitender Stufengang. 
In den voräschyleischen und zum grossen Theil noch in den 
Tragödien des Aeschylus sind die Chöre Theilnehmer der Hand- 
lung, bisweilen auch bei Sophokles, bei Euripides kein Beispiel. 
Bei Aeschylus selbst in verjüngtem Maassstabe drei Stufen: 
a) der Chor ist geradezu Hauptperson (Hiketiden, Epigonen); 
diese Classe wahrscheinlich vor Aeschylus überwiegend, bei ihm 
die kleinste; b) der Chor ist wesentlich zur Handlung, ohne 
Hauptperson zu sein (Eumeniden, Perser; 'PiZoTÖ|iOi und TTXiiv- 
Tpiai des Sophokles); c) der Chor greift nicht eigentlich in die 
Handlung ein, ist aber doch den handelnden Personen unmittel- 

1) Dies und das Folgende nach Reisigs Prometheusheft: s. auch 
Axt, Clever Schulprogr. 1826. 



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314 

bar beigesellt (beide Prometheus, Sieben, Agamemnon und Choe- 
phoren, die grosse Masse der Sophokleischen). Unter lebhafter, 
wenn auch in gewissen Grenzen gehaltener Anerkennung des 
Welckerschen Verdienstes wurde Aeschylus als der Schöpfer der 
einheitlich zusammejihangenden Trilogie anerkannt. 

In der chronologischen Uebersicht der Aeschj- 
leischen Tragödien setzte B. damals die Snpplices mit Welcker 
um das Ende von Ol. 79 ; die Sieben, die er für ein Mittelstück 
hielt, zwischen Ol. 76, 4 (Perser) und 78, 2 (Tod des Aristides); 
den Prometheus mit Reisig nach Ol. 77, 4 (wegen der Anspie- 
lung auf den Verrath des Pausanias in V. 1068 ff.). Viel kürzer 
wurden Sophokles und Euripides behandelt. 

Geburts- und Todesjahr des ersteren wurden bestimmt 
wie im sechsten Capitel der Schrift über Agathen: Ol. 70, 4 
(marm. Par.) und 93, 2 (wegen der Frösche). Doch steht am 
Bande die Mahnung: „Genauer auszumitteln — viel genauer!" 
Für das älteste der erhaltenen Sophokleischen Stücke hielt er 
die Antigene, die er mit Süyem Ol. 84, 4 (ein Jahr vordem 
Samischen Kriege) setzte. Alle übrigen erklärte er für jünger 
als die ältesten Euripideischen. In Betreff des Oedipus Colo- 
nen s hielt er von den beiden Böckhschen Ansätzen den spä- 
teren, Ol. 90, 1 für den richtigeren, die von Beisig angenom- 
menen politischen Beziehungen dagegen für sehr zweifelhaft, ja 
unrichtig. Entscheidend sei das Zeugniss, dass Sophokles das 
Stück im Alter gedichtet habe, und hier wurden die zwischen 
Hermann und Böckh-Meier geführten Verhandlungen über den 
Process mit lophon erzählt, natürlich unter Zustimmung zu den 
Ausführungen der letzteren. Selbständiger und genauer ent- 
scheidet ein später eingelegter Zettel: „Die politischen Beziehun- 
gen im Oed. Col. gehen alle darauf hinaus, dass vermöge der 
alten Orakel über Oedipus' Grabstätte die Athener guten Muth 
haben sollen in Absicht auf Kriegsglück gegen die Feinde. Aber 
nur zweierlei verheissen die Orakel: l)^ Glück gegen die Thebaner 
(nicht gegen andre), 2) gegen sie auf Attischem Boden (nicht 
auf Böotischem)." Mit dem zukünftigen Krieg Athens gegen die 
unterliegenden Thebaner, auf den wiederholt hingedeutet wird, 
ist der Peloponnesische gemeint. Zu denken ist an die Zeit 
nach der Schlacht bei Delium und dem Frieden des Nicias, 
Ol. 89, 3. „Femer weil nur von dem Kriege mit Theben, nicht 
mit den Lacedämoniern die Bede ist, muss es geschrieben sein 
vor Ol. 91, 4, bis wohin der Friede mit diesen gedauert hat. 
Nun nennt aber Aristoteles Bhet. 3, 15 den Sophokles achtzig- 
jährig , als er zu seiner Vertheidigung gegen lophons Klage den 
Oed. Col. vorlas. Also Ol. 90, 4 wurde Oed. Col. geschrieben** 
(vgl. Süvem). „Aus rhythmischen Gründen (s. bei Eurip.) wird 



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315 

zu den späteren StQcken auch Aias gezählt, nicht weit entfernt 
vom Philoktet; Elektra muss wegen der einen Elision am Schluss 
des Trimeters (1017) jünger als Oedipus Tyr. (bald nach Ol. 87, 1) 
sein, aber das frühste nach ihm, weil noch frei von der rhyth- 
mischen Verderbtheit, um derentwillen sich die Trachinie- 
rinnen am nächsten an Aias und Philoktet anschliessen. 

Die Zeit des Euripides wurde durch Ol. 75, 1 — 93, 2 
bestimmt. Mittel für die Datirung seiner Stücke: 1) Aristophanes, 
2) der liederliche Versbau, seit c. Ol. 89 , 3) die historisch-poli- 
tischen Anspielungen des Dichters. Bei den Supplices spricht 
das dritte wie das zweite Kriterium für OL 89, 4. Die Ent- 
scheidung über den Verfasser des Bhesus wird auf den Abschnitt 
über die Euripideische Schule verschoben. Nach ziemlich sum- 
marischer Behandlung des Euripides (wenigstens wird das Heft 
immer abgebrochner) findet sich die Bemerkung: „Hier ist ein 
besondres Capitel über die historisch-politische Bedeu- 
tung der griechischen Tragödie nach Süveni und Jacobs 
quaesi Soph. cap. 2 eingewebt worden." Im Manuscript selbst 
folgt „die innere Geschichte der Tragödie^', beginnend mit 
Aufzählung der Litteratur.^) Nur die „allgemeinen Umrisse" des 
reichen Stoffs und „ausserdem hauptsächlich Berichtigungen herr- 
schender Irrthümer oder doch schiefer Ansichten" sollten dies- 
mal gegeben werden. 

Ueber das We«en und Princip der antiken Tragödie 
handelte B. in philosophischer Begründung. Beschränkt sei die 
Auffassung, dass es sich immer handle um die Idee des Schick- 
sals als einer blinden Macht, mit der im Kampfe die Helden 
unterliegen. Ganz eigentlich sei die Tragödie die Nach- 
ahmung des Lebens der Menschheit, sie stelle dar den 
Confiict der Freiheit mit der Noth wendigkeit, der individuellen, 
endlichen subjectiven Selbstbestimmung entweder mit dem allge- 
meinen ewigen objectiven Gesetz der Weltordnung, oder mit der 
relativen Nothwendigkeit der gesellschaftlichen und staatlichen 
Verhältnisse , oder auch mit beiden. Bei Aeschylus und Sophokles 
finde sich keine einzige Handlung, der nicht die höhere Be- 
ziehung auf das objective Weltgesetz wesentlich wäre, wie denn 
das Bemühen, alles Thun und Lassen diesem unterzuordnen, tief 
in der antiken Lebensauffassung und im Volksbewusstsein ruhe 
(Herodot). Hieraus ergebe sich der sichre Gesichtspunkt zum 



1) Für die Folge ist auf besondrem Zettel notirt: ,,-^ — ungemein 
zu erweitern und auszuführen das Capitel : wie jeder einzelne Tragiker 
der Idee der Tragödie in der Ausführung nahe gekommen , und dabei 
die einzelnen Tragödien, die wir noch haben, unter den verschiedenen 
Gesichtspunkten zu classificiren. Von jeder ist also im Einzelnen zu 
reden" u. s. w. 



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316 

Verständniss der einzelnen Dramen, welche durchgegangen wurden. 
Aus ihm erkläre sich auch der angebliche Mangel an Einheit 
hinsichtlich der Schlussscenen des Aias und der Antigene. Höchste 
Potenz jenes Conflict^s im Prometheus, weil derselbe hier in 
göttlichen Wesen und der Herrscher der Götter selbst beschränkt 
erscheine durch die höchste Nothwendigkeit. . Keineswegs gehöre 
die kräftige Erhebung des Helden über sein Sckicksal, also Ver- 
herrlichung der Freiheit gegenüber der Nothwendigkeit, zum 
Wesen der griechischen Tragödie (Xerxes, Oedipus Tyr., Kreon, 
Philoktet). Hauptunterschied zwischen antiker und moderner 
Tragödie, dass jene das Leben mehr auffasst von der Seite des 
Nothwendigen, diese mehr von der Seite der Freiheit, daher die 
leztere mehr psychologischer Natur. So ist die euripideische 
Tragödie der modernen oder romantischen verwandt. Während 
bei Sophokles und Aeschylus, besonders bei letzterem, eine völlige 
Unterordnung des psychologischen Elementes stattfindet, war es 
Euripides, der den Griechen die damals fast noch unbekannte 
Welt des Gemüthes aufschloss. Von diesem Gesichtspunkt ver- 
dient er eine gerechtere Würdigung als bisher. Eine Lösung 
des Zwiespaltes ist aber durch die gewaltsame Unterordnung der 
Freiheit unter das Nothwendige nicht gegeben. Die Herstellung 
der inneren Harmonie erreicht die griechische Tragödie auf mehr- 
fachem Wege: in seltneren Fällen durch den Schluss der Hand- 
lung selbst (Trachin., Aias , Philoktet). Die befriedigendste Lösung 
und grossartigste Vermittelung giebt der Zusammenhang einer 
Trilogie. Ein solcher ist auch möglich bloss in der Idee. „Dies 
ist wieder ein grosser Vorzug der mythischen Stoffe, indem die 
Kenntniss der zusammenhängenden Folgen im allgemeinen Volks- 
glauben gegeben war und so das Gleichgewicht sich im Be- 
wusstsein jedes Einzelnen immer durch Anticipation der geschicht- 
lichen Zukunft herstellte." Indem die tiefste Tendenz der griechischen 
Tragödie auf Versöhnung und Herstellung des Gleichgewichtes 
gerichtet ist, hat sie ein Mittel, um selbst während des heftigsten 
Conflictes doch die ursprüngliche und als Ziel des Kampfes be- 
absichtigte Harmonie durchscheinen zu lassen, im Chor, der 
gleichsam als Repräsentant der göttlichen Einheit zu fassen ist. 
Freilich hat er nicht in allen Stücken eine gleiche Höhe der Be- 
deutung erlangt, was von der Bedeutsamkeit der Handlung ab- 
hängt: z. B. schwächer ; als in früheren Stücken, im Aias und 
Philoktet. Ein Portschritt war es, dass Aeschylus anfing, den 
Chor nicht mehr als mitbetroffenen Theilnehmer der Handlung 
darzustellen; in das rechte Verhältniss hat ihn Sophokles gesetzt. 
Weit entfernt von dieser Auffassung ist Euripides, wie es 
nach seiner Art nicht anders sein kann. Euripides ein Abbild 
seiner Zeit. [Die folgende Charakteristik desselben wird ihm 



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317 

doch nicht völlig gerecht, behandelt ihn mehr vom Schlegelschen 
Standpunkt.] Der Stil der drei Tragiker wurde durch die ent- 
sprechenden Richtungen der plastischen Kunst veranschaulicht. 
Ihre erstaunliche Fruchtbarkeit wurde erklärt durch ihr früh- 
zeitiges Auftreten, die sicher tiberlieferte Technik, die Concen- 
tration auf eine Gattung. 

In der speciellen Einleitung wurde zunächst die Ge- 
schichte des Aeschyleischen Textes und seiner Bearbeitungen be- 
handelt, dann die Tragödie der Sieben insbesondre näher be- 
trachtet: Idee des Stücks* und Gang der Handlung. Der Jung- 
frauenchor trefflich geeignet, das Bild des vor den Thoren wüthen- 
den Kampfes, die Gefahr und die Stimmung der Belagerten zu 
veranschaulichen. P.assendster Schauplatz die Akropolis. Charak- 
teristik des Eteokles und der Frauen. Kern des Ganzen: die 
sieben Botenberichte mit den contrastirenden Erwiderungen. 
Künstlerische Motive dieser Scene: Darstellung der Argivischen 
Hybris, das Kriegsgemälde. Das Unverhältnissmässige des Um- 
fangs im Eahmen der Trilogie gemildert. Schöne Würdigung 
des Wechselgesanges der Schwestern, Vergleich desselben mit 
den Klagen des Chors. Rechtfertigung der Schlussverhand- 
lung über die Bestattung. Der Gedanke von Fr. Jacobs, der 
religiöse Volksglaube habe eine Beruhigung über die letzten 
Ehren der Gefallenen verlangt, wird abgewiesen. „Für den Aias 
ist diese Rechtfertigung eine ausserordentlich oberflächliche, in- 
dem es dort an weit tieferen und mit der ganzen Handlung 
inniger verwebten Motiven hängt. — — Ueberhaupt aber ist 
der Grund fast lächerlich : es hätte ja dann in der Poesie über- 
haupt keines Menschen Tod erwähnt werden können, ohne zu- 
gleich hinzuzufügen, ob er begraben worden sei oder nicht." 
Man wird sich nach dem damaligen Stande dieser Forschungen 
nicht wundem, dass auch R. die Lösung in der trilogischen 
Composition suchte und deshalb die Sieben für das erste oder 
zweite Stück erklärte, bei Besprechung der verschiedenen Hypo- 
thesen aber Hermanns Gedanken, sie an das Ende zu setzen, als 
einen wunderlichen Einfall abwies. 

Bei der Interpretation wurde den einzelnen Reden eine 
metrische XJebersetzung vorangeschickt. Vor dem ersten Chor- 
gesange kamen die Begriffe Tidpoboc und CTCtcijLiov zu genauer 
Erörterung, femer die Verhältnisse der Orchestra und der Bühne. 
Nachdem Bambergers Abhandlung *de carminibus Aeschyleis a 
partibus chori cantatis' (1832) erschienen war, trug R. hier im 
Anschluss an dieselbe die Kriterien für Vertheilung des Chor- 
liedes unter Halbchöre, kleinere Gruppen oder Einzelne vor, doch 
abweichend in der Anordnung der Parodos in den Sieben. Er 
nahm zweimal 14 Kommata (in Strophe und Antistrophe) an 



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318 

und ein Komma des Hegemon. Von textkritischen Resultaten 
sei nur beispielsweise die in sorgfältiger Erörterung begründete 
Herstellung von V. 83 f. erwähnt: dXacib^)Liviov nebi öttXöktutt* 
UJTI xpiM'f^TCi ßodv. [Spätere Bemerkung: „diese Argumentation 
und Emendation ist längst vor dem Erscheinen des Passowschen 
Programms gemacht", vgl. Passow: ohservationes in Parodum 
Aeschyleae Septem contra Thebas fahülae, Prooem. 1832 = opusc. 
acad. 94 ff. S. die Anmerkung dort auf S. 101. Gegen die un- 
befugte und fehlerhafte Publication der B.'schen Textconstitntion 
erhob energischen Protest R. Enger: ttc Aeschyliis (mtistrophico- 
rum responsionibus {Vratisl. 1836) p. 36 ff., wo auch die authen- 
tische Passung der Stelle mitgetheilt und begründet ist.] Der 
Commentar geht bis V. 178. 

Zu S. 89. An die Mutter. Halle, 11. Septbr. 1831. 
„ — — Doch Mittwoch Abend kam ich wirklich glücklich fort, 
nachdem ich halbe Tage lang in Berlin herumgerannt und her- 
umgefahren war, um Legitimationskarten und Gesundheits- 
attest mir zu verschaffen. (So heisst nämlich ein Zeugniss, 
dass an dem Ort mehrere Personen an der asiatischen Cholera 
erkrankt und gestorben seien, Passinhaber jedoch in einem cholera- 
freien Hause gewohnt habe.) Nachdem unterwegs die Schnell- 
post eine Radaxe gebrochen, und wir ein Paar Stunden auf 
freiem Felde campirt hatten, kamen wir endlich auf einem offenen 
Fahrpostpacket wagen, auf und zwischen harten Kisten und Kasten 
weiter, bis zur letzten Station vor Wittenberg, Kroppstädt. Hier 
verweigerte uns der Postmeister schon Pferde zur Weiterreise 
nach Wittenberg, weil wir nicht in die Stadt hineindürften. Ich 
hetzte alle zur Opposition auf, weil ich sehr gute Hoffnung 
hatte, den Cordon zu überschreiten, und mir auch kein Gewissen 
daraus machte, weil ich^ so sehr das ein Laie sein kann, von 
der Nichtansteckung überzeugt bin, mit der grossen Ueberzahl 
der guten Aerzte und verständigsten Leute in Berlin, freilich 
nicht mit der von aller Welt desavouirten Commission, die nur, 
um sich keine Blosse zu geben und um nicht das Volk gegen 
sich zu empören, das Ansteckungsprincip auf alle Weise fest- 
halten muss, dem zu Liebe allein die unerträglichen Sperrmass- 
regeln angeordnet sind, die mehr schaden als die schlimmste 
Cholem selbst. Wir verlangten also in Bjroppstädt so weit ge- 
fahren zu werden, als wir das Geueralpostamt bezahlt hätten, 
und machten dem Postmeister auf eindringliche Weise begreif- 
lich , dass es ihn gar nichts angehe, wenn wir nicht in die Stadt 
hineinkämen, dass es uns freistehe, im Nothfall vor dem Thore 
zu bivouakiren. Wir bekamen endlich Pferde, und zum Glück 
nahm die von dem Postmeister vorgeschützte Anordnung, wo- 



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319 

nach die Postpassagiere nicht mehr nach Wittenberg hinein- 
gefahren werden sollten (andere Fremde hatten es schon früher 
nicht mehr gedurft), sondern in Gasthöfen vor den Thoren ab- 
gesetzt werden sollten, erst den Donnerstag Mittag ihren An- 
fang. So in Wittenberg angelangt früh 8 Uhr, hören wir so- 
gleich, dass zwar Mittwoch die Schnellpost noch über die Elbe 
hatte passiren dürfen, heute (Donnerstags) aber daran nicht mehr 
zu denken seL Ein an den Ehein commandirtdr Obristlieute- 
nant hatte liegen bleiben müssen ; und nahm uns (ausser mir) 
alle Hoffnung^ eben so erging es einem fremden Gesandten, 
Herzog *♦* Die übrigen wollten also in die Contumazanstalt 
abgeführt werden: die sei noch nicht eingerichtet, hiess es; sie 
wollten also in Gasthöfe: die waren angewiesen, keinen Fremden 
von Berlin aufzunehmen. Bei so verrückter Wirthschaffc hielt 
ich's fürs beste, ohne gross Abschied zu nehmen, quer über die 
Strasse zu gehen, zu Deinhardt Wieder ein Glück war's, dass 
gerade für den Tag noch (denn Freitag früh sollten alle Maass- 
regeln zur Sperrung in grösserer Strenge eintreten, auch die 
Quarantaine ins Leben treten) den Wittenbergem, d. h. den ein- 
heimischen, angesessenen verstattet war, zu ihrem Bedürfnisse 
oder auch zum Spazierengehen die Elbe zu passiren. Binnen 
einer halben Stunde hatte ich also drei derselben, deren Namen 
ich Dich dringend bitte nicht zu nennen, um sie nicht zu cpm- 
promittiren. Spitzner, Deiuhardt, Wensch persuadirt, mich über 
die Eibbrücke, gleichsam spazieren gehend, zu begleiten, weil 
ich hoffte, unter dem Schutze so notorisch bekannter Personen, 
in einer so kleinen Stadt, auch für einen ihresgleichen gehalten 
zu werden, und ungefragt durchwandern zu können. Wie ge- 
hofft, so geschehen. Alle neuen Sachen hatte ich bei Deinhardt 
zurückgelassen, Mantel, kurz alles, und ging in einem ziemlich 
unscheinbaren Eeiserock, wie in einer Stadt wie Wittenberg wohl 
die Alltagsröcke zu sein pflegen, den Stummel im Munde ^ wohl- 
gemuth unter Wettergesprächen als Wittenberger Spiessbürger 
bei drei Schildwachen vorbei. Man konnte mir natürlich nicht 
zumuthen, heranzutreten und zu fragen: ^Mein lieber Herr Schild- 
'wache, darf man hier auch passiren?' und da sie eben auch 
nicht fragten, hatte ich gar keine Lüge nöthig und konnte mit 
gutem Gewissen überall versichern, ich wisse jetzt so wenig wie 
vorher, ob eigentlich ein Cordon existire oder nicht. Zu Fuss 
ging ich drei Stimden weit nach einem Dorfe Berkwitz, fand da 
einen Wirth, der sehr zuthulich war, immer Vir Gebildete' 
sagte und so eine Art von Studirmachergeselle früher gewesen 
war. Hätte ich auch weiter zu Fuss gehen können, so konnte 
ich doch so wenig in einem Gasthofe übernachten als mit Post, 
selbst Extrapost weiterfahren, da ich keine Legitimationskarte 



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320 

hatte. Ich vertraute mich also dem Wirth, der mir das sehr 
freundlich vergalt und mir einen Bauer schaffte und einen 
schlechten Leiterwagen. So fuhr ich Nachmittags 4 Uhr fort, 
hatte aber bei der kalten Luft bis Oräfenhainchen Gelegenheit 
und Zeit genug, die Bemerkung zu machen, dass ich mir während 
der sternenhellen Nacht die Cholera, der ich eben entfliehen 
wollte, an den Hals frieren könne. Ich kaufte also drei grosse 
Schütten Stroh, versetzte meine Uhr gegen einen alten Bauem- 
weibermantel, und verkroch mich nun wie ein Hamster in seinem 
Wintemeste. Ohne weitere Denkwürdigkeit kam ich 4 Uhr in 
nebliger Morgenfrühe vor den Hallischen Thoren an, Hess mitten 
auf der Chaussee halten und wanderte durch mir wohlbekannte 
Feldwege zu einem PfÖrtchen, das, wie ich wusste, immer offen 
steht, schlüpfte ein und war gegen %5 Uhr in meiner Woh- 
nung. Im Anfang machte man in Halle ein merkwürdiges Ge- 
schrei über meine Anwesenheit, obgleich Tages zuvor noch 
jedermann hatte durchpassiren können; dass ich schon früher die 
Elbe passirt sei und mich diesseits irgendwo aufgehalten habe, 
konnte ich nicht sagen, weil ein dummer Zufall die Hallenser 
aus der Personenliste der ohne Passagiere ankommenden Schnell- 
post hatte ersehen lassen, dass ich Tages zuvor in Wittenberg 
angekommen, dort Contumaz halten müsse. Indess war es nicht 
einmal nöthig, eine der mancherlei Maassregeln, die ich mir schon 
ausgedacht hatte, um mir zu helfen, in Anwendung zu bringen; 
das Geschrei begab sich zur Euhe. Ich erzähle allen Leuten, ich 
hätte sehen wollen (weil man gar nichts Sicheres darüber wusste), 
ob überhaupt ein Cordon da sei oder nicht, und da ich bei den 
Posten vorbei immer weiter gegangen sei, um den Cordon noch 
vielleicht zu finden, sei mir am Ende eingefallen, die Soldaten 
ständen, da sie doch zu etwas dienen müssten, wohl gar dazu 
da, um niemand nach Wittenberg hinein und da krank werden 
zu lassen; dem hätte ich mich nicht aussetzen wollen, und so 
sei ich fort nach Halle gegangen: ich bin jetzt so sicher hier 
wie der Fisch im Wasser und noch sicherer, da ich doch nicht 
so dumm bin wie ein Fisch, um mich angeln zu lassen, und 
nicht so stumm wie ein Fisch, um nicht an rechter Stelle den 
Mund aufzuthun." 

Zu S. 00. ^^ Gesenius. 

Theolog. 

Willst dich, Doctor, treulos von uns wenden. 

Weil die Cholera mit gierigen Händen 
Zum Cocytus starre Opfer schickt? 

Wer soll künftig Exegese lehren, 

Hiob lesen, Genesis erklären, 

Wenn du mit Manschetten dich gedrückt? 



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321 

Döctor. 
Theure Freunde, stillet eure Thränen, 
Nach Nordhausen steht mein traurig Sehnen: 

Heisst's doch: Weit davon ist gut vor'm Schuss. 
Nicht ansteckend sei sie, schrei'n nur Spötter; 
Ach, nicht Thee, Flanell, noch Chlor wird Retter, 

Beisst sie mich hinab zum styg'schen Fluss. 

Theolog. 
Nimmer lauscht man deiner Bede Schalle, 
Einsam steht dein Auditor in Halle, 

Stückwerk bleibt der Moses-Commentar. 
Du wirst hingehn, wo die Viehmast blühet, 
Branntweinduft hin durch den Aether ziehet — 

Doch wie stehts mit unserm Honorar? 

Doctor. 
Wollt doch nicht an die paar Thaler denken, 
In der Lethe Strom mögt ihr sie senken; 

Fordert drum mein bischen Leben nicht! 
Horcht! der Schwager bläst schon vor der Thtire, 
Lebet wohl! wer toll ist, der krepire! 

Der Professor stirbt in Halle nicht! 

Zu S. Ol. In diese Zeit fällt als erste Probe archäolo- 
gischer Studien ein Freundschaftsstück, die anonyme Bepension 
von Fr. Gotth. Schoene's Schrift de personarum in Euripidis 
Bacchabus häbitu scmico (1831), erschienen in der Halle'schen 
Allgemeinen Litter. Zeitung 1831 (December Nr. 232 — 234 
S. 570 — 587). Sie ist auf Grund einer vom Verfasser der Ab- 
handlung selbst entworfenen Anzeige redigirt. Während dieser 
Umformung aber hat sich der Diaskeuast so in den Stoff hin- 
eingearbeitet, dass er mehr als anfangs beabsichtigt war von 
eigenen Gedanken und Studien eingeflochten hat.^) Ganz in 
seinem Sinne sind die Herzensergiessungen über den in Mono- 
graphieen so vielfach herrschenden schwerfälligen Luxus an ge- 
häuften Notizen und Belegen, welche den gleichmässigen Fluss 
der Darstellung stören und einer abgerundeten, tibersichtlichen 
Gestaltung des Ganzen Eintrag thun; über die verwandte, seit den 
Zeiten der Holländer in Mode gekommene Manier labyrinthischer 
Irrgänge und Abschweifungen, welche statt in Anmerkungen oder 



1) Schöne an Ritschi 31. August, 12. October, 22. December 1831. 
Die lobenden Prädicate bekennt Seh. aus den Privatbriefen von Welcker 
und Nitzsch entlehnt, einige tadelnde Bemerkungen aber selbst hin- 
zugefQgt zu haben. 

Kibbeck, F. W. Bitachl. 21 



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322 

Excurse verwiesen zu werden, den natürlichen Gang der Unter- 
suchung durchbrechen; woran sich eine heitere Erörterung der 
Frage schliesst, ob Textesnoten in antikem Geiste seien oder 
nicht Die überlegenen Einwendungen gegen das achte Capitel 
de choricarum personarum partibus et numero, welches als das 
schwächste bezeichnet wird, sind sicher E/s Eigenthum (er citirt 
die Stelle in seinem Aeschylusheft); ebenso die textkritischen 
Bemerkungen (zu Antiphanes^ Nonnus, Callimachus, der Antho- 
logie); und endlich die Beurtheilung der Latinität, welche mit 
einem Scherz über das altvaterische Bacchabus im Titel schliesst, 
was auf Cicero's Zeitgenossen ungefähr denselben Eindruck ge- 
macht haben würde, „als wenn wir bei unsem Altvordern lesen : 
von denen Bacchantinnen" 

Zu S. 07. Einen kräftigen Ausdruck damaliger Stimmung, 
natürlich cum grano salis zu verstehen, enthalten die Zeilen an Niese 
28. März 1833 : „Die Zeit ist mir diesen ganzen Winter in einer argen 
Zersplitterung hingegangen, dass ich mir grosse Vorwürfe zu machen 
hätte, wenn ich mir nicht ein für allemal vorgenommen hätte, 
möglichst zufrieden mit mir selbst zu sein. Es wird aber Noth 
ihun, dass mich bald eine bestimmte Arbeit und ein äusserer 
Zwang in spanische Stiefeln schnürt: ohne das bringe ich nie 
was vor mich. Entweder ein Buch drucken lassen, wozu ich 
zum ersten Bogen kaum das Manuscript, zum zweiten kaum das 
Material zusammen habe; oder wo anders hin versetzt werden 
und neue Collegien lesen, was ich hier aufgegeben habe." 

Zu S. 00. Da die Ausgabe der Anabasis kaum bekannt 
ist, so möge wenigstens die Vorrede ihrem Hauptinhalte nach 
hier mitgetheilt werden. Sie ist datirt Halis SaxonKm m. Maio 
a, CIOIOCCCXXXIII und trägt die Ueberschrift: Librarius 
lectori s. Die Lange' sehe Ausgabe sei vergriffen, die Anmer- 
kungen veraltet. Daher die neue Gestalt dieser vierten Aus- 
gabe. Statt der Anmerkungen seien ausgewählte Varianten unter 
den Text gesetzt. Quod non dübitamus quin terroris aliquantum, 
quum primum audierint, intelligentissimis quibusque rei schdlasticae 
iudidhus iniedurum sit, quippe pemidosissimam scholarum pestem 
quandam criticae artis tractationem uno ore conclamaMtibus, Nee 
istud iUi sane immerito. Verum enimvero non eae appositae sunt 
scripturae, quae criticum usum habeant, vd, si quando, certe 
non quod cum häbent, sed deledum acri iudicio ex omni scripturae 
farragine, quicquid vel aä intelligendas scriptoris sententias vel ad 
pernoscendas addiscendasque leges linguae grammaticas facere 
videretu/r: id quod in scholastica disdplina cummaxime esse spec- 
tandum onmes consentiu/nt, Atqui illud profedo non poterit oppro- 
brio verti, quod pars eorum, guae huic nostro i/nstituto inservire 



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323 

voluimus, suchte natura eüam ad criticum genus pertinet: in ple- 
raque ne hoc quidem cadit. Jene Varianten, zum Theil irngrie- 
chische Formen, fehlerhafte Structuren darstellend, seien zu dem 
Zweck beigefügt , um den Tertianern auf knappstem Raum Ver- 
anlassung zum Nachdenken, den Lehrern eine Anregung für den 
Unterricht zu geben. Vorzugsweise sei der etymologische Theil 
der Grammatik, die Lehre von den Accenten, den Dialecten, dem 
Atticismus, Flexion, Wortbildung und -Zusammensetzung ins Auge 
gefasst. Da aber nach der heutigen Methode (ut praeclara hodie 
est ratio scholarum) auch die Syntax in der Schule gelehrt werde, 
sei auch Stellung des Artikels, Gebrauch der Casus und Modi, der 
Präpositionen und Partikeln u. s. w. berücksichtigt. Sehr sparsam 
sei man mit Varianten gewesen, deren Beurtheilung über den 
Gesichtskreis der Schüler hinausgehe: wo z. B. feinerer Sprach- 
gebrauch oder Sjmonymik ins Spiel kommen: de guibus tantum 
adiecimus, quantum, ut Stimulus discentibus adderetur, videretur 
saiis esse. Der Repetition wegen und weil selten oder nie von 
denselben Schülern die ganze Anabasis durchgearbeitet werde, 
habe man sich auch nicht gescheut, dieselbe Anmerkung mehr- 
fach zu wiederholen. 

Neu seien femer die Inhaltsverzeichnisse der Capitel, in 
besserer Fassung als die Schneiderschen; et vero Graeca scrip- 
toris verba studiose eläboravimus ut quam possent emisndatissima 
ederentur. Natürlich schliesse sich bei aller Selbständigkeit der 
Text am meisten der Recension von Ludwig Dindorf an, dem 
die Anabasis mehr verdanke als allen früheren Herausgebern zu- 
sammengenommen. Quod quidem non est huius loci uberitts persequi. 

Zu S. 108. Das Verständniss für die Methode und Auf- 
gabe wissenschaftlicher Bücherkunde tritt zum ersten Mal 
charakteristisch hervor in der zusammenfassenden Recension über 
das Handbuch der classischen Bibliographie von Schweiger, das 
bibliographische Lexicon der gesammten Litteratur der Griechen 
und Römer von Hoff mann sowie desselben lexicon bibliographi- 
cum, und Webers Repertorium der classischen Alterthumswissen- 
schaft.^) Sie ist gleichfalls anonym, aber die Ausdrucksweise 
verräth den Verfasser, der sehr gesunde, praktische Gesichts- 
punkte über die Anlage bibliographischer Handbücher giebt. In 
einer Randbemerkung (von 1835) zu dem Heft über Geschichte 
der griechischen Poesie (vom Sommer 1830) citirt der Verfasser 
selbst jene Recension. 

Anonym ist femer die Anzeige der von Frotscher be- 
sorgten Ausgabe des Ruhnkenschen Rutilius Lupus. (Halle- 

1) Halle'sche Allgem. Litt. Zeit. 1833 Januar Nr. 16 f. S. 121— 134 
mit der Chiffre 38. 

' 21* 



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324 

sehe Allgem. Litt. Zeit. 1832 Nr. 159 August S- 629—632). 
Es wird die „lächerliche Mikrologie*' gerügt, womit der Heraus- 
geber Buhnkens ,,schon hinlänglich genaue Methode des Citirens" 
habe überbieten wollen; die überflüssige Zuthat von Verweisun- 
gen auf Werke älterer Philologen, womit Ruhnken nicht leicht 
zufrieden sein möchte: „denn er liebte im Citiren Maass und 

Wahl numeris mim pkbecula gaudeV* Da Frotscher u. A, 

auch einen Abschnitt aus der Banke'schen ^commentatio de Äri- 
siophanis vita^ hat abdrucken lassen, worin die Ruhnkensche 
Ansicht über den Kanon der Alexandrinischen Grammatiker in 
Zweifel gezogen wird, so erinnert der Rec. gegen Fr., dass 
Ranke („dieser fleissige und ängstlich-sorgfältige historische For- 
scher") mit dieser Erörterung die ganze Frage keineswegs be- 
reits abgethan habe noch habe abthun wollen (vgl. Nr. 212 
S. 413 f.), und berichtigt den Irrthum, als ob ein und derselbe 
Simonides in zwei Kanones (der lambographen und der Lyriker) 
habe aufgenommen werden können. 

Begonnen und vorbereitet war eine ausführliche Recension 
der Ranke'schen Abhandlung über Hesychius, versprochen für 
die Allgem. Schulzeitung (2. Octbr. 34). Vgl. S. 141. 

Zu S. 108, Friedrich Dübner an Ritschi, Paris den 17. 
und 25. Februar 1833, berichtet über die Pariser Plautushand- 
schriften, über handschriftliche Bemerkungen zu Plautus von 
Scaliger und Guyet. Gegen den Schlüss heisst es: „Herr v. Sinner 
trägt mir auf Ihnen zu sagen, dass Boissonade Ihren Thomas 
Magister mit dem grössten Interesse ganz gelesen und nament- 
lich die Prolegomena ein vollendetes Meisterstück genannt 
habe: er werde sich bemühen in seinem Ammonius ein würdiges 
Seitenstück zu geben.^^ 

Zu S. 128. Aus dieser Periode stammen folgende aufflie- 
genden Zetteln hingeworfene Notizen. „NB. Künftig so einzu- 
richten: Plautus 5 (4) stündig, so dass gleich von vom herein 
4 (3) wöchentliche Stunden allemal der Intei*pretation gewidmet 
werden, eine wöchentliche der vollständigen Geschichte 
der römischen Dramatik: auf welche sonach etwa 14 — 16 
Stunden im Semester kommen. Ganz desgleichen einzurichten 
bei Aristophanes , sowie bei Hesiodus (== Grundzüge der Mytho- 
logie und mythische Geographie.)** „Mit den Seminaristen ein- 
mal Paläographische üebungen. Ein andermal gemein- 
schaftliche Bearbeitung eines philologischen Gegen- 
standes, (aus Geschichte der Grammatik.)" 

Zu S. 131. Das in Anm. 1 vermisste eigenhändige Heft 
über Aristophanes' Frösche und Geschichte der grie- 



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325 

chiscben Komödie hat sich noch gefunden, die eine Abthei- 
lung (Einleitung zu den Fröschen) datirt: Breslau 5. Nov. 1834; 
die andre, Geschichte der griechischen Komödie: Breslau 6. Nov. 
1834. Es ist reichlich mit Nachträgen versehen, welche bis 
gegen Ende der fünfziger Jahre reichen. 

Die Geschichte der griechischen Komödie behandelt 
nach gedrängter XJebersicht über Quellen und Litteratur die An- 
fänge der Gattung, besonders eingehend Epicharm, dessen Tra- 
vestien des Mythus als treuherzige Uebertragungen desselben in 
das Leben des Spiessbtirgers sowohl vom burlesken Satyrdrama 
als auch von den Parodieen bestimmter litterarischer Vorlagen 
in den Stücken der mittleren Komödie scharf unterschieden 
werden. Die politische Komödie des Aristophanes und seiner 
Zeitgenossen wird mit den Oppositionsjournalen constitutioneller 
Staaten, wie England und Frankreich, verglichen. Sehr an- 
ziehend weist eine lichtvolle üebersicht über die ausserordent- 
liche Mannigfaltigkeit der altattischen Komödie nach, wie sich 
in dieser alle Elemente vereinigt finden, die vor ihr einzeln da- 
gewesen waren und die sich aus ihr nachher wieder zur Be- 
sonderheit herausgebildet haben. Denn „was man mittlere und 
neuere Komödie nennt ist nicht eine neue, vorher unbekannte 
Gattung gewesen, sondern nur die ausschliessliche Ausbildung 
einer Seite der alten Komödie, die alle Seiten umfosste.'* Poli- 
tisch kann man die alte Komödie nennen, insofern politische 
Tendenz nirgends weiter als in ihr stattfand, nicht als wenn sie 
keine andre als politische Tendenz gehabt hätte. 

Nach den allgemeinen Bemerkungen über die Entwickelung 
und die verschiedenen Spielarten der Komödie folgt in zweck- 
mässiger Kürze eine Charakteristik der einzelnen Hauptdichter, 
welche zu dem speciellen Capitel über Aristophanes hinleitet. 
Gegen Ranke's Leichtgläubigkeit gegenüber den Fabeleien von 
des Dichters Herkunft aus der Fremde wird bemerkt: „so trüber 
Quellen Schlamm ist überall zu finden in der griechischen Litte- 
raturgeschichte , wenn man Alles glauben will." Zur Unter- 
suchung über die Anzahl der Aristophanischen Stücke: „Man 
kann bemerken, dass Aristophanes durchschnittlich jedes Jahr 
eine Komödie dichtete und zur Aufftihtung brachte, 38 in 39 
Jahren von OL 88, 1 bis 97, 4. ... In den späteren Zeiten fällt 
zuweilen ein Jahr ganz aus, und in andren Jahren sind nach- 
weislich zwei aufgeführt . . . Man kann den Grund des Pausirens 
immer in der athenischen Zeitgeschichte finden." Bankers Aus- 
einandersetzung über das Verhältniss des Kallistratus und Phi- 
lonides zu Aristophanes ist „einer der schwächsten Theile seines 
Buches." Angenommen wurden Hanows Resultate. 

Die einseitigen, künstlichen, einander widersprechenden Auf- 



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326 

fassungen der Tendenz der Wolken wurden mit gesunder Un- 
befangenheit widerlegt. „Als wenn alle Dinge mit einer Alter- 
native und einem tertium non est abzumachen wären.^ „Es können 
beide (Sokrates sowohl als Aristophanes) bei Ehren bleiben. 
Wäre es denn das erste Mal in. der Weltgeschichte, dass zwei 
edle Geister, beide mit den ehrenwerthesten Bestrebungen, sich 
verkannt hätten, entweder aus Missyerstftndniss, oder weil sie 
auf ihrem Standpunkte die Berechtigung des andren einzusehen 
nicht fähig waren ? (Diess ist die höchste Gabe, die einem Sterb- 
lichen vom Himmel werden kann, über den Einseitigkeiten aus- 
gleichend erhaben zu stehen.) Dann wird ja bloss Schwäche 
des ürtheils, was man nur zu häufig als Schwäche des Herzens 
ansieht.^' • . . „Es sind tief begründete Gegensätze, die durch 
Aristophanes und Sokrates repräsentirt sind. Jener der Prak- 
tiker, dieser der Theoretiker (die sich so selten verstehen); 
jener will den alten Glanz Athens herstellen durch Zurückrufung 
alter Sitte und Handlungsweise . . . während doch das einm^ 
Vergangene in der Weltgeschichte nie zurückgerufen werden 
kann; dieser will ein neues Fundament legen und auf diesem 
die Athener zu einem neuen Leben führen . . . Diess aber hatte 
er unleugbar mit allen und jedem gemein, die damals wie er Phi- 
losophie trieben, d. L mit den Sophisten", die Setzung des Sub- 
jectiven, der Eeflexion, an Stelle des durch Gesetz und Ge- 
wohnheit Geheiligten, des Objectiven. Also gilt Sokrates nur 
als der Eepräsentant der ganzen philosophischen Eichtung der 
Zeit. Das sehr frisch geschriebene Heft, welches die Geschichte 
der attischen Komödie bis auf die römischen Bearbeitungen ver-' 
folgt, ist am 25. März 1835 geschlossen. 

In der besondren Einleitung zu den Fröschen wird 
die griechische UTTOOecic erläutert, dann die politischen und litte- 
rarischen Zeitverhältnisse, Zeit der Aufführung des Stückes. 
Ueber Ranke's Ansicht (gegen Ritschis Agath. c. 6): „ich ver- 
stehe Ranken, je mehr ich nachdenke, desto weniger." (Am 
Rande.) Tendenz, Anlage des Stückes. Natürlich wird die selt- 
same Ansicht von Thiersch verworfen. . Bei Besprechung der 
Ausgaben: „Thiersch wollte fliegen, ehe er Mgge war.'* Ueber 
Reisigs Coniectanea: „Hier ist zum ersten Mal eine eindringliche 
Forschung auf den Sprachgebrauch des Aristophanes gerichtet 
worden." 

Zu S. 182. Johannes Schulze an Ritschi 22. Febr. 1834: 
„Bemhardys Eintheilimg hat mir nicht genügt; man muss ein 
Stockgrammatiker sein, um die Statuen und Kunstgebilde des 
griechischen Alterthums, worin sich der Geist desselben am 
schönsten und zugleich am adäquatesten geoffenbart hat, für 
Beiwerke halten zu können.*' 



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327 

Zukunftstitel: „Die neueste Entwickeiung der Philologie 
in Grundzügen von D. Fr. Ritschl, ausserordentl. Professor 
an der Universität zu Breslau." (Andre Redactionen: „Grund- 
züge der neuesten Entw. der Ph"; „Ein Wort über die neueste 
Entw. der Ph.**; „Das philologische Studium in seiner Einheit 
und Selbständigkeit*'; „Andeutungen über die Einh. und Selbst, 
des philol. Studiums"). „Den theuren Freunden Ludwig von Lan- 
cizolle in Berlin und Carl Niese in Torgau in Liebe gewidmet 
von F. R" 

Zu S. 183. Encyclopädie. Aeltestes eigenhändiges Heft 
am Rande mit den Daten: Breslau 22. Mai 1835, Breslau 21. Mai 
1838, Bonn 6. Nov. 39, Bonn 24. Mai 1843. 

Die Einleitung verspricht (nach kurzen Andeutungen über 
das Schwanken des Begriffs der Philologie, die dadurch be- 
gründete Nothwendigkeit einer Encyclopädie und summarischer, 
mit knappen Urtheilen begleiteter Aufzählung der Litteratur) 
die Mittheilung dessen, was R. „seit Jahren theils durch Nach- 
denken gefunden, theils durch Erfahrung gewonnen" habe. Seine 
theoretischen Grandansichten seien bereits öffentlich (anonym: 
vgl. S. 131) auseinandergesetzt, „Rücksichtlich der Praxis, d. i. 
Methodologie kann ich nach bestem Gewissen nichts andres thun 
als die selbsterfahrenen Resultate mittheilen, zumal ich Alles 
grösstentheils ohne Anleitung durchgemacht. Daher und noch 
aus einer andren Rücksicht werden diese Vorträge eine indivi- 
duellere und subjectivere Farbe erhalten, als sonst gewöhnlich 
ist und als ich selbst es liebe. — — Die andre Rücksicht ist: 
dass gar häufig wird müssen auf Personalia der gegenwärtigen 
Zeit eingegangen werden: dergleichen muss nur in sachlichem, 
nicht persönlichem Interesse gegeben und aufgenommen werden" 
u. s. w. Der zu behandelnde Stoff wird eingetheilt in einen 
allgemeinen Theil, — Grundlegung der Philologie, und einen be- 
sonderen, Darstellung des in der Grundlegung gefundenen In- 
haltes der Philologie, und zwar sowohl von genetischem als von 
systematischem Gesichtspunkte, mit gelegentlicher Einflechtung 
des Methodologischen. 

I. Grundlegung. Bei der Begriffsbestimmung der Philo- 
logie darf nicht ausgegangen werden von apriorischen Bestim- 
mungen, sondern von dem was historisch vorhanden ist und 
vorhanden war, also §. 1. ganz kurzer und nur vorläufiger histo- 
rischer Ueberblick über die Entwickeiung des philologischen Stu- 
diums. Hierbei wurde die in der „Entwicklung" gegebene 
Skizze zu Grunde gelegt. Hierauf zur vorläufigen Anwendung 
des gewonnenen Ueberblickes: §. 2. Nähere historische Be- 
trachtung des jüngsten Gegensatzes. „Denn es istnöthig, 



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grade den letzten Gegensatz in seinen Einzelnheiten näher ins 
Auge zu fassen, da das jetzt der grosse Angelpunkt ist,- um den 
sich die heftigste Polemik in unsrer Wissenschaft hewegt; Streit 
zweier völlig auseinandergegangener und jetzt gegenübergetre- 
tener Schulen/^ In sehr lichtvoller und spannender, objectiver 
Darlegung wurde nun ausgeführt, wie der Gegensatz zwischen 
Böckh und G. Hermann vorbereitet, ausgebrochen, durchge- 
kämpft, wie auch Welcker, 0. Müller u. a. in den Kampf hin- 
eingezogen worden. §. 3. Würdigung des Gegensatzes. 
„Ganz bei Seite lassen können wir hier, dass Hermann die neuen 
Alterthumsforscher wie eine eng verbündete Partei und Secte 
ansieht, die ein Schutz- und Trutzbündniss gegen ihn geschlossen 
hätten. Sie antwoiien, dass das ein Wahn sei, der an Geister- 
seherei grenze. Auch ist nicht zu leugnen, dass niemand ge- 
neigter und gewohnter ist, das Moralische und Persönliche in 
die Wissenschaft hereinzuziehen bei seiner Beurtheilung, als grade 
Hermann. Freilich ist es natürlich, dass Gleichheit der An- 
sichten, zumal wenn sich diese erst Bahn brechen sollen oder 
gradezu bekämpft werden und unterdrückt werden sollen, eine 
Art geistiger Gemeinschaft begründen, durch ein unsichtbares 
Band geknüpft. Aber eben dieses als ein auf materiellen, per- 
sönlichen Interessen beruhendes anzusehen, ist etwas Unwür- 
diges, und zeigt zugleich wenig unbefangene Beobachtung von 
weltgeschichtlich geistigen Entwickelungen überhaupt. Andrer- 
seits glaube ich hier die feste Ueberzeugung nicht verschweig^i 
zu dürfen, dass so viele objective Ungerechtigkeiten Hermann 
auch begangen haben mag, doch subjectiv er sich nur von der 
reinsten Wahrheitsliebe und Begeisterung für die Sache glaubt 
leiten zu lassen:* was freilich seinen Gegnern schwer wird und 
der Sache nach — wie immer bei persönlichen Spannungen, 
wer mitten im Kampf drin steht, nicht das freie Urtheil über 
ihn bewahren kann — schwer werden muss zuzugestehen; aber 
zu dieser bestimmten Aeußserung über seinen Charakter als 
Mensch habe ich ein Anrecht als selbst sein Schüler." Es wird 
nun auf die immer wiederkehrenden sachlichen Hauptvorwürfe 
H,'s gegen seine Gegner (Mangel an gründlicher Sprachkenntniss, 
an Klarheit der Begriffe, logischer Strenge der Beweisführung, 
Uebergewicht der Phantasie) übergegangen. „Selbst auf einen 
Augenblick ihre Bichtigkeit zugegeben, so würde doch damit H. 
nicht das geringste gewonnen haben für seine Behauptung, dass 
die Sprache das Object der Philologie sei und dass die Sachen 
nicht dazu gehören. Denn wie , wenn nun ein Philolog aufträte, 
der die Sachen behandelte, aber ohne alle die gerügten Fehler?" 
Uebrigens aber wird Böckh s Sprachkenntniss und Methode gegen 
H. entschieden in Schutz genommen, eine fehlerhafte Thätdgkeit 



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der Phantasie am meisten bei Welcker s&ugegeben, zum Theil 
auch bei Mttller. Aber die blosse Verstandesthätigkeit bringt es 
nicht weiter als zur Erkenntniss der unterschiede und Wider- 
sprüche, zur Skepsis; um ein positives Resultat zu erlangen 
muss zu ihr als der nothwendigen ersten Stufe die Thätigkeit 
des höheren Vermögens, der Vernunft, hinzukommen. Der rein 
rationalistische Standpunkt ist der, den Hermann einnimmt. Die 
neueren Alterthumsforscher bezeichnen ihr Verfahren als An- 
schauung des Alterthums, ein Ausdruck, den H. mit Unrecht 
bemSngelt. Das Bemühen, sich mit möglichster Selbstentäus- 
serung in die Verhältnisse des Alterthums hineinzuversetzen, sie 
sich gleichsam zu einer lebendigen Gegenwart zu reproduciren 
ist berechtigt; das Verfahren unerlässlich für jegliche productive, 
schöpferische Thätigkeit. Wie weit man ohne dasselbe kommt, 
zeigt Lobecks Aglaophamus. ,,Die Methode seines, von Seiten 
der Beobachtung, Gelehrsamkeit, XJrtheilsschärfe einzig dastehen- 
den Buches ist von der Ai*t, dass er in der so grossartig und 
weitschichtig angelegten Untersuchung durchaus nicht weiter als 
bis zur Skepsis gekommen ist. Sein ganzes Resultat ist ein 
negatives; obwohl der Stoff nicht von der Art ist, dass man 
darauf verzichten müsste, weiter zu kommen, als auf das ge- 
lehrte Nichtwissen. Aber diese Methode, welche nichts glaubt, 
nichts wahrscheinlich findet, als was sich streng logisch be- 
weisen lässt, trägt in sich selbst die nothwendige Beschränkt- 
heit, dass sie nur einreissen, niemals aufbauen kann. Wenn 
unsre Wissenschaft auf das beschränkt werden sollte in ihrem 
Inhalte, was sich beweisen lässt, so würde etwa die eine Hälffee 
ihres ganzen Inhaltes wegfallen, kann man behaupten. Ein ganz 
Andres ist es, dass die gewissenhafteste Scheidung überall ge- 
macht werden muss zwischen dem bloss als wahrscheinlich Ge- 
glaubten und dem als bewiesen Gewussten, dass nie das erstere 
für das letztere genommen werde." Warnendes Beispiel: Creuzer. 

Sein Gegner Voss ganz auf dem Lobeckschen Standpunkte. 

Wenn die Sprachgelehrten den sogenannten Sachphilologen nicht 
gestatten wollen, über das durch ausdrückliche Zeugnisse Be- 
wiesene, was oft so dürftig oder so schwankend ist, hinauszu- 
gehn: so verfallen sie in die grösste Inconsequenz. Die Wort- 
kritik könnte auf diesem Wege nie weiter kommen als zu be- 
weisen, dass eine Lesart nicht richtig sein könne. „Die Wort- 
kritik aber zur Coi^jecturalkritik zu steigern, das würde ein 
durchaus vermessenes Unternehmen sein, nichts als ein müssiges 
Spiel der Phantasie. — — In der That ist zwischen einer Les- 
art und einem historischen Verhältniss des Staats-, Religionslebens 
u. s. w. durchaus gar kein wesentlicher Unterschied, beide sind 
Thatsachen, entweder klar und unverfälscht, oder verdunkelt und 



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verdorben überliefert. In letzterem Falle stehen nur Hypothesen 
zu Gebote, die nur möglichst viel innere Wahrscheinlichkeit 
haben müssen. Und mit welchem Rechte will H. für histo- 
rische Ueberlieferong der sogenannten Realien Coi\jecturen oder 
Hypothesen verdammen und verpönen? er, der selbst unzählige 
Hypothesen oder Conjecturen gemacht hat für die historische 
Ueberlieferung von Lesarten, und darunter wahrlich nicht wenige, 
denen mit grösstem und grösserem Rechte der Vorwurf gemacht 
werden kann, dass sie mit subjectiver Willkühr, mit einem üeber- 
gewicht der Phantasie oder mit Vernachlässigung der ^Sach- 
gelehrsamkeit' aufgestellt sind. Ja, die Vergleichung lässt sich 
sogar noch weiter durchführen. Hermann hat oft genug, und 
mit vollem Rechte, den Grundsatz aufgestellt, dass ein rechter 
und ächter Kritiker sich so ganz in die Denk- und Sinnesweise, 
und in den Gedankenzusammenhang seines Schriftstellers hinein- 
versetzen müsse, dass er gleichsam Nachschöpfer, Nachdichter 
werde und in congenialer Begeisterung das erfasse ^ was der 
Schriftsteller müsse gesagt haben an einer Stelle, wegen deren 
Corruptel wir nicht wissen, was er gesagt hat Was aber, 
frage ich jeden, ist diese congeniale Thätigkeit anders, als wenn 
sich ein sogenannter Sachphilolog in den Zusammenhang von 
historischen Verhältnissen so hineindenkt, dass er sie gleichsam 
nachlebt und aus der Fülle dieser Anschauung heraus ein auf 
Wahrscheinlichkeit Anspruch machendes Resultat findet? Eins 
ist so gut wie das andre Anschauung oder Hypothese. Und doch 
wird das eine unbedingt verworfen und verdammt, und das andre 
versteht sich so von selbst, dass man es gar nicht erst der Ver- 
theidigung für benöthigt hält!!! (Pfingst-Heiliger Abend 6./6. 35.)" 
§. 4. Positive Versuche einer Begriffsbestimmung der 
Philologie, nebst Kritik derselben. Nur drei sind überhaupt 
zur Sprache gekommen, welche die Wissenschaft der Philologie 
als selbständige hinstellen. (Nach der „Entwickelung".) Her- 
meneutik und Kritik ist die wichtigste Thätigkeit der Philologie, 
das beseelende Element, aber deshalb nicht der Zweck. Die 
dritte jener Ansichten, zu der SchelUngs Vorlesungen über das 
akademische Studium den Anstoss gegeben, hält R. für die 
richtige. Kurze Darstellung derselben. Hiemach gehört die Phi- 
lologie zu den historischen Wissenschaften und zur Wissenschaft 
des Menschengeistes im Gegensatz zur Wissenschaft von der 
Natur. „Sie hat das geistige Leben, das Culturleben des 
classischen Alterthums zum Object. Vorläufig können wir 
sie als griechisch-römische Culturgeschichte bezeichnen." §. 7. 
behandelt das Verhältniss der Philologie zur Geschichte. 
Während alle übrigen Wissenschaften eine der vier Hauptseiten 
der Menschheit oder der Natur zum Inhalt haben, ist die Ge- 



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schichte, insofern sie nach der heute geltenden Bestimmung die 
Entwickelung der ganzen Menschheit zur Aufgabe hat, nur eine 
andre Auffassungsform für den Gesammtinhalt aller jener Haupt- 
seiten des Menschenlebens. Wie sich dasselbe der Breite nach 
in jenen vier Hauptfunctionen entfaltet, so entfaltet es sich der 
Länge nach, im zeitlichen Fortgange, in einer Reihe von Ent- 
wicklungsstufen oder Perioden. Ebenso nun wie jene Functionen 
des Lebens der Breite nach zu einzelnen Wissenschaften (Theo- 
logie, Jurisprudenz u. s. w.) sich ausgebildet haben, ebenso haben 
die einzelnen Perioden in dem Maasse, in dem sie durch die Lei- 
stungen der Universalgeschichte klar hervorgetreten sind, das 
Recht sich selbständig zu constituiren. Am weitesten allen andren 
Perioden voraus ist durch die Leistungen der sogenannten Phi- 
lologie das classische Alterthum, also der Name Alterthums- 
wissenschaft Bedürfniss. Daneben der Name Philologie in 
Ehren zu halten, nur dass er in seiner Vieldeutigkeit den In- 
halt der Wissenschaft selbst an sich nicht so bestimmt bezeichnet 
als jener. Ihre Gestaltung in Bezug auf die jetzt sogenannte 
Geschichte ist aber noch durchaus in flüssigem Zustande be- 
griffen, eine reine und scharfe Grenzscheidung kann und muss 
erst von der Entwicklung der Zukunft erwartet werden. 

Bei der Anordnung der einzelnen Disciplinen werden 
als propädeutische, formale vorangestellt: Hermeneutik und 
Kritik, Einen selbständigen Platz als Organon nimmt hierauf 
die Grammatik ein, das Mittelglied zwischen ihr und den 
materialen Disciplinen bildet die Metrik. Dann folgt die Masse 
derjenigen, welche 'die Darstellung des antiken Lebens selbst 
zum Inhalt haben: l) Darstellung des wissenschaftlichen und 
poetischen Lebens : Litteraturgeschichte, 2) des gesellschaft- 
lichen Lebens: politische Geschichte und Antiquitäten, 
beide einander ergänzend. Geographie gehört nur von ihrer 
ethischen Seite (Anbau und Cultur des Landes u. s. w.) in die 
Philologie als integrirender Theil der Antiquitäten; von der phy- 
sischen Seite (Terrain, Flüsse u. s. w.) gehört sie zu den Natur- 
wissenschaften, ist aber ajs nothwendige Hülfswissenschaft der 
Geschichte zu betrachten. Da alle Entwicklung des gesellschaft- 
lichen Lebens in viel höherem Grade als die der übrigen Lebens- 
äusserungen durch Raum und Zeit bedingt ist, so ergeben sich 
zwei einleitende Capitel zu dieser Disciplin: a) Geo- und To- 
pographie, b) Chronologie. 3) Darstellung des religiösen 
Lebens: Mythologie, d. i. Dogmengeschichte, und die Formen 
des Cultus: Liturgik. Den Römern eigenthümlich ist der enge 
Zusammenhang des Cultus mit dem Staatsleben, derselbe wird 
daher mit Recht als eine Hauptrubrik der römischen Antiqui- 
.täten behandelt. „Solche Accommodation ist so weit entfernt 



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unwissenschaftlieh zu sein, dass sie grade dem wissenschaftlichen 
Historiker recht ziemt, — die speculativen Philosophen sind es, 
die gern Alles über einen Leisten schlagen." 4) Das künst- 
lerische Leben, mit Ausschluss der Poesie: Archäologie. 
Welcker mag noch soviel gegen den Namen haben — jetzt ist 
er einmal recipirt. — ;,Im übrigen Deutschland ist man auch 
so einverstanden darüber, dass ich mich gewundert habe, in 
Schlesien so viel Unbekanntschaft mit dieser Unterscheidung zu 
finden." Anhangsweise: Numismatik, sofern der Haupt^esichts- 
punkt bei den Münzen ein künstlerischer ist. 

IL Ausführung, besonderer Theil. A. Historisch-genetische 
Darstellung. Hiervon sind aus dem ersten Entwurf nur kurze 
Andeutungen, abgerissene BlÄtter erhalten. B. Systematischer 
Theil. Weitläufige Behandlung als unzweckmässig und unwis- 
senschaftlich verworfen. „Wir .'.. werden es so machen, dass 
l) der jetzige Standpunkt einer jeden Disciplin erhellt, 2) hier 
die methodologische Seite der Betrachtung ganz vorzugsweise 
hervortrete. Daher ich auch weit entfernt von bibliographischer 
Vollständigkeit. Erstlich kein Buch, was ich nicht selbst kenne ; 
zweitens auch von diesen nur die bahnbrechenden und die für aka- 
demisches u. s. w. Studium wichtigsten." Allgemeine Bemer- 
kungen eröffnen die Betrachtung. Den ganzen Umfang der 
Philologie in einem triennium selbstthätig zu studieren, geht über 
menschliche Kraft und doch gehört Alles zum Begriff des Philo- 
logen. Bei allem Studium kommt es an auf das rechte Maass 
und Verhältniss des productiven und des receptiven Studiums. 
Beides zu vereinigen ist die Hauptschwierigkeit. — Auf jene 
zwei Seiten läuft der ganze Unterschied der statarischen und 
cursorischen Leetüre hinaus. Beide nothwendig: wie im Ein- 
zelnen zu vereinigen, sehe jeder selbst zu:, nur dass er das 
Ziel der Vereinigung stets im Auge habe. Für productives 
Studium empfehle sich vor allen Grammatik und Metrik ab 
Grundlage aller übrigen Disciplinen, und die unentbehrlichen 
Kunstfertigkeiten der Hermeneutik und Kritik. Auch hier 
kann nur von einer theilweisen Productivität innerhalb der 
Gesammtgebiete, die Bede sein. Eine ebensolche partielle muss 
aber noch ausserdem geübt werden irgendwo in dem grossen 
Kreise der vier übrigen Hauptdisciplinen, — der Realdisciplinen. 
„Wo? ist an sich gleichgültig und kann von individueller 
Neigung abhängen. Im Allgemeinen kann ich aber nicht bergen, 
dass ich vor allen die alte Litteraturgeschichte für geeignet 
halte, die auf der Grenze zwischen Sprache und Realien derge- 
stalt steht, dass sie in beide eingreift, für beide unentbehrlich 
ist. Das also, was verlangt wird, ist: irgend eine Partie hier 
zum Gegenstande selbständigen Studitims einmal zu machen. 



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Man glaube nicht, dass so eine vereinzelte Uebung voti wenig 
Belang sei. Es ist unglaublich, wie, eines Punktes sich einmal 
mit Aufbietung aller inwohnenden Kräfte bemächtigt zu haben, 
einflussreich auf die ganze zukünftige Thätigkeit wird. Ist's doch 
in der Grammatik eben so, oder in der Kritik: dieselben Mo- 
mente in derselben Verbindung kehren nie wieder, aber Ana- 
logien überall. Keine solche Arbeit ist verloren, sondern trägt 
unübei'sehbare Früchte: der Sinn wird geschärft, auch das Neue, 
was sich bietet, nach schon gewonnenen Analogien anzugreifen 
und zu überwältigen; es wird das erworben, was man richtigen 
Takt, gesunden Blick nennt, ohne den nie etwas zu machen. 
Nun aber ist übrig, alles das — die grosse Mehrmasse natür- 
lich — was nicht so selbstthätig durchgearbeitet und so ange- 
eignet werden kann, so weit sich anzueignen, um den Zusam- 
menhang der ganzen Wissenschaft zu übersehen, um sich — 
was ja als Aufgabe all§r Philologie gefunden — das gesammte 
geistige Leben des Alterthums lebendig zu machen. Hier ist 
nur Beceptivität möglich durch das Gedächtniss (was nur nicht 
in sclavischem Sinn zu nehmen). Woher aber zu nehmen? 
Zum Theil aus Büchern. Aber es giebt nicht überall welche, 
und auch wo es welche giebt, sind es doch nicht immer solche, 
die dem Standpunkte der Wissenschaft entsprächen; oder in der 
Auswahl, die dem Standpunkte des Lernenden entspräche. Hier- 
durch ist die Noth wendigkeit und das Bedürfniss der akade- 
mischen Vorlesungen gegeben, sowohl für die Disciplinen, 
wo gar nichts, als wo was existirt. Ich weiss sehr wohl, dass 
manche grundsätzlich davon ausgehen, lieber von einer Disciplin 
gar keine Notiz zu nehmen, als ohne eigne Selbstthätigkeit durch 
blosses ^mechanisches' Aufnehmen: aber ich kann auch dies 
Verfahren nicht anders als durchaus verwerflich finden. Ge- 
wöhnlich ist es mit den schönsten Vorsätzen verknüpft, später 
mit selbsteigner Kraft sich auf dergleichen zu werfen und sich 
so desselben viel nachhaltiger und eindringlicher zu bemächtigen. 
Aber man weiss auch, wie es mit dergleichen Vorsätzen zu gehen 
pflegt. Wenn aber auch eins und das andre (alles nie) später 
so nachgeholt würde, so geht grade die schönste Jugendzeit, in 
der man einen lebendigen Organismus mit Wärme in sich auf- 
zunehmen, und in unauslöschlicher Anschauung und festem Bilde 
fürs ganze Leben sich einzuprägen vermag, für diesen Zweck 
verloren. Ausser in späteren Jahren und unter durchaus gün- 
stigen Verhältnissen und einer sehr eminenten Geistesfrische — 
die vor dem philisterhaften Selbsteinwiegen in ein beschränktes 
Amtstreiben bewahre — ist aber auch überhaupt gar kein solches 
Nachholen möglich. Am allerwenigsten während der Univer- 
sitätsjahre selbst. Wo soll in aller Welt ein im ersten Stadium 



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334 

des höhern wissenschafüicheii Lernens Begriffener die Zeit, die 
Geisteskräfte, ja selbst die äussern Hülfsmittel und die Routine 
in ihrem Gebrauche herbekommen, um sich dessen gleich wie 
im Fluge zu bemächtigen, um desseiL Aneignung sich ein um 
Reihen von Jahren in der Bildung vorausgekommener Lehrer 
noch im Schweisse seines Angesichts abmühen muss? Dass 
aber ohne ein Fnndament, welches in einer hinreichenden Summe 
von soliden Kenntnissen besteht, also ohne einen gewissen 
Umfang des Wissens nichts anzufangen ist, bedarf keines Be- 
weises. Also: Orientirtsein im Ganzen, und selbständig im Ein- 
zelnen, das ist die Summe aller methodologischen Rathschläge."* 

Hermeneutik und Kritik. Aufgabe der Hermeneutik 
das Verstehen, der Kritik das Urtheilen. Da man nicht 
urtheilen kann, ohne verstanden zu haben, so wird von der Kritik 
die hermeneutische Aufgabe als gelöst vorausgesetist. Sehr oft 
kann man aber das zu Verstehende aucd nicht verstehen, ohne 
schon ein ürtheil über dessen Beschaffenheit gefasst zu haben: 
daher setzt das Verstehen auch die Lösung der kritischen Auf- 
gabe voraus. So entsteht ein Zirkel, der in der Praxis immer 
wiederkehrt. Eintheilung der verschiedenen Seiten der Kritik: 
„Wenn man niedre Kritik die auf äusseren, höhere die auf inneren 
Gründen beruhende genannt hat, so ist das eine unlogische Un- 
terscheidung, da beide nie getrennt sein können, und ungerecht, 
da keine vor der andern den Vorzug hat. Es ist nur eine 
Steigerung, die innerhalb einer jeden der obigen Arten von Kritik 
wiederkehrt.** Zweierlei folgt aus Obigem für Methode im All- 
gemeinen: 1) falsches Verfahren, mit streng logischen Schlüssen 
zu Werke zu gehen; 2) Nothwendigkeit äussere und innere Kritik 
ins Gleichgewicht zu setzen. Die Kritik ist Jahrhunderte lang 
subjectiv geübt worden: glänzend Bentley. Einseitigkeit und 
Principlosigkeit, die zu jeder Willkühr ftthrt, weil kein Anhalt. 
Historisch ist zu verfahren, nach den Quellen zu fragen, nach 
den objectiven Grundlagen — — die Geschichte des Textes zu 
erforschen, die glaubwürdigen von den unglaubwürdigen Hand- 
schriften zu unterscheiden, die Familien zu finden! 

Grammatik. Kurze Uebersicht der neueren Leistungen. 
Jetzt sprachvergleichende, grossartige, historische Bestre- 
bungen: Charakteristik der indogermanischen Studien. Von diesen 
Notiz zu nehmen: nicht Studium daraus zu machen. So ist als 
allgemeines Merkmal der neueren Bestrebungen die historische 
Auffassung der Sprache zu bezeichnen , als eines naturgemässen 
Organismus, der nicht mit dem logischen Veratande, sondern 
durch die gemeinsame Wirkung aller Geisteskräfte erwachsen ist. 
Damit ist auch der philosophischen Grammatik, die sonst herrschte, 
der Hals gebrochen. Hinterher kann der Gedanke kommen, und 



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336 

nachweisen, wie die oder jene Gestaltung, die der Sprachbildung 
beliebt hat, den Gesetzen des menschlichen Geistes (aber nicht Ver- 
standes) nicht zuwider ist, vielmehr wo sie darin ihren Grund 
findet, aber nicht vorschreiben, welchen Weg die Sprachbildung 
habe einschlagen müssen." — — Das Studium der Grammatik 
muss praktisch durch Lecttire ergänzt werden. „Einen gewissen Um- 
fang der Leetüre alter Schriftsteller zu haben ist doch der Kern 
der ganzen philologischen Wissenschaft. Das kömmt immer mehr ab ; 
die neußn Bücher nehmen zu sßhr in Beschlag; deshalb deren 
Studium von vielen verdammt; ganz unwissenschaftlich; beides 
zu vereinigen; denn ohne die befruchtenden Ideen, die den Stoff 
beleben, ist alle Leetüre nur Stockgelehrsamkeit oder reines 
Amüsement." Hierauf eine Liste der Autoren und Schriften, die 
der Student ganz oder theilweise gelesen haben muss, cursorische 
und statarische Leetüre in Eins gerechnet, auf deren richtige 
Vertheilung Alles ankommt. — „Viel cursorische Leetüre ist 
nicht genug zu empfehlen: anders ist es gar nicht möglich, zu 
einigem Umfang solider Kenntnisse zu kommen, und Sicherheit 
(faadtatem et usum) der Sprache zu erlangen. Nun aber, da es 
nicht genug ist, ex um zu lernen, daneben tüchtige eindring- 
liche, mit Kritik verbundene statarische Le'ctüre; eine gewisse 
Zahl von Hülfsmitteln ist nöthig, und nun mache maus so: u. s. w." 
[Die Ausführung wurde also improvisirt.] 

IV. Metrik ganz kurz. „Existirte nicht vor Hermann. 
Dann Böckh. Ich halte beider Principien nicht für die richtigen. 
Gründe. Doch H.'s Einzelausführung praktisch höchst brauch- 
bar." „Methodik. Vor allen Dingen prosodische Grundlage nöthig. 
Diese nur durch Uebung im Versemachen mit Sicherheit zu er- 
werben. Leider kommen diese Uebungen auf Schulen ab!" 

V. Litteraturgeschichte. „In der alten Litteratur- 
geschichte spiegelt sich eine vollständiger Entwicklung des grie- 
chischen und römischen Geistes ab, die durchaus naturgemäss in 
Uebereinstimmung mit den übrigen Geistesäusserungen, und Stufe 
um Stufe sich bedingend vor sich gegangen. Das Bild dieser 
geistigen Entwickelung der Nationalität zu reproduciren, sofern 
sie in Schriftwerken sich offenbart, das ist die Aufgabis der 
Litteraturgeschichte." 

Die Lücken der überlieferten Litteratur durch Pragment- 
sammlungen auszufüllen hat sich die neuere Philologie in 

Deutschland zur Aufgabe gestellt „So dass ich diese Art 

von Thematis fllr überaus fruchtbar und wohlthätig zu Tirociniis 
halte : gründliches Eindringen in den allgemeinen Sprachcharakter 
einer Periode und einer Redegattung (worin der zu behandelnde 
Schriftsteller fällt, der mit den erhaltenen zu vergleichen ist), 
umfassende Leetüre des ganzen Kreises analoger Schriftsteller, 



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Aufforderang zur gr(>ssteii Gründlichkeit in Grammatik (und 
Metrik bei Dichtem) in allen den einzelnen Punkten, worauf die 
Fragmente führen, die viel mehr Zweifel und Fragen stellen als 
eine vollständige Schrift; dann stete Kritik, Wort- und histo- 
rische, und welch herrliches Feld für das Talent zur Conjectural- 
kritik! Weiter Verkehr mit andern Schriftstellern aller Zeiten 
und Gattungen, aus denen die Fragmente und andre Zeugnisse 
zu holen; Bücherkenntniss, die auch ohne gründliche Eenntniss 
jedes Buches überaus nützlich; und Routine in ihrem Gebrauch, 
damit man zu citiren und Citate zu finden wisse, sich in Er- 
mangelung der rechten Ausgaben zu helfen wisse, endlich die 
stete Verknüpfung der Fragmentenbehandlung wie der Lebens- 
und Eunstdarstellung des Schriftstellers mit der poliüschen Ge- 
schichte, den Verfassungen, der Geographie, der Chronologie 
u. s. w., in denen allen man sich durch eine einzige solche Arbeit 
genug orientirt, um künftig Bescheid zu wissen und jede andre 
Arbeit darin in rechter Weise anzugreifen, (üeber Volksstämme, 
Dialekte, Dichtungsgattungen hat man so Anlass, viel nachhal- 
tiger sich zu Orientiren, wenn man an einen speciell interessi- 
renden Punkt anknüpft, und um dessen willen über jene Dinge 
Auskunft sucht. So lernt man viel interessanter synthetisch.) 
Zu allem diesem kommt, dass mit jeder solchen Leistung, selbst 
wenn vieles von dem Eigenen verfehlt und unhaltbar sein sollte, 
immer eine bestehende Lücke ausgefüllt wird, durch die blosse 
Sammlung und Zusammenstellung des Stoffes, wodurch allein 
Anerkennung und Benutzung nicht ausbleiben kann; während 
z. B. bei einer Untersuchung über einen einzelnen^ grammatischen 
Punkt oder bei bloss kritischen Versuchen, sobald dort der Grund- 
gedanke falsch befunden wird, oder hier die Conjecturen sich 
als unhaltbar ergeben^ oft die ganze Abhandlung ihren ganzen 
Werth verliert." Hierauf reiche üebersicht des noch zu Lei- 
stenden; u. A. Hinweis auf Panyasis und Pisander, die griechi- 
schen Tragiker, Historiker, Redner. „Die Philosophen wollen 
wir nicht als Regel aufstellen, sondern nur als Ausnahme gelten 
lassen: da hierzu besondre phüosQphische Studien nöthig, die in- 
dividuelle Neigung erfordern. Aber ganze grosse Classe sind die 
Historiker der Philosophenschulen, namentlich der peripatetischen 
— — diese Eruditionsschriftsteller bilden den Ueljergang zu 
den Grammatikern: ein fast ganz wüstes Feld (da Hemsterhuls 
in einer andren Richtung, als für die Litteraturgeschichte dafüi* 
thätig war , nämlich für die Wissenschaft der Grammatik selbst). 
Bei den Römern die einzelnen Komiker und Tragiker nach der 
zusammenfassenden Behandlung bei Bothe. „Selbst Plauti Frag- 
mente noch nicht bearbeitet: d. h. so, dass aus den Fragmenten 
immer so viel als möglich ein Bild des Ganzen (d. i. des ein- 



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337 

zelnen Stückes), was verloren ist, entstehe: diess aber ein Haupt- 
gesichtspunkt " — — Historiker. „Varro, für den es so Noth 
thut" 

Von der Mythologie heisst es: „Diess dürfte wohl, wenn 
man den Zustand der vorhandenen wissenschaftlichen Behand- 
lung ins Auge fasst, in diesem Augenblick die schwerste Dis- 
ciplin fürs Selbststudium sein ... so viel Namen, so viel Köpfe." 
Ftjr bei Weitem das Tiefste, was über Mythologie bis jetzt ge- 
schrieben sei, werden 0. Müllers Prolegomena erklärt, gleich 
fem von der nüchternen, negativen Verstandes-Einseitigkeit bei 
Voss .und Lobeck wie von der phantastischen Unkritik Creuzers 
(auch Welckers und der Archäologen). Jedenfalls giebt aber 
wenigstens kein Buch eine so zweckmässige methodische Anlei- 
leitung, ganz synthetisch verfahrend." 

Am 1. Mai 1836 ist hinzugefügt: „Müllers mythologische 
Forschung hebt nur zu oft die Mythologie selbst auf. Er geht 
überall darauf aus historische Thatsachen aus der Mythologie 
zu gewinnen . . . aus der mythischen Umhüllung will er den 
wirklich drin steckenden Kern auslösen. . . . Von den verschie- 
denen Formen, Gestaltungen, Nebenzügen u. s. w. des Mythus 
nimmt er also nur so viel auf, als ihm in den Kram passt, das 
Uebrige (sehr mit subjectiver Willkühr verfahrend) verwirft er 
ohne Weiteres, statt es als mythologische Thatsache in seinem 
Rechte zu lassen, die Verschiedenheiten, Widersprüche u. s. w. 
auf Localitäten zurückzuführen. Kurz: er vernichtet oft die My- 
thenforschung auf Kosten der Geschichtsforschung." Zweiter Zu- 
satz: „Hat es (Oreuzer) einen weisheitsvollen Bildungszustand 
gegeben in griechischer Vorwelt, von dem bloss die poetischen 
Formen und Ausdrucksweisen (Mythen) in eine spätre Epoche 
(die homerische) sich hinübergerettet, der wahre, tiefere Sinn 
aber verloren gegangen sei? (so dass Homer ein flacher Dich- 
ter). — Nein! Dann kann auch in den angeblich Orphischen 
Besten keine tiefe Weisheit stecken. Alles dreht sich Hier um 
die Unsterblichkeitsidee. — — Aber das braucht deshalb nicht 
geleugnet zu werden, dass Homer viel LocaleigenthümHches mit 
seiner Düsterheit, Ecken, Schroffheiten u. s. w. anmuthiglichst 
Verwischte, weil es dem klaren, sonnenhellen, wasserreinen Spiegel 
seiner Poesie nicht zusagte , und dass er somit dem Fremdartigen 
das Eigenthümliche abstreifte, was Andre verflachen, wir ver- 
edeln nennen. (Ob so die Phääkenfabel nach Welckers Er- 
klärung?)" 

Aus derselben Zeit stammt ein Zusatz zur Archäologie: 
„Gerhards und besonders Panofka's symbolisirende Kimsterklärung 
mit Berufung auf Mysteriencultus und pantheistische Religions- 
ideenverschmelzung: woraus sie sich ein System schaffen in solcher 

Bibbeok, F. W. BitschL 22 



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338 

Ansdehnung und Zusammenhang, wie wir anzunehmen durch die 
Schriftzeugnisse der Alten selbst gar nicht berechtigt sind . . . 
ihr mystisches Element muss ihnen das ägyptisirende ersetzen. 
Der Lebenskem dieser und andrer Mythologen und Archäologen 
ist die Annahme, dass schon uralt die Idee von der Unsterblich- 
keit der Seele in Griechenland gewesen. [Diese ist von Lobeck 
Aglaoph. widerlegt, mehr wird Ambrosch ausführen: *nicht vor 
Ol. 30' . . . Alle Andeutungen für frühere Zeit erklären sich durch 
den Ritus von Todtencultus überhaupt]." Mit Emphase wird 
von dem „täglich wachsenden, einem ganz ungeheuren Umfange 
sich nähernden Stoffe^ der Archäologie, von der ganz imüber- 
sehbaren Zahl der neuen Entdeckungen und Aufschlüsse auf 
diesem Gebiete gesprochen. „Jetzt das Neueste : Bemalte Archi- 
tectur und Plastik." Dadurch habe die Geschichte der alten 
Kunst in ganzen weiten Räumen ein völlig verändertes Ansehen 
bekommen u. s. w. Dann die Vasenausgrabungen, ihre Bedeu- 
tung für Geschichte der Malerei und für Mythologie (Religion). 
VergL oben S. 203. Gerühmt wird die ungemeine Fruchtbarkeit 
des römischen instituto als Sammelpunkt der verschiedenen Ent- 
deckungen, und das Verdienst des Müllerschen Handbuchs. Ab- 
schluss des Heftes: 24. August 1835. „Geschlossen nach mehr- 
maligem Dupliren 25. August 1835." 

Sofort entwarf er den Plan, die diesmal nur zweistündig 
gehaltenen Vorlesungen in Zukunft sehr bedeutend zu erweitem. 
Derselbe ist auf einem Blatt folgendermassen skizzirt: „In der 
historisch-genetischen Ausftthrung der Grundlegung meiner Phi- 
lologischen Enoyclopädie, d. i. in der Geschichte der Philologie 
ist künftig mit besonderer Vorliebe und (wenn auch unverhält- 
nissmässiger) Ausdehnung die erste Periode zu behandeln; mit 
andern Worten: es ist hier die Geschichte der Alexandri- 
nischen und Byzantinischen Grammatik mit ziemlicher 
Gründlichkeit zu geben. Ist diese für die Encyciopädie einmal 
ansgeai'beitet, so ist sie später als fertiger Kern einer ^Einlei- 
tung in die griechische Grammatik' zu benutzen, zu welcher 
noch hinzuzunehmen l) Geschichte der griechischen Sprache. 
[Mit dem Capitel ^Kritik' können künftig paläographische Uebungen 
durch gemeinschaftliches Lesen Rehdigerscher Handschriften ver- 
bunden werden.] Es könnte auch beim Abschnitt Gramma- 
tik, sowohl griechisch als lateinisch, ein Verzeichniss der alten 
Grammatiker und ihrer erhaltenen Werke angebracht werden; 
aber besser ist überhaupt der folgende Plan: allmählig die 
ganzen Vorlesungen so auszudehnen, dass zwei vierstündige Col- 
legia, auf zwei Semester vertheilt, den Stoff umfassen: das erste: 
die Grundlegung, die Geschichte, Kritik, Hermeneutik, Gramma- 
tik?, Metrik; das zweite: Grammatik?, Metrik, Litteraturge- 



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339 

schichte, Antiquitäten, Mythologie, Archäologie." Vergleiche 
S. 243 f. 

Zu S. 134. Die officielle Fassung der Preisaufgabe lautete: Quum 
epicae poesis ab antiquissimis temporilms duo genera apud Graecos 
fuerint, quorum unum ad Homeri tamquafii ducis et antesignani, ad 
Hesiodi nomen älterum refertur: quoniam in ülo magna content 
tione nee sine suecessu elaboratum est, mme de altero ita quaera- 
tur, ut de finita utriusque differentia singulorum tum poetarum tum 
carminum, in Hesiodiorum numero häbendorum, et reeensio fiat 
et, accedente ad tesfimoniorum auctoritatem coniecturae prohabUitate, 
adumbratio ac iudicatio, (Eenuntiationsprogramm der Sieger am 
3. August 1836.) 

Zu S. 140. In Halle begonnene , in Breslau allmählig fort- 
gesetzte Liste von „Themata zu Programmen und Dis- 
sertationen." 

1. Chronologie des Protagoras, [Vgl. opusc. T 429, und oben 

S. 285.] 

2. De Hesychio contra Welch, et Bank, [Vgl. S. 141.] 

3. Scenae Plautinae supposUiciae = 3. August 1835 (das 

Datum durchstrichen). [In die Abhandlung ^über die 
Kritik des Plautus' = opusc. II 1 ff. verarbeitet.] 

4. Etym. M.p, 514, 4 Kivaboc — irapd MiXriciiu. [Aus den 

Oros-Studien.] 

5. De doctrinae metricae scriptorihus Graecis. [Vgl. S. 141,] 

6. De Gudiani Etym. fragmentis poeticis, 

7. Ueber Ode = Volkslied [opusc. I 245 ff. Vgl. oben S. 104.] 

8. De Aeschrione contra Naek. [unter Verweisung auf die 

Agathonica, wo die Bemerkung: „v. Naeke <Choeril. 
S. 192 ff.>, der widerlegt werden wird." Im Heft über 
griechische Poesie keine Andeutung.] 

9. Agathonis fragmenta. [Vgl. S. 143. 284.] 

10. Metrica: Glyconei. Geschichtliche Enttvickelimg ? 

11. Aesch, Sept. Chor. carm. L [Vgl. S. 318.] 

12. De Herodiano. [Vgl. opusc. I 623 ff.] 

13. De Plauti Bacchidibus. [Parerg. diss. VII. Vgl. oben S. 155.] 

14. Inedita Orionis. [Vgl. opusc. I 589. 562. Scheidewin 

Coniectanea critica 1839.] 

15. Macedon. u/nd Lacedaemon. Königsreihe. [Vgl. opusc. I 

415 ff. 707 ff.] 

16. Zeuxis, Hieronymus. [opusc. IH 827 ff. Parerg. 609 ff. 

ursprünglich für Lectionskatalog 1835 bestimmt. Ad- 
versarien zu Zeuxis in den Agathonica.] 

17. Aristo Ceus. Versus Ciceronis. [opusc. I 551 ff.] 



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340 

18. Marsyas. [opusc. I 449 ff. Vgl. oben S. 146.] 

19. Harpocration. [Vgl. S. 89. 143. 146. opusc. I 465 f.] 

20. lambographL 

21. Versus poUtici, [opusc. I 289 ff.] 

22. De Photio grammatico. [opusc. 1618 Anm. Vgl. oben S. 145.] 

23. De grammaticis Graeds. [Vgl oben S. 144. 236.] 

24. Eudemus cum specimine, [Vgl. opusc. I 667 ff.] 

26. Die Tragiker Phüdkles u. s. w. [Vgl. S. 281 f. 285.] 

26. Poesis parodica. [Vgl. oben S. 85.] 

27. Parabel vom u/nger echten Haushalter. 

28. Meletius. [opusc. I 693 ff. 838 ff. Vgl. oben S. 145 f.] 

29. De Dionysii Hälic. codicibus, [opusc. I 472 ff. Vgl. oben 

S. 146. 233 f.] 

30. De Hesiod, Theog. Prooem. [Vgl. opusc. I 729.] 

31. De Iphig. Aul. poeta, 

32. De Anaximene Lamps. 

33. De Schol Vatic, JEhirip. [Vgl. Parerg. 323.] 

Mit ßothstift sind für das ,,Ordinariat'' in Aussicht genom- 
men Nr. 18 und 21, „oder Punkte aus der Plautinischen Kritik 
(Miles)." Nr. 27 war eine Arbeit Graffunders, welche R. als 
Programm zu publiciren gedachte. An Graffunder 1. Februar 
1836: „Nach Torgau" (an Niese) „habe ich gestern geschrieben : 
wenn sie Deine Blätter nicht bald abdrucken Hessen, so würde 
ich ihnen zuvorkommen und die Exegese des ungerechten Haus- 
halters zum Proömium eines der nächsten Lectionskataloge ver- 
arbeiten zum Aergemuss derer Theologi." Dass er u. a. mit der 
Erforschung Euripideischer Schollen (N. 33) beschäftigt sei, be- 
merkte R. in der Eingabe um Verlängerung des Urlaubs, Rom 
12. Febr. 1837. 

Als Themata für künftige akademische Reden sind ver- 
zeichnet: 

a) über Wesen imd Bestimmung der üniversitätsseminarien. 
h) dass für unsere Zeit der Wissenschaft allein gedeihlich 
sei die monarchische Staatsform, am ungedeihlichsten 
die demokratische. (Hierzu das Brouillon erhalten.) 

c) Vergleichung der norddeutschen Universitäten mit den 

französischen^ englischen, holländischen, russischen, 
österreichischen. „Vielleicht de tmiversitatum nostrarum 
propter instituta praestaMia" 

d) Wichtigkeit der Kunstbeförderung im Gegensatz zur 

Wissenschaft. „Museum in Breslau, wie in ganz 
Deutschland nur sehr wenige, von allen deutschen Uni- 
versitäten nur zwei oder drei." 

e) Bedeutung des akademischen Doctorgrades. 

f) Specielle Bedeutung der Universität Breslau. 



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341 

Die Anregung zu dem Entwurf einer Rede über die Vor- 
züge der absoluten Regierungsform für die Pflege der Wissen- 
schaften war durch die Agitationen gegeben, welche in den 
dreissiger Jahren von Seiten der Stände (z. B. in Darmstadt 
und München) gegen die classischen Studien unternommen wurden. 
Namentlich hatte auch der dritte Schlesische Provinziallandtag 
(1830) Bevorzugung der Mathematik und der Naturwissenschaften, 
Beschränkung des Griechischen, grössere Berücksichtigung der 
lebenden Sprachen im Gymnasialunterricht verlangt, aber in Folge 
eines Prom^moria von Altenstein abschlägigen Bescheid vom 
König erhalten. Der Entwurf geht davon aus, dass Wissen- 
Schaft und Kunst um ihrer selbst willen da seien, unabhängig 
von den comnmnes commoditates utUitates necessUates ihren Werth 
haben, wenn diess auch vielleicht heutzutage und in Sohlesien 
mehr als irgendwo im nördlichen Deutschland bezweifelt werde. 
Volksherrschaft sei pernicies liMerarum. „Si penes popukcm esset 
arhUrium, manerent medici, manerent jetzt vielleicht noch theohgi, 
die praktischen Juristen und praktischen Naturforscher: extur- 

haremur phUosophi, philologi etc. Was hätten Karl d. Gr., 

Alfred, was die Mediceer geleistet, wenn sie das Volk gefragt 
hätten? . . . Nicht würde jemals wo ein stupider Fürst ist, sich 
annehmen lassen, dass das Volk etwas thue." England und Frank- 
reich seien generösere Nationen: und doch — wie werde von 
Einzelnen geklagt ! Blüthe der Kunst und Litteratur in Griechen- 
land zur Zeit des Pericles, in Rom unter August; der Ge- 
lehrsamkeit unter den Ptolemäem xmd Hadrian. Wenn man 
erst die Repräsentativverfassung werde gelernt haben, möge 
es besser gehen: jetzt übertreibe man im Sinne der Volks- 
herrschaft. 

Zu S. 141. Von der Recension der Leipziger Ausgabe 
(1832) des Gaisfordschen Hephaestion liegt ein Anfang vor. Unter 
Andrem werden die Worte im Eingang des Capitels über das 
dvaTTttiCTiKÖv hergestellt wie in dem Aufsatz über die iambische 
Anakrusis (opusc. I 275). Bemerkung auf einem Zettel: „Die 
<mit B unterzeichnete) Rec. Jen. L. Z. <1833> Nr. 113 über 
Bamberger <^de carminibm Äeschyleis a partibus chori cantatisy 
ist nicht von mir." 

Zu S. 142. Von der „metrischen Kunst der Griechen" 
u. s. w. sind zwei Seiten Einleitung erhalten, in welchen die 
Aufgabe einer historischen Darstellung als gegeben durch den 
naturgemässen Stufengang, welchen die Entwickelung jener 
Kunst bei den Griechen (nicht so bei den Römern) genommen 
habe, nachgewiesen wird. „Wenn es also die genetische Ge- 



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342 

schichte der griechischen Metrik ist, was sich als Vorwurf dieser 
Blätter ankündigt, so ist hier Metrik nicht als Wissenschaft ge- 
nommen, sondern als Kunst, wie sie, ein freies Erzeugniss dich- 
terischer Begeisterung in unmittelbarer Einheit mit dem Stoff 
der Poesie selbst erwachsen, durch die Schöpferkraft der helle- 
nischen Dichterindividualitäten diejenige Gestaltung gewann, . 
welche nach dem Absterben der Kunst das Object der Metrik 
als Wissenschaft wurde, die dann immerhin für sich wieder ihre 
eigne Geschichte haben kann." 

Zu S. 148 (vgl. 81 f. 232). Die noch erhaltenen „einleiten- 
den Vorträge zu des Plautus Miles gloriosus^^ vom Sommer 1832 
geben eine ansprechende litterarhistorische Skizze der römi- 
schen Komödie vom damals gültigen Standpunkte aus. Von den 
fruchtbaten Gesichtspunkten und Entdeckungen, welche die Wis- 
senschaft ß. auf diesem Gebiete verdankt, noch keine Spur. 
[Noch in den „Vorlesungen über Plauti Trinummus" (Zuhörer- 
heft von 1837/8, wiederholt in Bonn 1839/40) hat es bei den 
Namen ^Marcus Attius Plautus' sein Bewenden. Der Mercator- 
Prolog wird wegen der Form Ättii in spätere Zeit gesetzt. 
Doch wird der Pseudo-Name ^Asinius' schon 1837/8 richtig er- 
klärt wie Parerg. p. 3 ff.] Die üebersicht über die Textge- 
schichte entbehrt noch eines festen Compasses. Die Nothwen- 
digkeit einer neuen Collation des Mailänder Palimpsestes wird 
natürlich ausgesprochen. In Aussicht gestellt werden Ausgaben 
von dem Breslauer Schneider und von G. Hermann; von letzterem 
freilich erst nach dem Erscheinen des Aeschylus, „der schon 
seit 30 Jahren versprochen ist." 

Zu S. 151. Dem Gedanken einer Proecdosis des Plau- 
tus stimmte G. Hermann bei am 16. April 1834; „Ich freue 
mich, dass Sie die Plautinische Reise nicht aufgegeben haben; 
stimme Ihnen aber ganz bey, dass Sie für jetzt einen Text mit 
Varianten geben wollen, die als Basis einer eigentlichen Be- 
arbeitung gelten können. — — — Vor dem Vorwurfe einer so- 
genannten diplomatischen Ausgabe sind Sie bey dem Plautus 
hinlänglich gesichert, da es, wie Sie selbst bemerken, hier gar 
nicht möglich ist, sich an die oft ganz sinnlosen Lesarten der 
ältesten Bücher zu halten, sondern auf jeden Fall doch ein les- 
barer Text, grade in dem Maasse, wie Sie es beabsichtigen, ge- 
geben werden muss. — — — Der Plan, den Sie mir .mitzu- 
theilen die Güte haben, scheint mir durchaus richtig zu sejn. 
— — — Denn wenn ich auch oft aufgefordert bin, bald den 
Trinummus, der vergessen seyn soll, wieder herauszugeben, bald 
ein anderes Stück zu bearbeiten, so habe ich mich doch stets 



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343 

eben deswegen vor dieser Arbeit gescheut, weil es noch an einer 
sichren Basis fehlte, und die, die ich aus dem Terenz schöpfen 
zu können glaube, doch noch besonders drey schwierige Punkte 
hat, welche bloss aus dem Plautus selbst bestimmt werden 
müssen, die Gränzen des Hiatus, die regelwidrige Accentuation, 
und die bey dem Terenz nicht vorkommenden Versarten. Ich 
freue mich daher sehr auf Ihre Ausgabe, nicht um Ihnen vor- 
zugreifen, sondern um die Principien finden zu können, nach 
denen Plautus zu beurtheilen ist, und, wenn ich je einmal ver- 
anlasst werden sollte, an den Plautus zu denken, um höchstens 
an einem Stück zu versuchen, wie weit damit zu kommen sey. 
Denn davon bin ich ganz überzeugt, dass auch ein codex rescriptus, 
wie der von Mai verglichene, noch nicht viel helfen kann, son- 
dern die Hauptsache immer durch einen richtigen Takt werde 
gemacht werdei müssen , der aber gleichweit von mikrologischer 
Superstition, wie von Bentley scher Imperiosität entfernt sein 
muss. — — — Sie preise ich glücklich wegen des Apparats, 
den Sie besitzen, und wegen der Ausdauer in so mühsamen Ar- 
beiten, die Sie nun schon mehrmals auf so ausgezeichnete Weise 
gezeigt haben. Mögen Sie auch diese beschwerliche Arbeit voll- 
enden. Anerkannt wird das gewiss werden, und vor allen 



Zu S. 155 (vgl. 231). G. Hermann an ßitschl. Leip- 
zig, den 16. März 1837. „ — Weise hat mir den ersten 

Band seines Plautus geschickt, und, wahrscheinlich in der 
Meinung, dass ich sein Verfahren billigte, mich um eine Anzeige 
desselben gebeten. Diese Bitte habe ich erfüllt, und eine Beurthei- 
lung in die Jahnschen Annalen <^1837 Band 19 S. 264 ff.> gegeben, 
in der ich den Prolog und die erste Scene des Amphitruo, so wie auch 
die erste Scene der Bacchiden vorgenommen habe. Er wird aber 
wenig zufrieden sein, da ich sein Verfahren auf keine Weise gut 
heissen kann. Aber auch mit Ihren prosodischen und metrischen 
Ansichten kann ich mich nicht einstimmig erklären. Die Regeln 
können meines Erachtens nicht aus dem Texte des Plautus, auch 
wenn noch mehrere und weit bessere Codd. werden verglichen 
worden sein, genommen werden, sondern nur die Ausnahmen von 
den Eegeln, und auch diese in viel geringerer Anzahl. Denn es 
scheint mir unglaublich, dass Plautus, wo er ein Wörtchen hin- 
zusetzen oder weglassen, oder eine Wortstellung wählen konnte, 
das nicht gesehen haben sollte, imd lieber harte, und der sonst 
von ihm selbst -beobachteten Gewohnheit gänzlich zuwiderlaufende 
Rhythmen und prosodische Härten sich erlaubt hätte. Das würde 
ich nicht eher glauben, als bis eine authentisch von ihm selbst 
geschriebene Handschrift mich überzeugte. Mögen Sie bei voller 



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344 

Gesundheit und nach gänzlich in Italien verschwundner Cholera 
recht erwünschte Ausbeute mitbringen. Dennoch wollte ich 
wetten, dass das Resultat eher meine Ansicht bestätigen, als 
wankend machen würde. Hier hat der aus Meissen hergekom- 
mene Professor der Archäologie Becker in seiner Habilitations- 
disputation über den Plautus gesprochen, und den von mir bei 
der Opposition scharf bestrittenen Satz aufgestellt, dass Plautus 
vor jedem gleichlautigen Doppelconsonanten, wie Tl, mm, pp, 
selbst in verschiedenen Worten, den Vocal kurz gebrauche. Wie 
ich höre, will er diesen Satz in einem Programm rechtfertigen. 
Das geht nicht an, und er wird es nicht durchführen können. 
Darin aber besteht die grosse Schwierigkeit, dass Vieles erlaubt 
und auch nicht erlaubt ist, und es immer auf die sehr mannig- 
faltigen Bedingungen ankommt, unter denen das^ Unerlaubte er- 
laubt, und das Erlaubte unerlaubt ist. Doch darüber wird erst 
dann sicherer gesprochen werden können, wenn ein besserer Ap- 
parat vorliegt." 

Zu S. 156. Die Vergleichung der editio princeps der Bres- 
lauer Abhandlung de Plauti Bacchidibus mit der Ueberarbeitung 
in den Parerga ist nicht ohne Interesse. So heisst es z. B. 
gleich auf der ersten Seite (p. 3) ^non ausim Pellio . , . mutare 
in Pollio\ in den Parerga p. 392: ^nrnic non ausim def ender e 
in libris mss. proditum Pellio^.. Eben diese Form hat neuer- 
dings die Didascalie zum Stichus bestätigt (vgl. Studemund *de 
actae Stichi Plautinae tempore' in den *commentationes philo- 
logae in honorem Theodori Mommseni editae' 1877 p. 800 f.). 
Natürlich zeigt übrigens die zweite Ausgabe durchweg einen 
weiter vorgerückten wissenschaftlichen Standpunkt. Von den 
argumenta acrosticha heisst es p. 11: nondum potui adduci, ut 
mm Imgio , , , ab ipso Plauto profecta crederem, Parerg. 429: 
quis tandem adduci poterit, ut ... credat? Die Annahme eines 
zweisilbigen filius (p. 11 unten) ist weggefallen. Von einem 
doppelten Hiatus wird p. 21 noch zugestanden, dass er minime 
carens exemplis ac defensus ab Lingio sei, Parerg. 423 wird er 
als m4Üe defensus ab L, verworfen. Auch sonst tritt in der 
kritischen Behandlung der Verse der Fortschritt in der metri- 
schen Erkenntniss mehrfach hervor. Statt üf. Atti p. 21 steht 
Parerg. 424 natürlich Macci. Die Bestimmung der Geburt des 
Dichters haud ita multo post initium sexti saeculi wird nicht mehr 
schüchtern mit natum esse oporteat (p. 22) und Berufung auf 
Windischmann, sondern unter Verweisung auf diss. H zuver- 
sichtlich mit constet angesetzt. Vorsichtiger wird in den Parerga 
p. 393 angenommen, dass Varro im Stande gewesen sei, certa 
annorum descriptione, si non onrnes, at plurimas fabulas, earum 



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345 

potissimumplurimas, quae ntmc superstites simt, äefinire; während 
die erste Ausgabe ihm die Fähigkeit zutraut certissima annorum 
descriptione singulas fdbulas definire. Aus manchen Einzelnheiten 
geht hervor, dass die Untersuchung Me veteribus Plauti inter- 
pretibus' wenigstens schon im Werke war. 

Zu S. 231. Um sich zu vergegenwärtigen, wie schrittweise 
die Erkenntniss der Plautinischen Verstechnik vorwärts ging, ist 
die Correspondenz zwischen Ritschi und Hermann beach- 
tenswerth , welche sich an diesen Brief knüpfte. Jener hatte am 
Schluss seines Schreibens dem neu gewonnenen Standpunkte ge- 
mäss die Eingangsscene des Stichus in ziemlich künstlichen 
baccheischen Versen zu constituiren gesucht, Hermann dagegen 
in seinen Zusätzen (Zeitschr. für Alterthumswissenschaft 1837 
S. 7Ö8 ff. = Ritschi opusc. II 197 ff.) mit allerdings über- 
legener Meisterschaft die echten Rhythmen hergestellt, aber — 
zu grossem Erstaunen Ritschis — unter Zulassung einer Reihe 
von Licenzen (htnc, virif Positionsverletzung nach decet, placet)^ 
auf deren Ausmerzung aus allen Kräften derselbe grade ausging. 
Aber er fand auch sofort die ihm einzig annehmbar scheinende 
Lösung. „Wahrscheinlich machen Sie den stärksten Unterschied 
zwischen Dialog und Canticis, lassen die Regelstrenge, Gesetz- 
mässigkeit und Eleganz des Versbau's, die Sie selbst so nach- 
drücklich zu behaupten pflegen, nur für jenen gelten, erlauben 
aber die Licenzen, mit denen die bisherigen Plautinischen Kriti- 
ker auch den Dialog ohne Bedenkeif verunstalteten, für die Can- 
tica? Ist diess wirklich Ihre Meinung, die von Ihnen, soviel ich 
weiss, niemals bestimmt ausgesprochen worden ist, so würden 
Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie mich würdigten, es ge- 
legentlich mich selbst einmal von Ihnen hören zu lassen. Als- 
dann erst würde sich über ein Mehr oder Weniger innerhalb 
jener Grenzen disputiren lassen. Denn davon glaube ich ganz 
fest überzeugt sein zu dürfen, dass Sie im Trimeter ein decet 
nee, oder ein zweisylbiges fiUos und was dergleichen mehr ist, 
nicht dulden." (April 1838.) Und was antwortete Hermann, 
welchen sein Genius in jenem canticum so weise den richtigen 
Weg geführt hatte, auf diese Interpellation? Ganz kleinlaut 
schreibt er (4. Juni 1838): „Dass Sie viele Licenzen, die ich 
noch gestattet habe, verwerfen, freut mich, und auf Ihre Frage, 
ob ich einen Unterschied unter den Canticis imd dem Dialog 
mache, gestehe ich ganz offenherzig, dass ich in den Canticis 
imd den Anapästen nur aus Desperation solche Licenzen zuge- 
lassen habe. Mein Gefühl hat sich stets dagegen gesträubt, und 
ich hege die Hoffnung, dass, wenn Ihre Codd. auch nur einige 
solcher Dinge beseitigen, wir weiter gehen können, und auch 



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346 

den Anapästen und Canticis dieselbe Prosodie wie dem Dialog 
vindiciren müssen. Ohne Kühnheit wird das freilich nicht mög- 
lich sein: aber steht nur erst die Hegel fest, dass dergleichen 
Licenzen nicht statt haben können, so folgt daraus, dass Plautus 
so nicht könne geschrieben haben, folglich dass er entweder, 
was eine Conjectur darbietet , oder doch etwas andres geschrieben 
haben müsse. Fahren Sie daher nur getrost in der begonnenen 
Strenge fort, die doch zum Ziele führen muss." 

Zu S. 242. Alexandrinische Bibliotheken. Lehrs an 
R. 13. Januar 1839: „Abgerechnet dass ein grosser Theil Ihrer 
Arbeiten meine Studien so nahe berührt, ist mir in allen Ihren 
Sachen vielleicht mehr als vielen andern ein Labsal bereitet, 
weil ich gegen einen grossen Theil jetziger philologischer Lit- 
teratur eine vielleicht krankhafte Aversion empfinde, und wenn 
solche Sachen kommen, mit Ihrer Klarheit des Zwecks und 
der Ausführung, haaren Gewinn bringend in dem grössten Theil 
der Resultate — doch was soll ich weiter ausführen — , so 
wird mir ordentlich wohl und gesund zu Muthe.*' Mehrere sach- 
liche Bemerkungen aus dem langen inhaltreichen Schreiben sind 
von Ritschi in der zweiten Ausgabe seiner Abhandlung opusc. I 
130. 160. 173 dankbar verwendet worden. Auf die Einwen- 
dungen über die den Homer betreffende Partie ist er nicht ein- 
gegangen. Abgesehen von Einzelnheiten sprach L. Bedenken aus 
gegen die von R. angenommene Bernhardysche Erklärung der 
Formel ^H UTToßoXfic — naeh untergelegtem Exemplar — , und 
gegen die Glaubwürdigkeit der Geschichten von Pisistrateischen 
und Solonischen Interpolationen. Vgl. de Äristarchi studiis ed. 
n p. 439 — 450, wo die ganze Nachricht von der Pisistrateischen 
Homerredaction stark in Zweifel gezogen wird. Bei üebersen- 
dung des Büchleins hatte R. an Lehrs geschrieben (14. April 
1838): „Gegen die concentrirte Bündigkeit Ihrer Untersuchun- 
gen sticht freilich die behagliche Breite des beiliegenden opusculi 
sehr ab; das liegt aber einmal in meiner Natur, und ich sehe 
nicht ein, warum nicht — innerhalb gewisser Grenzen — jede 
Natur ihr Recht haben und sich soll gehen lassen dürfen. Aber 
was von der Hauptsache selbst, dem Rettungsversuch der Pisi- 
strateischen Homerredaction, zu halten, darüber möchte ich von 
keinem Menschen ein Wort lieber hören, als von Ihnen. Denn 
die Andren sind meist Pai*tei und befangen; das letztere gilt 
auch von dem guten Nitzsch, der es sehr ehrlich meint, aber 
viel zu peinlich arbeitet, als dass er sich einer durch zehn- 
jährigen Schweiss eroberten Meinung leicht entäussem könnte." 
Am 7. September 1839 schreibt er von Bonn aus: „Ich weiss 
es jetzt sehr wohl, und viel besser als alle Recensenten, beson- 



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347 

ders der Hallische Eisenfresser, an welchen Schwächen mein 
homerisch -alexandrinisches Büchlein leidet, und wo es der Schuh 
drückt, auch ohne Nitzschs Bekämpfung; Gescheiteres hat aber 
doch niemand zur Ergänzung imd Berichtigung gedruckt gesagt, 
als Sie geschrieben." 

Zu S. 267. Friderico BUschelio Rhenanam cum Viadrina 
commutanti hoc grati animi monumentum posuenmt seminarii phi- 
lologici socii. Ädiecta est Eoh, Engeri de responsionum apud Äri- 
stophanem ratione dissertatio. Vratisl. 1839. 

Die Praefatio lautet: Relidurum Te esse, Friderice Bit- 
schell^ hanc litter arum Universitatem ubi rumor urhem nostram 
pervolavit: quum permulti alii tum nos qui Seminarii phüologici 
Te duce inde ab anno CIO DCCC XXXIII, usque ad annum 
CIDDCCCXXXIX, eramus sodäles non potmmus non graviter 
commoveri. Äc Tibi comm^odius rem cessisse et maximo opere 
laetamur, et ex animo Tibi gratulam^r: nobis incommodius cessit, qui 
iali orbemur praeceptore et duce et amdco, quaU vix paucis frui 
conti/ngit. De eruditione atque dodrina tacemus: satis loquuntur 
publica quae posuisti mon/umenta, At aliud est ipsum esse doctum^ 
aliud alios docere. Hoc est de quo egregie Tu praeter ceteros 
m^ritus es, quod non tantum doctrinae fontes aperuisti, sed etiam 
viam m^onstravisti, qua unusquisque ingredi debeat, singulorum 
indolem ac studia perspexisti, nitentes adiuvisti, verus denique ex- 
titisti studiorum moderator. Quid dicam de summa erga u/rmm- 
quemque liberalitate, comitate, fadlitate, qua ita omnes excepisii, 
ut nisi doctiorem dimiäeres neminem, omnes qui Te adiissent, egre- 
gie et consüiis et subsidiis adiuvarentur, Sed quid multa: Eeve- 
rentiae et amoris hoc accipe Signum, mutuae simul memoriae vin- 
culum. Vale. 

Vratislaviae a. d. XVII Cäl. April. CIDDCCCXXXIX, 

1. Guil. Schoenbom, Conred. schöl, provinc, Crotocin, 

2. Jos. Spiller, CoUab. Gymn, Glivic. 

3. Theod. Lucas, Colläb, Gymn. Hirschberg, 

4. Dr. Jac. Prabucki, Praec, sup. Gymn, Marian, Posnan. 

5. Dr. Eob. Enger, Colläb. Gymn, Matthiae, Vratisl, 

6. Ferd. Beissert, Praec. Gymn, Glogav, 

7. Guil. Wolf, Cand, phil. 

8. Aug. Stephan, Praec, Gym/n. Cidcens. Polon. 

9. Salom. Mende, Colläb, Gymn, Liegnic, 

10. Dr. Jul. Zastra, Praec, Gymn, Matthiae. Vratisl. 

11. Guil. Passow, Praec, Gym/n, Meiningens, 

12. Dr. Pistoth, Tzschimer, Praec, Gymn. Magdal. Vratisl, 

13. Ed. Giaeser, Praec, Gym/n, Frideric, Vratisl. 



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14, Güil. Bnrghardt, Ccmd. phil. 

15. Dr. Gull. Markscheffel, Colläb. Gynm, MagdaL Vratisl. 
IG, Sim. Isaac, Cand, phiL 

17. Jul. Fechner, Fraec, Gynm, Bromherg. 

18. Dr. Ant. Becker, Ccmd. phil. 

19. Dr. Erdm. Kaemmerer, Praec, Gynm, Olm. 
ÖO. Dr. Guil. Wagner, priv, doc, in Univ. Vratisl. 
21- Ed. Roesinger, Cand. phil, 

22. Dr. Jul. Schmidt, Cand. phil, 

23. Dr. Jos. Szostakowski, Cand. phil. 

24. Gum. Moessler, Cand. phil, 

25. Henr. Wimmer, Cand. phil. 
2t). Jul. Haegele, •/S'<«*(i. phil. 
27. Gust. Hartmann, Stuid. phü. 
2Ö. Guil. Beisert, Stud. phil. 
29r Laur. Müeller, Stud. phil, 
30. Jul. Brix, Stud. phil. 

3]- Alb. Beinert, Stud. phil. 
32. Jül. Gohlisch, Stud. phü. 
33^ Gust. Weigand, Stud. phü. 
34. Ad. Tschepke, Stud, phil. 



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